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Können Medien glaubwürdig sein? Und wenn ja, wie? Ein Gespräch mit Anne Volk, 16 Jahre lang Chefredakteurin der »Brigitte«, heute deren Herausgeberin.

brand eins: Die "Brigitte" ist nicht gerade Avantgarde, sie ist nicht hip, nicht Kult. Und doch seit fast 50 Jahren ein Erfolg. Warum?

Volk: Am überzeugendsten finde ich die Antwort von Frauen, die eigentlich lieber die Konkurrenz lesen. Die sagen: "Was in der "Brigitte" steht, das stimmt." "Brigitte"-Leserinnen sagen das sowieso. Und ich denke, das liegt daran, dass wir immer auf diese Sensationen verzichtet haben, mit denen man schnell Auflage machen kann: schlank in fünf Tagen, alle Falten weg oder nie mehr Cellulite.

Das kann gut sagen, wer allein 240000 Abonnenten hat und alle 14 Tage 930000 Hefte stabil verkauft. Wäre eine "Brigitte" heute noch in den Markt zu bringen?

Ich bin davon überzeugt, dass Ehrlichkeit immer ein richtiger Weg ist. Nicht für jedes Blatt - wenn ich die "Bunte" lese, was ich mit großem Vergnügen tue, ist mir der Wahrheitsgehalt ziemlich wurscht. Aber für ein Magazin, das wie die "Brigitte" auch Wert auf zuverlässige Information legt, ist Ehrlichkeit dauerhaft richtig. Dann erwarte ich einfach, dass mir nicht gesagt wird: Die Côte d'Azur ist atemberaubend schön - sondern dass man erst mal einen Herzschlag kriegt, wenn man die zugeballerte Küste sieht, aber dann, 30 Kilometer weiter...

Ausgerechnet der Reisejournalismus steht genauso wie der Kosmetik- und der Modejournalismus in dem Ruf, dass er es mit der Ehrlichkeit nicht allzu genau nimmt - die Bestechungsversuche durch die Industrie und die Veranstalter sind massiv. Wie bleibt man da sauber?

Das ist schwierig. Und ich will auch gar nicht sagen, dass wir es immer hundertprozentig hinkriegen. Aber ich glaube schon, dass das Klima in einer Redaktion dazu beiträgt: Wenn klar ist, dass nicht nur der Chefredakteur, sondern auch jeder Stellvertreter und jeder Kollege ganz unglaublich massiv reagieren würde, wenn etwas unsauber wäre oder sich jemand bestechen ließe, dann ist das eine interne Barriere. Bei " Brigitte" gilt auch ganz klar die Regel: Wenn man merkt, dass man gerade eine Geschichte kaputtrecherchiert, dann ist sie kaputt - egal, wie viel Geld bereits in die Recherche geflossen ist.

Das Privileg des Marktführers?

Keine Frage, bei der "Brigitte" hatten wir immer gute Bedingungen, wir waren auch immer besser besetzt als vergleichbare Redaktionen. Aber genauso wichtig ist meiner Ansicht nach, dass die Leute richtig gern bei der "Brigitte" arbeiten. Das sind Überzeugungstäter. Und die sind auch hier, weil es bemerkt wird, wenn sie auf Dauer nicht gut arbeiten.

Gleichwohl wächst der Druck. Und die Kosmetikindustrie soll besonders druckvoll sein.

Das ist sie - und sie wird stündlich druckvoller. Wir haben viele Diskussionen mit den Kosmetik-Leuten geführt, schwierig ist es vor allem mit denen, die in zwei Jahren Produktmanagement beweisen müssen, dass sie fit sind für die Spitze. Die anderen, die lange in der Branche sind, sagen ganz klar: Wir sind froh über unabhängige, saubere Berichterstattung. Aber das werden immer weniger.

Wenn die Industrie versucht, Journalisten zu kaufen, ist das Ende abzusehen - und das nützt weder den Medien noch der Industrie.

Völlig richtig. Aber daran wird sich nichts ändern, solange Jobs nur noch Schritte auf einer Karriereleiter sind. Ich bin ja nicht für lebenslänglich. Aber ist es nicht auch ein gutes Gefühl, hinter einem Blatt oder einem Produkt zu stehen und, ja in Gottes Namen, Lebenszeit zu investieren in eine Sache, die einem etwas wert ist? Und nicht sofort zu überlegen: Okay, das mache ich jetzt zwei Jahre, und dann kommt der Schritt und dann der.

