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Die Industrie der Angst

Angst ist ein Geschäft. Pessimismus ist eine Industrie. Panik ist eine Boom-Branche. Mit unabsehbaren Konsequenzen.




Wir leben in einer Gesellschaft, in der seit vielen Jahrzehnten fast alles besser wird. Wohlstand und Bildung, vor einem halben Jahrhundert noch Privileg einer hauchdünnen Schicht, haben sich auf weite Teile der Bevölkerung ausgedehnt. Partnerschaften werden glücklicher, gerade weil diejenigen, deren Liebe ausgebrannt ist, sich voneinander scheiden können. Arbeit, bis vor kurzem noch überwiegend Fron und Leid, wird für viele Menschen zunehmend erfüllender. Unsere Kinder gehen in akzeptable Schulen, über deren Reformen derzeit heftig diskutiert wird. Behinderte werden in unserer Gesellschaft meistens anständig behandelt. Der Ton der gesellschaftlichen Gruppen untereinander ist, trotz temporärer Entgleisungen, moderat. Eine zivile Gesellschaft regiert große Teile unseres Kontinents.

Auch im globalen Maßstab entwickelt sich das meiste - unter Schmerzen, aber dennoch - zum Besseren. Zwar erregen neue Kriege unsere Gemüter, aber dennoch sterben heute weniger Menschen durch kriegerische Gewalt als in den Jahrhunderten zuvor. Flüsse werden wieder sauberer, Schadstoffbelastungen gehen zurück, die Abholzungsrate des Regenwaldes hat sich deutlich verringert. Die meisten gefährdeten Spezies - wie etwa die Wale - haben sich erholt. Die Demokratie ist auf dem Vormarsch, die Geburtenraten sind weltweit massiv gesunken, sodass die Menschheit ihren zahlenmäßigen Zenith in der Mitte dieses Jahrhunderts bei etwa neun Milliarden Menschen erleben wird. Dank der stillen Bemühungen der Vereinten Nationen haben sich Ernährung, Schulbildung und Säuglingssterblichkeit im Gros der Problemländer deutlich verbessert (Ausnahme sind etwa 15 von Bürgerkriegen oder Diktatoren verheerte Staaten). Der Übergang von den fossilen zu nachhaltigen Energieträgern ist technisch machbar, er wird sich noch in diesem Jahrhundert vollziehen. Die globale Erwärmung wird möglicherweise mit weniger als einem Grad glimpflich ausfallen.

MIT AN SICHERHEIT GRENZENDER WAHRSCHEINLICHKEIT spüren Sie beim Lesen dieser Zeilen einen heftigen Widerwillen. Diese Schönfärberei ist einfach widerlich! Natürlich kann ich jeden einzelnen Satz mit ausführlichen Quellen und Statistiken belegen. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Frage unserer Welt-Perspektive. Was nehmen wir wahr? Durch welche Informationen definieren wir unsere Handlungsrichtung? Wie gehen wir mit Ängsten, Gefahren und Wandlungsprozessen um? Mit anderen Worten: WIE KONSTRUIEREN WIR ZUKUNFT?

Frank Sinatra antwortete einmal auf die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer sei: "Kommt darauf an, ob man es trinkt oder verschüttet!" Derzeit sieht es manchmal so aus, als schütteten wir alle Gläser, nebst Kindern, unaufhörlich mit dem Bade aus.

These 1: Die Krise der Medien erzeugt ein selbststeuerndes Feld hysterischer Eskalation

Als im Januar 2003 ein Segelflugzeug über den Bankentürmen der Frankfurter Innenstadt kreiste - der Pilot wurde schließlich durch gutes Zureden zum Landen überredet -, kommentierte Marietta Slomka, die Sprecherin des ZDF Heute-Journal: "Auch wenn wir noch einmal davongekommen sind: Im Frankfurter Bankenviertel arbeiten 30000 Menschen. Es gibt Ängste, es gibt Befürchtungen, aber niemand spricht sie offen aus. Wir befragen die Feuerwehr: Sind wir darauf vorbereitet? Die Antwort lautet: nein. Behörden und Regierung wiegeln ab, Notpläne sind nicht vorhanden..."

