Partner von
Partner von

Handverlesen

Pistoleros, Kulturkritiker, Wissenschaftshuber und Under-Cover-Agenten schreiben über die Neue Wirtschaft.




1 Thomas Frank: Das falsche Versprechen der New Economy - Wider die neoliberale Schönfärberei. Campus Verlag, Frankfurt, 2001; 430 Seiten; 49,80 Mark 2 Rudolf Hickel: Die Risikospirale - Was bleibt von der New Economy? Eichborn Verlag, Frankfurt, 2001; 160 Seiten; 39,80 Mark 3 Barbara Ehrenreich: Arbeit poor - Unterwegs in der Dienstleistungsgesellschaft. Verlag Antje Kunstmann, München, 2001; 37 Mark 4 Pascal Bruckner: Verdammt zum Glück - Der Fluch der Moderne. Aufbau Verlag, Berlin, 2001; 266 Seiten; 39,88 Mark Fremde Länder, gleiche Sitten. Wenn die Amerikaner ein Thema oder eine Person hochjazzen und dann zum Abschuss freigeben, sprechen sie von Turkey Shoot. In der deutschen Tier-Allegorie spricht man von zur Sau machen und selbige vor der Schlachtung durchs Dorf treiben. Egal, ob Truthahn oder Schwein, am Ende sind beide tot. Ein schönes Beispiel dieser postmodernen Metzelei ist die New Economy. Wie haben sie sich in den Redaktions- und Lektoratsstuben schon Ende 2000 die Hände gerieben, als es mit der neuen Wirtschaft bergab ging. Gerade noch hatten Bücher- und Zeitschriften über das Thema enorme Verkaufszahlen erzielt, da spitzte die Armada der Traditionshüter bereits die Stifte. Jetzt liegen die Elaborate allesamt vor.

Im Grunde genommen lassen sich vier Autoren-Typen unterscheiden. Der erste ist der Smith-&-Wesson-Typ, ihr wütendster Vertreter der amerikanische Kulturkritiker Thomas Frank (1). Er räumt auf mit den seiner Meinung nach falschen Versprechen der New Economy. Die seien nun wirklich nicht neu, würden jedoch als letzter Rettungsanker der Menschheit gefeiert. Dabei gehe es in Wahrheit um die Alleinherrschaft des Marktes, der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffne. Auf der Strecke blieben Gewerkschaften, Parteien und Staat, kurz: die Errungenschaften der Demokratie!

Auch der slowenische Philosoph Slavoj Zizek betrachtet die New Economy als abgekartetes Spiel neoliberaler Kräfte. Arbeit und Leben stehen seiner Ansicht nach nur noch im Zeichen der Vermarktung jedes Einzelnen. Als Arbeitnehmer müsse man sein eigener Unternehmer sein. Einer, der durch lebenslanges Lernen seine Leistungsfähigkeit immer wieder herstelle und sie dann auf dem Markt zu verkaufen suche. Folge dieser totalen Vermarktung der eigenen Arbeitskraft: Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit spalte nun den Einzelnen selbst.

Eines der Probleme der Smith-&-Wesson-Argumentation: Der Mensch wird auf seine Rolle als isolierter Einzelkämpfer und Opfer der rauen Arbeitswelt reduziert. New Economy zielt indes genau in die andere Richtung. Sie fordert Kreativität, Flexibilität und soziale Kompetenz, fördert Selbstverwirklichung und die Beteiligung jedes Einzelnen: ein Gegenentwurf zur Konkurrenz- und Ellenbogengesellschaft ebenso wie zu kruder Kapitalismuskritik.