Der ehrliche Weg ist manchmal auch redundant - die " Brigitte"-Diät zum Beispiel, die seit Jahrzehnten um neue Rezepte bereichert wird, aber mühsam bleibt.

Was will man machen? Die Leute wissen es doch sowieso: Abnehmen geht nur langsam, mit weniger Essen und Bewegung. Dann schreiben wir das halt, auch wenn wir uns wiederholen.

Und "Fit for Fun" mit seinen Wunderdiäten hat nicht geschadet?

Nein. Wobei man natürlich sagen muss, dass die Summe aller neuen Frauen- und Wellness-Zeitschriften " Brigitte" geschadet hat -jedoch weit weniger, als wir befürchtet haben. Oft wandern Leser ab, kommen aber nach einiger Zeit wieder. Das hat sicher mit der Glaubwürdigkeit zu tun, überhaupt mit Qualitätsjournalismus.

Trotzdem scheint Glaubwürdigkeit gerade in der Medienbranche ein eher antiquierter Begriff.

Man nennt es heute lieber Authentizität. Aber egal, welchen Begriff man nimmt, ich bin sicher, dass Werte wieder richtig im Kommen sind. Man findet sich in diesem ganzen Informationswust doch überhaupt nicht mehr zurecht. Globalisierung: Gehen die jetzt zu Recht auf die Straße? Ich habe zu ganz vielen Sachen keine vernünftige Meinung mehr. Und ich würde wahnsinnig gern für ganz viele Dinge in meinem Leben jemanden haben, dem ich glaube, dem ich vertraue, der mir Orientierung gibt.

Müssen Medien, die diese Rolle übernehmen, eine Haltung haben?

Ich bin nicht sicher. Kann ich nicht auch eine ganze Bandbreite von Haltungen haben und trotzdem glaubwürdig sein? Sind Nachrichten nicht auch glaubwürdig? Trotzdem denke ich, dass eine Haltung nicht das Schlechteste ist. Bei der "Brigitte" ist das richtig Programm. Das eine wächst mit dem anderen zusammen, dazu gehört auch die Identifizierung. Ich würde sehr ungern ein Blatt machen, bei dem man sagt; Mir gefällt das zwar nicht, aber wahrscheinlich finden die Leser das Masse. So etwas kann man mit seinem journalistischen Handwerk sicher mitentwickeln. Doch mir gefällt es besser, wenn die Leute Blätter machen, hinter denen sie absolut stehen und die sie selbst lesen würden.

Das ist zurzeit in der Medienbranche kein so wahnsinnig verbreiteter Standpunkt.

Im Moment nicht. Und ich kann auch diese ganzen Schlagwörter wie "Marktnische", dieses ganze Gerede vom Optimieren, Feinjustieren ..., ich kann das nicht mehr hören.

Hat der Optimierungswahn nicht auch mit Hilflosigkeit zu tun? So viel ist in letzter Zeit gefloppt, nun wissen die Medienentscheider gar nicht mehr, was sie machen sollen.

Es ist wirklich wahnsinnig schwer, Entscheidungen zu treffen, wenn man verunsichert ist, verunsichert durch das Haus, in dem man arbeitet, durch den Markt oder durch den Misserfolg. Und es kann mir niemand sagen, dass man mit oder ohne Erfolg gleich gut entscheidet, ich bin da ganz ohne Häme. Da sitzt man dann auf so einem Dampfer, und von allen Seiten kommen Tipps, wirklich gut gemeinte tadellose Vorschläge. Aber wenn der Erfolg fehlt, ist es sehr schwer, dazwischen eine Linie zu halten oder seine Haltung zu wahren.

Und doch kommt man um Entscheidungen nicht herum.

Mir haben immer die Menschen am meisten imponiert, die eine Idee haben, an die sie glauben. Die Idee haben sie ja meistens vor dem Blatt - und ich denke immer: Wenn man die fördert und wenn die das durchhalten, kann man auch davon ausgehen, dass es ein ordentlicher Erfolg wird. Das muss nicht gleich die Lizenz zum Gelddrucken sein, aber es werden gute, solide Blätter.

Da haben wir wieder die Überzeugungstäter - und die sind inzwischen eher suspekt.