BIO-TERROR: GEFAHR VERSCHWIEGEN! - das ist keine " Bild"-Schlagzeile, sondern die Headline der " Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vom 16. Februar 2003. Im Text heißt es dann: "Der Tag X. Für die Bundesregierung kommt dieser Tag nie, darf er nicht kommen - weshalb sie über mögliche Folgen ,nicht spekuliert'. Unangenehme Erkenntnisse werden unter der Decke gehalten, die Wahrheit kommt nicht ans Tageslicht..." Zeitungen leiden unter Auflagenschwund, die Werbeeinnahmen sinken, auf dem europäischen Fernsehmarkt hat ein Hauen und Stechen um die Einschaltquoten begonnen. Vor diesem Hintergrund werden die alten Regeln medialer Vermittlung zunehmend außer Kraft gesetzt.

Der Irak-Krieg wird blutig. Er wird hunderttausende Tote kosten, monatelang dauern, direkt in den vierten Weltkrieg übergehen. Das sagte ein Kommentator im NDR. Am nächsten Tag wird es im "Stern" gedruckt. Der Bildredakteur wählt die entsprechenden Bilder aus. Der Gesichtsausdruck von Sabine Christiansen wird noch erschöpfter und resoluter. Der Nachrichtensprecher senkt weiter seine Mundwinkel. Und morgen ist all das Konsens an jedem Stammtisch. Die Stimmung kippt so schnell wie einseitig. Medien sind Differenzmaschinen - eine Meldung ist nur eine Meldung, wenn sie einen Unterschied vermeldet, ein endloses Steigerungsspiel, dessen Phrasen wir gut kennen: "Seit Beginn der Aufzeichnungen..." - "Immer mehr solcher Vorkommnisse ..." - "Die ständig steigenden..." Jedes Ereignis wird zu einem Baustein in einer Kette unendlicher Verhängnisse.

Der dumpfe Klang des Menetekels beeinflusst inzwischen auch seriöse Magazine und den politischen Diskurs selbst. Bei Sabine Christiansen lautete monatelang die Eingangsfrage: "Sind die Deutschen reformunfähig?" - die Frage beinhaltete bereits die Antwort. Gebetsmühlenhaft wird auf allen Kanälen wiederholt: "Aber müssen wir nicht Angst haben?" Ja, wir müssen Angst haben - und um die Einschaltquoten zu halten, müssen wir MORGEN NOCH VIEL MEHR ANGST HABEN! Die globale Erwärmung existiert im kollektiven Bewusstsein, seit der "Spiegel" auf dem Cover den Kölner Dom wie einen Leuchtturm von Wasser umgeben zeigte. "Blut für Öl" geht runter wie geschmiert, seit die Bilder brennender Ölquellen den ersten Golfkrieg im Gedächtnis als Umweltkatastrophe codierten - und nicht als Befreiung eines besetzten Landes. Öl = Tod = Untergang der Natur = Krieg = Kapitalismus. Fertig ist die ätzende Lauge einer apokalyptisch-ideologischen Verschwörungs-Weltordnung.

Interessant auch, was NICHT in den elektronischen Medien vorkommt. Ein indisches Mittelklasse-Wohnzimmer haben wir im Fernsehen noch selten gesehen - obwohl es mindestens 100 Millionen davon gibt. Hungernde Slum-Kinder in Kalkutta aber erzeugen jenen schuldgeladenen Reiz, der sich in die kostbare Wahrung der Aufmerksamkeit übersetzen lässt.

