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It's jail, not Yale!

Amerikanische Business Schools bilden praxisnah aus. Deshalb gehen sie neuerdings mit ihren Studenten auch gern mal ins Gefängnis. Sie besuchen dort ehemalige Manager.




Unlängst entließ die University of Maryland eine Gruppe Studenten in die Arbeitswelt, ausgestattet mit einem Masters Degree in Business Administration (MBA). Zuvor jedoch trafen sie auf einen Mann namens Gerard Evans. Das Treffen war Teil eines zweitägigen Seminars, und die Professoren versprachen sich davon eine Lektion fürs Leben. Evans hatte sein MBA ebenfalls an der University of Maryland erworben, sein Jahresgehalt als Lobbyist betrug eine Million Dollar. Der Vater von fünf Kindern, der inzwischen an seiner Doktorarbeit in Amerikanistik arbeitet, begrüßte die angehenden Manager als Insasse Nummer 33950-037 der staatlichen Strafanstalt in Cumberland. Dort verbüßt er eine 30-monatige Freiheitsstrafe wegen Betrugs.

US-Wirtschaftsschulen sind traditionell verpflichtet, das Thema Ethik im Lehrplan abzuhandeln. Bislang geschah das zumeist in Vorlesungen der Fachgebiete Marketing, Buchhaltung oder Finanzwesen. Doch seit einiger Zeit ersetzt immer häufiger das Gefängnis den Hörsaal. "Es schadet nie", sagt Professor Scott Sherman von der Pepperdine University in Kalifornien, "wenn Studenten Leuten begegnen, die glaubten, es gäbe keine Regeln - und die sich nun nicht mal mehr frei bewegen können." Es schadet umso weniger in Zeiten, in denen Firmennamen wie Enron, Worldcom, Tyco, Adelphia oder Global Crossing Synonyme für betrügerische Aktivitäten geworden sind und Corporate America mit gefälschten Bilanzen, manipulierten Gewinnen und vorgetäuschten Transaktionen Schlagzeilen macht. Sherman: "Unsere Führungskräfte haben das Verständnis verloren für das, was sie tun."

Harte Worte, bittere Fakten. Die dubiosen bis kriminellen Machenschaften von US-Topmanagern, die sich in märchenhafter Weise bereicherten, kosteten hunderttausende von Jobs, die in Aktien investierte Altersversorgung von Millionen ist zum Teil wertlos geworden. Wann sich die Börse von dem Fiasko erholen wird, kann niemand sagen. Warren Buffett, Amerikas berühmtester Investor und laut "Forbes" zweitreichster Amerikaner, kommt zu dem Schluss: " Die Wall Street liebt Gauner, Investmentbanker verachten ihre Klienten, CEOs sind schamlos und Corporate America wimmelt von Betrügern. Es ist abstoßend." Sogar renommierte Unternehmen wie Citigroup, J. P. Morgan oder Arthur Andersen deckten die dunklen Machenschaften ihrer Geschäftspartner. "Unsere Wirtschaftsschulen müssen wieder Werte vermitteln", forderte daher US-Präsident George W. Bush. "Wir brauchen Männer und Frauen mit Charakter, die den Unterschied kennen zwischen Ambition und Gier, Risiko und Unverantwortlichkeit."

Etwa 100 000 Studenten erwerben jährlich einen MBA, ein Prädikat, das immer noch als Job-Garantie gilt und Einstiegsgehälter um 85 000 Dollar verspricht. Bis zur Chefetage ist es dennoch ein weiter Weg. Weshalb die Einsteiger wohl kaum in Verlegenheit kommen, Schurkenstücke zu inszenieren wie etwa die CEOs Dennis Kozlowski, Kenneth Lay oder John Rigas. Kozlowski hat beim Groß-Unternehmen Tyco angeblich 600 Millionen Dollar unterschlagen; Lay machte aus dem Energiehändler Enron einen potemkinschen Konzern mit 881 Briefkastenfirmen; Rigas borgte sich 3,1 Milliarden Dollar mit Hilfe seines Kabelnetzbetreibers Adelphia. "In den neunziger Jahren", sagt Kellie McElhaney von der Haas School of Business in Berkeley, "haben Topmanager den realen Bezug zu Gewinnen und ihren Gehältern verloren." Weil aber Umfragen ergeben haben, dass auch Angestellte im mittleren Management anfällig für solche Fehlverhalten sind, organisiert die Haas School seit kurzem Seminare in kalifornischen Strafanstalten sowie Vorträge ehemaliger Häftlinge an der Schule. Kellie McElhaney: "Wir haben uns gefragt: Wie können wir effektvoll vermitteln, was richtig und was falsch ist?"

Gewaltverbrechen nehmen ab, Wirtschaftsverbrechen dafür zu

Es ist fraglich, ob solche Lehrmethoden das allein leisten können. Alec Horniman von der Darden Graduate School of Business Administration in Virginia meint: "Wenn die Jugendlichen hier ankommen, haben sie bereits eine Perspektive im Leben - Werte eignet man sich vor dem Studium an." Verantwortungsbewusstsein und Anstand, glaubt Nobelpreisträger Milton Friedman, würden primär von Eltern und Grundschulen vermittelt. Und selbst wer mit sozialen und humanen Überzeugungen antrete, treffe auf ein System, das der Rentabilität und Gewinnmaximierung unterworfen sei. Die Eleven aus Maryland wussten jedenfalls nicht so recht, was sie denken sollten. Zwar sagte die Studentin Patricia Martinez: "Es hat mich erreicht, man sieht, dass man nur eine falsche Entscheidung von einer Gefängniszelle entfernt ist." Ihre Kommilitonin Tamar Livneh jedoch, die für einen Nahrungsmittelhersteller arbeiten wird, nahm es gelassen: "Mein größtes moralisches Dilemma könnte sein, ob wir genauso viel Nudeln in die Packung tun, wie wir sagen."