Aber Überzeugungstäter sind auch glaubwürdig. Ich habe mir oft überlegt, woran man merkt, dass es jemandem ernst ist. Ich kann Ihnen das bis heute nicht sagen, aber man merkt es. Da kann man nicht bluffen. Vorjahren, als die "Für Sie" den Sammelordner eingeführt hat, da sollten wir das auch tun. Ich habe zu meinem Vorstand gesagt: Ein Marktführer macht so etwas nicht nach, das ist völlig absurd. Wenn Sie das also unbedingt wollen, dann machen Sie es, aber definitiv ohne mich. So eine Drohung geht nur, wenn der andere hundertprozentig weiß, dass ich es ernst meine.

Sie haben damals stattdessen die Dossiers eingeführt.

Ja. Und wir wollten dann auch mal ein Dossier zu der Frage machen, warum Leute glaubwürdig sind. Wir haben es nie gemacht, weil wir nicht klar sagen konnten, ob das was mit Erziehung zu tun hat oder ob es genetisch ist. Ich hatte zum Beispiel gedacht, dass es leichter ist, hoch zu pokern, wenn man allein lebt und keine Kinder hat. Aber wir haben dann festgestellt: Das hat gar nichts miteinander zu tun. Solche Entscheidungen treffen auch Väter mit drei kleinen Kindern. Und die haben in der Regel Frauen, die sie in dieser Entscheidung ganz eindeutig unterstützen. Irgendetwas muss es da geben, warum bestimmte Leute zu einer bestimmten Unabhängigkeit finden.

Die landläufige Definition ist, dass Glaubwürdigkeit entsteht, wenn jemand tut, was er sagt.

Aber das Irre ist ja, dass man theoretisch weiß, was man in bestimmten Situationen sagen müsste. Politiker wissen das, aber man sieht, wenn es nicht stimmt. Mit Glaubwürdigkeit kann man nicht bluffen.

Welchen Medien glauben Sie?

An erster Stelle den Tageszeitungen. Auch dem öffentlich-rechtlichen Femsehen. Und den " Spiegel" halte ich auch immer noch für glaubwürdig.

Wem würden Sie glauben, wenn er von einer Diät-Sensation berichtet, dem "New Scientist", "Nature" oder dem "Spiegel"?

Allen genannten - und dann würde ich, weil ich mich nicht so auskenne, in unserer Medizinredaktion nachfragen. Aber ich würde es auch ernst nehmen, wenn es in einer guten Tageszeitung wie der "Süddeutschen" steht.

Weil Sie das Gefühl haben, dass Tageszeitungen nicht so viel Entertainment für die Auflage machen müssen?

Ich habe nichts gegen Entertainment, ich halte Glaubwürdigkeit und Humor nicht für zwei Dinge, die sich ausschließen. Aber Tageszeitungen stehen für mich für eine große Tradition von Journalismus, die bis heute gepflegt wird.

Was könnte Ihren Glauben daran zerstören? Die erfundenen Interviews im "Süddeutschen Magazin" offenbar nicht.

Zuerst habe ich die Interviews mit Neid gelesen - und fand den Betrug dann höchst ärgerlich. Aber ich fand auch, dass die "Süddeutsche" damit ganz gut umgegangen ist. Überzeugend war auch die Reaktion auf diese Geschichte in Sebnitz, wo aus einem schrecklichen Unfall ein Neonazi-Mord gemacht worden war. Da hat die "Süddeutsche" ganz klar geschrieben: Wir haben einen Riesenfehler gemacht, weil wir nicht besser recherchiert haben. Mir geht es nicht darum, dass ein Medium immer die Wahrheit sagt, das halte ich für unmöglich. Aber ich muss das Gefühl haben, dass sich Journalisten enorm große Mühe geben und sich nicht sagen: Ist doch egal, solange es sich gut verkauft. Und dass sie, wenn sie Mist gemacht haben, das auch mitteilen.

Was wäre tödlich für die "Brigitte"?

Wenn sie unseriös würde. Unseriös und unehrlich, dann wäre die Glaubwürdigkeit auf der Stelle weg. Der Chefredakteur der "New York Times" hat mal gesagt: Es dauert wahnsinnig lange, bis man einen guten Ruf aufgebaut hat - und er ist irre schnell vergeigt.

Ist das einer der Gründe, warum Sex-Themen in der " Brigitte" eine eher untergeordnete Rolle spielen?

