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Glauben ist Wissen

Sie müssen all das nicht glauben. Ich kann nichts beweisen, ich bin kein Akademiker. Ich habe diese Sachen zusammengesucht, aus Büchern, von Leuten, die zum Teil ebenfalls keine Akademiker sind. Nun gut, einige Texte hatten Fußnoten, wichtige Sache das, aber welche Informationen woher kommen, werde ich Ihnen nicht sagen – woher also sollten Sie wissen, was relevant ist und was nur ausgedacht? Und selbst wenn: Erklärungen sind bloß klapprige Skelette in einer endlosen Welt, die passiert, ohne dafür einen Grund zu brauchen. Also erwarten Sie nicht zu viel. Ich schreibe es so, wie ich es weiß. Wenn Sie es anders wissen, ist das auch gut. Das Einzige, was ich Ihnen gesichert sagen kann: Es ist der 28. August 2001, 11.17 Uhr, die Außentemperatur hier in Hamburg beträgt etwa 17 Grad. Der Himmel vor meinem Fenster ist blau und rechteckig.




1 VERGANGENHEIT Als ich 1927 las, dass Lindbergh seinen denkwürdigen Flug plante, kaufte ich Wright-Aeronautik-Aktien. Er sollte nämlich mit einer Maschine fliegen, die von Wright stammte. Ich lebte damals in Milwaukee. Mein Büro war eine Meile von meiner Wohnung entfernt. Als ich von zu Hause wegging, rief ich noch einmal meinen Broker an. Als ich im Büro ankam, hatte ich schon 65 Punkte gewonnen. Der Gedanke, dass sich alles so schnell bewegte, war erschreckend. Alles, was man kaufte, schien irgendwie ohne Grenzen. Die Leute sagen, dass wir auf eine Wiederholung von 1929 zusteuern. Ich wüsste nicht, wie das möglich sein sollte. -(...) Wenn jedermann dran glaubt, ist es, wie wenn man an Falschgeld glaubt. Bis man draufkommt, tut es seinen Dienst. (Studs Terkel, Der große Krach) Menschen wollen glauben: Es werde Licht. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Wir sind das Volk.

Die Augen zum Himmel drehen oder zu einem Rednerpult, gebannt den Worten lauschen oder sie zitternd auf einer Tontafel entziffern, nicken, danke sagen, und dann tun, was zu tun ist: Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Glaubens, lange Zeit war es einfacher, einen Glauben zu erschaffen, als ihn zu zerstören. Und es gibt sie noch heute, die wahren Gläubigen. Sie stehen an der Ecke und stemmen uns, der morallosen Masse, ihre strengen Zeitungen entgegen. Oder sie bauen eine Bombe, um in einem Moment idiotischer Hingabe sich und einige Unschuldige in die Luft zu sprengen. Nein, das sind keine Altruisten, sie tun es aus egoistischen Motiven, für ihr eigenes Seelenheil oder einen Platz im Paradies. Aber trotzdem: Es sind wahre Gläubige. Denn sie vertrauen nicht auf die erfahrbare Welt oder auch nur deren Regeln, die real sind und zu überprüfen. Sondern auf eine Belohnung, die ganz und gar jenseitig ist.

Doch die Gläubigen sterben langsam aus. Ihr Einfluss schwindet, ihre klare Welt verschwimmt unter dem erbarmungslosen Flimmern der Erkenntnis. Dagegen kämpfen sie wie verwundete Dinosaurier, brutal, blind vor Angst und Hass. Fundamentalisten. Taliban, Nazis. Es geht ihnen nicht um Glaubwürdigkeit, grotesk!, allein das Wort impliziert Zweifel, welch eine Infamie, Gott (die Arier, die Christen) zu prüfen. Nein, sie kämpfen für das Ende aller Zweifel, gegen das moderne Denken, die Geschichte, die Evolution.

Natürlich haben sie keine Chance, aber sie würden eher die Menschheit in den Abgrund führen, als aufzugeben. Und wie ihren Glauben haben sie sich auch das nicht ausgesucht.

