Partner von
Partner von





Shopping war auch schon mal schöner. Sagt der Einzelhandel, weil die Umsätze zurückgehen. Aber man kann etwas dagegen tun. Wie zum Beispiel in Deutschlands jüngster Innenstadt: Chemnitz.

Wolfgang Merkle sitzt mit Christian Donth in dessen Büro, einem kleinen, voll gekramten Raum, an der Pinnwand hängen Zeitungsaussschnitte, Branchenmeldungen und Statistiken, auf dem Tisch liegen Akten und Kataloge. Die beiden machen sich Gedanken über Weihnachten. Christian Donth ist Geschäftsführer der Galeria Kaufhof hier in Chemnitz, er wirkt jung, unbeholfen, eckig. Sein Anzug passt nicht zum Chef. Wolfgang Merkle dagegen - groß, schwarzer Anzug, langes zurückgegeltes Haar, dunkle Augen - ist ganz der Mann aus der Kölner Zentrale. Er ist der Marketingleiter der Kaufhof AG.

Christian Donth zeichnet mit beiden Armen Linien in die Luft, Merkle streichelt Kugeln. Einer eckig, der andere rund. Aber wie sie das so machen, ergibt es ein harmonisches Gespräch. Es geht um Glühweinstände und Waffelbäckereien, die den Duft von Weihnachten durch das Kaufhaus tragen sollen, um Erlebniswelten zwischen trendy und traditionell, um die neue Eisbären-Welt vom Plüschtierhersteller Steiff in der Spielwarenabteilung und um die Schlemmerkataloge, mit der die Chemnitzer Schickeria ins Feinschmecker-Paradies im Erdgeschoss gelockt werden soll.

Die Pleitewelle schwillt an, doch die Krise ist in Wirklichkeit ein Strukturwandel

Ein paar Wochen noch, und dann ist Weihnachten. Die Leute sollen kaufen. Einen Ring für die Freundin, eine Playstation für die Kinder, vielleicht ein Kissen für die Großmutter und ein paar schicke Handschuhe für den Mann. Weihnachtsgeschenke eben. Aber die Leute kaufen nicht. "Es ist wie mit der gefühlten Temperatur. Zur aktuellen Wirtschaftslage gesellt sich so etwas wie eine gefühlte Depression", sagt Merkle und zieht die dunklen Augenbrauen hoch. "Die Geldbörsen sind prall, werden aber immer seltener geöffnet", schreibt auch Hermann Franzen, Präsident des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE) in seinem Halbjahresbericht. Das verfügbare Einkommen steigt, aber es landet nicht in den Läden. Für das erste Halbjahr 2002 meldet der Einzelhandel Umsatzeinbußen von 8,2 Milliarden Euro, das sind 4,7 Prozent weniger als im Halbjahr 2001. Rund 150 Euro gibt jeder Bundesbürger durchschnittlich zu Weihnachten aus, mal mehr, mal weniger. Dieses Jahr dürften es erheblich weniger sein. Erst der Teuro, dann rot-grünes Chaos - die Kundschaft ist verunsichert. Deutschland wartet ab.

Die Hälfte der Betriebe rechnet mit weiteren Verlusten, 40 Prozent aller Einzelhändler haben in diesem Jahr bereits Personal entlassen. Gleichzeitig schwillt die Pleitewelle an. Im Westen stieg die Quote der Insolvenzen im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr um 33 Prozent, im Osten gar um 57 Prozent. Ende Oktober befand Walter Deuss, ehemaliger KarstadtQuelle-Chef und Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels (BAG): "Der Handel steckt in der größten Krise der Nachkriegszeit."

Doch der Handel steckt nicht in einer Krise, sondern in einem Strukturwandel. Und "die Kaufzurückhaltung der Verbraucher", laut Deuss das Top-Thema der Branche, ist nur ein kleiner Teil davon. Die wichtigeren Themen sind das Internet, der Einkaufszentren-Boom und die Wiederentdeckung der Innenstädte. Der Handel stirbt nicht, er zieht um. Zum Beispiel ins Internet. Mitten in der Handelsflaute verzeichnet eCommerce rasante Steigerungsraten. Für 2002 prognostiziert der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) diesem Bereich ein Umsatzplus von 60 Prozent: von fünf Milliarden Euro in 2001 auf etwa acht Milliarden. Allein Karstadt Quelle will dieses Jahr 1,2 Milliarden Euro mit dem Handel über das Internet verdienen.