Das Positive ist nie eine Meldung: Immer weniger Kindermorde in Deutschland - die Rate hat sich seit den siebziger Jahren gedrittelt; die Kriminalitätsrate in den USA sinkt weiter - um fast 50 Prozent seit 1990; schon wieder weniger Kinder in Bangladesch - die Geburtenrate dort fiel in 15 Jahren auf 2,9 Kinder pro gebärfähige Frau. All diese Meldungen sind wahr. Einige erschienen sogar als Fünfzeiler unter Vermischtes. Aber sie passen nicht in unser Weltbild. Und wehe, jemand zweifelt daran, dass morgen alles schlechter wird, als es gestern war!

These 2: Angst vor der Angst als unbewusster Versuch der Schuldbearbeitung

Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Elaine Showalter hat in ihrem Buch "Hysterien - Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien" eine Kulturgeschichte der großen und kleinen Hysterien geschrieben. Da Frauen im wilhelminischen Zeitalter ihre Gefühle nicht öffentlich zeigen durften, wurde das öffentliche In-Ohnmacht-Fallen (weibliche Hysterie) zur Massenepidemie. Da chinesische Männer kaum ihre Sexualität leben können, ist Koro heute in China eine Massenkrankheit: Jedes Jahr verfallen zigtausende von Männern in den Wahn, ihr Penis schrumpfe. Begleitet ist dieses Ereignis von Herzrasen, Bluthochdruck und dem Ziehen und Reißen am Geschlechtsteil, das zu ernsthaften Verstümmelungen führen kann. Für Elaine Showalter zeigen diese Fälle, wie sich individuelle Hysterien mit gesellschaftlichen Strömungen zu psychischen Epidemien verbinden. Von solchen apokalyptischen Gefühlen werden vor allem Menschen angezogen, die eine Rechtfertigung für seelische Bedürfnisse suchen, die aus eigenen unbewussten Konflikten stammen. Hysterie erzählt eine Geschichte, die verstanden, interpretiert, gelesen werden kann. Anders formuliert: Hysterie ist keine Krankheit, sondern eine bildhafte soziale Kommunikation.

Welche unbewussten Konflikte bearbeiten wir in der Geschichte einer Welt, die sich auf dem absteigenden Ast befindet? Und warum sind die Ängste in Zentraleuropa so viel stärker als im Rest der Welt? Weil Schuld und Angst hier im historischen Kontext eine andere Rolle spielen. In Deutschland und Österreich entstand mit dem Zivilisationsbruch des Zweiten Weltkriegs ein tiefes Trauma, das nach wie vor in unserer Weltwahrnehmung mitschwingt. Fortschritt, so die subtile Botschaft unseres Unbewussten, ist zutiefst ambivalent, Wohlstand jederzeit gefährdet. In der Schweiz ist dieses Gefühl schwächer ausgeprägt, was aber durch das Schuldgefühl kompensiert wird, von allen Kriegen und Krisen der Welt unverdient zu profitieren.

Der Vorstellung des Niedergangs folgt die vorweggenommene Selbstbestrafung: Für unseren unverdienten Wohlstand, unsere lange Friedensphase werden wir jetzt die Quittung erhalten! Der Irak-Krieg schlägt in diese Schuldkerben. Amerikaner sind es, die hier erneut als Befreier aufzutreten versuchen. Sie machen Schluss mit einem Diktator mit Schnurrbart und stechendem, abwesendem Blick. Dieser Diktator hat ein willfähriges, apathisches, plünderndes Volk um sich versammelt, das unfähig zur Demokratie ist. So erleben wir das Drama des Faschismus in Mitteleuropa erneut, und so verteidigen wir unbewusst unsere Eltern und Großeltern gegen die Zumutungen der Freiheit.

These 3: Der Alarmismus als Lobbyismus des Negativen

Klaus Traube, ein Anti-Atom-Aktivist der ersten Stunde, sagte neulich in einem Interview; "Ich bin dem Verfassungsschutz, der damals in meine Wohnung einbrach, wirklich dankbar. Er hat mein Leben auf sehr positive Weise verändert."

