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Schmierige Lage

Dies ist eine Geschichte, die von der Suche nach der Wahrheit handelt. Oder von der Suche nach einem, dem man Glauben schenken kann. Es geht um die Rolle eines Multis, Shell, und um seine Ölfelder in Nigeria. Es geht um die Rolle der Einwohner des Nigerdeltas, der Ogoni, und um die der Regierung in Abuja. Und es geht um eine Ölquelle, die über Nacht ganze Felder verwüstet hat. Und darum, dass es in einem Land wie Nigeria schwer ist zu entscheiden, wer auf welcher Seite steht.




Die Nacht vom 29. April 2001 war nicht schwärzer als andere Nächte über dem Ölfeld von Yorla im sumpfigen Niger-Delta. Aber offenbar schwarz genug für den bösen Unbekannten, der am Weihnachtsbaum von Quelle 10 gedreht hat. Bis es bumm! gemacht hat, dann zisch!, aber so richtig, und das heiße Öl in den Himmel geschossen ist und die Nacht noch schwärzer wurde. Ein Weihnachtsbaum ist das Ventil eines Ölbohrturms, weil es so aussieht, na, wie eine Tanne eben, nur aus Stahl. Aus rostendem Stahl, aber dazu später.

Nun galt es den Schuldigen für die Sauerei zu finden, denn so ein paar Millionen Liter Rohöl, über vormals grüne Palmen und Cassavafelder verteilt, sind etwas Unschönes, auch auf einem Kontinent so groß und egal wie Afrika.

Nigeria ist reich an Erdöl. Es könnte ein reiches Land sein. Doch der Reichtum versickert. In der Erde. Und bei den Mächtigen.

Da die Polizei in Nigeria nicht für Verbrechen zuständig ist, zumindest nicht für ihre Aufklärung, ist dies das Protokoll einer unabhängigen Tätersuche, bei der nur eines klar ist: Der Konzern, um dessen Ölfelder es geht, heißt Shell, ist die zweitgrößte Ölfirma der Welt und hat im vergangenen Jahr satte 13,1 Milliarden Dollar Umsatz gemacht, 85 Prozent mehr als 1999.

Die Suche nach dem oder den Täter(n) beginnt mit einer Bootsfahrt mit Kapitän Moses, durchs Flussdelta. Zur Einstimmung und für den Hintergrund: Moses trägt eine pechschwarze Sonnenbrille und ist ein fieser Typ, aber das ist wohl jeder an der heruntergekommenen Hafenpier von Port Harcourt, der größten Stadt des Deltas. Lauter nette Angebote flüstern sie einem hier zu, Kalashnikovs für zehn Dollar und Zehnjährige ("noch unbehaart!") für alles. Außerdem eben Bootsfahrten durch das Niger-Delta, dieses nasse Ungetüm aus 70000 Quadratkilometern Flussarmen und Mangrovensümpfen, das wie eine gigantische Muschel in den Golf von Guinea ragt. "Nach Bonny Island? Let's go", sagt Moses, schmeißt seinen 75-PS-Kawasaki-Außenborder an, und wir jagen los, in den Wasserdschungel.

Das Erdöl wurde im Delta Ende der fünfziger Jahre entdeckt, beste Qualität, schwefelarm. Das war ärgerlich für die Briten, die Nigeria, ihr Kolonialgebilde aus 400 verschiedenen Stämmen (und Sprachen), gerade fallen gelassen hatten, in die Unabhängigkeit. Die neuen Herrscher konnten ihr Glück nicht fassen und verschacherten die Bohrrechte an ausländische Konzerne, allen voran Shell. Heute ist Nigeria Mitglied der OPEC und der zehntgrößte Erdölexporteur der Erde.

