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Kunst

Was ist wichtiger: Kunst oder Geld? Eine alte Frage, auf die die Guggenheim Foundation eine neue Antwort gibt: Beides ist egal. Was zählt ist die Marke.




Der erste Sommertag eines jeden Jahres überkommt die New Yorker immer wieder wie eine Sensation: Von einem köchelnden Frühling schwenkt das Klima um in einen brodelnden Sommer, als hätte der liebe Gott von einem Tag auf den anderen den Schalter für den Jahreszeitenwechsel umgelegt. Exakt an diesem Tag melden die Statistiker der Stadt mehr Exhibitionisten, mehr Selbstmorde, mehr Geschlechtsverkehr - aber weniger Geldtransfers. Der Konsumtrieb vieler New Yorker scheint plötzlich gebrochen.

Das Herz des westlichen Kapitalismus pumpt jedoch unbeeindruckt weiter. Vom nahe gelegenen Fulton Market zieht mit dem ersten Sommertag der Geruch von Salzwasser und Fisch in den Financial District hinüber und legt sich monatelang wie ein Schleier über die Wall Street. Genau dort, nur wenige hundert Meter von der Börse, hat die Firma Guggenheim.com ihren Sitz. Wenn Judy Cox morgens in das Gebäude mit der Nummer 120 schreitet, benötigt sie exakt 28. Stockwerke, bis sich der herbe Duft aus ihrer sensiblen Nase verzogen hat.

Pling. Der klimatisierte Lift öffnet seine Türen. Die Rezeptionistin singt ihr Sprüchlein, so wie sie es jeden Morgen tut, wenn Cox das Haus betritt: "Good morning, Judy, how are you today?" Dann beginnt der Arbeitstag der Präsidentin von Guggenheim.com: Unter ihrer Regie konstruiert ein multinationales Team aus Designern, Programmierern und Marketingexperten ein Kunstportal für das Internet. Die 61 Angestellten hüten die Inhalte der Homepage seit dem Baubeginn vor zwei Jahren wie ein Staatsgeheimnis. Niemand von ihnen darf ohne Aufsicht der Betriebsleitung mit Journalisten über die Homepage reden. Die Manager der Kunstfirma fürchten zum einen die Konkurrenz, das ist klar. Mehr noch aber ängstigen sie die Hiebe der Kunstkritiker: Seit Jahren schon werten die der Stiftung vor, Sponsoren übertrieben zu hofieren und schamlos die Nähe zum Geld zu suchen. Mit dem Internetprojekt der Marke Guggenheim sucht die Stiftung nun aber nicht mehr bloß die Nähe zum Geld - sie versucht, sich mitten hinein in eine sprudelnde Geldquelle zu setzen.

DAS MUSEUM FÜR ZUHAUSE: GUGGENHEIM.COM WILL DIE KUNST INS WOHNZIMMER BRINGEN.

Nach der fortgesetzten geografischen Expansion dehnt sich die 1937 gegründete Solomon R. Guggenheim Foundation jetzt in den virtuellen Raum aus, auch wenn, rechtlich betrachtet, Guggenheim.com von der Stiftung unabhängig ist. Die Trennung ermöglicht dem Internetportal, Gewinne zu machen, ohne die Gemeinnützigkeit der Stiftung zu gefährden. Und Geld soll verdient werden: Die Besucher der Homepage werden für die digitalisierte Kunst, die sie besichtigen, bezahlen müssen. Dazu erhofft sich das Unternehmen Einnahmen durch Reklame und den Verkauf von Büchern, Videos, Drucken und Schnickschnack aus den Guggenheim-Bauchladen: Bleistifte, Tassen, Handtücher, Radiergummis, Schreibmappen, Baseballkappen, einfach alles, auf das der Firmenschriftzug "Guggenheim" irgendwie passt.

Das Portal soll in diesem Herbst ans Netz gehen. Es soll aktuelle Nachrichten aus der Welt der Kunst liefern und Teile der Guggenheim-Kollektion ausstellen. Verstärkt wird das Angebot durch Werke von Museumspartnern wie der Hermitage in St. Petersburg, der Albertina und dem Kunsthistorischen Museum in Wien sowie dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe.

Arbeiten von Malern wie Da Vinci, Dürer, Kandinsky, Matisse, Michelangelo, Monet, Picasso, Renoir, van Gogh und van Eyck sollen Besucher der Seite nicht nur in der Totalen betrachten können. Sie sollen auch in die digitalisierten Werke hineinzoomen und die Farbstruktur der Werke studieren können, als stünden sie nur wenige Zentimeter vor dem Original.