Den zweiten Autoren-Typ wollen wir "Johnny Wissenschaftshuber" nennen. Er tritt in diesem Bücher-Herbst in persona des Bremer Wirtschaftsprofessors Rudolf Hickel (2) auf. Dieser Typ hat sich das Treiben erst einmal eine Zeit lang angesehen, bevor er dann väterlich von der Professorenkanzel das Für und Wider erläutert. Seine Einschätzung ist lapidar: Der Zauber der New Economy ist dahin und die Zukunft ungewiss. Hickel versucht daher, relativ vorsichtig zu bleiben. So einfach lässt sich das Gespenst nämlich nicht vertreiben. "Die jetzige Verteufelung der New Economy führt ebenso sehr in die Irre wie die vorherigen Versuche, sie in den Himmel zu heben", schreibt er. Schön zu wissen. Und er doziert seitenlang darüber, was die Start-ups noch alles lernen müssten und wie man sie wieder auf den Hosenboden setzen sollte. Am Ende aber trifft sich Johnny Wissenschaftshuber mit Smith & Wesson bei den Schreckgespensten Neoliberalismus und Globalisierung, von der Internet-Ökonomie zu schrecklicher Blüte getrieben.

Mit der Publizistin Barbara Ehrenreich (3) treffen wir einen dritten Autoren-Typ: den Undercover-Agenten. In guter Günter-Wallraff-Manier lebte sie auf der Schattenseite des New-Economy-Booms in den USA. Als Serviererin in Florida, als Putzfrau in Maine und schließlich als Verkäuferin in Minnesota. Das Buch ist eindrucksvoll, weil es zeigt, wie schwierig Rahmenbedingungen für einen humanen Kapitalismus zu schaffen sind. Knallhart die Realität mit 2,43 Dollar Stundenlohn plus Trinkgeld in Key West. Beschämend die Ausgrenzung der Niedriglohn-Arbeiter, die von einem Job allein nicht leben können. "In Key West verdiente ich 1039 Dollar pro Monat ... blieben mir 22 Dollar übrig." Nach der Lektüre dieses Buches bleibt ein dickes Aufforderungszeichen, die Frage der sozialen Gerechtigkeit noch stärker in den Mittelpunkt der New-Economy-Debatten zu stellen. Deshalb hat auch der englische Soziologe Anthony Giddens so überaus Recht: "Wir müssen die Umstände bekämpfen, unter denen Armut sozialen Ausschluss bewirkt oder sozialer Ausschluss Dauerarmut hervorruft." Umstände, die auch hier zu Lande längst Wirklichkeit sind: Rund zehn Prozent der Deutschen leben in dauerhafter Armut, 20 Prozent rutschen immer wieder unter die Armutsgrenze. Lediglich 70 Prozent sind nie arm gewesen.

Kommen wir zum letzten Autoren-Typ, dem französischen Romancier und Essayisten Pascal Bruckner (4). Ein wunderbares Buch hat er geschrieben, in Frankreich mehr als 100 000-mal verkauft, in Deutschland seit dem Erscheinen im März doch immerhin respektabel beachtet. Er ist "Monsieur Malheureux". Verdammt zum Glück seien wir alle miteinander, der Zwang des heutigen Glücksstrebens jedoch sei ein Hirngespinst: "Von einer gleichzeitigen Entfaltung aller menschlichen Ideale zu träumen, ist eine liebenswerte Chimäre: Die Zerrissenheit ist unser Schicksal, wir sind zum Missklang verurteilt, zum Wettstreit von Grundwerten, die sich als unvereinbar erweisen." Unser Lebenshunger verlange vielmehr nach Widrigkeiten, an denen wir wachsen können. Zu viel Leichtigkeit würde den Spaß verderben, die Würze des Widerstands fehlte. "Wir brauchen Hindernisse, die wir überwinden können und die uns die doppelte Erfahrung der wiederholten Niederlage und des ausweglosen Unglücks ersparen." Bruckner hat unbeabsichtigt das eigentliche Krisenbewältigungsbuch der New Economy geschrieben. Sein Credo: Nehmt hin die Krise, und bereichert euch daran. "Das nämlich ist das Projekt der Moderne, Willenskraft und Selbstbestimmung miteinander zu verbinden, wodurch das Unmenschliche menschlich wird, weil ich es will und weil ich allein das Ausmaß der Schmerzen festlege, die zu ertragen ich bereit bin." Und damit glaubwürdig zu bleiben. Helas! -----1