Sexualität ist etwas ganz Normales und auch ein wichtiges Thema, zu dem wir eine Menge Dossiers gemacht haben, aber wir sind nicht das Magazin für Analverkehr. Zurzeit finden wir es kein besonders spannendes Thema; das kann sich aber morgen wieder ändern.

Wer findet das - die Leserin? Die Redaktion?

Das ist eine der besonderen Qualitäten dieser Redaktion, dass es dort so viele unterschiedliche Frauen jeden Alters und jeden Lebensstils gibt, die viel miteinander reden. Und da muss man ziemlich blind oder taub sein, um nicht zu kapieren, dass bestimmte Themen out sind oder wieder wichtiger werden. Wir hatten das beim Thema Emanzipation. Ich habe gesagt: Das interessiert doch keinen mehr. Aber dann kamen ein paar jüngere Kolleginnen und meinten: Doch, sie finden, dass man das genau jetzt wieder machen sollte. Die haben gemerkt, dass sie zwar das Wort nicht mehr leiden können. Aber sie haben auch festgestellt, dass gleich gut ausgebildete Männer an ihnen vorbeiziehen, weil sie sich besser verkaufen können. Und wenn die Kinder kommen, ist das Thema Emanzipation sowieso wieder da, egal, wie es dann heißt.

Viele Medienmacher verlassen sich bei der Frage, was kommt, auf die Marktforschung. Spielt die bei der " Brigitte" eine Rolle?

Nein. Früher haben wir schon mal, wenn es zwei Ideen gab, gefragt, was besser ankäme, aber das machen wir nicht mehr. Was wir machen: Wenn wir etwas eingeführt haben, wovon wir überzeugt sind, dann fragen wir, ob es richtig war. Also eher hinterher. Ich glaube auch nicht, dass man Marktforschung im Vorhinein machen kann. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die Leute wissen, was sie in einem halben Jahr haben wollen. Trotzdem habe ich in meinem Leben schon eine Menge Gruppendiskussion miterleben dürfen. Dabei merkt man, dass Leser klug sind. Die merken, wo die Kinken sitzen.

Bei "Glamour" und "Allegra" schon getestet und für gut befunden ist das kleinere Format. Macht die "Brigitte" das bald auch?

Ich finde das Format entzückend, aber für die " Brigitte" wäre es nicht richtig. Man kann Moden tadellos aussitzen.

Ist das der Preis der Glaubwürdigkeit, dass man bei Veränderungen sehr vorsichtig sein muss?

Auf Dauer kann man sehr viel verändern. Was nicht geht, sind schnelle und komplette Änderungen. Die halte ich auch für völlig idiotisch. Aber wenn man eine " Brigitte" von vor 20 Jahren mit einer von heute vergleicht, sieht man schon, dass sich da eine Menge getan hat. Und dass man immer weiterdrehen muss. Es gab eine Zeit, da war Umwelt wichtig, und wir hatten ein eigenes Ressort. Das braucht heute kein Mensch mehr, weil das Thema überall drinsteckt. Wir haben auch zu Beginn der Fitnesswelle mehr darüber berichtet als heute, wo jeder weiß, wie es geht. Früher war Stricken in, heute weniger. Daneben gibt es die Bastionen: die große Reportage, Familie, Mode, Rezepte, Reisen, Männer, Partnerschaft.

Wird dieses Konzept auch für die Zukunft halten? Oder wird die "Brigitte" irgendwann durch die Beiboote "Woman" und "Young Miss" ersetzt?

Wenn man ein Blatt modern hält, glaube ich nicht daran, dass diese Schlachtschiffe ein begrenztes Alter haben. Ich habe da so viele falsche Prognosen erlebt: Wenn das Privatfernsehen kommt, liest niemand mehr. Wenn das Internet kommt, liest niemand mehr. Ich glaube eher, dass die Leute heute wieder genauer hinschauen, wie viel Geld sie wofür ausgeben.

Sie haben mit 57 Jahren ohne Not und ohne sanften Wink vom Vorstand die Chefredaktion der "Brigitte" abgegeben. Warum?

Das Alter war nicht entscheidend, es hätte auch 55 sein können oder 58. Ich wollte immer gehen, wenn die Redaktion und das Blatt in einem richtig guten Zustand sind. Und das war jetzt halt mit 57. Erstaunlicher finde ich, dass ich 16 Jahre geblieben bin und dass es mir bis zum Ende Spaß gemacht hat. Das hatte ich nicht erwartet, als ich angefangen habe.