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Jetzt neu: die Zukunft zum Selbermachen. Ein kleiner Ausblick, teilweise gereimt.

Die neue Welt beginnt wie der erste Schnee eines lang erwarteten Winters. Vor den Häusern auf der Straße schmelzen die frühen einzelnen Flocken, sobald sie den Asphalt berühren. Und selbst wenn sich bereits eine dünne Schicht gebildet hat, mag es niemand glauben. Die Kinder wollen morgen mit dem Schlitten in die Schule, aber die Erwachsenen lächeln bloß und schütteln den Kopf. "Das bleibt nicht liegen, das verschwindet über Nacht." Und du? Bist zu alt für den Schlitten, aber zu jung, um zu glauben, was die Alten immer wieder sagen, dass sich nie etwas ändern wird? Also zieh deine Jacke an und geh noch einen Moment raus, in den Garten hinter dem Haus. Dort verblassen nicht nur der Lärm und die Lichter, sondern auch alle Zweifel. Denn dort ist schon alles weiß, überzogen von dem leisen Glitzern der unvorstellbar zarten Kristalle, die sich lautlos auf die kahlen Aste und den harten Boden gelegt haben. Bleib einige Minuten stehen und stell dir vor, wie es bald sein wird, die ganze Stadt unter einer Schneedecke, und wie sie sich bewegen wird, in einem neuen, langsamen, vorsichtigen Rhythmus. Es wird still sein, wenn auch nicht so lautlos wie in diesem Garten. Aber noch während du das denkst, wirst du es hören, ganz leise, wie Geräusche einer Karawane, die aus der Zukunft in die Gegenwart drängt. Über dir der Himmel, unter dir die Erde, umgeben von diesem seltsam vertrauten Klang, zögerst du einen Moment, während das Blut durch deine Adern pulsiert, während sich deine Jacke mit der Wärme deines Körpers füllt, bis du endlich lächelst, weil du weißt, was du da hörst: Das ist der Klang des Schnees.

Es ist die beste aller Zeiten. Es geht uns gut! Und es wird immer besser. Die Lebenserwartung steigt, die Maschinen nehmen uns die Arbeit ab, es gibt immer noch unendlich viel zu tun, aber der Fortschritt gibt uns auch unzählige Möglichkeiten, alles zu schaffen. Das ist neu, das gab es nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Das Elend saß früher an jedem Tisch, wenn nicht als Fakt, dann zumindest als Drohung, als mögliche Hungersnot, Krankheit oder Krieg. Ein ungebetener Gast, von dem man nicht wusste, wie man ihn aus dem Haus bekommt. Doch das Elend war auch ein Grund, sich zu bemühen. Es war der Antrieb hinter der Konkurrenz und dem Wettbewerb, zwei Prinzipien, die aus der Tatsache erwuchsen, dass die Ressourcen begrenzt waren. So trieb früher der Kampf ums Überleben die Menschen an. Doch jetzt können wir damit Schluss machen: Der Überfluss der Möglichkeiten macht den Kampf überflüssig.

Trotzdem geht der Krieg weiter. In dem Kollektivfilm "11'09"01" verbinden acht von elf Regisseuren den Anschlag auf das World Trade Center mit alten und neuen Kriegen in Afghanistan, Bosnien, Chile, Israel, Japan und dem Libanon, dem Kampf gegen Aids und andere Krankheiten in Afrika sowie dem Rassismus in den USA. Das ist keine Weltsicht eines einzelnen nölenden Radikalen, sondern ein beeindruckender gemeinschaftlicher Blick auf eine Welt, die in der Vergangenheit lebt. Fast alle diese Kriege beruhen auf uralten Fehden und Vorurteilen, und der Rest, wie etwa die erfolglose Aids-Bekämpfung in Afrika, auf der traditionellen Verteilung von Produktionsmitteln. Es scheint, wer die Geschichte kennt, ist verdammt, sie zu wiederholen. Doch die Filmemacher beweisen das Gegenteil: Keiner verurteilt irgendwen. Aber alle stehen auf der Seite der Opfer, von den Menschen in den Hochhaustürmen bis zu denen in der afrikanischen Wüste.

Dieses Mitgefühl ist schon deshalb zweifellos richtig, weil alle Opfer eines gemeinsam haben: Sie hatten keine Wahl. Im Gegensatz zu uns: Wir können entscheiden, was wir wollen. Wir sind nicht mittellos, leben nicht in gewalttätigen traditionellen Gesellschaften und wissen genug, um unser Denken zu ändern. Natürlich wird auch uns ein Kampf aufgedrängt: von Behörden und Parteien, Lobbys und Interessenvertretungen, großen Konzernen und kleinen Politikern, die den Stillstand verteidigen, von Ideologen, die ihre Weltsicht für Naturgesetze halten, und auch von diesen vernünftigen Menschen, die uns warnen, nicht zu träumen.

Sie alle sorgen für Probleme und schüren die Angst, indem sie behaupten, nur die alten Regeln bewahren uns vor neuem Elend. So ersticken sie jede neue Idee im Keim, mit Worten und, wenn das nicht hilft, mit Taten. Aber trotzdem haben wir immer noch die Wahl. Und das scheint sich langsam rumzusprechen.

Jeden Tag treffe ich Leute, die etwas Neues machen. Früher waren es hauptsächlich Künstler und Designer, also klassische Agenten des Fortschritts, die sich mit lustigen T-Shirts, billigen Bildern und bizarren Parry's unauffällig aus dem Mittelmaß verabschiedeten. Doch inzwischen hat sich herumgesprochen, dass man nicht Künstler werden muss, um kreativ zu sein, und so trinke ich jetzt neue Cola, kaufe wunderbares handgemachtes Knäckebrot und freue mich über Computerprogramme, die zwar nicht für mich gemacht sind, sondern für Plattenlabelbesitzer - aber trotzdem toll, dass es sie gibt. Das sind völlig beliebige Beispiele, es gibt unzählige andere, und sie alle sind Teil einer neuen Kultur: der Vielfalt statt der Gleichheit, des Nebeneinanders statt der Konkurrenz, der überschaubaren Struktur statt des maßlosen Wachstums. Und vor allem: des Selber-Lebens.

Jede alte Kultur hasst eine neue Ordnung, die auf sie verzichten kann, die sich genügt in Selbstversorgung. Es reicht bereits die Weigerung, über jeden Plan zu reden und statt groß angelegtem Zeitdiebstahl freie Bahn für jeden zu fordern, weil das der Zeitpunkt ist, an dem die Visionen wahr werden, und weil man dann mal sehen kann, beim Ausprobieren wird alles klar werden. Wir treffen uns später im Garten, inmitten des Schnees von morgen, wir werden dort stehen, geblendet vom Weiß und der Vorstellung, unsere Sorgen, also Rezession, Terror und schlechte Prognosen, all der Quatsch, über den wir grübeln, würde abgelöst von echten Problemen, von Alltag und lösbaren Übeln. Wir werden dort stehen und den Frühling ahnen, die Blüten unter dem Schnee, und wenn einer brüllt: "Hey, kommt doch ins Haus!", dann sagen wir einfach: "Nee."