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Afghanistan ist arm. Die Grenzregion Badakhshan dagegen ist reich. Das liegt nicht nur an der reichen Opium-Ernte, sondern auch an den blauen Lapislazuli-Brocken, die die Einheimischen aus der Erde hacken. Ein jahrhundertealter Markt lebt wieder auf.

Ein riesiger Brocken sei es, flüstert Mohammad mit beschwörender Stimme. Hinten im Laden habe er ihn versteckt, in der Kiste, die hinter den beiden goldenen Samowaren steht. "Von bester Qualität, edler und reiner geht es nicht", schwärmt der Händler weiter, zieht die Kiste hervor und öffnet sie. Von seinen kramenden Armen hängt ein weiß glänzender Pirahen-Umhang, die Sicht versperrend. "Nicht ein Gramm andere Substanzen drin", raunt der kleine Mann über die Schulter. Haschisch, Opium, wovon spricht er bloß? Wer seine Ware auf dem Basar von Faizabad, einer kleinen Stadt in den nordafghanischen Bergen, anpreist wie Mohammad, kann eigentlich nichts anderes meinen als Drogen.

Mit einem Ruck dreht er sich um. In seiner Hand hält Mohammad einen Stein. Roh, gezackt, fast so groß wie ein Kohlebrikett. Wie in Tinte getränkt, so blau. Ein Lapislazuli, ein Riese von einem Lapislazuli! Bei Sonnenaufgang ist ein Mann in seinen Laden gekommen, hat den Stein aus der Tasche geholt und ihm angeboten. Vermutlich ein Minenarbeiter. Der Handel wurde zügig abgeschlossen, ohne viele Worte über einer Tasse grünen Tee. "Einhundert Ohrringe kann ich daraus machen", frohlockt Mohammad. "Und noch mal 20 Amulette." Im nächsten Moment ist der Stein wieder in der Kiste verschwunden. Der Basar von Faizabad ist kein Ort, wo man Reichtümer lange ungestraft herumzeigt.

Ein Jahr nach dem so genannten Feldzug gegen den Terror "Operation Enduring Freedom" und dem Ende des radikal-islamistischen Taliban-Regimes bewegt die Menschen in Afghanistan eine gemeinsame Frage: Wie sollen wir das von 23 Jahren Krieg geschundene Land wieder aufbauen? Die von der Weltgemeinschaft versprochene Hilfe von 4,6 Milliarden Dollar erreicht Kabul noch immer nur tröpfchenweise. So suchen die Wirtschaftsplaner der neuen Regierung von Hamid Karzai händeringend nach Produkten, die exportfähig sind und harte Devisen bringen. Bislang sind die einzigen afghanischen Waren, die sich auf dem Weltmarkt behaupten können, gutes Haschisch und Heroin - das sind allerdings keine guten Referenzen für die Wiedereingliederung in die Weltwirtschaft.

Bis Industrie am Hindukusch wieder Fuß fassen kann, wird das Land wohl nur landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe ausführen. Unter dem Wüstensand im Norden liegt viel unerschlossenes Erdöl und Gas verborgen. In Badakhshan jedoch, der entlegenen Nordostprovinz an den Grenzen zu Tadschikistan, China und Pakistan, gibt es eigentlich nichts, was die - legalen - Weltmärkte neugierig machen könnte. In den kargbraunen Bergschluchten, die von Kabul selbst mit einem starken Geländewagen nur nach Tagen zu erreichen sind, wachsen nach jahrelanger Dürre nur Mohn und etwas Mais.

Dennoch ist Badakhshan reich: an Edelsteinen. Tausende kleine Minen liegen hier im Schatten der Berge. " Unsere Juwelen gehören zu den kostbarsten der Welt", sagte Mohammad selbstbewusst und zeigte auf seine Vitrine: Rubine, Smaragde, Akumaren-Kristalle, roter Laal, orangefarbener Haqiq, blaues Lelum und braunes Sabardjad. Und natürlich der Star der Region, weil einzigartig: der Lapislazuli. Dabei sind Rubine und Smaragde weit wertvoller, besonders wenn sie noch mit Naturstein verwachsen sind. Doch den blauen Stein, den die Afghanen Laadjaward nennen, gibt es eben vorwiegend in Badakhshan. Von hier aus wurde er schon vor tausenden von Jahren in die Welt verkauft, von herumziehenden Händlern der Seidenstraße zwischen China und Europa.

Ein Basar mit guten Manieren. Rufen und Armzerren sind in Faizabad verpönt

Im Tal von Badakhshan - mit einem Jeep immer noch zehn Stunden von Faizabad, der 30 000 Einwohner großen Provinzhauptstadt, entfernt -, liegt ein Bergwerk. Dort hacken hunderte Arbeiter täglich gut 200 Kilogramm Lapislazuli aus dem Stollen. Vor 17 Jahren zog Mohammad von Kabul in die Provinz und begann, mit dem Stein zu handeln. "Einen Großteil der Ware lieferte ich an meine Brüder, die in der Hauptstadt eine kleine Edelstein-Schleiferei und Goldschmiede betrieben", erzählt der 41-Jährige. Dort wurde der Lapislazuli zu Schmuck verarbeitet. Das Geschäft lief gut. Dann kamen die Russen, und Mohammad musste das erste Mal fliehen.

Bis heute sichtbares Erbe der sowjetischen Invasion sind in Faizabad, wie überall in Afghanistan, die ausgebrannten Panzerwracks an Straßenrändern. Und die alten russischen UAS-Jeeps, in denen sich Taxifahrer oder Mudschaheddin vor Mohammads Shop wild hupend einen Weg durch das mittelalterliche Chaos aus Pferdefuhrwerken und Packeseln bahnen. Starke Stoßstangen sind nötig auf der schlammigen Geröllstraße, der einzigen in der Stadt, wo die Händler in ärmlichen Holzbuden ihre Waren feilbieten: Berge von Birnen, Weintrauben, Granatäpfeln und frischen Feigen. Von Haken baumeln enthäutete Lämmer - vor Sonnenaufgang am RUSS geschlachtet - um die hunderte gierige Wespen summen.

