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Man gewöhnt sich dran

Dies ist eine Geschichte über ganz normale Menschen. Die nichts sehen können. Blinde. Aber das ändert nichts. Außer, dass alles etwas klarer ist.




Deutschland im März 2003. Lange war das Land gelähmt von der Angst um den Zweitwagen, aber nun sorgt der Irak-Krieg für Gesprächsstoff und Aktivität, auch weil die Friedensdemos eine prima Gelegenheit sind für politisches Engagement ohne Folgen für das eigene Leben, i wie Sex ohne Anfassen. Doch in meinen Gesprächen mit Blinden und Sehenden, die sich mit Blindheit beschäftigen, findet der Krieg nicht statt. Wir reden stattdessen über Verkehr in der Großstadt und wie sich Blinde darin orientieren. Wir sprechen über das Einkaufen, wie es ist, wenn man beim Bäcker das Brot nicht sehen kann und die Verkäufer nicht wissen, was sie im Angebot haben. Oder über hilflose Hilfsbereitschaft, die dazu führt, dass ein Sehender ohne zu fragen einen Blinden über die Straße zerrt, in der Annahme, der Blinde warte nur darauf, während der Blinde auf nichts wartet, außer vielleicht auf besseres Wetter.

Wir sprechen, kurz gesagt, über das, womit sich etwa 650 000 blinde und sehbehinderte Menschen in diesem Land herumschlagen. Keine auf Halbwissen basierende Meinungsgefechte, sondern echte, alltägliche Probleme.

Wie schön. Aber vermutlich nur für mich. Simone Bettermann sagt: "Die Gesprächsthemen unter Blinden sind oft begrenzt. Man redet darüber, dass man mal wieder gegen ein Auto gelaufen ist oder was sonst nicht geklappt hat. Mir ist es deshalb wichtig, blinde und sehende Freunde zu haben. Die Welt und die Kultur der beiden Gruppen unterscheiden sich sehr."

Simone Bettermann ist 34 Jahre alt und seit acht Jahren blind. Auf einem Auge konnte sie seit ihrer Kindheit nichts sehen, das zweite Auge begann sich zu verschlechtern, als sie 21 war und gerade angefangen hatte, bei einem Volkswagen-Zulieferer in Wolfsburg zu arbeiten. Das war das Ende ihrer Karriere, denn damals gab es die Hilfsmittel nicht, mit denen Blinde heute am PC in den Büroalltag integriert werden: transportable Braille- also Blindenschrift-Zeilen, mit denen der Bildschirm gelesen wird, oder Scanner, mit denen man Gedrucktes in den Computer überträgt; nicht mal eMails gab es damals. Mit 26 begann sie ein neues Leben. Sie sagt: "Blind zu werden ist schlimmer, als blind zu sein. Blind zu sein ist jenseits der Vorstellungskraft."

Sie studierte in Esslingen, wurde Sozialarbeiterin mit Schwerpunkt Erwachsenenarbeit, schrieb rund 70 Bewerbungen und erhielt rund 70 Ablehnungen: die Justizvollzugsanstalt Stammheim hatte versicherungsrechtliche Bedenken, der Rest waren Formblätter. Simone Bettermann zog nach Braunschweig und später nach Hamburg. Ihre Stärken, sagt sie, sind unter anderem Flexibilität und Mobilität.

Seit August 2002 arbeitet die Blinde bei Dialog im Dunkeln, einem Verein, der Sehenden das Thema Blindheit näher bringt und nicht Sehende bei der Vorbereitung auf und ihre Integration in den Arbeitsmarkt unterstützt. Die Zentrale ist seit März 2000 in Hamburg, früher hatten hier alle Mitarbeiter ABM-Stellen, inzwischen sind 16 Leute fest angestellt. Andreas Heinicke, ein ehemaliger Journalist, der das Unternehmen nach Erfahrungen mit einem blinden Kollegen entwickelte und gründete, hat ein Netzwerk aufgebaut, in dem Initiativen, Unternehmen und Ämter gemeinsam an Projekten zum Umgang mit Blindheit arbeiten. Doch die meisten Aktivitäten sind ehrenamtlich, sehr viel Aufwand geht in die Beratung, und so lebt Dialog im Dunkeln zum Teil von staatlicher Förderung. Eine weitere wichtige Einnahmequelle ist eine Art Erlebnispark, der sich in drei Jahren zu einem Publikumsmagneten entwickelt hat. In abgedunkelten Räumen erfahren Sehende, geführt von Nichtsehenden wie Simone Bettermann, für eine Stunde, was es bedeutet, blind zu sein. Es ist eine erhellende Dunkelheit.

