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In asiatischen Themenparks gibt es den Markusplatz, deutsche Fachwerkhäuser und holländische Windmühlen. Eine simulierte Wirklichkeit mit hohem Mehrwert: Sie macht Spaß, verbessert die Bildung und ordnet die Welt.

Den Téma Páku - japanisch für Themenparks - gehört die Zukunft. Allein in Japan strömen Millionen von Menschen in nachgebaute deutsche Schlösser und überdachte Ski-Zentren. In der südchinesischen Provinz Guandong wurden in den neunziger Jahren 28 aufwändig gestaltete Freizeitreservate errichtet, in denen die Pyramide du Louvre oder Angkor Wat besichtigt werden können. Und Disney World, Disneyland oder West Edmonton Mall sind die beliebtesten amerikanischen Ausflugsorte. Nur in Europa haben solche Attraktionen bislang keinen guten Ruf: Orte, an denen Grillengezirpe vom Tonband kommt oder der Markusplatz - auf ein Fünftel der Originalgröße geschrumpft - rekonstruiert worden ist, werden belächelt, wenn nicht gar verachtet.

Dabei sind Themenparks ein uraltes europäisches Phänomen. Ab dem 15. Jahrhundert entstanden in Italien, Spanien und Frankreich Monti Sacri, künstliche Kalvarienberge, die Stationen der Kreuzigung auf lebensgroßen Bildern nachstellten und zu denen Pilger, modebewusste Höflinge, Wunderheiler und Bettler strömten. Im 18. Jahrhunden wetteiferte der Adel mit nachgebauten Attraktionen. Prinz Leopold von Anhalt-Dessau errichtete in Wörlitz einen künstlichen Vulkan und forderte die Gäste auf, durch ein Labyrinth von "Höhlen, Katakomben und Szenen furchterregenden Grausens" zu schreiten. Um den optimalen Effekt zu erreichen, fanden die Touren nachts statt, sodass die Besucher nicht sahen, dass es sich bei den Lavanuten um rot beleuchtetes Wasser handelte. Im englischen Lake District konnten Reisende Kanonenschüsse bestellen, deren Echo Landschart und Gemüter erschüttern sollte, während in Shropshire auf einem 15 Kilometer langen Pfad Cooks Südseereisen nachgebaut wurden.

Gerade die sich zu dieser Zeit in ganz Europa ausbreitenden englischen Gärten sind Vorbilder für heutige Themenparks. Hinter jeder Kurve wartete eine Überraschung: ein chinesischer Turm hier, ein Heldengrabmal dort. Auch eine Einsiedelei durfte nicht fehlen: Ein britischer Parkbesitzer rekrutierte sogar einen Eremiten, der sich bereit erklären musste, sieben Jahre in völliger Stille zu verharren, weder Nägel noch Haare zu schneiden und Touristen mit einer Bibel und einem Stundenglas in der Hand zu empfangen. Er kündigte nach drei Wochen.

War Europa während des Ancien Regime in puncto künstliche Welten tonangebend, so sind es seit den neunziger Jahren die Asiaten. Nirgendwo sonst wird so viel in Themenparks investiert, sind Konzepte und Ausrührungen so perfekt. Viele der neuen Anlagen repräsentieren andere Kulturen. In Japan läuft man im "Schweizer Dorf" über eine Wiese zu Heidis Hütte, genießt im "Parque Espana" Paella, Sangria und Flamenco-Tänzer oder besucht im " Russischen Dorf" russisch-orthodoxe Kuppelkirchen. Im "Glückskönigreich" auf Hokkaido bekommt man als Eintrittskarte einen deutschen Pass und geht, von Marschmusik begleitet, durch eine Stadt mit Fachwerkhäusern, die in Deutschland zerlegt und hier wieder aufgebaut wurden. Mittelpunkt des Parks ist die maßstabsgetreue Reproduktion des Schlosses Bückeburg, des 700 Jahre alten Sitzes der Herzöge von Schaumburg-Lippe. Im großen Festsaal geben deutsche Musiker unter Säulen, Bögen und schmiedeeisernen Balkonen Konzerte.

Die asiatischen Themenparks spiegeln eigene kulturelle Belange und signalisieren eine subtile Machtverschiebung. Waren es bis vor kurzem westliche Staaten, die andere Länder in Büchern und Bildern darstellten, so ordnen die Tema Päku die Welt aus asiatischer Perspektive. Gerade chinesische Themenparks sind außerdem sehr ideologisch geprägt. Die nachgebauten Dörfer im " Grandiosen China" oder "Chinesischen Kulturdorf" (beide in Shenzhen) zelebrieren zwar vordergründig die kulturelle Vielfalt der Volksrepublik, betonen aber zugleich die Überlegenheit der Han-Chinesen gegenüber den Minderheiten. Und auch der Miniaturpark des "Wunderschönen Indonesien" in Jakarta hämmert seinen Besuchern das Landesmotto "Einheit in Vielfalt" ein.

In puncto Originaltreue sind die asiatischen Themenparks den westlichen weit überlegen. In einem der größten Ferienparks Japans, dem "Huis ten Bosch", benannt nach dem dort nachgebauten holländischen Königspalast, radeln Besucher durch holländische Orte, vorbei an Kanälen, Fischmärkten, Windmühlen und Blumenfeldern. Alle Baumaterialien wurden aus Holland importiert, was dazu führte, dass Holland in den neunziger Jahren zum weltweit größten Pflastersteinexporteur wurde. Und der hier hergestellte Käse ist so echt, dass er nicht verkauft werden darf, weil er gegen japanische Lebensmittelvorschriften verstößt.

Gelten Kopien im Westen seit der industriellen Revolution als unkreativ, sind sie in Asien Teil einer Tradition des Lernens durch Nachahmen. Und anders als in Europa, wo Themenparks kommerzielle Vergnügungsstätten sind, vermischen sich in Asien Kommerz und Unterhaltung problemlos mit philantropischen Zielen. Themenparkbetreiber beschäftigen Wissenschaftler und verwenden Originalmaterialien oder -baumethoden, während in Museen alte Objekte kommentarlos neben Repliken stehen.

Die asiatischen Themenparks sind zwar vom Westen beeinflusst, aber letztendlich doch unabhängig von ihm. Funktional gleichen sie eher den traditionellen Gälten. Diese stellten weit entfernte, unbekannte Orte dar und dienten als Begegnungsstätten zwischen Menschen und Göttern. Heute machen Themenparks das Fremde erfahrbar - und die eigene Vergangenheit. Eine Mutter, die mit ihrer Tochter Disneyland Tokyo besucht, bevor die Tochter zum Studium in die USA zieht, sagt: "Hier kann sie noch einmal das wahre Japan erleben."

Literatur:

Joy Hendry: The Orient strikes back - A global view of cultural display. Berg Publishers, Oxford, 2000 -

Simon Schama: Landscape and Memory: Vintage Books, New York, 1995 -

Studie des Wissenschaftszentrums Berlin über japanische Themenparks: http://www.wz-berlin.de/publikation/pdf/wm96/wzbmit96-23- 26.pdf