Traube, ein Atomphysiker, wurde Mitte der siebziger Jahre durch den Lauschangriff auf seine Person zur Ikone der Anti-Atombewegung. Jahrelang saß er - sorgenzerfurcht und attraktiv kettenrauchend - auf allen Podien der Bewegung, von Frauen umschwärmt und von Medien begehrt. Traube schrieb Bücher über den Atomstaat, hielt Vorträge, war ein Medienstar. Er lebte ein lässiges, hedonistisches Leben, er hatte seinen Spaß.

Nehmen wir einen Moment an, im Reich der Ängste herrschte dieselbe Angebots-Nachfrage-Logik wie in der Ökonomie. Dann wären die Mahner und Warner nichts weiter als Lobbyisten des Negativen, zum Beispiel in Sachen globale Erwärmung. Nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen wird sich die Durchschnittstemperatur der Atmosphäre zwischen 1990 und 2100 um 1,4 bis 5,8 Grad erhöhen - behauptet die UN-Klimaforscher-Vereinigung IPCC. Seither gab es Meldungen wie die eines englischen Fachjournalisten, der vom Untergang der Inselgruppe Tuvalu im Pazifik berichtete. Die Meldung wurde nie dementiert, obwohl Tuvalu unverändert erhaben aus dem Meer ragt.

Klimaforschung war im Kalten Krieg eine militärisch subventionierte Boom-Branche. In den frühen Neunzigern, nach dem Ende der üppigen Geldflusses, sahen sich tausende von Wissenschaftlern und hunderte von Instituten nach neuen Abnehmern um. Man fand diese Kunden in einer ökologisch sensibilisierten Öffentlichkeit. Global Warming, ein Effekt, über den wir noch sehr wenig wissen, wurde so schnell zum Mega-Hit der Ängste.

Längst ist der Alarmismus zum Instrument ganzer Industriezweige geworden - ideologische Berührungsängste spielen dabei keine Rolle mehr. In den Werbeprospekten für die Atomenergie wird heute mit Bildern sterbender Bäume vor den Folgen von " Klima-Mord durch CO2" gewarnt. Die Pharma-Industrie arbeitet seit einigen Jahren erfolgreich mit Desease Mongering - der Pathologisierung gesundheitlicher Zustände, die bis dahin noch als normal oder akzeptabel galten. Neue Medikamente brauchen dringend neue Ängste. Aus Sodbrennen wird ein Anzeichen für beginnenden Krebs - was Experten im Fernsehen bezeugen. Durch die Städte fahren Busse, in denen man seinen Osteoporose-Faktor messen kann - oder wollen Sie mit 60 auseinander fallen? Das wichtigste Werkzeug, um mit Angst ein Geschäft zu machen, heißt Studie. Studien gibt es alle Tage zu allem: Warzenviren als Krebserreger! Fettleibigkeit der Jugendlichen! Immer mehr Menschen können nachts nicht schlafen! Von den Medien werden solche Ergebnisse gern zum Füllen der bunten Seiten benutzt, meist ohne genauere Beschau des Absenders. Der verbirgt sich meist hinter dem wohlklingenden Namen eines Instituts. Oder einer Vereinigung. Im Kleingedruckten findet man dann die wirklichen Interessenten: Schlafmittelhersteller. Warzenmittelproduzenten. Sportlehrerverbände.

In der Industrie der Angst finden inzwischen Hunderttausende ihr Auskommen. Die Wurzeln dieser Bedrohungs-Branche reichen bis tief in die siebziger und achtziger Jahre: In das weite Feld der Öko-Institute und Umweltgruppen, Nachhaltigkeits-Komitees und Friedensforschungs-Netzwerke. Ganze Institute leben von akademischen Nischen, in denen es um Kindesmisshandlung, Gewalt in der Ehe, Grundwasserverseuchung, Radiosmog und Ausländerhass geht. Ganze Imperien - sagen wir es deutlich: Bürokratien - sind aus den Protestkulturen vergangener Tage entstanden. Bei Greenpeace und dem Club of Rome ist das offensichtlich. Und die Untergangstheorien haben einen eingebauten Sicherheitsschutz: Wenn nicht eintritt, was vorhergesagt wurde, liegt es daran, dass die Warner gegen den Gau gekämpft haben.