Skulpturen und Objekte sollen in 3-D zu sehen sein. Jedes der Werke wurde aus 26 Perspektiven fotografiert, digitalisiert und soll aus genauso vielen Blickwinkeln zu sehen sein - so, als drehte und wendete man es in der Hand. Im Filmressort sollen Besucher unter anderem russische Avantgardefilme sehen und herunterladen können, wie etwa Dziga Vertovs "Man With A Movie Camera" (1929). Anhänger des Industrie-Designs sollen sich eine digitalisierte Ausstellung der Motorräder von BMW anschauen können. In einem kleinen Fenster erscheint dann der Schauspieler Dennis Hopper und erzählt von seiner wilden Zeit in den Sechzigern, als er durch den Film "Easy Rider" zum Star wurde. Im Hintergrund dudelt der Smash-Hit des Soundtracks, " Born To Be Wild". Die CD können User im Guggenheim-Shop ordern. Und im Ressort Reise können sie eine achttägige Rundfahrt durch das Guggenheim-Imperium buchen.

Während Judy Cox das neue Produkt aus dem Hause Guggenheim vorstellt, achten zwei Pressereferentinnen darauf, dass die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt werden. Die Regeln sind streng: Auskünfte über das globale Expansionsstreben der Stiftung werden grundsätzlich nicht erteilt. Und das, obwohl Guggenheim.com als kommerzialisiertes Cyber-Museum dazu beiträgt.

Guggenheim ist die zurzeit populärste Marke in der Welt der Kunst. Unter dem Signet firmieren Ausstellungshäuser in der Upper East Side von New York und im Stadtteil Soho, außerdem Museumsableger in Venedig, Bilbao und Berlin. Im Herbst eröffnet eine weitere Dependance in Las Vegas. Die Globalisierung der Marke und der damit einhergehende wirtschaftliche Erfolg der Stiftung handelte ihr einen polemischen Beinamen ein: Kulturkritiker bezeichnen die Museumskette als "McGuggenheim".

Tatsächlich gebärdet sich die Solomon R. Guggenheim Foundation in den letzten Jahren immer mehr wie ein Unternehmen statt wie eine Institution, die Kunst fördert. Kritiker sagen, durch die strategischen Partnerschaften mit Konzernen werde die Kunst mehr und mehr an die Wirtschart verschachert. Durch Allianzen mit berühmten Museen, wie eben der Hermitage in St. Petersburg oder der Albertina in Wien, werde zudem ein Definitionsmonopol geschaffen: Was überhaupt moderne Kunst sei, entscheide Guggenheim. Teuflisch sei zudem, wie die Foundation ihre Sponsoren hofiere: Sie pervertiere die Kunst, indem sie nicht nur Konsumprodukte, sondern gleich ganze Wirtschaftsunternehmen in ihren Ausstellungsräumen zur Kunst erhebe. Als es in diesem Frühjahr die Motorräder des deutschen Automobilherstellers BMW und Kleider des italienischen Modemachers Giorgio Armani zeigte, verbuchte das Guggenheim Museum in der New Yorker Fifth Avenue Rekordbesucherzahlen.

VOM PRIVATEN SPONSOR ZUR STAATLICHEN FÖRDERUNG: GUGGENHEIM IN BILBAO Verantwortlich für den wirtschaftlichen Erfolg, aber auch für das ideologische Dilemma, in dem die Guggenheim Foundation steckt, ist Thomas Krens. Er wurde 1988 als Nachfolger von Thomas Messer zum Stiftungsdirektor berufen. Unter seiner Regie ist die Stiftung zu einem global agierenden Kulturkonzern geworden, der nicht nur die Kunst mit dem Kapital vermählt, sondern auch durch seine aggressive Expansionspolitik eine Kulturmarke produziert hat, die die Kunst, die sie zeigt, dominiert.

Im Besitz der Guggenheim Foundation sind etwa 8000 Bilder und Objekte moderner Kunst. Ein Großteil davon lagert in einem Depot am New Yorker Hudson River. Im Vergleich zu Sammlungen etwa des Museum of Modern Art oder des Louvre ist sie als mittelgroß einzustufen. Rund 1000 Arbeiten des Fundus sind erstklassig, urteilen Experten. Der Wert des Guggenheim-Besitzes wurde Ende der neunziger Jahren auf drei Milliarden Dollar geschätzt. Aber nur fünf Prozent der Werke konnten vor der Expansion nach Europa in eigenen Sälen und auf Wanderaustellungen gezeigt werden. Der Rest des Bestandes blieb verstaut und verursachte Kosten für Lagerräume, Konservierung, Versicherungen und Vermögenssteuer.

