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Es gibt sie schon lange: Aber erst jetzt revolutionieren DVDs, Digitalkameras und Camcorder die Unterhaltungsindustrie.

Eigentlich haben wir die Geschichte schon tausendmal gehört, aber 2003 wird der lange Marsch ins digitale Zeitalter wirklich einen Meilenstein erreichen. In diesem Jahr werden weltweit zum ersten Mal mehr digitale als analoge Geräte verkauft.

Was hat das zu bedeuten? Denken wir mal an das Ende der achtziger Jahre zurück. Damals begann der Todeskampf der Vinyl-Schallplatte. Man war gerade dabei, die Staubbürste über seine Culture-Club-LP zu ziehen und fragte sich, was wohl aus dieser neuen Idee namens Compact Disk werden würde, und plötzlich gab es im Plattenladen nur noch diese neuen Scheiben, die die geliebte Plattensammlung zur Antiquität machten. Klar waren Compact Disks ein bisschen bequemer und leichter aufzubewahren, aber revolutionär waren sie wohl kaum. Man spielte sie genauso auf einer Stereoanlage ab, und der Klang war auch derselbe.

Spulen wir vor ins Jahr 1999, in dem Napster zu einem Erdbeben in der Unterhaltungsindustrie führte. Über Nacht veränderte eine Generation den Musikvertrieb und -konsum, und schob den PC und das Internet in den Mittelpunkt ihrer Kultur. Das war eine wahre Revolution und noch dazu eine, deren Folgen wir gerade erst zu spüren begonnen haben. Napster bezahlte dafür mit der Pleite, aber viele andere Datei-Tauschbörsen haben seinen Platz eingenommen.

Diese zwei Ereignisse, die Compact Disk und der Datentausch, mögen ein Jahrzehnt voneinander getrennt sein, aber sie sind durch die Natur des digitalen Bits unauflösbar miteinander verbunden. Auch wenn es damals niemand wusste, trug die CD den Keim zur Zerstörung der traditionellen Musikindustrie in sich. Digitale Dateien lassen sich nicht nur perfekt kopieren, sondern ermutigen geradezu zur Duplikation. Sie wollen sich fortbewegen, neue Formen annehmen, neue Preise (bis gegen null) und neue Märkte finden - das liegt im Wesen des Virtuellen. Aber digitale Dateien können das nicht allein tun. Wie ein Virus benötigen sie einen Wirt, um sich zu vermehren und auszubreiten.

Die Welt, in die die CD hineingeboren wurde, war weitgehend analog. Digitale Platten konnten nicht viel mehr tun, als den gleichen Weg zu beschreiten wie ihre Vorgänger. Doch über das folgende Jahrzehnt kamen das Internet, der Kompressions-Standard MP3 und das beschreibbare CD-RW-Laufwerk auf den Markt. Zusammen schufen sie eine neue Vervielfältigungsmethode und eine neue Infrastruktur zur Verteilung und Lieferung. Plötzlich waren digitale Musikdateien unabhängig von der Scheibe, auf der sie verkauft wurden. "Rip, Mix, Bum" wurde Apples Werbeslogan, bei dem das wichtigste Wort - tauschen - wahrscheinlich nur aus rechtlichen Gründen weggelassen wurde. Im Jahr 1987 hatte niemand Napster erahnen können, aber wenn Atome zu Bits werden, passieren überraschende und explosive Dinge.

Was für die Musikindustrie die CD war, wird für die Filmindustrie die DVD sein

Der gleiche revolutionäre Wandel steht den anderen Medien für Kunst, Unterhaltung und Kommunikation bevor. Seit der CD ereignete sich der einzige andere bedeutsame Übergang von analog zu digital bei Mobiltelefonen. Innovationen wie SMS waren die Folge. Jetzt wird es drei weitere historische Übergänge geben, die jeder für sich genommen noch größere Konsequenzen haben können.