Die Zeit der großen Einkaufszentren auf der Wiese ist vorbei - die Käufer zieht es wieder in die Stadt

Gleichzeitig gibt es ein Problem mit Flächen und Standorten. Mit 1,3 Quadratmetern Verkaufsfläche pro Einwohner liegt Deutschland in Europa vorn. Das entspricht einer Fläche von 9000 Fußballfeldern, auf denen wir CDs Probe hören, Preise vergleichen und Pullover anprobieren können. Und ein Wachstumsende ist nicht absehbar. Die Zahl der Quadratmeter nimmt zwar zu, aber ohne dass mehr Geld verdient wird. Der Ertrag pro Quadratmeter sinkt seit 1993. Die Flächengier der Großen geht auf Kosten der Kleinen. Es sind vor allem die Filialen der Ketten, die sich vermehren. Vor zehn Jahren befand sich die Hälfte des Einzelhandels in den Händen der Top-30-Unternehmen - heute kontrollieren sie 70 Prozent des Marktes. Allein die Anzahl der Discounter hat sich in dieser Zeit verdoppelt. Und wo ein Großer aufmacht, schließen zehn kleine. Mindestens.

Es gibt noch eine zweite Entwicklung: die Rückkehr in die Städte. Das könnte sich als Rettungsanker für die Kleinen erweisen. Bis 1998 wucherten die Vorstädte. Auf der grünen Wiese entstanden Shopping-Center nach US-Vorbild. Doch nun kehren die Einkaufszentren in kleineren, edleren Varianten wieder in die Innenstädte zurück. 318 Einkaufszentren gibt es in Deutschland, 1990 waren es nur 93. Und jährlich kommen etwa 18 weitere hinzu, mehr als ein Drittel in Innenstädten.

Grüne Wiese versus Revitalisierung der Innenstadt. Das beißt sich, und so entbrennt ein harter Wettbewerb zwischen Schuhkarton und Schmuckschatulle. Noch trägt der Mittelstand die Last, er muss den großen Einkaufsmagneten hinterherziehen. Außerdem verschwinden weiterhin traditionelle Einkaufsstraßen, in denen durch zwei oder drei Geschäftsschließungen entscheidende Angebotslöcher entstehen, die dann durch Spielhallen, Handyläden oder Resterampen ersetzt werden.

Die Ansiedlung von Einkaufszentren hat immer einen langfristigen Einfluss auf den urbanen Strukturwandel. 1964 zum Beispiel eröffnete der Bochumer Ruhrpark zwischen zwei Autobahnabfahrten, mit 113 000 Quadratmetern damals das größte Einkaufszentrum Deutschlands. In der Folge verwandelte sich die Bochumer Innenstadt: Erst kamen die Billigläden, dann zog das Entertainment (Kinos, Kneipen, Clubs) nach, heute ist das Viertel eine edle Shopping-Perle. Ähnliches passiert im Umfeld des Giganten Centro in Oberhausen, stadtplanerisch immer als neue Mitte Oberhausens ausgewiesen, das allein durch seine Masse die Gravitation des lokalen Handels zerstört und ihn neu ausrichtet.

Währenddessen testet der Handel überall neue Konzepte. In Mülheim eröffneten im Oktober die Karstadt-Arkaden mit integriertem Mini-Shopping-Center. In Solingen zählt ein Bürgerbüro zu den Mietern eines Centers. Immer mehr Ärzte, Anwälte und Physiotherapeuten interessieren sich für Büros in Einkaufszentren. Der Trend ist eindeutig: Es geht zurück zum Marktplatz.

Und Chemnitz? Chemnitz hat Deutschlands jüngste Innenstadt. Nach der Wende lief hier nichts, während vor den Toren der Stadt riesige Einkaufsparks entstanden. Die Innenstadt starb aus. Aber die Verwaltung nahm sich Zeit für den Städtebau. Wer Chemnitz heute betrachtet, sieht hier den Wandel des ganz normalen Einzelhandels und dass der Begriff Krise in die Irre führt, weil die Veränderung ganz prima laufen kann.

Der Kaufhaus-Chef: Was kann man besser machen?

