Partner von
Partner von





Im italienischen Prato blüht die Textilwirtschaft. Das verdankt sie nicht dem einheimischen Fleiß, sondern dem Einsatz chinesischer Migranten. Die sind nicht willkommen, aber trotzdem nützlich.

Deng ist ein Chinese um die 40. Mittags läuft er durch Prato, wo er andere Chinesen trifft. "Arbeitest du?", rufen sie. Oder: "In Brescia suchen sie Leute." Alle warten auf das Piepen ihrer Mobiltelefone. Deng wird sich noch bis Mitternacht gedulden müssen. Dann ruft ein Fabrikbesitzer an: Gerade hat ein Kunde Stoffballen abgeliefert, bis morgen Abend müssen 30 Jacken fertig sein. Deng und fünf Kollegen werden durcharbeiten.

Die Prateser Textilindustrie reicht bis ins Mittelalter zurück, sie ist mit 9000 Finnen und 45 000 Angestellten die bedeutendste in Europa. In den neunziger Jahren, als die italienische Textil- und Modebranche insgesamt auf Talfahrt ging, eröffneten in Prato hunderte kleiner Konfektions- und Strickfirmen. Heute stammen 15 bis 20 Prozent aller italienischen Modeexporte aus Prato. Diesen Boom verdankt die italienische Kleinstadt den Chinesen.

In der vergangenen Dekade sind etwa 1,5 Millionen Chinesen aus der Volksrepublik ausgewandert. In Prato sind mehr als 8000 offiziell registriert, rund 4000 Illegale kommen dazu. Das macht fünf Prozent der Gesamtbevölkerung und ist damit die höchste Konzentration chinesischer Migranten in ganz Europa. Das Industriemodell des so genannten Dritten Italien, die Netzwerke kleiner, flexibler und hoch spezialisierter Betriebe, die in den siebziger Jahren zum Rückgrat der italienischen Wirtschaft wurden, eignet sich bestens für die Neuankömmlinge. Sie müssen nur eine Werkhalle anmieten und ein paar Zuschneidetische und Nähmaschinen anschaffen. Heute gibt es allein in Prato mehr als 1100 chinesische Unternehmen. Die meisten von ihnen sind Zulieferbetriebe, in denen zwischen fünf und neun Angestellten kleinere Mengen Hosen, Hemden und Handtaschen fertigen.

"Vor der Ankunft der Chinesen machte unsere Konfektions- Strick- und Lederindustrie einen jährlichen Umsatz von 400 Millionen Mark. Heute sind es zwei Milliarden Mark. Insgesamt wird 75 Prozent der hiesigen Konfektion von Chinesen gemacht", sagt Franscesco Toccafondi von CGIL, der größten italienischen Gewerkschaft. "Sie haben keine Industriearbeitsplätze weggenommen, sie haben die Heimarbeit ersetzt. Und vom Boom der asiatischen Betriebe profitieren jetzt auch italienische Firmen. Denn die Chinesen verrichten die Arbeit, die italienische Arbeiter nicht mehr machen wollen. In der Konfektion findet man Italiener nur noch im Design, im Marketing und im Vertrieb." Die neuen Zuwanderer stellen die flexible und billige Arbeitskraft, und sie sind es, die die italienische Modeindustrie im globalen Wettbewerb erst konkurrenzfähig machen. Insbesondere im unteren und mittleren Marktsegment, bei der so genannten pronto moda, sind Schnelligkeit, Flexibilität und Preis alles. Die Unternehmen müssen sofort auf neue Trends reagieren, nach den großen Modeschauen werfen sie in kurzer Zeit deren tragbares Fazit auf den Massenmarkt. Ein italienischer Hersteller, der es mit Produzenten aufnehmen will, die einer Näherin in Südchina 40 Pfennig pro Hose zahlt, muss sich etwas einfallen lassen. Zum Beispiel deren Schwester in Italien beschäftigen.

"Chinesen arbeiten und denken nicht an die nächsten Ferien, sondern an noch mehr Arbeit", sagt ein italienischer Produzent, der nicht genannt werden möchte. "Sie sind drei- bis viermal schneller als Italiener und dazu noch 20 bis 30 Prozent billiger." Für einen Lammfellmantel braucht ein italienischer Arbeiter um die sechs Stunden, Chinesen schaffen es in der Hälfte der Zeit.

14 bis 16 Stunden dauert ein normaler Arbeitstag in den chinesischen Betrieben in der Toskana, gearbeitet wird an sechs, manchmal sieben Tagen die Woche, die Arbeiter wohnen und essen in der Fabrik. Flaut das Geschäft ab, machen die Betriebe zu. Kündigungsschutz oder Mutterschaftsurlaub sind unbekannt. Wird ein Arbeiter krank oder will kürzer treten, ist er schnell seinen Job los - es gibt genug andere. Noch härter sind die Arbeitsbedingungen in den rund 600 chinesischen Mini-Betrieben bei Neapel. In Dörfern wie San Giuseppe Vesuviano sind 18-Stunden-Tage die Norm.

Die meisten chinesischen Betriebe verstoßen massiv gegen europäisches Arbeitsrecht. Wang Jianhui, der in einem Betrieb in Neapel arbeitet, bittet: "Stellvertretend für alle Chinesen hier, müsst ihr schreiben, dass wir sehr wohl arbeiten wollen - aber nicht so lange. 18 Stunden Arbeit, vier bis sechs Stunden Schlaf: Wie lange kann man das aushalten?" Aber ganz so einfach, wie es die Kurzformel "Ausbeutung" suggeriert, ist es nicht.

Denn viele chinesische Migranten sind nicht nur Opfer gewissenloser Fabrikbesitzer, sie treffen bewusste Entscheidungen. Den meisten Neuankömmlingen, die illegal im Land sind und des Italienischen nicht mächtig, erscheint es sinnvoll in einem chinesischen Betrieb zu arbeiten und dort auch zu wohnen. Die langen Arbeitstage nehmen sie in Kauf, denn oberstes Ziel ist es, viel Geld zu verdienen und die Ausgaben niedrig zu halten. Später, wenn sie ihre Aufenthaltsgenehmigung haben, machen viele eine eigene Werkstatt auf. Oder wechseln zu italienischen Arbeitgebern. Dort verdienen sie zwar oft weniger und müssen höhere Steuern abführen, können aber in einer eigenen Wohnung leben und haben mehr Freizeit und Sicherheit. Ein Arbeiter erzählt, er sei sofort in einen italienischen Betrieb gewechselt, nachdem er seine Aufenthaltsgenehmigung erhielt. "Ich dachte, so könnte ich meine Frau schneller aus der Volksrepublik rausholen." Vergangene Woche ist sie in Italien angekommen. Nun wird sie auch in einem italienischen Betrieb einsteigen.

Provinzregierung und Industrieverbände versuchen, chinesische Arbeiter über ihre Rechte aufzuklären und legen Firmenbesitzern nahe, italienische Arbeitsbestimmungen einzuhalten. Dabei baut man auch auf die Regierung der Provinz Wenzhou, aus der die meisten Migranten kommen - und in der von offizieller Seite Nähkurse angeboten werden, die den Start in Italien erleichtern sollen. In einem Dokument der Prateser Provinzregierung heißt es: "Der politische Dialog (zwischen der Gemeinde Prato und Wenzhou) ist (...) notwendig, um uns die horrenden Kosten einer sozial unerwünschten, aber für unsere Wirtschaft notwendigen Präsenz auf unserem Territorium zu ersparen."