2 DAS GEHIRN Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmen als ein Atom. (Albert Einstein) Das menschliche Gehirn besteht aus etwa 100 Milliarden Neuronen, von denen jede Einheit mit etwa 10 000 bis 20 000 anderen Neuronen direkt verbunden ist. Ein unüberschaubar komplexes System, das sich in einem permanenten Wandel befindet: Wahrend Sie dies lesen, verbinden sich direkt unter Ihrer Schädeldecke Neuronen miteinander, entstehen neue Muster, werden Felder vergrößert, verbunden, getrennt, erschaffen. Und es geht immer weiter. Okay, Sie können rausgehen, werden von einem viel zu schnellen Lkw erfasst und sind tot - dann ist Schluss. Ansonsten jedoch befindet sich Ihr Gehirn ununterbrochen in der Entwicklung - die Evolution ist sein Alltagsgeschäft.

Die Gesellschaft für Rationelle Psychologie in München macht alle fünf Jahre große Untersuchungen zu den sensorischen und kognitiven Fähigkeiten der Deutschen, in diesen (und vielen anderen weltweiten Projekten) wurde unter anderem festgestellt, dass die Verbindungen zwischen dem Sehzentrum und dem limbischen System zunehmend verringert werden. Das limbische System ist eines der vier Hauptteile unseres Gehirns: Es ist für Gefühle, Erinnerung und Erfahrung zuständig, spielt aber wohl auch (das sind alles Annahmen, die Forscher glauben! das) eine wichtige Rolle bei Lernprozessen. Die Trennung des limbischen Systems vom Sehzentrum könnte bedeuten, dass wir die Dinge, die wir sehen, nicht mehr bewerten. So können wir weitaus schneller weitaus mehr an durchaus auch widersprüchlichen Daten aufnehmen - eine Grundlage der Wissensgesellschaft.

Das hat aber auch einen Nachteil: Wir können nicht mehr glauben. Die Verbindung ist gekappt, in der Lücke wächst das Moos des Zweifels. In den Momenten der Entscheidung löst die Glaubwürdigkeit den Glauben ab, das bedingungslose Schlucken weicht der Prüfung. Gibt es Gründe dafür, dass ich einer Person, einem Unternehmen, einer These glauben kann? Diese Prüfung geschieht nicht bewusst, und der oberste Maßstab, nach dem die Daten verglichen werden, bleibt unhinterfragt: unser eigenes Ich.

3 DER BÖSE BRUDER Die Nichtzusammenarbeit mit dem Schlechten gehört ebenso zu unseren Pflichten wie die Zusammenarbeit mit dem Guten. (Mahatma Gandhi) Zwischen 1979 und 1983 hatten diverse Autos von General Motors, zum Beispiel der Chevrolet Malibu, einen schwer wiegenden Konstruktionsfehler. Der Tank war nur 28 Zentimeter von der Stoßstange entfernt, sodass er bei Auffahrunfällen leicht in Brand geraten konnte. In internen Papieren wurde ein Mindestabstand von 38 Zentimetern gefordert, eine Änderung, die beim Chevrolet Malibu einen Aufwand von 8,59 Dollar pro Wagen verursacht hätte. Eine interne Kostenanalyse ergab allerdings, dass, würde der Fehler nicht behoben werden, mit höchstens 500 tödlichen Unfällen pro Jahr zu rechnen sei, jeder Unfall Schadensersatz von höchstens 200 000 Dollar verursachen würde und in diesem Fall die Kosten im Schnitt pro Auto geringer ausfallen würden. Der Fehler wurde also nicht behoben.

Abgesehen davon, dass dieses Beispiel prima die endlosen Möglichkeiten der Betriebswirtschaft zeigt, erinnert es auch an etwas, das wir alle wissen: Etwas gut zu machen für alle oder zumindest möglichst viele Menschen ist aufwändiger, als etwas zu tun, dass nur einem selbst nützt. Kurzfristig zumindest. General Motors wurde 1999 für seine Berechnung von Menschenleben zu einer Strafe von 4,9 Milliarden (!) Dollar verurteilt. Immerhin. Das ändert aber nichts an der dahinter stehenden Idee.