Also Donth und Merkle in Donths Büro. Ein zweieinhalb Meter hoher Kasten in der oberen Ecke eines ziegelförmigen Glastempels. Rund 60 Millionen Euro hat die Kaufhof Warenhaus AG hineingesteckt in das weltweit erste Warenhaus mit vollständig verglaster Fassade, Oktober 2001 war die Eröffnung. "Bereits dieses Jahr gehört das Haus in Chemnitz zu unseren Top-20-Filialen", sagt Wolfgang Merkle aus der Kölner Zentrale und wirft einen Blick rüber zum Filialleiter. Der fängt ihn auf, lächelt und sagt: "Die Leute hier sind unglaublich", und Donth macht ein Pause, weil er selbst staunt, " städtebaulich interessiert". Hunderte kamen zur Baustellen-Party und "haben einfach nur den Rohbau fotografiert".

So gehört sich das für einen echten Magneten. Nachdem sich eine örtliche Investorengruppe entschieden hatte, ihre Galerie Roter Turm gegenüber dem alten Rathaus zu bauen, beschloss die Kaufhof AG, ihr neues Flaggschiff in Chemnitz zu errichten. Seitdem geht es aufwärts mit der Innenstadt. Und seit der Flut. Dank einer Ausnahmeverordnung ist auch sonntags geöffnet. Ein echter Renner, beide grinsen, nicken. "Neulich habe ich hier eine Gruppe aus Kalifornien durchgeführt", erzählt Merkle, "die wollten lernen, wie man die Innenstadt wiederbelebt."

Auch hier in Chemnitz werden Preise gesenkt, damit Kunden kommen. "Aber wie treu sind solche Leute?", fragt Merkle. Dann redet er lieber über die Erlebniswelten im Haus: über kleine Höhepunkte wie die Förderbänder in der Lebensmittelabteilung, von denen die Ware direkt in die Tüte fällt, die Musikabteilung, in der man jede CD scannen und Probe hören kann, oder den interaktiven Duft-Ratgeber in der Parfümabteilung. So soll die Faszination Kaufhaus entstehen. " Kundenbindung, Data-Mining, auf großer Breite gezielt ansprechen, Marktforschung, das machen wir alles", erklärt der Geschäftsführer Donth. "Aber das Wichtigste ist der Laden."

20 000 Quadratmeter, 304 Mitarbeiter, fünf Etagen. Zum Nachdenken geht Christian Donth durch sein Kaufhaus, durch die Elektroabteilung und das moderne Café, " das könnte doch so auch in New York stehen, oder?" Er nimmt den Aufzug nach unten und tritt vor die Tür. Geht raus auf den Marktplatz, links gegenüber das alte Rathaus, rechts der Eingang zur Galerie Roter Turm. Hinter sich eine Glaswand, an der abends blaues Licht die Fassade herunterläuft. Verschiedene Farbkästen unterteilen die Segmente der Fassade, der Kasten sieht aus wie ein riesiger beleuchteter Adventskalender. Da steht er, der Chef, und überlegt sich, was er noch verbessern kann.

Die Raumplanerin: vom Kern nach außen arbeiten

Neben Petra Wesseler liegt ein schwarz-weiß kopierter Stadtplan der Chemnitzer Innenstadt. Das ist so eine Art Spickzettel, sie ist erst seit drei Monaten hier. Sie stammt aus Ostwestfalen, ist Architektin, neun Jahre lang hat sie im Berliner Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung Bauprojekte für den Bund geleitet. Als Chemnitz die Leitung des Dezernates 6 für Stadtentwicklung Umwelt und Bauwesen ausschrieb, hat sie sich gleich beworben. Stadtplanerisch ist das hier ein großes Ding. Handel und Urbanität. Ein Thema für Raumplaner.

Chemnitz im Schnelldurchlauf: ehemals Karl-Marx-Stadt, tiefstes Sachsen, Musterstadt des Sozialismus. Nach dem Krieg war die Altstadt innerhalb des mittelalterlichen Rings fast völlig zerstört. Statt Wiederaufbau legten die Planer einen sozialistischen Grundriss über das Zentrum, dem damaligen Prinzip Licht, Luft, Sonne folgend. "Das bedeutete ellenweite Leere", sagt Wesseler, "und mittendrin Wohngebiete in einer Dichte, wie es sie sonst nur am Stadtrand gibt." Weite Betonfelder mit massiven Gebäudeblöcken, zwischen denen kariöse Lücken klaffen. "Fast hätten sie das alles nach der Wende unter Denkmalschutz gestellt."