Wirtschaftsverbrechen werden in Amerika White Collar Crime genannt, eine Anspielung auf die weißen Kragen der Manager. White Collar Crime hat eine konstant steigende Tendenz in Amerika, wohingegen beispielsweise Gewalttaten seit langem rückläufig sind. Die US-Regierung verabschiedete wohl auch deshalb 2002 ein Gesetz, dessen Essenz Präsident Bush in seiner schlichten Art beschrieb: "Kein leichtes Geld mehr für White-Collar-Täter, sondern harte Gefängniszeit." Man fragt sich allerdings, warum die Ölfirma Harken Energy, als Bush dort im Vorstand saß, ähnliche Praktiken wie Enron anwendete, um Verluste zu vertuschen und den Aktienkurs zu stützen. Auch als Vizepräsident Dick Cheney CEO beim ebenfalls im Ölgeschäft tätigen Konzern Halliburton (siehe auch S. 32) war, kam es wiederholt zu Ungereimtheiten. Kritiker bezweifeln deshalb, dass Bush seinen Aufruf zur moralischen Erneuerung so ernst meint, wie das kernige Zitat hoffen lässt.

"Ich sehe dennoch einen deutlich anderen Typ Manager heranwachsen", sagt George Generas, der seit 25 Jahren an der Hartfoder Barney School of Business unterrichtet. "Die jungen Leute haben gesehen, dass die Aktionäre schlecht behandelt wurden, obszöne Dinge passierten und dass es keine Immunität im Geschäftsleben gibt."

Die Zeit im Gefängnis ist kein Spaß, das sollten Manager wissen

Es gibt tatsächlich prominente Fälle, die gegen den Langmut der Finanzbehörden sprechen. So stellt die Securities and Exchange Commission, die staatliche Aufsichtsbehörde in Sachen Finanzgeschäfte, seit Monaten Martha Steward nach: Die umtriebige Unternehmerin, deren Imperium von Kochbüchern über Lifestyle-Magazine bis Bettwäsche reicht, hatte offenbar bei einem Aktienverkauf Insider-Informationen benutzt. Jack Welch, der ehemalige Chef von General Electric, wurde schlagzeilenträchtig der Raffsucht bezichtigt. Ex-Adelphia-Chef Rigas ist inzwischen verhaftet. Der ehemalige Tyco-Boss Kozlowski wurde angeklagt; und sollte er wegen Steuerhinterziehung verurteilt werden, droht ihm ein längerer Aufenthalt in einem wenig einladenden staatlichen Gefängnis. "Das ist", wie Ronald Cohen unkt, "ein richtiges Höllenloch."

Cohen weiß, wovon er spricht. Der ehemalige Aktienhändler verbrachte elf Jahre in fünf Strafanstalten, weil er "nicht genug kriegen konnte". Dafür machte er reichlich Erfahrungen, die er sich gern erspart hätte. Die teilt er nun bei seinen Seminaren mit Verurteilten, denen ihre Haftstrafe bevorsteht. Viele seiner Kunden, so Cohen, hätten keinen Schimmer, was sie erwartet. "Die kommen mit Laptop, Mobiltelefon und Rolex-Uhren und denken, sie könnten im Knast weiterarbeiten." Großer Irrtum. Cohens wichtigster Tipp für die Geschäftsleute: "It's jail, not Yale." Zur Begrüßung gibt es ein Entlausungsbad sowie wenig schicke Anstaltskluft - und Kreditkarten sind nutzlos. Der Alltag wird bestimmt von "ungebildeten Wärtern, die oft noch nicht mal einen Schulabschluss haben". Sie entscheiden, wann man isst oder schläft und ob man arbeiten muss - für zwölf Cent pro Stunde. Wer sich Allüren leistet, macht es nur noch schlimmer. "Das Gefängnis", so Cohen, "ist der große Gleichmacher, jeder ist eine Nummer."

Natürlich hat Gerard Evans auch darüber gesprochen, als ihn die Studenten von der University of Maryland besuchten. Am schlimmsten, meinte er, sei die Degradierung. "Vor dem Gefängnis gab ich Anweisungen, führte ein luxuriöses Leben und dachte, ich könne nichts falsch machen." Nun ist seine Karriere im Eimer und die Zukunft ungewiss. Ein weiteres Beispiel dafür, welch tragische Wendung das Leben durch illegale Tricks nehmen kann, ist sein Mitgefangener Greg Gamble.

Der hatte systematisch Versicherungsgelder veruntreut, wofür er 32 Monate sitzt. Inzwischen ließ sich seine Frau scheiden, sein älterer Sohn hat ihn in zehn Monaten nur zweimal besucht, der Vater erlitt einen Herzinfarkt, und die Mutter kam in ein Pflegeheim. "Solche Schicksale von Angesicht zu Angesicht zu erleben beeinflusst vielleicht das Bewusstsein", sagt Kellie McElhaney von der Haas School. "Doch letztlich kann man individuelles Verhalten nicht steuern."