Wir alle wissen, wie es um uns steht. In jedem von uns steckt neben dem guten Menschen, der wir zu sein versuchen, ein böser Bruder, der auf eine Gelegenheit zum Zuschlagen wartet. Belohnen die Umstände unsere egoistische Seite, werden ihnen die meisten von uns irgendwann nachgeben. Unser Wirtschaftssystem hat sich von einem Wettbewerbssystem, das schon im Wort Regeln und Fairness signalisiert, zu einem anarchischen System der Gier und des Wachstums entwickelt. Überproportional wächst zurzeit nicht, wer an Moral und Werten festhält, sondern der, der nichts will als Gewinn. Das wissen wir, und so schließen wir, wohl vollkommen zu Recht, von uns auf andere: je größer, umso weniger glaubwürdig. Außer natürlich, ein Unternehmen würde bekennen, dass es ihm um nichts als die Vermehrung von Geld geht, egal wie. Das würden wir glauben. Aber das sagt keiner, weil sich damit niemand Freunde macht. Auch wenn gern das Gegenteil behauptet wird, fast alle Menschen tragen immer noch ein tief verwurzeltes Gefühl für richtig und falsch in sich.

Das soll nicht heißen, dass kleine Firmen grundsätzlich besser sind als große. Es zeigt nur, dass wir gute Gründe haben, dies zu glauben!, und dass unsere Zweifel etwa an sich global ausbreitenden Unternehmen durchaus eine realistische Basis haben. Aber natürlich ist das den Großunternehmen bekannt. Das ist einer der Gründe, warum sie sich zunehmend hinter ihren niedlichen Ikonen verbergen. Den Marken.

4 ZWEI KLEINE IRRTÜMER UND EIN GROSSER FEHLER Umwelten sind unsichtbar. Ihre Grundregeln, durchgängigen Strukturen und umfassenden Muster entziehen sich einer oberflächlichen Wahrnehmung. (Marshall McLuhan) Marketing, so heißt es, gab es schon immer. Und wenn man Marketing als eine Technik begreift, mit der man den Konsumenten Produkte nahe bringt, stimmt das auch. Das heutige, quasi esoterische Marketing, das die Marke nicht nur als einen zentralen Sinn- und Gewinnstifter betrachtet, sondern sogar als eine Art Wesen, ist allerdings neu. Man kann sich darüber streiten, woher es genau kommt, doch zumindest zum Teil basiert es auf den Gedanken von zwei gründlich missverstandenen Herren: Roland Barthes und Marshall McLuhan.

Der Engländer Roland Barthes hatte 1957 in dem Buch "Mythen des Alltags" nachgewiesen, dass die vermeintlichen selbstverständlichen Codes und Formen unseres Leben, also etwa Sitten, Stil, Umgangsformen etc. nicht natürlich wachsen, sondern Konstruktionen sind, die ein bestimmtes Ordnungssystem repräsentieren. Der amerikanische Medientheoretiker Marshall McLuhan folgte ein Jahrzehnt später mit vielen weit reichenden Ideen, doch eine seiner Thesen übertönte alle anderen: Das Medium ist die Botschaft. Ein Buch transportiert in seiner Form grundsätzlich etwas anderes als eine Fernsehsendung.

Beide Denker nahmen Inhalte als selbstverständlich an. Barthes ging davon aus, dass der Konstruktion des Mythos ein Bedürfnis vorausgeht. Und für McLuhan war das Medium zwar eine Botschaft, aber natürlich nicht die einzige. Doch als sich die beiden Theorien über Halbgelesenes, Partygespräche und großzügige Auslegungen bis in die Werbeagenturen der achtziger Jahre rumgesprochen hatten, war davon nicht mehr viel übrig. Der Mythos war ein frei zu konstruierendes Herrschaftsinstrument, die Medien die Werkzeuge seiner Erschaffung. Die Gedanken, die ursprünglich einen Beitrag zur Befreiung der Menschen leisten wollten, sollten zur Grundlage einer neuen Sklaverei werden.

Immerhin, das hat nicht geklappt. Der Glaube an die Werbung ist im Keller, der Glaube an die Marke hat die Kellertreppe auch schon halb geschafft. Es ist schon die normale Markenkommunikation, die uns zweifeln lässt: wie sie auf uns zukommt, die Marke, wie ein Mann in einem modischen Anzug, der uns auf der Straße anspricht, der fragt, wie es uns geht, uns im selben Augenblick seine Freundschaft und Hilfe anbietet, und uns sogleich, wir kennen uns keine zehn Sekunden, ein Auto verkaufen will. Marken haben es eilig, sie müssen den Aufwand, den sie betreiben, schnell wieder einspielen. Doch ihre Hektik und ihre Aufdringlichkeit vermindern ihre Glaubwürdigkeit - nie würden wir einem Fremden trauen, der sich so benimmt.

