Partner von
Partner von





Die EU-Erweiterung eröffnet neue Märkte – und bringt eine Menge politischer Herausforderungen mit sich. Eine Rundreise durch Mittel- und Osteuropa.

Steht ganz Mitteleuropa dank der EU-Erweiterung auf der Gewinnerseite, ganz Osteuropa auf der Verliererseite? Ganz so einfach ist es nicht, aber ein kurzer Vergleich zwischen Brno, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, und Constanta, der drittgrößten Stadt Rumäniens, vermittelt eine Vorstellung von der Kluft, die sich auftut.

Der Durchschnittslohn in Brno wird im kommenden Jahr bei 400 Euro im Monat liegen, Tendenz steigend; in Constanta werden im Mittel 60 Euro im Monat gezahlt, ohne Aussicht auf Gehaltserhöhung. Die gotische Kathedrale zu Brno und seine Plätze aus dem Barock werden langsam restauriert, während Constantas römische Ruinen, Moscheen aus ottomanischer Zeit und die funktionalen Villen aus den zwanziger Jahren nur noch von Ratten bewohnt werden.

Brno ist an ein hochmodernes Fernstraßennetz angeschlossen, über das seine Bewohner in ihre Ferienhäuser aufs Land oder in das nahe gelegene Wien flitzen. Die Stadt ist weder reich noch besonders arm. Die Krankenhäuser und ihre Ausstattung entsprechen durchaus dem EU-Standard, die Schulen sind oft sogar besser.

Zugegeben, auch in Constanta gibt es Lichtblicke. Der Hafen, der weit ins spiegelglatte Schwarze Meer hinausragt, wirkt belebt und halbwegs aufgeräumt. An der Hauptstraße findet man Handy-Läden und entlang den Ausfallstraßen vereinzelt auch Supermärkte und Autohändler. Aber in Constanta möchte man lieber nicht krank werden. Und auch nicht in der Abenddämmerung zwischen Rudeln wilder Hunde unterwegs sein.

Constantas Situation ist ein Spiegelbild geopolitischer Realitäten. Brno wird voraussichtlich 2004 auf EU-Territorium liegen, Constanta muss darauf wohl bis 2007 warten. Die EU-Beitritts-Nachzügler Rumänien und Bulgarien werden im Jahr 2003 dank ihres engen Verhältnisses zu den USA und ihrer Nato-Mitgliedschaft zumindest ein Stück näher an den Westen heranrücken. Schließlich haben Rumänien und Bulgarien seit dem 11. September 2001 Washingtons Krieg gegen den Terrorismus unerschütterlich unterstützt.

Aber wie wird es im Jahr 2003 weitergehen? Hier ein paar begründete Spekulationen:

Rumänien und Bulgarien: Die Allianz wird beide Länder misstrauisch in ihren Kreis aufnehmen, sich aber beim Austausch von Geheimdienst-Informationen und Rüstungskäufen bedeckt halten. Exporte aus beiden Ländern, insbesondere Autos der rumänischen Marke Dacia, nehmen zu. Undurchschaubare Deals mit dem Nahen Osten bringen zusätzliche Devisen ein. Aber unter dem Strich wird das alles nicht ausreichen, um die klügsten Köpfe in beiden Ländern von der Abwanderung nach Westeuropa abzuhalten.

Die polrusche Regierung setzt auf die EU, hat aber sonst wenig Perspektiven

Polen: Das neue Jahr wird für den wankenden Riesen in der europäischen Staatengemeinschaft hart. Die Regierung aus ehemaligen Kommunisten um Leszek Miller legt sich bei allen wichtigen Fragen nicht fest - außer beim Beitritt zur EU. In diesem Punkt redet Warschau Klartext, nicht zuletzt deshalb, weil Miller sein politisches Überleben auf ein Ja zur EU in der bevorstehenden Volksabstimmung verwettet hat.

Zu erwarten ist, dass sich Polen auf schlechtere Bedingungen für seinen Beitritt einlässt als die, die für andere EU-Staaten gelten - die Regierung wird dafür eine Menge Kritik einstecken müssen, vor allem wegen der Abkommen zur Agrarpolitik und zur Bewegungsfreiheit seiner Bürger. Miller wird dennoch sein Ja-Wort bekommen, weil ihm die klare Unterstützung von Papst Johannes Paul II. und die unermüdliche Wahlhilfe von Polens Präsident Aleksander Kwasniewski die Mehrheit sichern.

Dennoch wird es ein Pyrrhus-Sieg. In der Folge ist Polen gespaltener denn je - zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land. Viele Bürger, vor allem Landbewohner, suchen Trost in den Armen rechtsextremer Populisten. An ihrer Spitze: der Aufwiegler Andrzej Lepper, der eine entschlossene, aber letztlich erfolglose Revolte der polnischen Bauern gegen Warschau anstachelt.

Polens Wirtschaft stagniert. Der Zloty verliert weiter an Wert, während Investoren vor dem EU-Referendum zittern. Die Arbeitslosenquote verharrt bei 20 Prozent. Bemühungen, die defizitäre Schwerindustrie umzustrukturieren, werden nur halbherzig angepackt. Die Lust auf Importe und unvernünftig hohe Ausgaben bescheren dem Land eine ungesunde Handelsbilanz. Außerdem bleibt weiterhin unklar, was genau Polen exportieren will, um den Lebensunterhalt seiner knapp 39 Millionen Einwohner sicherzustellen. Dennoch bleibt Warschau die dynamischste Stadt der Region, und die Polen können sich damit trösten, dass ihre Stimme in der EU zählt.

Ungarn und die Tschechische Republik: Diese beiden Staaten haben es deutlich leichter. Sie unterzeichnen harte, aber politisch akzeptable Beitrittsabkommen. Währenddessen ringt Ungarn weiter mit seiner Vergangenheit. Mitglieder der Regierung um Peter Medgyessy - Ex-Kommunisten wie in Polen - dürfen Absolution für ihre Sünden erwarten, denn bald wird sich zeigen, dass Mitglieder der konservativen Opposition ebenso mit der Staatssicherheit kollaborierten.

Die Tschechen beheben derweil ihre Flutschäden und treiben mit Macht den wirtschaftlichen Aufschwung voran. Die klügsten Köpfe in Brno bleiben zu Hause und nehmen sogar Hypotheken auf. Tschechien bleibt erste Wahl für ausländische Investoren, solange es um Anlageobjekte geht, die nicht in Ufernähe liegen. Ein wenig Glanz aber geht verloren: Vaclav Havel, der Schriftsteller, Philosoph und langjährige Landesvater, wird zurücktreten und durch einen gesichtslosen Niemand abgelöst, der den Respekt der tschechischen Wähler vor ihren Institutionen weiter untergräbt.

Die neue slowakische Regierung ist genauso korrupt wie die alte

Slowakei: Sie strauchelt im Jahr 2003, wird jedoch nicht fallen. Eine neue Regierung schlägt noch populistischere Töne an als ihre Amtsvorgänger - und ist genauso korrupt. Aber weil es weniger staatseigene Betriebe gibt, die sich ausplündern lassen, und weil Menschenrechts-Organisationen ein wachsames Auge auf die Regierung in Bratislava werfen, findet die Slowakei langsam den richtigen Weg.

Slowenien: Auf diesen Kleinstaat an der Adriaküste sollte man achten. Italiens östlicher Nachbar erklärte als einer der ersten Nachfolgestaaten des alten Jugoslawiens seine Unabhängigkeit und hat sich das politische Modell West-Europas so problemlos angeeignet, dass seine 45 Jahre unter kommunistischer Knute nur noch wie ein böser Traum erscheinen.