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Erstens: Wirtschaftsweise irren sich mit Sicherheit. Zweitens: Intuition ist in der Ökonomie wichtiger als Mathematik.

Die Bundesregierung wird im Januar ihren Jahreswirtschaftsbericht veröffentlichen. Dann werden wir lesen, wie stark das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in 2003 wachsen wird. Und am Ende des Jahres werden wir erfahren, warum die Experten danebenlagen. Aus Ärger über die Unzuverlässigkeit der Prognosen forderte " Die Zeit", die Vorhersagen vorsichtiger zu formulieren. Statt das Wachstum des BIP auf Zehntelprozente genau vorherzusagen, sei es ausreichend, sich auf einen Trend -bergauf oder bergab - festzulegen.

Allerdings wäre mit einer so vagen Aussage niemandem gedient. Beim jüngsten gemeinsamen Herbstgutachten der sechs rührenden deutschen Forschungsinstitute konnten sich die Vertreter nicht auf eine gemeinsame Linie einigen; es wurde entgegen der üblichen Praxis auch eine abweichende Meinung gedruckt. Die Experten lagen mit ihren Prognosen einen halben Prozentpunkt auseinander.

Dahinter verbarg sich mehr als nur Gerangel um die Stelle hinter dem Komma. Es ging vielmehr um einen grundsätzlichen Streit zwischen den beiden großen Denkschulen der Nationalökonomie: zwischen den Neo-Keynesianern und den Neo-Klassikern, als nachfrage- und angebotsorientierten Wissenschaftlern. Wäre es lediglich auf die grobe Richtung angekommen, wäre die lehrreiche Diskussion der Öffentlichkeit verborgen geblieben. Doch dazu später. Richtig ist allerdings, dass die vermeintlich exakten Voraussagen zu überhöhten Erwartungen führen. Tatsächlich ist bei einer Ein-Jahres-Vorausschau aus gutem Grund eine Abweichung von einem Prozentpunkt einkalkuliert.

Eine typische Fehlerquelle für Prognosen sind die Annahmen über die Rahmenbedingungen. Dazu gehören der Wechselkurs des Euro zum Dollar, die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank oder auch die Wirtschaftsentwicklung im Ausland. Gutachten sind also "bedingte Prognosen", darauf weisen die Forscher auch hin. Erweisen sich die angenommenen Bedingungen im Laufe des Jahres als falsch, wird das Gutachten zur Makulatur.

Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München überschätzte im Herbst 2000 beispielsweise das BIP-Wachstum für das Jahr 2001 allein schon um einen ganzen Prozentpunkt, nur weil das Ausland weit weniger nachfragte, als die Münchner ursprünglich erwartet hatten. Keiner der Experten hatte mit einer so harten Landung der schwächelnden US-Wirtschaft gerechnet. Die Terroranschläge am 11. September verstärkten den Abwärtstrend.

Wirtschaftswissenschaft ist immer auch eine Glaubensfrage, wie der Streit um das Herbstgutachten 2002 zeigt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, das zu den Keynesianern gezählt wird, hält die Sparpolitik der rot-grünen Bundesregierung in der gegenwärtigen Krise für schädlich. Im Gegensatz zur Mehrheit der Institute glauben die Berliner deshalb nicht an eine Konjunkturbelebung im Jahr 2003. Das DIW unterbot deshalb die Mehrheitsprognose von 1,4 Prozent Wachstum und sagte nur 0,9 Prozent voraus. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zog nach und prognostizierte ein Prozent.

Eine wichtige Rolle für die Vorhersage spielt auch die Qualität der Daten. Ein Beispiel: Für das Herbstgutachten der Forschungsinstitute liegen Wachstumszahlen vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden über das laufende Jahr vor, auf die sie ihre Prognose für das kommende Jahr stützen. Noch im Herbst 2000 meldeten die Statistiker für die zurückliegenden Monate Juli bis September eine Wachstumsrate von deutlich mehr als zwei Prozent. Ein Jahr später mussten sie diese Zahl auf ein halbes Prozent herunterkorrigieren. Dieser Fehler trug einen halben Prozentpunkt zur Ungenauigkeit der Ifo-Prognose für 2001 bei. Insgesamt lagen die Münchner mit ihrer Vorhersage für 2001 um satte 1,9 Prozentpunkte daneben.