Die Verkäufer sind entspannt bis zurückhaltend. Anders als in arabischen Ländern gehört es hier zum schlechten Ton, mögliche Kundschaft durch lautes Rufen oder gar Armzerren zum Kauf zu bewegen. Mit gedämpften Stimmen verhandeln die Männer Preise. Die Käufer nehmen sich Zeit: Schließlich haben sie oft mehrere Tage gebraucht, um auf Eseln und Pferden aus ihren Dörfern nach Faizabad zu gelangen. Können sie sich nicht gleich entscheiden, setzen sie sich in den Eisladen vor der Moschee. Mit Schneeblöcken, die Bergsteiger nachts von den Gletschern heruntertragen, bringt man hier in großen Bottichen Milch und Zucker zum Gefrieren. Das älteste Eisrezept der Welt.

Frauen sind auf dem Basar seltener und nur in Gruppen zu sehen. In ihren hellblauen oder weißen Burqas ziehen sie wie wallende Gespenster von Stand zu Stand. Auch in diesem Teil des Landes, der nie unter die Herrschaft der Taliban geriet, ist die Macht der konservativen Mullahs und Mudschaheddin ungebrochen. So sind auch Waffen in Faizabad noch immer, ein Jahr nach Ende des Krieges, allgegenwärtig: Keiner der Warlords, die mit Pickup-Trucks voller grimmig dreinblickender Kämpfer durch die Provinz brausen, hat sich bislang von der machtlosen Kabuler Regierung die Kalashnikovs und Granatwerfer abnehmen lassen. In mehreren Shops auf dem Basar werden, kaum verborgen, Waffen aller Art verscherbelt, von Gewehren über Landminen bis hin zu Panzerfäusten.

Auch Edelstein-Verkäufer Mohammad bekommt die Macht der Kommandeure zu spüren, jeden Monat muss er ein Zehntel seiner Einnahmen, den Usher, an ihre Eintreiber zahlen. Aus Kabul hat sich noch kein Finanzbeamter nach Faizabad getraut. Dennoch ist Mohammad zufrieden: "Ich kann wieder arbeiten, wie vor zehn Jahren." Damals kehrte er, nachdem das kommunistische Regime gestürzt und die Sowjets abgezogen waren, aus dem pakistanischen Exil nach Faizabad zurück. Doch schon 1996, als die Taliban Kabul eroberten und in Richtung Badakhshan vorrückten, flüchtete er wieder mit Frau und sieben Kindern ins Nachbarland. Es kam noch schlimmer: Das von Paschtunen dominierte Koranschüler-Regime diskriminierte die Volksgruppe der Tadschiken in Kabul. Mohammads Brüder wurden terrorisiert und mussten ihre Steinschleiferei schließen.

Geschäftlich war das Exil dennoch kein Einbruch. " Die Lapislazuli-Steine wurden alle nach Pakistan geschmuggelt, und von dort verkauften wir sie weiter" , erzählt Mohammad. "Die Welt begann wohl zu glauben, Lapislazuli sei ein pakistanisches Produkt." Die Taliban versuchten mehrmals, die reichen Bergwerke in Badakhshan zu erobern. Heftige Kämpfe brachen aus. Doch die Truppen ihres Erzrivalen, des später ermordeten Mudschaheddin-Führers Ahmed Schah Massud, blieben siegreich. Für sie war der Edelstein-Export lebensnotwendig, mit den Erlösen kauften sie Waffen aus Russland und dem Iran. Als sich die Taliban im Dezember 2001 auflösten, versuchte Mohammed erneut sein Glück. Auch seine Brüder in Kabul haben ihren Betrieb wieder aufgebaut.

Zwei große Männer nähern sich dem Laden. Sie sind gut gekleidet, tragen westlich aussehende Jacken. Nach kurzem Gespräch sagen die beiden, dass sie wenige Wochen zuvor aus deutschem Exil zurückgekommen sind. Sie kaufen drei Halsketten und schlendern weiter. "Es ist wieder Geld da, gerade bei den Heimkehrern", freut sich Mohammad und wirft das Bündel von 400 000 Afghanis, etwa 85 Euro, in eine Holzschatulle. Zu den besten Kunden gehören neuerdings auch die Mitarbeiter der knapp zehn internationalen Hilfsorganisationen, die sich seit vergangenem Winter in Faizabad niedergelassen haben.

Am meisten profitiert Mohammad allerdings von den Rekordumsätzen im Hauptwirtschaftszweig der Bergregion: Anbau und Schmuggel von Opiumdrogen. Reichlich Regen im Frühjahr bescherten den Mohn-Bauern in diesem Jahr eine fette Ernte. Tonnenweise wird das Opium zu Heroin verarbeitet und über Tadschikistan und Pakistan nach Europa gebracht. Bis zu 300 Dollar pro Kilo Opium zahlen die Dealer den Bauern. Mohammad ist das recht: "In diesem Herbst hat es viele Hochzeiten gegeben auf den Dörfern, und die Bräutigame kauften viel Schmuck." Auch die Heroinhändler und Schmuggler tauschen einen Teil ihrer Profite gern in Edelsteine um. Nur der teuerste Schmuck - in Gold gefasste Rubine und Smaragde - sei gut genug für sie, sagt Mohammad. "Lapislazuli lassen sie liegen. Sie verstehen eben nichts von Schönheit."