Schlimmer noch aber ist, dass die Marke außer "Kauf mich" nichts zu sagen hat. Selbst die edelste Kampagne zur Rettung von Walen wird so zum Vorspiel eines Handels, sogar dann, wenn das Anliegen ernst gemeint ist. Dem Händler, der immer nur verdienen will, glaubt niemand, wenn er sich eines Tages tatsächlich Sorgen um seine Mitmenschen macht. Doch dieser günstigste Fall tritt ohnehin nur selten ein. Meist wird auf möglichst dumpfe Art Platz gekapert, etwa wenn AOL das Hamburger Volksparkstadion zur AOL Arena umbenennen lässt. Was will uns das sagen? Dass AOL Fußball mag? Oder dass sich AOL weder für die Fans des Clubs noch ihre Tradition interessiert, sondern allein für eine möglichst deutliche Präsenz? Marken sind eben nur Marken: Werbemittel. Zeitschriftenvertreter ohne Privatleben. Das ist alles.

Wer also soll den Marken glauben? Richtig, junge Menschen. Die Kernzielgruppe. Waren wir nicht früher alle jung? Und fanden wir nicht alle diese Typen toll, die nichts zu sagen hatten, aber groß daherschwafelten? Die Jugendlichen, so heißt es, seien noch zu prägen. Für Markenwerte. Wirklich? Man könnte sagen, den Leuten, die so etwas glauben, fehlen Informationen. Doch ich fürchte, es fehlt ihnen etwas viel Wichtigeres.

5 RESPEKT You can fool some people sometimes, but you can't fool all the people all the time. (Bob Marley) Eine These, die eine verblüffend große Zahl an Zeitungen und Zeitschriften prägt, lautet: Der Leser ist dumm. Jawoll, damit sind Sie gemeint. Ich habe diesen Satz in verschiedenen Jobs bei verschiedenen Zeitungen oft gehört: Der Leser versteht das nicht, der Leser kann das nicht. Und ich weiß von vielen Kollegen, die häufig besser arbeiten könnten als sie dürfen, dass ich mit meinen Erfahrungen nicht allein stehe. Wenn Sie also demnächst eine Zeitung aufschlagen und das Gefühl haben, man will Sie für dumm verkaufen - haben Sie wahrscheinlich vollkommen Recht.

Wie bei vielem Schlechten liegen die Wurzeln auch hier im Guten. Komplexe Zusammenhänge allen Menschen nahe zu bringen, auch der in Redaktionskonferenzen oft und gern als Sinnbild der Simplizität beschworenen Hausfrau aus Herne, ist erst mal ein sympathisches Anliegen, besonders angesichts des bürgerlichen Feuilletons, das bis heute seine Hochkultur und den dazugehörigen elitären Sprachcode pflegt, als gelte es, die Zivilisation zu verteidigen. Doch mal abgesehen davon, dass die Hausfrau aus Herne möglicherweise klüger ist, als es sich so mancher Redakteur vorstellen mag, hat sich der ursprüngliche Aufklärungsimpuls in den vergangenen Jahren in einen bizarren Sumpf aus Infotainment, Häppchenjournalismus und tolle News über unwichtige Leute (so genannte Promis) verwandelt, der uns zunehmend von dem trennt, was wir wirklich wissen wollen: Nachrichten. Am besten welche, die für unser Leben relevant sind.

Dabei steht die schreibende Masse natürlich nicht allein, wie jeder weiß, der in den letzten Jahren mal einen Fernseher angeschaltet hat. Die Verblödung zieht sich durch alle Medien, die Werbung, das Radio, die Musikindustrie, die Filmindustrie. Hollywood ging bisher am weitesten. Ende der neunziger Jahre beschloss man in der Filmfabrik, die Drehbücher fortan von Zwölfjährigen gegenlesen zu lassen. Verstanden die Kids eine Geschichte nicht, war sie zu kompliziert und wurde umgeschrieben. Ein Tiefpunkt, von dem ich gern behaupten würde, er lasse sich nicht unterbieten, wüsste ich nicht aus Erfahrung, dass es nach unten keine Grenze gibt.