Was nicht zu übersehen ist. Alles dabei, auf der Spritztour in Moses' Fiberglas-Kahn: steuerbord zwei fette Öltanker, backbord orange-stählerne Bohrinseln, dazu Pipelines und riesige Flammen, dort wird Gas abgefackelt. Und wieder Öltanker, Wracks, halb und quer im Wasser versunken. "Das geschah letztes Jahr und noch mal im Februar", erzählt Moses. "Unfälle, haben sie gesagt. Wer? Na, Shell." - "Was, alle diese alten Tanker haben an derselben Stelle einen Unfall und sinken?" - "Tja, komisch, was?" Moses grinst. Am Ufer tauchen Schilfhütten auf, ein Dorf.

Nigeria ist mit 123 Millionen Menschen das volkreichste Land Afrikas, es könnte auch das reichste Land sein, aber es ist nur das Land mit den reichsten Herrschern. Ihre Gier ist es, die das Land zusammenhält. Gut 90 Prozent der nigerianischen Deviseneinnahmen kommen aus dem Delta, von jedem Fass Rohöl (159 Liter oder ein Barrel) muss die Regierung nur 5,50 Dollar den Konzernen überlassen, der Rest geht an sie. Kein schlechter Deal bei Weltmarktpreisen von bis zu 25 Dollar pro Barrel. Die Glitzerbauten in Lagos und der neuen Hauptstadt Abuja verraten, wo das Geld landet. Zurzeit baut die Regierung ein Nationalstadion, für schlappe 332 Millionen Dollar.

In den Dörfern des Deltas, in dem sieben Millionen Menschen leben, ist von dem schönen Geld nicht viel zu sehen. Schulen, Krankenhäuser oder Strom gibt es kaum. Nicht mal auf Bonny Island, das Moses nach einer Stunde wahnsinniger Fahrt erreicht. Hier saugen die Hochseetanker das Rohöl aus den Pipelines und bringen es über den Atlantik. Direkt neben den Hightech-Anlagen leben die Einheimischen, nur durch meterhohe Stacheldrahtzäune vom Öl getrennt, im Dreck.

So viel zum Setting für die Suche nach Gut und Böse. Die SPDC, ein Ölkonsortium, an dem Shell beteiligt ist, zieht jeden Tag zwei Millionen Barrel Rohöl aus dem Niger-Modder. Tag und Nacht brummen und gurgeln 1000 Fördertürme, 6000 Kilometer Pipelines und 87 Pumpstationen im ganzen Delta.

Wem das Öl gehört? Die Ogonis sagen: uns. Die Regierung sagt: uns. Im Kleinkrieg ist ein Menschenleben wenig wert.

Im ganzen Delta? Nein! Einige kleine Dörfer, bewohnt von 500 000 widerspenstigen Ogonis, wehren sich noch immer gegen den Besatzer, der die Menschen ausbeutet und ihre Flüsse und Äcker verseucht. Im Jahre 1993 erhob sich das kleine Volk von Bauern und Fischern, geführt von einem Dichter. Die Ogonis meinten: "Das Öl gehört uns!" und vertrieben den großen Multi. Zwei Jahre später nahm Shell Rache und ließ zu, dass die Militärherrscher des Landes den Dichter Ken Saro-Wiwa und acht seiner Mitstreiter hinrichteten. Seitdem ist das Verhältnis zwischen dem Öl-Goliath und den Sumpf-Davidianern endgültig zerrüttet und die Welt um einen Märtyrer reicher.

So weit die politisch korrekte Licht-gegen-Finsternis-Version der international Gutes Tuenden, vorneweg Greenpeace und Amnesty International. Aber nur weil sie etwas romantisch und simpel klingt, muss sie nicht falsch sein.

Zweierlei ist seitdem geschehen, was für das Verbrechen am Weihnachtsbaum von Quelle 10 von Belang ist. Zum einen haben die Shell-Bosse in Amsterdam und London entschieden, dass ihr Firmen-Image ein moralisches Lifting braucht und dass daher ein paar extra Petrodollars für Entwicklungsprojekte in den verarmten Delta-Dörfern eine sinnvolle Investition wären.