"Die wertloseste Kunst aber ist jene, die im Depot brachliegt", sagt Thomas Krens. Sie wird von niemandem gesehen, könnte aber Rendite abwerfen, würde sie einem Publikum gezeigt werden. Da die eigenen Ausstellungsräume ausgeschöpft waren, erweiterte die Stiftung ihren Wirkungsgrad. Krens globalisierte die Marke Guggenheim, indem er die Sammlung des Hauses mobil machte und die Kunst dorthin trug, wo er zum einen die Konsumkraft eines neuen Publikums ausschöpfen konnte und zum anderen kunsthungrige Geldgeber fand, die sich mit dem Namen schmücken wollten. Er trug die Kunst an Orte, wo das Geld auf sie wartete.

Mit dem Griff nach Europa hat die Guggenheim Foundation das Revier des Spendensammelns verlassen. Während die Stiftung in den USA immer vom Geschick ihres Managements abhängig war, um private Einnahmequellen zu erschließen, wildert sie heute in den von der Allgemeinheit durch Steuergelder finanzierten Kulturrevieren Europas.

Zum Beispiel in Bilbao. Mitten in das industrielle Brachland der baskischen Hafenstadt hinein baute der US-Architekt Frank Gehry im Auftrag der baskischen Regierung und der Guggenheim Foundation ein 24 000 Quadratmeter großes Museum; davon sind 11000 Quadratmeter reine Ausstellungsfläche. Die Kosten für den Bau betrugen 100 Millionen Dollar, das Geld stellte die Regierung des Baskenlandes bereit. Die jährlichen Betriebskosten von 15 Millionen Dollar werden zur Hälfte durch Einnahmen gedeckt, den Rest zahlt ebenfalls der Staat. Im Gegenzug gab die Guggenheim Foundation ihren Markennamen sowie das Versprechen, kein weiteres Museum in Europa bauen zu lassen. Ein geringer Preis für die Möglichkeit, mit Eintrittskarten, Katalogen und Merchandising viel Geld zu verdienen. Kein Wunder, dass die weitere Expansion bereits geplant wird: Im Gespräch sind Rio sowie eine Großstadt in Ostasien.

WÄHREND DIE KUNST VERBLASST, STRAHLT DIE MARKE GUGGENHEIM IMMER HELLER.

Was die baskische Regierung als Coup bezeichnete, weil es ihr einen nicht endenden Touristenstrom bescherte, empfanden die Kämpfer für ein unabhängiges Baskenland als Affront: Kurz vor der Eröffnung des Museums im Herbst 1997 protestierten 500 Sympathisanten der ETA gegen den Bau. Nur wenige Tage zuvor war ein Polizist angeschossen worden, als er ETA-Leute dabei ertappt hatte, wie sie vor dem Museum Bomben in Blumentöpfen vergruben. Sie sollten am Tag der Eröffnung durch den spanischen König Juan Carlos vor dem "Symbol des US-amerikanischen Imperialismus" explodieren.

Mittlerweile besuchen jahrlich eineinhalb Millionen Menschen den Bau von Frank Gehry in Bilbao. Das Museum ist zu einer Touristenattraktion geworden, doch für viele Besucher ist das Gebäude die eigentliche Sensation, nicht die Kunst in ihm.

Der Grund für die Anziehungskraft kann Guggenheim letztlich egal sein. In New York ist es seit jeher auch die Architektur, die Besucher lockt. Wenn es kochend heiß ist in der Stadt und der Asphalt schmilzt, ist das für New Yorker Familien der perfekte Tag für einen Museumsbesuch. Das Guggenheim in der Fifth Avenue kündigt eine neue Attraktion an, und was gibt es Schöneres, als an einem heißen Tag in klimatisierten Räumen eine Sensation zu bewundern? Vor dem Schneckenbau des Architekten Frank Lloyd Wright freuen sich die Besitzer der Hot-Dog-Buden über das gute Geschäft. Väter kaufen ihren Kindern Würstchen, Brezeln oder Eiscreme, bevor sie mit ihren Lunchboxes ins Museum schreiten.

Während in deutschen Ausstellungshäusern die Besucher schweigend vor den Werken harren wie Kirchengäste vor dem Altar, stört es hier niemanden, wenn Mobiltelefone klingeln oder Kinder im Foyer vor der Sponsorentafel toben. Dort, auf einer weißen Wand, sind die Förderer der Guggenheim Stiftung verewigt wie tote Soldaten auf einem Mahnmal.

Ein deutsches Bekleidungsunternehmen sponsert die Ausstellung des Haus- und Hofarchitekten Frank Gehry. Im Zentrum der Schau steht ein überdimensionales Modell des neuen Guggenheim Museums. Der 570 000 Quadratmeter große Koloss soll am East River auf den Piers 9,11,13 und 14 entstehen und rund 800 Millionen US-Dollar kosten. Die Besucher sind begeistert. Sie erfreuen sich an einer neuen Sensation des Hauses Guggenheim: die der Selbstvermarktung.