Die Besucher orientieren sich mit Blindenstöcken, spazieren durch einen Wald, ertasten auf einem Markt Obst und fahren Boot. Am Schluss sitzen die Gruppen in einer Dunkelbar, in der ihre Führer Fragen beantworten und aus ihrem Leben erzählen. Die Ausstellung war im Jahr 2002 zu 96 Prozent ausgelastet, jeden Tag laufen etwa 250 Menschen durch, und fast alle haben hinterher etwas begriffen. Simone Bettermann liebt ihren Job: eine schöne Arbeit - und sinnvoll! Sie scheint überhaupt zufrieden. Einmal sagt sie über ihre Blindheit: " Man gewöhnt sich dran." Und dann: "Der Alltag ist für Sehende einfacher, aber ich habe nicht an Lebensqualität verloren. Das Leben ist schwieriger geworden, aber nicht schlechter."

Das klingt so viel besser als das allgegenwärtige Genörgel der Überversorgten, dass sich ein uraltes Vorurteil aufdrängt: Erst die Not öffnet einem die Augen für das Gute. Doch kein Mensch wird zum Weisen, bloß weil er nichts sieht.

Im Gegenteil: Viele Blinde begründen mit ihrer Behinderung ihre Hilfsbedürftigkeit und kuscheln sich in das Mitleid ihrer Mitmenschen. Manche schmieren sich nicht mal ein Brot, das muss die Familie erledigen. Michael Pruy erzählt: "Ich habe Leute erlebt, die seit mehr als zehn Jahren blind sind und es nicht schaffen, von einem Sessel zu einem Tisch zu laufen, der vier Meter entfernt steht, ohne sich von jemandem führen zu lassen. Das ist ein Extrembeispiel, aber es zeigt, was passiert, wenn man nicht einen gewissen Druck hat, einige Dinge selbst zu machen. Es ist bequem, sich versorgen zu lassen, aber irgendwann verpasst man den Anschluss. Man kann sich dann nicht mehr überwinden, etwas zu tun. Ich glaube nicht, dass diese Menschen glücklich sind, aber vielleicht fallt ihnen das gar nicht auf."

Blindheit sorgt für Klarheit, weil jede Entscheidung weit reichende Folgen hat

Michael Pruy, 38, leitet bei Dialog im Dunkeln die Bereiche Mitarbeiter-Qualifizierung und Integration. Er ist ebenfalls spät erblindet, mit 23. Damals studierte er katholische Theologie, nach der Erblindung trat er aus dem Priesterseminar aus. Warum? "Das Leben plätscherte vorher so dahin. Doch an diesem Punkt hatte ich viel Zeit nachzudenken. Und dabei stellte ich fest, dass das Dasein als Priester für mich nicht geeignet ist." So einen Moment der Entscheidung hat wohl jeder Mensch irgendwann im Leben. Nur ist bei Blinden das Ergebnis klarer, weil die Ausgangslage extremer ist. Sehende können sich zumindest für einige Zeit durchs Leben schummeln, mit einfachen Jobs oder einem Studium, das nirgendwo hinführt, weil der Alltag nicht viel von ihnen verlangt.

Für Blinde, das bestätigten alle Gesprächspartner, ist das Leben grundsätzlich anstrengender. Vieles muss geplant werden, Kleinigkeiten bedeuten Aufwand, sehr viel ist strukturiert, die Tage, die Arbeit, die Wohnung - legt ein Blinder seine Schlüssel nicht an den üblichen Platz, kann es Stunden dauern, bis er sie wiederfindet. In so einer Situation ist die Entscheidung, etwas zu lernen oder zu studieren, schwerwiegend. Zieht ein Blinder um, bekommt er von einem lokalen Trainer eine Einführung in die Wege seines neuen Wohnortes und Arbeitsplatzes, ein Mobilitätstraining. Dann müssen Kollegen, Kommilitonen und Lehrer mit der Situation vertraut gemacht werden, die normale Arbeit muss erledigt werden und nebenbei noch der Alltag. Unter diesen Umständen entscheidet sich niemand für, sagen wir mal, ein Studium der Kulturwissenschaften, um in ein paar Jahren zu gucken, wie es weitergeht. Nein, wer als Blinder ein Ziel ansteuert, hat sich das vorher gut überlegt. Zumal ein Ideal unserer Gesellschaft, viel Freizeit, für Blinde sehr leicht zu erreichen ist: Sie müssen bloß ihr Leben in die Hände professioneller Versorger legen und zur Zimmerpflanze werden.