Zum zweiten ist geschehen, dass nichts geschehen ist mit den Ölfördereinrichtungen, die Shell 1993 so überstürzt hinterlassen musste und seitdem nicht gewartet hat. Die Pipelines und etwa hundert Bohrtürme rosten. So kommt es immer öfter zu Lecks, schleimig-schwarzen Schweinereien. Ogonis und Shell geben sich gegenseitig die Schuld dafür. Shell soll herkommen, sagen die Ogonis, die Pipelines reparieren und die Quellen versiegeln. Würden wir ja gern, heißt es bei Shell, aber die Ogonis würden unsere Mitarbeiter angreifen oder kidnappen. Kann passieren, sagen die Ogonis, immerhin schuldet Shell uns noch ein paar Milliarden Dollar kommunale Gewerbesteuer. Außerdem wolle Shell bloß heimlich die Produktion wieder aufnehmen. Da haben wir es, heißt es bei Shell, Ogoniland ist no-go-area für uns, sorry.

So geht das hin und her - die Pipelines und Bohrtürme rosten und bersten weiter. Im Jahre 2000 gab es, laut Shell-Statistiken, im Delta 337 Lecks, bei denen mehr als 31000 Barrel Öl ausgelaufen sind. Umweltschützer nennen Zahlen, die bis zu zehnmal so hoch sind.

Im Nigerdelta stellt sich die Frage nach Gut und Böse erst gar nicht: Shell ist an allem schuld. Egal an was.

Ein Besuch am Tatort, Quelle 10 auf dem Ölfeld von Yorla. Mit Patrick Naagbanton, dem Öko-Aktivisten. Ein hoch aufgeschossener Ogoni-Mann, Anfang 30 ist er, mit flinken Augen. Schon auf der einstündigen Fahrt von Port Harcourt, der Hauptstadt des Deltas, nach Yorla schimpft Patrick immer wieder: "Shell war das, Shell hat das gemacht! Shell vergiftet unsere maritime Umwelt und unser Land." Eindeutige Anklage. Dafür ist er schon zweimal im Knast gelandet, einmal vier Monate lang. Folter? "Nur viele Schläge." Bevor wir das Öl sehen, riechen wir es, durch das Autofenster. Schlimmer als an der Tankstelle, eher wie in einem Heizungskeller stinkt es plötzlich, nach zwei Minuten kommen Kopfschmerzen. Der Busch, wo es eben noch gutterte, trillerte, sang und schrie - nun still. Und dann ist das Grün tot, das Grün, das eigentlich unbezwingbare, immerwuchernde Buschmonster, ist braun. Erstickt von einem schmierigen Ölregen.

Die Ogoni sind überzeugt: Die wollen uns umbringen. Wie sie den Shell-Gegner Ken umgebracht haben. Nur langsamer.

Wir steigen aus. Unter unseren Schuhen schmatzt der Boden. Und da steht er, der Weihnachtsbaum, mitten in einem gigantischen schwarzen Ölsee. Im Hintergrund Palmen, die Blattfächer hängen schlaff am Stamm runter, wie umgedrehte Wischmöppe. Der Ort ist übel. Lebensfeindlich.

"Erst haben sie Ken umgebracht, und nun bringen sie uns um, nur langsamer", sagt Patrick, und es ist schon klar, wer mit "sie" gemeint ist. Einige Jugendliche tauchen auf, neugierig, und erzählen, wie das gewesen sei am Morgen des 30. April. "Wir wurden von einem lauten Zischen geweckt, wie von einer riesigen Schlange, und dann hat es heißes Öl geregnet", sagt einer, der außer den Flip-Flop-Plastiksandalen nur ein pinkfarbenes Handtuch trägt. "Unser Chief hat sofort Shell verständigt", berichtet ein anderer, "aber erst nach drei Tagen sind Experten aus Amerika gekommen und haben die Quelle dicht gemacht." Patrick zeigt auf die Jugendlichen und sagt mit fester Stimme: "Es sind Bauern, seit Jahrhunderten, die hier ihre Cassavafelder hatten. Jetzt ist ihre Lebensgrundlage verloren, ihre Felder auf Generationen verseucht." Ähem? Bauern in pinkfarbenen Handtüchern? Und Cassavafelder, wo nun wirklich nur Busch und Palmen sind? Wer nur genügend überzeugt ist im Kampf für eine gerechte Sache, dem wird sich seine Wahrheit schon erschließen.

