Partner von
Partner von





Fabrikwelt 1969: Nixdorf-Arbeiter bauen Nixdorf-Computer. Fabrikwelt 2002: Flextronics-Arbeiter bauen Handys für Siemens, Ericsson und Motorola, Drucker für Epson und Hewlett-Packard, Unterhaltungselektronik für Philips und Bang&Olufsen.

Siemens oder Ericsson, Palm oder Microsoft - Markenbekenntnisse, die eine ganze Generation spalten. Das Erstaunliche: Viele dieser Produkte, die mit millionenschweren Werbekampagnen um die Gunst der Kunden buhlen, werden von ein und derselben Firma gefertigt. Selbst ausgemachte Technologiekonzerne lassen ihre Waren mittlerweile von Auftragsproduzenten herstellen, um im gnadenlosen Wettbewerb überstehen zu können.

Handys von Ericsson, Motorola oder Siemens? Streng genommen müsste auf einem Großteil dieser Produkte das Label "Flextronics inside" kleben. Denn sie stammen - ebenso wie Drucker von Epson und Hewlett-Packard, Unterhaltungselektronik von Philips und Bang & Olufsen, Handheld-Computer und mehr - aus den Fabriken von Flextronics, dem derzeit größten No-Name-Fabrikanten der Welt. Etikettenschwindel also?

Uwe Schmidt-Streier, Geschäftsführer von Flextronics Deutschland: "Wieso soll es eigentlich zur Kernkompetenz eines Unternehmens gehören, unbedingt selbst zu fertigen? Schließlich können wir das in vielen Fällen einfach besser." Während US-Firmen das längst begriffen hätten, klammerten sich deutsche Unternehmer zu sehr an die Tradition eigener Fabriken. Schmidt-Streier: "Erst jetzt, in der Krise, setzen auch deutsche Unternehmer vermehrt auf das Ausgliedern der Produktion."

Den Schritt von der firmeneigenen Produktionsstätte zur flexiblen Auftragsproduktion hat er selbst machen müssen. 1984 begann der gelernte Automatisierungstechniker seine Laufbahn in einem Werk in Paderborn, das damals noch zu Nixdorf, später zu Siemens Nixdorf und Fujitsu Siemens gehörte. Anfang 2000 übernahm Flextronics die Fabrik, und seitdem ist alles anders. Permanent müssen neue Kunden gewonnen und alte zufrieden gestellt werden. Neben Servern für Fujitsu Siemens fertigt man in Paderbom inzwischen Router für Bintec, Blaupunkt-Navigationssysteme, Bauteile für optische Netzwerke sowie Geldautomaten.

Paderborn ist für den Weltkonzern Flextronics nur eine kleine Masche in einem Netz aus rund 100 Produktionsstätten in 29 Ländern. Mit 95000 Angestellten weltweit und einem Jahresumsatz von 13,1 Milliarden Dollar ist die Firma mit Hauptsitz in Singapur einer der rührenden Auftragsfabrikanten der Welt - und eine von wenigen IT-Firmen, die auch im Geschäftsjahr 2002 noch eine Umsatzsteigerung vermelden können (ein Plus von acht Prozent, freilich bei sinkendem Gewinn).

Die Entwicklung der Firma ist symptomatisch für die IT-Branche, die mit dem Aufkommen der ersten leistungsfähigen Mikrochips Ende der Sechziger ihre ersten größeren Schritte macht. 1969 gründet Joe McKenzie in Newark, Kalifornien, das Unternehmen. Gemeinsam mit seiner Frau setzt er für Firmen aus dem Silicon Valley elektronische Bauteile per Hand und Lötkolben zusammen. In den Achtzigern wechselt Flextronics den Besitzer und entwickelt sich vom Bauteil-Bestücker zum angesehenen Anbieter von kompletten Herstellungslösungen. Hier entstehen unter anderem Teile für Computer von Sun und das legendäre Hayes-Modem, die Standardausrüstung der ersten PC-Freaks. Doch dann der Einbruch: Die Absatzkrise der Neunziger überlebt Flextronics nur, weil der Firmensitz in einer Neugründung nach Singapur verlegt, die teuren US-Fabriken geschlossen werden.

Als der heutige Firmenchef Michael Marks 1993 das Ruder übernahm, dümpelt Flextronics noch auf Platz 22 der größten Auftragshersteller herum. Unter seinem Vorsitz steigt die Zahl der Beschäftigten von 3000 auf heute beinahe 100 000, der Umsatz von 0,9 Milliarden auf 13,1 Milliarden Dollar. Nach einer Untersuchung von Lehman Brothers im Frühjahr 2002 hat Flextronics den Erzrivalen Solectron mittlerweile auf Platz zwei verwiesen und ist nun das größte Unternehmen der Branche.

Design, Software, Logistik: Die EM S können alles

Es waren zwei Aufsehen erregende Aufträge, die Flextronics an die Spitze katapultierten: Anfang 2001 gab der schwedische Hersteller Ericsson bekannt, sich aus der Handy-Herstellung zurückzuziehen - Ericsson-Handys kommen seitdem von Flextronics (seit der Fusion der Mobilfunksparten zu Sony Ericsson auch die von Sony). Nicht weniger wichtig war Bill Gates' Entscheidung, die Produktion seines derzeit liebsten Kindes, der neuen Spielekonsole Xbox, von Flextronics erledigen zu lassen. Eigens für den Xbox-Start Ende 2001 wurden daher neue Werke in Guadalajara, Mexiko, sowie Zalaegerszeg und Sarvar, Ungarn, gebaut. Großes Potenzial sieht Michael Marks vor allem bei den deutschen Mobilfunknetzen. Die Zustimmung der Regulierungsbehörde vorausgesetzt, könnte Flextronics so ein zentrales UMTS-Netz aufbauen, das anschließend für mehrere deutsche Mobilfunk-Provider zur Nutzung bereitsteht. Vor allem für kleinere Anbieter eine verlockende Chance, die drohende Milliardenlast aus dem UMTS-Netzaufbau zu mildern.

