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Von der Verflüchtigung der Fantasie

Mit ihrem Entwurf für ein neues Urheberrecht hat sich Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin bei den Verlegern keine Freunde gemacht. Darüber und über den Zusammenhang von Unternehmensgröße und Kreativität sprach brand eins mit Nikolaus Hansen, Chef des neuen Mare-Buch-Verlags.




brand eins: Die Verleger laufen Sturm gegen den Plan der Bundesjustizministerin, die Rechte der Urheber zu stärken. Gönnen Sie Autoren nicht ein paar Mark mehr, Herr Hansen?

Hansen: Das ist keine Frage des Geldes: Natürlich sollen Autoren und Übersetzer angemessene Honorare bekommen. Was angemessen ist und was nicht, darüber sollen sich nach Vorstellung von Frau Däubler-Gmelin die Verbände einigen. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Der für mich entscheidende Punkt aber ist, dass der Entwurf für ein neues Urheberrecht ein in Jahrzehnten gewachsenes komplexes Verhältnis zwischen Autoren und Verlegern zu zerstören droht.

Warum?

Die Novelle sieht nicht nur ein angemessenes Honorar vor - was, wie gesagt, völlig in Ordnung ist-, sondern sie billigt neben anderen Kuriositäten den Urhebern und auch deren Erben ein rückwirkendes Einspruchsrecht zu. Das bedeutet, wenn beispielsweise vor 20 Jahren eine Beteiligung von zehn Prozent am Verkaufspreis eines Buches vereinbart wurde und ein Gericht heute entscheidet, zwölf seien angemessen, muss nachhonoriert werden. Damit wird jeder abgeschlossene Vertrag zu einem unkalkulierbaren Risiko. Solche Risiken können kleine und mittlere Verlage kaum eingehen; allein der mit solchen Regelungen verbundene bürokratische Aufwand ist unzumutbar.

Wäre ein Mindestlohn für Schriftsteller, die am Rande des Existenzminimums leben, nicht sinnvoll?

Die Vorstellung, das Verhältnis zwischen Verlegern und Urhebern sei eines zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, ist doch Unsinn. Historisch handelt es sich um ein Bankgeschäft: Verlegen kommt von vorlegen. Der Verleger übernimmt das Risiko für ein Projekt, der Autor bekommt einen Vorschuss und wird später am Erfolg beteiligt. Das Bild mit der Bank ist allerdings etwas schief, weil Literatur mehr mit Leidenschaft zu tun hat als mit Geld; gerade ambitionierte Verleger beuten sich in hohem Maß selbst aus. Ich bin aber sicher, dass das, was die Justizministerin plant, keinen Bestand haben wird - auch, weil es den Interessen vieler Autoren widerspricht.

Warum sollten die Autoren an der Stärkung ihrer Position kein Interesse haben?

Weil etliche Schriftsteller ohne die heute übliche Mischkalkulation in den Verlagen nicht veröffentlicht würden. Mit Büchern, die sich gut verkaufen, werden wichtige andere, aber weniger gut verkäufliche Werke mitfinanziert. Diese Form der Literaturförderung funktioniert aber eben nicht mehr, wenn jeder Autor alles abschöpft, was für ihn persönlich und sein Buch drin ist. Dann wird bald überall so verfahren wie bei jenen Verlagen, die möglichst ausschließlich Gewinn bringende Titel ins Programm nehmen - keine schöne Aussicht.

Auch ohne neues Urheberrecht sieht es aus, als übernähmen die Controller die Macht. Bertelsmann, Holtzbrinck und Co. haben fast alle unabhängigen Verlage geschluckt.

Allerdings wird die Rechnung meiner Ansicht nach nicht aufgehen. Die Renditen, von denen man in den Konzernen träumt, sind beim Geschäft mit Büchern langfristig nicht zu erzielen. Ich hoffe sehr, dass die Großen das erkennen und nicht noch den letzten unabhängigen Verlag aufkaufen. Die Größe eines Unternehmens und die Verflüchtigung der Fantasie seiner Mitarbeiter stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang - und Fantasie ist die Grundlage des Verlagswesens. Man kann das Geschäft mit Büchern nicht bis ins Letzte steuern. Glücklicherweise.

Haben Sie deshalb die Seite gewechselt? Sie gehörten als Rowohlt-Geschäftsführer ja selbst zu den Großen.

Ich bin froh, wieder für einen überschaubaren Verlag verantwortlich zu sein. Ich mag den unmittelbaren Kontakt zu Autoren, will Bücher von der Idee bis ins Regal des Händlers begleiten. Bei Rowohlt mit 600 Neuerscheinungen im Jahr und 150 Angestellten bleibt nicht mehr viel Zeit für Autorengespräche und Manuskriptlektüre, da ist man eher Manager denn Verleger.

Im Mare-Buch-Verlag sollen Bücher erscheinen, die mit dem Meer zu tun haben. Können Kleine nur noch in Nischen überleben?

Was wir uns gesucht haben, ist gerade keine Nische, sondern eine thematische Fokussierung, die es ermöglicht, ein volles Verlagsprogramm zu machen. Es gibt - vielleicht mit Ausnahme der Religion - kein Thema, das so "groß", so allumfassend, so allgegenwärtig ist wie das Meer. Schließlich bedecken die Ozeane zwei Drittel der Erdoberfläche, alles Leben hat seinen Ursprung in ihnen. Man kann das Thema sachlich oder metaphorisch angehen, wissenschaftlich, belletristisch, in Form von Reiseführern, Kochbüchern oder Biografien.

Gibt es denn genügend Fans des Maritimen?

Wir wenden uns nicht an "Fans des Maritimen", sondern an Menschen, die der Kulturraum Meer als Bezugsgröße für jedwedes Thema interessiert. Dass es von ihnen viele gibt, davon bin ich überzeugt, der Erfolg der Zeitschrift "Mare" zeigt das. Das Meer ist einer der letzten unbeherrschbaren Räume. Man kann es nicht domestizieren, deshalb fasziniert es so viele Menschen. Ein Beispiel für das, was wir machen werden: Es gibt eine in angelsächsischen Ländern populäre, bei uns weithin unbekannte Kulturgeschichte des Schwimmens. In der englischen Romantik spielt das Sich-Ausliefern an ein unbeherrschbares Element eine bedeutende Rolle. Es ist kein Zufall, dass mit Ausnahme von Lord Byron fast alle Romantiker beim Durchschwimmen diverser Meerengen ertrunken sind. Diese Kulturgeschichte ist eines der ersten Bücher, das bei uns erscheinen wird.