Wir staksen zum Weihnachtsbaum. Spurensuche. Alle zwölf Schrauben, die das Ventil herunterhalten, haben die Experten mit Muttern wieder festgezogen. Was hatte sie gelöst, die Zeit - also Shells Nachlässigkeit - oder ein Schraubenschlüssel, womöglich der eines Ogonis? Etwa um Öl zu stehlen, wie Shell behauptet?

"Unsinn, alles Unsinn", sagt Patrick, "was sollen die Menschen hier mit unraffiniertem Rohöl anfangen?" Das ist eine gute Frage, so wie die, warum so viele der Jugendlichen, die uns umringen, Eimer mitgebracht haben. "Selbst wenn! Wie kann Shell von Diebstahl sprechen? Es ist unser Land, das Öl gehört uns!" Einer der jungen Männer hat plötzlich einen prima Verdacht: Der weiße Mann da, dieser Reporter, der ist bestimmt ein Spion von Shell, warum würde er sonst alles aufschreiben und Fotos machen? Das leuchtet den Anwesenden schlagartig ein. Patrick kann die aufgebrachte Meute nicht beschwichtigen. Der verdächtige Reporter wird ins Dorf gebracht, vor den Stammeschef.

Chief Gilbert Nwilene, den die Jugendlichen mit "His Excellency" ansprechen, ist ein kleiner alter Mann. Im größten Haus im Dorf, mit Zement gebaut, sitzt er im weißen Hemd auf einer bunten Couch. Er ist umringt von mehreren jungen Ehefrauen, was ihn scheinbar milde stimmt, denn nach kurzen Plädoyers beider Seiten hält er den Spionagevorwurf für haltlos.

Shell soll zahlen für die Schäden. Als Erstes mal für einen neuen Palast des Dorfoberen. Krankenhäuser? Kommen später.

Dann kommt er auf die Sache mit dem Weihnachtsbaum zu sprechen. "Wir waren es nicht!" Mehrmals habe er Shell gewarnt, dass es Lecks geben werde. "Nun müssen sie zahlen, und zwar nicht nur mit Reissäcken wie bisher!" Was die Gemeinde denn mit dem Geld machen wolle? "Zuerst brauchen wir einen neuen Palast für mich." Hm. Wie war's denn mit Schulen und Krankenhäusern und so? ,Ja, auch, aber erst den Palast." Die alte Residenz habe doch die Armee niedergebrannt, vor acht Jahren, als die Ogonis die Rebellion angefangen haben. Dutzende Dorrbewohner seien getötet worden bei dem Angriff. "Dahinter steckte doch auch Shell, die haben die Soldaten ausgerüstet!" Der Vorwurf, dass die Ölfirmen Armee und Polizei für ihre Interessen einspannen, hält sich seit Jahren. Der US-Konzern Chevron hat zugegeben, für einen Angriff der Armee auf ein aufständisches Ijaw-Dorf im Januar 1999 Firmenhelikopter bereitgestellt zu haben. Dutzende wurden getötet. Vor zwei Jahren schuf der Staat eine Taskforce, die mit Hubschraubern Pipelines bewacht und auf alles schießt, was ihnen zu nahe kommt. Auch Bauern auf dem Weg zu ihren Feldern und Schulkinder, die auf Pipelines spielen, würden regelmäßig getötet, sagen Menschenrechtler.

Das Shell-Hauptquartier in Port Harcourt erinnert an eine Kaserne. Der riesige Barackenkomplex liegt etwas außerhalb der Stadt, hinter hohen Mauern mit Rollstacheldraht. Wachleute kontrollieren jedes Fahrzeug, das rein oder raus fährt, lassen keinen Kofferraum aus. Hubschrauber starten und landen, Jeeps und Pickups knattern von rechts nach links.