In der Entwicklung der Globalisierungskritiker von Attac finden wir die klassische Dramaturgie einer solchen Bewegung. Der junge, spontane Protest bildet den Anfang. Dann treten die Journalisten auf den Plan, glücklich über neue Konfliktpotenziale, gefolgt von erotischen Medien-Stars der Bewegung - schmollmündige Diven wie Arundhati Roy und Naomi Klein. Im Umfeld sammeln sich die Expertokraten des Protests und destillieren martialische Negativformeln: "Tod dem Neo-Liberalismus", "WTO = Mord", "Zerschlagt die Weltbank"! In einer weiteren Stufe schaffen Prominente Testimonials. "Die globale Marktwirtschaft kostet täglich 24000 Menschen das Leben", sagte die Schauspielerin Hannelore Hoger in ihrem Kommentar zum Jahreswechsel 2001/2002. Auch sie: eine Expertin.

These 4: Der Kulturpessimismus als reverser Elitarismus

Der katholische Kardinal Karl Lehmann sagte in seiner Weihnachtspredigt 2002, dass es zwar bei der sächsischen Flutkatastrophe Anzeichen von Solidarität gegeben habe. "Aber sonst herrscht unter den Menschen ein Hauen und Stechen!"

In der Zeitung "Christ und Leben" hieß es im März 2002: "Die Mentalität der Gleichgültigkeit bestimmt vielfach das öffentliche Leben. Man will in Ruhe gelassen werden und lässt andere in Ruhe. Wer sich engagiert, bekommt eins auf den Deckel." Dass die Werte zerfallen, Egoismus und soziale Kälte grassieren, ist seit der deutschen Romantik Konsens: Kein Smalltalk, kein Business-Referat kommt heute ohne diesen Topos aus. Dahinter steckt der hartnäckige, strukturelle Widerstand gegen die individualistische Moderne. Gegen eine Kultur der Wahl, die ohne ein ideelles Sinnzentrum auskommen muss - und der man sich bereitwillig als Sinnkonstrukteur und Moralwächter andienen möchte.

"Zu dumm für die Zukunft?" Mit seinem Buchtitel markierte Theo Löbsack schon in den siebziger Jahren jene Grundhaltung bildungsbürgerlicher Menschenverachtung. Still und leise hat sich daraus eine breite kulturpessimistische Allianz entwickelt, die in Sachen Biotechnologie und Stammzellenforschung, aber auch in den Debatten über Sterbehilfe eine Lobbyarbeit vom Feinsten auf die Beine gestellt hat. Unauffällig wurden Gesetze verschärft und Mehrheiten für die Blockade ergebnisoffener Forschungsoptionen geschaffen. Der Konsens für dieses Projekt reicht von den ultrakonservativen Katholiken bis zur grünen Friedensfrau, die nun, in der Blüte ihrer Jahre, den Wert des Lebens an sich entdeckt.

Gleich um die Ecke liegt der letzte Quadrant des panisch-apokalyptischen Komplexes: ökonomischer Alarmismus! Besondere Künstler auf diesem Gebiet sind neben Politikern und so genannten Wirtschaftsweisen die Verbandspräsidenten. Man drischt revolutionäre Reden, meint aber den eigenen Privilegienerhalt. Die Steuern müssen runter! Sofort! Der Mittelstand wird erstickt! Die Sozialsysteme sind ruinös! Die deutsche Wirtschaft steht vor dem Zusammenbruch! Wir sind am Ende! Genau deshalb brauchen wir einen ordentlichen Subventionszuschuss!