Allerdings landen auch solche Menschen manchmal bei Dialog im Dunkeln, wo sie in ABM- und SAM-Maßnahmen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen. Sie müssen zuerst einige grundsätzliche Fähigkeiten lernen. Michael Pruy zählt auf: jeden Tag erscheinen, angemessen gekleidet sein, kommunizieren, sich in einen Betrieb eingliedern, den Arbeitsalltag aushalten.

"Viele Blinde, die hier anfangen, haben vorher nie gearbeitet. Die waren zu Hause und wurden von den Eltern behütet oder von Einrichtungen, die sie nie zur Selbstständigkeit erzogen haben. Dahinter steht der Gedanke, Blinde können nichts und müssen versorgt werden. Ihnen wird alles abgenommen, statt ihnen zu helfen, Dinge selbst zu schaffen. Einen Teil der Leute bekommt man noch dazu, etwas zu tun, oft mit Druck. Aber manche sind nicht mehr in der Lage, etwas zu lernen."

Michael Pruys Kollegin Manuela Küchenmeister sieht für Erfolge und Misserfolge zwei Gründe: "Wie man mit Blindheit zurechtkommt, hat auch mit Begabungen zu tun. Manche Menschen haben schärfere Sinne als andere. Aber dazu kommt, was Eltern ihrem Kind mitgeben und ob sie es loslassen - das Abnabeln in der Jugend ist schließlich schon bei Sehenden sehr schwierig." Sie selbst, erzählt die 32-Jährige, begann ihr erstes Mobilitätstraining, als sie ihren ersten Freund hatte. "Da habe ich begriffen, dass ich etwas tun muss." Bei Dialog im Dunkeln kümmert sich die Sozialpädagogin, die noch einen geringen Sehrest hat, als Sozialarbeiterin um berufliche und private Sorgen der Mitarbeiter. Oft geht es um Probleme mit der Behinderung: "Kein Blinder sagt, ich bin blind, und das ist toll, ich habe keine Probleme damit. Das gibt es nicht." Außerdem muss sie viel mit Behörden kämpfen, die sparen wollen, koste es, was es wolle. So wurde einem Blinden ein Blindenhund mit der Begründung verweigert, er könne mit einem Hund nicht umgehen, weil er nichts sehen könne. Nein, das ist kein Behördenhumor.

Manuela Küchenmeister hält Unverständnis für das größte Problem der Blinden. "Viele Menschen können mit Blindheit und Behinderung nicht umgehen. Man wird oft behandelt, als hätte man einen an der Waffel, nach dem Motto: Die Augen sind im Kopf, da ist das Hirn nicht weit." Allerdings meint sie, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren verbessert hat. Behinderte sind in der Öffentlichkeit präsent und setzen ihre Interessen zunehmend durch. Andererseits macht sich langsam ebenso die Erkenntnis breit, dass Behinderte neben Schwächen auch Stärken haben. Es gibt typische Blindenberufe, Physiotherapeut, Telefonist, Masseur, aber einige Firmen stellen inzwischen auch mal für Büro- und Computerarbeit einen Blinden an. Das ist aber nur ein zarter Anfang. "Das Wissen um Behinderung ist bei Personalverantwortlichen in der Regel gering", sagt Michael Pruy. "Die wissen, was ein Blinder nicht kann, nämlich sehen, aber nicht, was er kann."

Dabei ist klar, dass Blinde, die allein arbeiten, denselben Anforderungen unterliegen wie Sehende: Sie müssen ihre Arbeit schaffen. Verständlicher sind Bedenken, wenn Blinde im Team arbeiten sollen. Der 38-Jährige weiß, dass dabei allerlei passieren kann - aber das muss nicht schlecht sein. "Es wird sich in so einem Team einiges ändern. Das beginnt mit einfachen Sachen. Wenn ich früher jemandem einen Zettel geschrieben habe, muss ich ihm das jetzt anders zukommen lassen, am besten per Mail. Auf der anderen Seite muss der Blinde seine Kollegen informieren, denn die wissen normalerweise wenig über seine Lage. Es wird also von beiden Seiten eine offene Kommunikation verlangt, das ist der einzige Weg. Und das kann die gesamte Kommunikation in der Abteilung verbessern."

Aus der Schwäche erwächst die Stärke. Niemand ist überall großartig

Doch das ist noch nicht alles. Friedemann Stracke, Chef des Recruitment beim Otto Versand, meint zur Integration von Behinderten: "Die Behutsamkeit und Bereitschaft zur Unterstützung des anderen wird gefördert und damit das Miteinander und gegenseitige Verstehen. Außerdem ist es eine gute Selbstschulung."