Nigerianische Jovialität in Reinkultur - das ist Bobo Brown, der Konzernsprecher. Er sitzt im geräumigen Büro in einem schwarzen Anzug hinter einem Schreibtisch aus Edelholz. An der Wand hängt eine Landkarte des Deltas, auf der alle Pipelines mit ganz feinen und geraden Strichen eingezeichnet sind. Als ob man die Welt nur präzise vermessen und definieren müsse, um sie zusammenzuhalten. Bobo Brown ist, wie PR-Profis Sein sollten: gewinnend. Er freue sich sehr, sagt er, endlich mal wieder Besuch von einem Journalisten aus dem Ausland zu haben. Die erste Lüge.

Dann zum Weihnachtsbaum: "Alle Indizien weisen auf Sabotage hin, klarer Fall, an den Schrauben wurde gedreht. So etwas machen die Ogonis, um Entschädigung von uns zu bekommen, das zeigt unsere langjährige Erfahrung." Was, sie vergiften ihr eigenes Land und Trinkwasser ? "Diese Menschen wissen gar nicht, wie sehr sie sich selbst damit schaden." Und, zahlt Shell? "Nein, so nicht. Das würde nur noch mehr Saboteure ermutigen." Aber vielleicht, sinniert Brown weiter, wollten die Täter ja auch nur ein bisschen Öl abzapfen, und das ging schief. Der Handel mit gestohlenem Rohöl sei schließlich ein lukratives Business. "In einigen Delta-Dörfern betreiben Einheimische bereits selbst gebaute Mini-Raffinerien, um Benzin zu herzustellen." Was daran liegen mag, dass von den vier staatlichen Raffinerien Nigerias zurzeit nur eine arbeitet, die vor den Toren Port Harcourts. Das reicht nicht, um die Nachfrage zu decken, zumal korrupte Manager einen Großteil des Benzins ohnehin durch das Hintertor verkaufen. So kommt es, dass im Land mit den größten Ölvorkommen südlich der Sahara Autofahrer in kilometerlangen Schlangen vor Tankstellen stehen müssen. Tagelang. Nur wer sich den Liter für 50 Naira (eine Mark) leisten kann, fährt zum Petro-Schwarzmarkt runter zum Hafen. Was Wunder, dass da einige Leute gern mal an den Pipelines der Konzerne zapfen.

Bobo Browns Job ist es natürlich, darüber empört zu sein. ,Jede Woche greift die Küstenwache Schiffe auf, die mit tausenden vollen Ölfässern beladen sind!" Der Mann hofft wohl, dass ich noch nicht gehört habe, was alle wissen: dass die netten Kollegen von der Küstenwache (und der Marine, der Armee, der Polizei etc.) die Rauböl-Kähne keineswegs anhalten, sondern eskortieren. Und kräftig mitverdienen. Geschossen wird nur auf "nicht angemeldete" Ölmopser oder solche, die dafür gehalten werden.

Nun aber, nach einem Schluck aus der Teetasse, wird Bobo Brown verständnisvoll: "Wissen Sie, wenn Menschen in solch schrecklicher Armut leben, entsteht ein Gefühl von Entfremdung, und die Überlebensinstinkte kommen raus." Dann: "Die Menschen da leben in einer brutalen Umwelt, und das macht sie brutal." Besonders die Ogonis würden aufgehetzt von politischen Demagogen, die nur am eigenen Profit interessiert seien. Das mit der Armut der Menschen beschäftigt ihn wirklich, das nimmt man Brown ab. Dass seine Firma unter den Füßen dieser Menschen jeden Tag Rohöl für zig Millionen Dollar rauszieht, wahrend sie in Schilfhütten hausen, ist ja schon ein bisschen blöd, rein vom PR-Standpunkt her.