These 5: Im apokalyptischen Gesang verbirgt sich eine narzistisch-depressive Regression

Eines der beliebtesten Investitionsprogramme aller Kommunen ist die Schallschutzwand, ein Statussymbol der mobilen Suburbia-Gesellschaft. Erfahrungen mit der Errichtung von Schallschutzwänden berichten immer von demselben Phänomen: Die Anwohner beschweren sich nach dem Richtfest bitter über den gesteigerten Lärm. Der Grund: Während der Bauphase wird der Verkehr meist auf 60 Kilometer heruntergebremst. Diese gedämpfte Geräuschkulisse wird nun als eigentlicher Zustand gespeichert - die Produktenttäuschung ist programmiert.

Alarmistische Codes funktionieren auch deshalb, weil sie reverse Größenfantasien widerspiegeln. Wir leben in der dramatischsten aller Zeiten! Wir sind fähig, die Biosphäre zum Kippen zu bringen! Gleichzeitig ordnet sie die Welt in ein bedrohliches Außen und ein Wärme versprechendes Innen. Robert Karen, ein amerikanischer Kinderpsychologe, hat den Begriff des Binären Babys geprägt. Ausgangspunkt dieses inneren Kleinkindes in uns allen ist unsere frühkindliche Erfahrung, die wir bis ins Erwachsenendasein mit uns herumschleppen: Aus der uneingeschränkt guten Mutter unserer Anfangsphase wird irgendwann eine ambivalente Mutter, die auch Nein sagt - analog zum Wetter, das nie so wird, wie wir es gern hätten.

Nehmen wir eine Titelstory im "Stern" vor einigen Jahren, in der es - wieder einmal - um die Jugend und ihre Probleme ging: Unter dem Titel "Kaputte Kids" lesen wir: "Jedes fünfte Kind in Deutschland ist psychisch und physisch derart angeschlagen, dass es Hilfe bräuchte. Auch viele Sprösslinge aus so genannten heilen Familien leiden - und die Eltern merken oft nichts. Kopf- und Magenschmerzen sind die ersten Symptome für die seelische Krise. Rund jedes dritte Kind leidet unter Phobien wie Angst vor Dunkelheit oder Tieren, ist häufig oder mindestens manchmal deprimiert und macht sich viele Sorgen."

Sind Dunkelheit und Tiere kein Grund, sich zu fürchten? Was haben wir uns als Kinder gefürchtet und Magenschmerzen gehabt?! Was wir hier lesen, ist nichts als die pädagogisch-medial gewendete Sprache narzistischer Regression. In dieser Syntax ist das Leben allenfalls noch entlang eines Verwöhnungs-Korridors vorstellbar. Der Schluss ist klar: Das Leben macht, nein: ist krank. Dass zum Leben auch Kampf gehören könnte - das kann im narzistisch-regressiven Weltbild nicht mehr gedacht werden. Es ist der ewige Friede, den wir im Namen der Angst anstreben. Ein moralisch fest gezurrter, selbstgerechter, unerschütterlicher Friede, der als Postulat nur das eigene Wohlbefinden kennt, diesen Sachverhalt aber mit moralischem Geschützdonner übertönt.

Doch der schlimmste Kollateralschaden, den der depressive Pessimismus im Herzen unserer Kultur anrichtet, besteht in der Zerstörung jener Kernressource, ohne die Zukunft nicht möglich ist: Vertrauen. Ohne Vertrauen gibt es kein Leben und keine zivile Gesellschaft. Vertrauen darauf, dass Menschen, Gesellschaften, Unternehmen, Systeme lernen können. Vertrauen, dass Übergänge - wie der vom industriellen System in die Ökonomie des Wissens - gestaltbar sind. Dass in allen lebendigen Prozessen, also auch in der Entwicklung der Zivilisation, eine Selbststeuerung existiert. Nein, es geht nicht um die Verharmlosung der Gefahren. Es geht um die Verteidigung der Zukunft gegenüber dem Regiment der Angst.