Der 45-Jährige wusste früher über Blinde das, was wir alle wissen, also nicht viel. Dann führte er bei Dialog im Dunkeln rund 60 so genannte Coaching- und Potenzialgespräche mit Blinden. Heute sagt er: " Behinderte sind nicht im Gleichgewicht, aber das ist kaum ein Mensch. Blinde sind oft sehr interessant, sie haben teilweise faszinierende Lebensläufe. Sie haben eine besonders große Schwäche, aber in der Regel ergibt sich daraus auch eine besondere Stärke. Das ist eine grundsätzliche Angelegenheit: Manche Menschen haben weder das eine noch das andere, sie leben in einem Durchschnittsbereich. Andere dagegen, bei denen man besondere Stärken feststellt, haben immer auch große Schwächen. Hundertprozenter, die überall großartig sind, gibt es nicht." Abgesehen davon, hält Stracke zwei Eigenschaften essenziell für beruflichen Erfolg: "Das kognitive Grundvermögen und Eigenmotivation. Beides kann man nicht beliebig trainieren. Vor allem die Eigenmotivation muss man bei der Anstellung überprüfen, wir machen das heute scon bei Praktikanten. Das Problem bei manchen Behinderten ist tatsächlich, dass ihre Eigenmotivation durch die Umwelt oft nicht gefördert oder sogar behindert worden ist. Und ohne sie funktioniert bei Blinden ebenso wenig wie bei anderen Menschen."

Stracke unterscheidet zwischen lageorientierten und handlungsorientierten Menschen. Erstere passen sich Gegebenheiten an und machen, was man ihnen sagt - mehr aber nicht. Die Zweiten dagegen ergreifen die Initiative, arbeiten unabhängig und entscheiden im Ernstfall selbst, was zu tun ist. Beides sind letztlich Grundzüge, die für alle Lebensbereiche gelten - und bei Blinden gut zu erkennen sind. Während Sehende mit akzeptierten Meinungen, unauffälliger Pflichterfüllung und einem passiven, den gerade gängigen Trends folgenden Freizeitverhalten problemlos in die Gesellschaft passen, sind lageorientierte Blinde schlicht hilflos. Aktive Blinde, deren Leben ein einziges Zeigen von Initiative ist, sind dagegen wahrscheinlich immer handlungsorientiert. Einen Behinderten einstellen, nur weil er behindert ist, würde Stracke aber nicht - das beste Beispiel für die perfekte Integration einer Blinden bei Otto hat für ihn nichts mit sensorischen Defiziten zu tun.

"Ivanka Kobsch ist für uns nicht interessant, weil sie blind ist, sondern weil sie sehr gut Englisch kann. Hinzu kommt eine gute Persönlichkeit. Aber Ivanka hätte auch Erfolg, wenn sie nicht blind wäre." Ivanka Kobsch, von Geburt an blind, die Englisch studierte und eigentlich in das Verlagswesen wollte, ist bei Otto für Übersetzungen zuständig. Früher gab das Unternehmen diese Arbeiten nach draußen, das war teuer. Die 31-Jährige machte ein Praktikum in der Pressestelle, man wollte sie im Haus halten, und so wurde ihr ein Job eingerichtet, der auf sie zugeschnitten war. Das Arbeitsamt zahlte die Ausrüstung des Arbeitsplatzes, und nun sind alle glücklich.

Otto spart Geld, und Ivanka Kobsch verdient welches. Zur Einführung machte ihr Team ein Tagesseminar bei Dialog im Dunkeln. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie die kleine, fröhliche, selbstbewusste Frau ihre Kollegen durch die Dunkelheit führte und tat, was alle bei Dialog im Dunkeln tun: Die Blinden verändern die Wahrnehmung der Sehenden. Aber vielleicht erinnerte sie manchen auch an das ungeheure Potenzial, das in jedem steckt. Nein, nicht die unglaublichen sinnlichen Möglichkeiten, die unter der Dominanz des Sehens in uns verschüttet wurden und die bei Blinden so deutlich sind: Sie können Räume an ihrem Klang ermessen, schätzen Menschen nach der Stimme ein, spüren Stimmungen in Gruppen, und ja, sie riechen deinen Angstschweiß. Aber darum geht es nicht. Es ist viel einfacher und viel schwerer. Sie haben sich für etwas entschieden, und jetzt tun sie es, auch wenn es unendlich schwierig erscheint. Nein, sie haben nicht weniger Angst. Sie haben bloß mehr Mut.