Aber die Verwaltung hat abgewartet. Vor der Stadt befriedigten neue Einkaufszentren den Konsumrausch. Die Innenstadt fiel ins Koma, aber das gab Zeit zum Nachdenken. Dann, 1996, ein stadtplanerischer Wettbewerb und die Entscheidung, "öffentliche urbane Räume mit wenigen kleinteiligen Parzellen zu schaffen". Und die Zentren auf der grünen Wiese? "Erst den Kern machen! Wenn das geschafft ist, entwickeln wir den Rest", sagt Petra Wesseler. Für diesen Rest gibt es ein Planungs-Tool, einen Flächennutzungsplan für den Handel. Wer einen Laden eröffnen will, darf das nicht irgendwo, sondern bekommt einen "Zentrenpass für seine Einzelhandelskonzeption." Sie weiß, dass das nach Planwirtschaft klingt. "Aber das wird vom Einzelhandel als Steuerungselement für Niederlassungen total begrüßt."

Der nächste Schritt? Kultur. Die Stadt hat zwei alte Kaufhäuser aus der Vorkriegszeit gekauft. In das eine zieht das Landesmuseum für Archäologie, im anderen mischen sich VHS, Naturkundemuseum, Neue Sächsische Galerie und die Stadtbibliothek. Und mal gucken. " Die sächsischen Museen sind alle in Dresden. Es wäre schön, wenn da mal 7000 Quadratmeter zu uns rüberwachsen würden."

Der Juwelier: Das Wichtigste ist die Lage

Wer zu Bernd Kippig will, überschreitet eine unsichtbare Grenze. Man lässt die Innenstadt mit ihren neuen Schaufenstern hinter sich, überquert die Theaterstraße, die auf dem alten Stadtwall verläuft, vorbei an einer wuchtigen Karl-Marx-Büste, einem Drogeriemarkt, einem Schnäppchenmarkt, einer Beate-Uhse-Filiale, auf der Suche nach dem Theaterplatz und dem Hotel Chemnitzer Hof. "Der Standort ist alles", sagt Kippig. Er ist Juwelier. Ende nächsten Jahres macht er rüber. Dann zieht er in die Innenstadt.

"An zweiter Stelle kommt das Sortiment." Und Service? "Der ist heutzutage selbstverständlich. Jede Form von Trägheit bereinigt der Markt." In der Galerie Roter Turm hat er bereits einen Laden, den führt sein Sohn. Das Sortiment dort ist jünger, preisgünstiger als seines hier am Theaterplatz. Bernd Kippig ist Gründungspräsident des Handelsverbandes Sachsen, dem stärksten Einzelhandelsverband in den neuen Bundesländern. Demnächst will Sachsen die Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes im Bundesrat einbringen. Kippig ist natürlich schwer dafür. Was aktuell laufe sei ja hanebüchen.

Bernd Kippig sitzt auch als Vizepräsident im Vorstand des HDE. Er weiß, dass er da als Juwelier mit drei Läden nur ein kleiner Fisch ist, aber darum gehe es gerade: "Der Einzelhandel muss mit einer Stimme sprechen." Was sind die wichtigsten Themen? Kippig atmet tief ein. "Oh Gott, eigentlich alle. Ladenöffnungszeiten, das Pfandgesetz, die Verpackungsverordnung. Es werden noch massive Insolvenzen auf uns zukommen. Die Zeitbombe tickt." Kippig weiß, wovon er spricht. Wenn er dieses Jahr plus minus null rauskommt, war er gut. Frühestens nächstes Jahr, zu Weihnachten vielleicht, sieht er eine Besserung. So lange wird er noch hier sitzen, auf der falschen Seite der Stadt. Von hier aus sind es bis zur Galeria Kaufhof und den großen Schaufenstern am Rathausplatz zu Fuß etwa acht Minuten.

Im Musikhaus: Straßenfeste und Kundenbindung

Heinz Putz trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "Musikhaus Charts". Das tragen alle, die bei ihm arbeiten. Die lila Schilder und Schautafeln des Musik- und Instrumente-Ladens wuchern in die Rosenhofpassage. Hinterm Rathausmarkt ist er der King. Während er vor den Gitarren fotografiert wird, wirft er sich in die Brust, macht eine Dreivierteldrehung, streckt die rechte Hand zur Kamera und ruft: "Wir müssen was unternehmen!"