"Aber wir tun ja was für die Menschen", sagt Brown plötzlich und holt tief Luft. "Wir zeigen soziale Präsenz in Ogoniland." Er geht über zur großen Corporate-Responsibility-Offensive. Krankenhäuser, Schulen, landwirtschaftliche Kooperativen, Stromgeneratoren - "die Regierung müsste sich kümmern, aber sie schafft das nicht. Also kommen die Menschen zu uns. Und wir handeln." Brown ist jetzt in seinem Element, nicht zu bremsen: "Shell ist der Anwalt des Wandels im Delta!" - "Wir brauchen eine Win-Win-Beziehung." - "Wer guten Gewissens in einer Community wirtschaften will, muss Corporate Responsibility zeigen." Und: "Was gut für die Community ist, ist gut für Shell." Hm.

Wie ernst es Shell mit seinem Image ist, zeigt auch ein eigens herausgegebenes Buch, erhältlich für gar kein Geld im Internet unter www.shellnigeria.com. Es heißt "People and the Environment 2000", ist der Shell-Jahresbericht für Nigeria und handelt von vielen guten Taten, auf 52 Seiten Hochglanz. Das Budget für "soziale Investitionen" ist wieder gestiegen, auf jetzt 60 Millionen Dollar, mehr als doppelt so viel wie noch 1997. Schöne Fotos zeigen Klassenzimmer und Ölbohrinseln, seltene Vögel und Shell-Arbeiter. Viele lachende schwarze Gesichter.

Shell zahlt. 60 Millionen Dollar. Nur leider für die falschen Projekte. Das hat eine hausinterne Studie ergeben.

Was die Shell-Propagandisten allerdings verschweigen: Nicht einmal ein Drittel aller Projekte sind erfolgreich, alle anderen sind Geldverschwendung oder existieren sogar nur auf dem Papier. Das ist das Resümee einer von Shell selbst in Auftrag gegebenen geheimen Studie, angefertigt von unabhängigen Prüfern der Weltbank, Unicef, der Regierung und der Umweltorganisation Pro-Natura. Von 77 Projekten aus Shells Jahresbericht fanden die Experten nur 33 funktionierende und darunter nur 20 erfolgreiche, heißt es in dem Bericht, der im Mai dem " Economist" zugespielt wurde.

Shell hat die peinliche Studie bis heute nicht öffentlich gemacht. "Das ist eine interne Angelegenheit", sagt Bobo Brown knapp. Auf einmal klingt er gar nicht mehr wie der nette Herr Shell, sondern wie ein missvergnügter Funktionär. "Es ist nicht unsere Schuld, wenn die Leute nicht mit den Stromgeneratoren umgehen können, die wir ihnen hinbauen." Brown, mit dunkler Wolke über der Stirn, erledigt einige Telefonate und kommandiert Untergebene in sein Büro. Der Weihnachtsbaum vom Yorla-Ölfeld ist jetzt fürs Erste vergessen, die Glaubwürdigkeit der Firma steht auf dem Spiel. "Sie werden rausfahren und sich ein gutes Projekt anschauen, eine Farm", dekretiert Brown, "und zwar noch heute Nachmittag!" Nichts lieber.

Zunächst aber ein kurzer Besuch bei Oronto Douglas, Browns propagandistischem Gegenspieler in Port Harcourt. Der redegewandte Ijaw-Menschenrechtler führt mit seiner Gruppe den lokalen Kampf gegen die Ölgiganten an. Auch NGO-Vollprofi Douglas ist viel beschäftigt. Gerade ist er von einer Vorlesungstour an amerikanischen Universitäten zurückgekehrt, in sein kleines, chaotisches Büro in der Innenstadt. "Nicht so angenehm wie die Paläste, in denen Shell-Manager residieren, was?", sagt der untersetzte Mann und zwängt sich hinter seinen Schreibtisch, den sich zwei Laptops und einige "Boycott Shell!"-Aufkleber streitig machen. Douglas strahlt die gespannte Ruhe eines Menschen aus, der sich ein klares, unveränderliches Feindbild gönnt.

