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Die Fortschritte der Biotechnologie, vor allem in der Hirnforschung, werden unser Denken verändern – auch das über uns selbst.

Bislang waren Stammzellen, Embryonen und Klonen die großen Themen der Biotechnologie. Die nächste große Herausforderung ist die Erforschung des Gehirns und des Nervensystems - der Grundlagen des Menschseins also. Und ihre Folgen werden weitreichender sein als alle durch das Genom-Projekt zusammengekommenen Ergebnisse. Gehirn-Scans beispielsweise, die Hirnfunktionen von Individuen messen und kartografieren, werden erste Anwendung als diagnostische, später als Werkzeuge mit Prognose-Kraft erfahren: Mit ihrer Hilfe könnten Arbeitgeber vorhersehen, ob Mitarbeiter an Depressionen leiden werden, zu Gewalttätigkeit neigen oder schlicht die kognitiven Fähigkeiten besitzen, die für einen hoch technisierten Arbeitsplatz nötig sind.

Und je mehr sich die Methodik durchsetzt, je leichter das Spektrum von biologischen und psychologischen Daten eines Menschen zugänglich wird, desto größer werden die Begehrlichkeiten. Nicht nur Arbeitgeber, auch die Polizei, ehemalige Partner, Erpresser und andere werden sie für sich nutzen wollen. Das wird eine nie da gewesene Diskussion darüber auslösen, wie der Einzelne Informationen über sich schützen kann, von denen bislang niemand annehmen konnte, dass sie überhaupt einmal zugänglich sein würden.

Sportereignisse - etwa die Olympischen Spiele in Athen 2004 - werden das Bewusstsein der Öffentlichkeit auf die moralischen Probleme der Neuropharmakologie lenken: Wie können wir uns durch die Einnahme von Substanzen verändern? Die Antwort auf eine der grundsätzlichen Fragen, nämlich was das natürliche Talent eines Athleten ist, wird verschwimmen. Selbstredend - die Einnahme künstlich hergestellter Drogen ist nachweisbar und verboten. Aber wie sieht es mit natürlichem genetischen Material aus, das schon in ein paar Jahren in jedermann Medizinschrank stehen könnte?

Dieser Wettlauf mit dem Fortschritt ist jetzt schon außer Kontrolle geraten. Mäusen werden Gene gespritzt, die ihre Muskeln um 60 Prozent wachsen lassen und den altersbedingten Muskelschwund verhindern. Die Substanzen hinterlassen keine Spuren und sind in Tests nicht nachweisbar, da sie das Verhalten körpereigener Substanzen nachahmen. Bei Athleten und Trainern ist das Interesse an solchen Stoffen bereits heute schon sehr groß.

Derlei Möglichkeiten werfen neue Fragen auf: Sollte man Biotechnologie auch für kosmetische Verbesserungen nutzen oder nur zu therapeutischen Zwecken? Das beginnt mit der Überlegung, ob Leistungssportler nicht einfach die pharmakologische Leistungssteigerung als gegeben hinnehmen und in Zukunft darum wetteifern sollten, wer das bessere Pharmakologen-Team hat. Traditionalisten werden argumentieren, dass es Athleten um die Perfektionierung natürlicher Fähigkeiten gehen sollte, während Fortschrittsgläubige dagegenhalten werden, dass die Natur ein veraltetes Konzept ist. Viele Sportler werden pragmatisch denken und alles willkommen heißen, das ihnen einen Wettbewerbsvorteil verschafft.

Diese Entwicklungen werden jedenfalls nicht auf den Sport begrenzt bleiben, sondern auch unser Arbeitsleben betreffen. Wenn Menschen erkennen, dass ihnen neue Medikamente die Möglichkeit eröffnen, 48 bis 72 Stunden am Stück ohne Schlaf auszukommen, werden sie sie verwenden. Diese Option würde in ohnehin höchst wettbewerbsorientierten Gesellschaften den Konkurrenzkampf weiter verschärfen.

China wird Embryos klonen

Die Biotechnologie wird noch aus einem anderen Grund im Fokus bleiben: Die Genforschung wird immer mehr zum globalen Thema. Und das wird den ethischen Graben zwischen den USA und Europa nicht nur vertiefen, sondern einen neuen aufwerfen: den zwischen dem Westen und Asien. China wird das erfolgreiche Klonen menschlicher Embryos bekannt geben und damit moralisches Chaos in den Vereinigten Staaten und Europa auslösen. Neben China haben Singapur und Südkorea die westlichen Beschränkungen bei der Biotechnologie als Chance für ihre eigenen Forscher erkannt. Sie werden Stammzellen und Embryonen-Forschung ebenso wie Agrar-Biotechnologie vorantreiben. Die Vereinten Nationen werden den gemeinsamen Vorschlag Deutschlands und Frankreichs diskutieren, menschliches Klonen zu Fortpflanzungszwecken zu verbieten - ein Konzept, das in Asien mit Ausnahme Japans herzlich wenig Unterstützung finden wird.

Die gesetzlichen Regelungen hinken weiter dem Fortschritt der neuen Technologie hinterher. Allerdings werden sie zumindest in Teilbereichen Schritt halten können. So wird Kanada umfangreiche Gesetze erlassen, um Embryo-Forschung und Fortpflanzungs-Genetik zu regulieren. Australien und Frankreich werden wenigstens einige wichtige rechtliche Weichen stellen.

In den USA indes kommt die Debatte zwischen den Befürwortern von Stammzellen und Embryo-Forschung und der Right-to-Life-Bewegung nicht vom Fleck. Weder die eine noch die andere Gruppe wird genügend Unterstützung finden, um ihren Standpunkt durchzusetzen. Damit wird die so dringend erforderliche Reform des Aufsichtswesens und der gesetzlichen Rahmenbedingungen der menschlichen Biomedizin weiterhin ausbleiben.

Genmanipulierte Lebensmittel überall

Mehr noch als bisher müssen wir uns im kommenden Jahr auf jede Menge Schwierigkeiten bei der Patentierung genetischer Entdeckungen einstellen. Der steigende Bedarf nach Schutz von geistigem Eigentum wird auf die beschränkten Kapazitäten und Fähigkeiten der Patentämter stoßen. Die Ämter werden heillos überfordert sein.

Die Debatte um den Einsatz von Biotechnologie in der Landwirtschaft wird sich ebenfalls verschärfen. 2002 lehnte eine Reihe von Hungersnöten bedrohter afrikanischer Länder amerikanische Lebensmittelhilfe ab, da die Nahrung genetisch modifiziert (GM) war. Den Widerstand gegen solche Lebensmittel konnte man bisher als europäische Egozentrik betrachten - nun hat sie wahrlich katastrophale Folgen für die Dritte Welt. In den kommenden Jahren werden die verschärften europäischen Deklarierungsbestimmungen für GM-Lebensmittel zudem immer mehr mit der Realität in Konflikt geraten. Denn Staaten wie Argentinien und Brasilien haben längst große Mengen von genetisch verändertem Getreide angebaut und exportiert. Und ein Teil davon ist auch in die europäische Nahrungskette gelangt.

Zu guter Letzt ist Bioterrorismus ein Thema. Die Möglichkeit, gefährliche Viren und Krankheitserreger herzustellen, ist in der Biotech-Industrie mittlerweile so verbreitet, dass Angriffe mit furchtbaren Folgen nur eine Frage der Zeit sind. Ob wir eine solche Attacke allerdings schon im nächsten Jahr erleben werden, ist eine Frage, die nur die Terroristen beantworten können.