Es sind also vor allem die zugrunde liegenden Annahmen, Daten und Denkschulen, die eine Prognose ausmachen. Die Methoden, also die eigentliche Rechnerei, beeinflussen das Ergebnis dagegen nicht so stark. Je nachdem, ob nur die Entwicklung im kommenden Halbjahr oder die der nächsten fünf Jahre vorausgesagt werden soll, gibt es sehr unterschiedliche Rechenverfahren. Für die ausführlichen Jahresgutachten werden zudem mehrere Verfahren simultan eingesetzt, um die Ergebnisse miteinander zu vergleichen.

Und dann sabotieren irrationale Konsumenten die Prognose

Die Weiterentwicklung der Ökonometrie, also der Umsetzung der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie in messbare Verfahren, hat sich auf den Alltag in den Instituten und Prognoseabteilungen nur begrenzt ausgewirkt. So wird noch vielfach ein ökonometrisches Modell aus den siebziger Jahren verwendet, wenn auch in fortentwickelter Form.

Einige der üblichen Methoden wie das OLS-Schätz-Verfahren bleiben weit hinter dem zurück, was Wirtschaftsstudenten mitunter schon zu Anfang des Hauptstudiums lernen. Angesichts ungenauer und unvollständiger Daten und des großen Einflusses subjektiver Einschätzungen der Forscher treten die Vorteile ausgefuchster Zahlentricks in den Hintergrund.

Erschwerend kommt hinzu: Langfristige Voraussagen treffen nur dann zu, wenn die so genannten Wirtschaftssubjekte ihr Verhalten im Prognosezeitraum nicht abrupt ändern. Eine aktuelle Frage ist beispielsweise, wie viele Arbeitsplätze in der Bauindustrie durch die verringerte Eigenheimzulage verloren gehen könnten. Um das auszurechnen, legen die Forscher die bekannten Verhaltensmuster für private Bauinvestitionen zugrunde, verändern die Eingangsgröße "Zuschüsse" und berechnen die Ausgangsgröße "Arbeitsplätze" .

Wenn nun aber unerwartet die Investitionsbereitschaft in Deutschland extrem zunimmt und die Zahl der Häuslebauer auch bei verringerten Subventionen steigt, etwa weil Aktien als Geldanlage zu unsicher scheinen, wird das Modell von der Wirklichkeit überholt. Solche so genannten Strukturbrüche treiben die Wissenschaftler zur Verzweiflung. Auch Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank, klagt über die sprunghafte Natur des Konsumenten, die mit ihrem "nicht rationalen" Verhalten die Prognosen sabotierten.

Der Blick in die Zukunft der Wirtschaft ist also eher Kunst als Wissenschaft. Ullrich Heilemann, Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung Essen, ist in seiner noch nicht veröffentlichten Untersuchung ("Sind Konjunkturprognosen besser geworden?") zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Treffsicherheit deutscher Vorhersagen zwischen 1967 und 2001 nicht wesentlich verbessert hat. Auch in den anderen Industrieländern gab es demnach keine nennenswerten Fortschritte. Professor Heilemann schlägt daher vor, gleichzeitig mit der Prognose fürs nächste Jahr anzugeben, wie ungenau die vom vergangenen Jahr war - um schon mal die Erwartungen zu dämpfen.

Informationen im Netz:

Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung:

www.rwi-essen.de

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung:

www.diw.de

Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung:

www.ifo.de

Institut der deutschen "Wirtschaft Köln:

www.iwkoeln.de

Dort gibt es unter anderem einen interessanten Aufsatz von Michael Grömling:

Konjunkturprognosen - Methoden, Risiken und Treffsicherheiten. In: IW-Trends, 02/2002