Dann legt er los: "Shells Community-Development-Kampagne ist Bullshit, reine Propaganda und Geldverschwendung. Nicht mal zehn Prozent aller Projekte taugen etwas. Sie werden in Konzernkorridoren erdacht und dann den Menschen aufgezwungen. Wir wollen keine Almosen, sondern sinnvolle selbsttragende Entwicklung. Aber die Leute in den Dörfern werden ja gar nicht gefragt, was sie wirklich brauchen können und haben wollen." Gut bezahlte Jobs sind rar in Nigeria. Da kann auch ein Ogoni nicht widerstehen. Wie auch in diesem gottlosen Land?

Mal ein Beispiel? "Im Dorf Iko hat Shell eine superteure Fischtrocknung aufgebaut, für deren Betrieb man Strom braucht. Gibt es in Iko aber nicht." Wie dumm. "Oder das Krankenhaus in meinem Dorf, Okoroba. Dafür hat Shell zehn Millionen Dollar ausgegeben. Für drei hätte man es auch bauen können." Aber immerhin hat Shell doch zehn Millionen Dollar springen lassen? "Ach was! Das meiste Geld geht doch in die Tasche der Shell-Manager selbst. Die Wahrheit über Community Development heißt innerbetriebliche Korruption." Und überhaupt, leitet Douglas nahtlos über, kollaboriere Shell weiter mit den Militärs, die nun einen Polizeistaat hinter demokratischer Fassade errichtet hätten, dessen "Kill-and-go" -Einheiten noch immer straflos mordeten, in den vergangenen zwei Jahren mehr als tausend Ijaws.

Später, am Nachmittag, Besuch beim Shell-Vorzeige-Projekt. Der Vorzeige-Mann: Appollos Nale, Manager einer Community Farm, von Bobo Brown zur Inspektion freigegeben, angeblich nicht weit von Port Harcourt. Also rein in den weißen Firmen-Pickup und los. Nach 20 Minuten Fahrt lenkt Appollos den Wägen auf dieselbe Straße, die Patrick tags zuvor zum Ölfeld von Yorla genommen hat. ,Ja, die Farm liegt mitten im Ogoniland, sie wurde schon vor dem Aufstand errichtet. Bei Bori, der Hauptstadt der Ogonis", erläutert Appollos. Und legt noch einen drauf: "Ich bin selbst ein Ogoni." Bitte? Ein Ogoni, der für Shell arbeitet? Sehr schlau von Brown.

,Ja, anfangs habe ich mitgemacht beim Widerstand, ich war sogar einer der Ersten", erzählt Appollos. Mit Ken Saro-Wiwa sei er zusammen aufgewachsen, mit ihm habe er Anfang der Neunziger MOSOP gegründet, die "Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volks". Mit Ledum Mitee, dem Nachfolger des gehenkten Ken in der MOSOP-Führung, habe er zusammen studiert. "Aber irgendwann wurden die mir zu verbohrt und arrogant, und ich konnte nicht mehr hinter der Sache stehen." Das "Irgendwann" kam, als Shell Appollos einen Job anbot. Fast 1200 Dollar im Monat. "Man muss in Nigeria ja auch sehen, wo man selbst bleibt. (Pause, dann:) In diesem gottlosen Land." Das ist Ehrlichkeit auf nigerianisch: zu seiner Unehrlichkeit zu stehen. Aber selbst das ist selten.

Die Fahrt durch Ogoniland geht glatt. Shells Firmenwagen im Delta sind klugerweise nur weiß, ohne die gelbe Muschel an der Seite. Appollos redet viel darüber, wie Shell mit Community Development die Herzen der Menschen wiedergewinnen will. Weniger pathetisch fügt er hinzu: "Eigentlich will Shell ja nur zurück zu den Ölquellen in Ogoniland. Die sozialen Projekte sind mehr so ein Trojanisches Pferd." Appollos wird sympathisch. Er ist ehrlich. Was in Nigeria heißt, zu seiner Unehrlichkeit zu stehen.