Der erste Wendepunkt ist die DVD. Wie die CD ersetzte die digitale Videodisk ein allgegenwärtiges analoges Medium, die VHS-Videokassette, anfänglich nur mit etwas besserem Ton und leichterer Bedienbarkeit. Diese Vorteile reichten jedoch für den Sieg. Die Verkaufszahlen für DVD-Player überholten in den USA im September 2002 erstmals die der Videogeräte. Im kommenden Jahr werden die Verkäufe von Spielfilmen auf DVD die von Filmen auf Kassette überholen. Schon heute sieht es in Videotheken ähnlich aus wie in Plattenläden. Die Kassetten werden zunehmend an die letzte Wand gedrängt, einige Läden führen nur noch Disks. Richtig interessant wird es aber erst mit der nächsten Welle: günstige DVD-Player, die auch aufnehmen können. Sie werden nächstes oder übernächstes Jahr auf den Markt kommen und ihn wie die CD-RW-Laufwerke, grundlegend verändern.

Wer wird der Napster der DVD-Welt? Bis jetzt dürfen wir alle noch raten, aber wir werden mit Sicherheit nicht ein Jahrzehnt lang auf die Antwort warten müssen. Die Welt verfügt heute über digitale Netze, inklusive einer wachsenden Zahl privater Haushalte mit Breitband-Internetzugang, außerdem haben digitale Videos bereits einen Brückenkopf im Wohnzimmer erobert: So genannte Personal Video Recorder wie von Tivo nehmen Fernsehsendungen in digitaler Form auf einer Festplatte auf. Ebenso steigt die Zahl digitaler TV-Geräte und digitaler Kabel- und Satelliten-Netze. Ergänzt man diese Mischung um eine neue Version von Napster, scheint es unvermeidlich, dass der Video-Welt ein Erdbeben wie einst der Musikindustrie bevorsteht. Das durch Werbung finanzierte Fernsehen ist bereits in Bedrängnis, denn es ist ganz einfach, Werbespots automatisch herauszufiltern. Videoverleiher werden andere, aber ähnlich bedrohliche Probleme haben.

Der zweite Wendepunkt ist die digitale Kamera. Gegen Ende 2003 werden erstmals mehr digitale als herkömmliche Kameras verkauft werden. Auch hier äfft der Neuling die alteingesessene Technik mit einigen bescheidenen Verbesserungen nach - man fühlt sich an Radiomoderatoren erinnert, die bei Anbruch des Fernseh-Zeitalters vor laufender Kamera vorlasen. Aber digitale Fotografie besitzt bereits das deutlich erkennbare Potenzial, etwas völlig Neues zu schaffen. Die jüngste Generation von Mobiltelefonen etwa verfügt über eingebaute Kameras, die uns einen Vorgeschmack auf wirkliche Telepräsenz vermitteln. Versuchen Sie das einmal mit einem herkömmlichem Film! Wenn die Kosten gegen null gehen, wie das bei digitaler Fotografie der Fall ist, wandelt sich das Verhalten. Wir betreten eine Ära, in der dank günstiger und allgegenwärtiger Kameras fast jede Wahrnehmung aufgenommen werden kann. Man sollte sich nur einmal die Konsequenzen für die Geschichtsschreibung vor Augen halten.

Mit einem Camcorder kann jeder zum Filmemacher werden - Hollywood ade!

Der dritte Meilenstein schließlich sind die Camcorder. In 2003 werden digitale Recorder ihre analogen Vorgänger abhängen. Mit ihnen kann man zu Hause digitale Videos auf einem PC bearbeiten, und Produktionstechniken wie Filmmusik und Spezialeffekte, die bislang Hollywood vorbehalten waren, rücken in greifbare Nähe. Außerdem kann man das Resultat ebenso wie digitale Bilder mit anderen im Internet teilen und tauschen.

Heute ist die Indie-Filmszene ein Nischenmarkt für Besucher von Filmfestspielen, aber sobald irgend jemand mit Talent einen Film nicht nur machen, sondern auch selbstständig übers Internet vertreiben kann - wer weiß, wie sich die Filmindustrie ändern wird? Im kommenden Jahrzehnt werden Radio und Antennen-Fernsehen - die letzten zwei analogen Bastionen - ebenfalls von der digitalen Hut überschwemmt werden. Dann stehen auch dort unerwartete Revolutionen ins Haus: Die Umwandlung winziger Atome in kleine Bits hat große Konsequenzen.