Das Erfolgsrezept von Flextronics ist die Verbindung von Billiglohn- und Qualitätsproduktion mit einer ungeheuren Flexibilität und Vielfalt an Dienstleistungen. Denn die Zeiten, in denen Vertragsfabrikation nur dem stupiden Abarbeiten vorgegebener Produktionsschritte diente, sind längst vorbei. EMS (Electronics Manufacturing Services) ist das Schlagwort, mit dem erfolgreiche Auftragshersteller wie Flextronics, Solectron, Sanmina-SCI und Celestica ihren Kunden im Extremfall fast alle Tätigkeiten außer Marketing, Erfindungen und Strategie abnehmen. Flextronics besitzt nicht nur modernste Fabriken zur Verarbeitung elektronischer Bauteile, sondern auch Abteilungen für Design, Software, Projektmanagement, Logistik, sogar eine eigene Spedition - Abteilungen, die die Kunden sonst selbst unterhalten müssten. Im Kern des Flextronics-Imperiums stehen dabei Industrieparks in Billiglohnländern, in denen rund um die eigentliche Flextronics-Fertigung Dritthersteller sämtliche Dienste anbieten, die für eine flexible Produktion benötigt werden. Im Unterschied zu anderen EMS-Herstellern sitzen 42 Prozent der Flextronics-Kunden in Europa. Hier vor Ort spielen die Standorte ihren Vorteil aus: Sie halten Kontakt zu den Kunden, übernehmen hoch qualifizierte Arbeiten und können bei Bedarf innerhalb von Tagen mit der Auslieferung einer örtlichen Produktion beginnen.

Beispiel Xbox: Um im März 2002 zum europäischen Marktstart von Microsofts Spielekonsole rechtzeitig genug Geräte ausliefern zu können, lief die Fertigung der europäischen Xbox zunächst ausschließlich in Ungarn. Inzwischen, so Flextronics-Sprecherin Jutta Devenish, wurde die Fertigung ins günstigere China verlagert. In Ungarn stellte man anschließend auf Einwegkameras für Kodak und Unterhaltungselektronik für Philips um. Sollte es in Deutschland zu überraschenden Massenkäufen der Xbox kommen, würde man die Fertigung in Ungarn wieder hochfahren.

Doch nicht nur für die ganz Großen bietet das Flextronics-Konzept Vorteile. Da Flextronics auf Wunsch auch das komplette Produktdesign übernimmt, können umgekehrt auch Start-ups, Newcomer oder Erfinder schnell mit echten Produkten auf den Markt kommen - so wurde der Palm IIIx in seinen Details maßgeblich von Flextronics gestaltet. Und als die ehemaligen Palm-Gründer Donna Dubinsky und Jeff Hawkins im Juli 1998 den Konkurrenten Handspring ohne eigene Fabrikation aus der Taufe hoben, konnte Flextronics bereits 15 Monate später die ersten Handspring-Organizer auf den Markt bringen.

Die Mitarbeiter müssen lernen: Was zählt, sind Service und Flexibilität

Etikettenschwindel? Das Beispiel Flextronics zeigt, dass wir umdenken müssen. Selbst Hersteller von hochwertigen Artikeln wie Bang & Olufsen (bei Flextronics) oder Apple (bei Solectron) lassen ihre Vorzeigeprodukte ganz oder zum Teil von Fremdfabriken fertigen. Das ist eigentlich nicht weiter schlimm, denn über Produktqualität entscheidet das Design, die Wahl der Materialien und die Produktionsmethode. Mag sein, dass sich die Angestellten von Fabriken, die sich permanent um neue Kunden bemühen müssen, dabei sogar mehr Mühe geben. Das alte Firmenethos freilich, das weitgehend auf dem Stolz auf das eigene Produkt und der Marke basierte, ist damit passe.

Schuld daran ist wieder mal der Computer. Denn erst die Revolution der Mikroelektronik hat dazu gerührt, dass heute vom Taschenrechner bis zur Waschmaschine so gut wie jedes elektrische Gerät von Mikroprozessoren gesteuert wird. Flextronics-Chef Uwe Schmidt-Streier: "Die Leiterplattenherstellung ist inzwischen so weit standardisiert, dass die Fertigung längst nicht mehr nur an ein bestimmtes Produkt gekoppelt ist." Einer modernen Bestückungsanlage ist es egal, ob sie die Chips für Spielekonsolen, Drucker, billige Einwegkameras oder professionelle Netzwerk-Router verlötet. Und ob ein Handy später das Logo von Siemens oder Ericsson trägt, sowieso.

Schrecklich? Sicher, die Wertewelt der Fabrik des 20. Jahrhunderts wird durch die grenzenlose Flexibilität und Austauschbarkeit von Marken und Produkten ganz schön durcheinander geschüttelt. Eine Erkenntnis, die für die Angestellten nicht immer einfach ist. Schmidt-Streier: "Wir bieten keine Identifikation über das Produkt, sondern über die Dienstleistung am Kunden." Dafür machen die Mitarbeiter eine ganz neue Erfahrung. Nämlich die, dass Dienen Spaß machen kann. In Paderborn schlüpften die Angestellten nach der Übernahme durch Flextronics im Planspiel in die Rolle eines Hotelmanagers, um die Revolution in der Fabrikationskultur zu bewältigen. Und Fünf-Sterne-Service ist schließlich das, was auch die Kunden von Flextronics erwarten.