Wir erreichen die Farm. Hinter dem Tor - wieder kein Schild, kein Shell-Logo - einige Ställe mit Schweinen, Kaninchen und Hühnern, ein alter Traktor im Schuppen, dazu zwei Felder mit Cassava und Ananas. Nur einige alte Arbeiter schlurfen über das Gelände. Mehr als tausend sind es im Jahr, die hier angelernt werden, sagt Appollos, während er sein Büro aufschließt. Wo sind die denn alle? "Ach so, die haben heute alle frei, weil sie am Wochenende gearbeitet haben", sagt Appollos. Und wie viel zahlt Shell im Jahr für die Farm? "Etwa 50000 Dollar." Stockt. "Also, das heißt, eigentlich in zwei Jahren." Stottert. "Nein, doch jedes Jahr." Als wir das Vorzeige-Projekt verlassen, kann man getrost von einem PR-Desaster sprechen. "War wohl nicht so überzeugend, was?" , fragt Appollos und lächelt verlegen. "Ich habe denen von der Pressestelle schon so oft gesagt, dass sie mehr Geld in die Farm stecken müssen." Wir fahren durch Ogoniland, vorbei an verrottenden Pumpstationen, durch trostlose Dörfer. In der Ferne leuchten die gigantischen Gaslohen der Raffinerie von Port Harcourt. Appollos wird nachdenklich: "Shell wäre nicht in der Scheiße, in der sie sind, wenn sie mal was getan hätten für die Menschen hier. Aber kein Trinkwasser, kein Strom, keine Jobs, nichts." Plötzlich hält Appollos den Pickup an und zeigt auf ein Feld: "Hier ging alles los. Hier wollten sie die neue Pipeline durchlegen, quer durch die Äcker, und als die Bauern weitergearbeitet haben, da sind die Soldaten gekommen und haben eine Frau totgeschossen. Da hat es uns gereicht." "Wir" und "sie" haben gewechselt, Appollos ist jetzt nur noch Ogoni. "Ich zeige Ihnen mein Heimatdorf." Er biegt von der Straße ab, und nach 20 Minuten auf schlammigen Feldwegen erreichen wir es. Die Männer, die vor ihren Hütten sitzen, grüßen Appollos lächelnd. Hält man ihn, den Überläufer zu Shell, im Dorf nicht für einen Verräter? "Nein, ich bleibe ja einer von ihnen." Dann sein Haus. Appollos kann es sich nicht verkneifen, seine Prahlsucht ist größer als seine Scham. Das Haus, umgeben von hohen Mauern, ist ein Palast, mit weißen Säulen, Torbögen und Ziegeldach. Aufgeregt öffnet Appollos alle Türen, präsentiert jeden Raum. Und das alles von 1200 Dollar im Monat? Sicher. Alles, was der Farm fehlt, es ist hier.

Oronto Douglas hatte Recht. Appollos Haus ist das eigentliche Shell-Vorzeige-Projekt. Schweigend gehen wir zum Wagen zurück. Ausländer würden das nichtt verstehen, sagt Appollos, in Nigeria könne man niemandem trauen. Da müsse eben jeder zusehen, dass er nicht zu kurz komme. "Und zwar heute noch. Morgen ist schon zu weit weg." Dann legt er eine Kassette von Bob Marley in den Kassettenrekorder: "Cause he who fight and run away, live to fight another day." Man bewegt sich auf schwankendem Grund im Delta. So verschlungen wie die unzähligen Flussarme des Nigers ist die Wirklichkeit, und die Wahrheit liegt irgendwo im Sumpf begraben. Je näher man an sie heranzukommen glaubt, desto hilfloser verirrt man sich im Mangrovengestrüpp.

Ach, und wer war nun der Unbekannte, der in der schwarzen Nacht vom 29. April am Weihnachtsbaum von Yorla gedreht hat? Die Ölingenieure der Firma Boots and Coots aus Texas, die damals als Erste an das defekte Ventil gelangten und es dicht machten, sie könnten den Fall aufklären. Was sahen sie? War an den Schrauben gedreht worden, oder hatten sie sich mit der Zeit von selbst gelöst? Nach drei Anrufen rutscht der Boots-and-Coots-Sprecherin heraus: "Natürlich wissen wir, woran das Leck gelegen hat. Aber wir sagen nichts. Shell ist schließlich unser Kunde." Ungelogen.