Zusammenschließen meint er. Gegen die Shopping-Center auf der grünen Wiese. Er meint Straßenfeste, Rinderfeste, Öffentlichkeitsarbeit, Weihnachtsbeleuchtung und Kundenbindungssysteme. Das brauchen sie hier im Schatten der Galeria Kaufhof. Und das machen sie auch. Dank Putz, er ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft Rathaus e.V., für dieses Mikroviertel im Kern der Innenstadt. Es gibt hier sogar eine Chemnitz-Bonus-Card. Zum Bummeln, Erleben und Genießen. Aber man dankt es ihm wohl nicht genug. Wahrscheinlich ist er zu laut.

Sein Umsatz liegt aktuell an der Grenze "von mittel zu beschissen". Aber er kommt schon irgendwie durch. Musikhaus Charts steht auf mehreren Beinen: Musikschule, Online-Shop, er sponsert Bands in der Umgebung, im Keller hat er Proberäume. Aber noch mehr Beine wären es, " wenn alle Händler gemeinsam daran arbeiten, mehr Kaufkraft in die Innenstadt zu bekommen". Dann wettert er über die Trittbrettfahrer der Werbeaktionen, die Einzelne veranstalten. Im Einzelhandel gebe es immer zwei Sorten, die Händler und die Krämer: "Leute, die einzeln handeln." Die werden aussterben. Denn auch eine Innenstadt muss heute so was wie ein Center sein.

Die Boutique-Chefin: Erfolg mit Rabatt und Gefühl

Karla Christoph-Jakob stellt dem Besucher eine Kaffeetasse hin und schüttet einige Kekse auf einen Unterteller. "Wenn man bei Molli Chic arbeitet, geht das nicht anders." Ihr Laden führt Damenmode in Übergrößen und etwas Herrenmode. Sie selbst ist auch ein bisschen mollig, ihre Haare sind blond, rot, lila und schwarz. An der Pinnwand in ihrem Büro klebt ein Bild von ihrer Tochter. Die hat knallrot gefärbtes Haar. Christoph-Jakob hat Verkäuferin im Konsum gelernt, danach studiert und früh gemerkt, dass es kein vernünftiges Geschäft für Übergrößen gibt.

Zweimal im Jahr veranstaltet sie Modenschauen draußen in der Einkaufsstraße, direkt neben dem Musikhaus Charts. Die Models sind ihre Kundinnen, Verkäuferinnen, Freunde von Kunden, Ehegatten, ihre Tochter. Außerdem macht sie Rabattwochen: Zehn Euro Rabatt kann man für eine alte Hose kassieren oder selbst einen Rabatt würfeln. Jeder Kunde hat eine eigene Datei, in der werden die Bonuspunkte gespeichert, die man sammeln und einlösen kann. "Wir haben auch Laufkundschaft", sagt sie und kichert, "aber aus der machen wir Stammkundschaft."

Die Ladenbesitzerin erzählt das mit der Aufregung eines Mädchens vor dem Abschlussball. An der Wand hängt eine Urkunde, "Weihnachten 2001 im Vogtland", über jeden Mitarbeiter stehen da ein paar Zeilen, in einer Mädchenschrift, die zur Stimme passt. Zum Beispiel: "Margit ist unser Ruhepol, sie ist ausgeglichen und kann sich schwer entscheiden, weil sie niemandem wehtun möchte. Sie hat einen grünen Daumen und erzählt viel von ihrem Garten." Bei der Frage, was ihr sehnlichster Wunsch sei, errötet Karla Christoph-Jakob, als hätte man ihr ein schönes Kleid geschenkt. " Ein Kaufhaus", sagt sie, "eines über zwei Etagen. Ich habe schon immer davon geträumt, ein richtiges Kaumaus zu besitzen."

Weil die Chefin merkt, dass sie vielleicht zu gefühlig rüberkommen könnte, schickt sie dem Reporter später eine eMail, in der sie die Limitplanung ihres Wareneinkaufes beschreibt. Umsatz, Wareneingang und Liquidität werden optimiert, Verkaufsergebnisse täglich ausgewertet, um "Renner und Penner zu ermitteln" . An diesem Tag jedoch erzählt sie vor allem, wie sie den "Beruf zum Hobby gemacht" hat, und sagt: " Ich kenne keine Arbeitszeit." Auf die Frage, wie ihr Laden heute läuft, antwortet Karla Christoph-Jakob hinter vorgehaltener Hand: "Bei mir ist die ganze Zeit der Umsatz nicht zurückgegangen."