Die Gründe ... Na ja, die Gründe. Gern wird das in den letzten Jahren immer stärker in den Mittelpunkt gerückte Marketing und dessen Hang zu Verpackung (Titten) statt Inhalt (Themen) verantwortlich gemacht. Auch die stetig zunehmende Vermischung von Werbung und Inhalt ist sicherlich mit verantwortlich. Die Orientierungslosigkeit der Führungsfiguren angesichts eines sich wandelnden Marktes und dem Fehlen klarer Konzepte hat wohl auch einiges zur Desorientierung beigetragen. Und Angst vor der eigenen Courage. Das Karrieredenken. Meine Güte, Sie sind doch auch in einer Firma - ist es bei Ihnen anders?

Der Glaubwürdigkeit der Medien hat das Senken des Niveaus jedenfalls wenig genützt. Überall werden zurückgehende Verkaufszahlen oder Einschaltquoten gemeldet, die Medien als formende, informierende Kraft verlieren zusehends ihre Anziehung. Um glaubwürdig zu sein, muss man eben seinen Gegenüber ernst nehmen. Denn wir spüren, wenn man uns für blöd hält: schon an diesem flotten Trällern, jenem Tonfall, den man auch gegenüber einem Neugeborenen anschlägt. Oder einem Wellensittich. Außerdem nervt dieses allgegenwärtige Dauergrinsen.

6 GOTT Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. (Die Bibel) Gott macht keine Witze. Vielleicht war es einer der größten Fehler der christlichen Kirche, aus einem über allem schwebenden Ungetüm einen lieben Gott zu machen, eine Art Kuschelkissen mit Beichtfunktion. In Ländern, in denen ein Gott auch mal böse ist, in denen es Missernten gibt, weil man Ihm gezürnt hat, oder gar tote Kinder, hat Gott, so scheint es, weniger mit seiner Glaubwürdigkeit zu kämpfen als im Wir-haben-uns-alle-lieb-Christentum. Und ist das nicht eigentlich zu erwarten? Wem glauben wir mehr: einem, der immer nur gute Laune verbreitet? Oder einem, der auch mal ungerührt schlechte Nachrichten verkündet?

Vielleicht wäre das ein Modell für Gerhard Schröder und seine Kollegen. Politiker könnten wie alte, böse Götter tun, was keiner mehr wagt - die Wahrheit sagen. Blühende Landschaften im Osten? Ha! Humanitärer Bundeswehreinsatz? Höhö. Sinkende Arbeitslosenzahlen? Prust. Die Wahrheit, mein liebes Volk, ist: Wir haben Millionen von Arbeitslosen, und das wird sich nie wieder ändern. Wir müssen sehen, wie wir damit zurechtkommen.

Wäre das nicht unglaublich glaubwürdig? Oder würde uns da, von fast jedem Politiker jeder Partei, noch ein kleiner Nachsatz fehlen: Wir können das Problem aber leider nicht wirklich angehen, denn wir haben Freunde, Geldgeber, Lobbyisten, denen wir mehr verpflichtet sind als euch, liebes Volk. Denn das ist womöglich das letzte Problem: Um glaubwürdig zu sein, muss sich Denken und Handeln im Einklang befinden.

7 GLAUBWÜRDIGKEIT Wenn eine lange Folge von Missständen und Übergriffen, die alle die gleichen Ziele verfolgen, die Struktur des organischen Lebens selbst und die heitere Harmonie auf dem Planeten bedrohen, ist es das Recht, ist es organische Pflicht, aus einem so morbiden Bündnis auszuscheiden und neue liebevolle soziale Strukturen zu entwickeln. (Timothy Leary) Womit wir am Anfang angekommen wären, beziehungsweise vor dem Anfang: Wie erlangt man Glaubwürdigkeit? Das war die Frage, die wir uns in der Redaktion gestellt haben, ausgehend von der Situation in der neuen Wirtschaft. Wir alle haben gesehen, wie Unternehmen nicht nur an Wert, sondern auch an Vertrauen verloren haben, oftmals völlig unverdient. Und wir fragten uns: Was können solche unschuldigen Opfer tun, um ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen?

Natürlich wäre es möglich, eine Art Verhaltenskodex zu produzieren, und sicherlich kämen einige sinnvolle Punkte zusammen, die eigene Glaubwürdigkeit zu steigern. Zum Beispiel: - Mache deutlich, dass du dich nicht nur für Geld interessierst.

- Verstecke dich nicht hinter deiner Marke.

- Dränge dich nicht auf.

- Lasse im Gespräch dir und deinem Gegenüber Zeit.

- Nimm deinen Gegenüber ernst.

- Verschweige keine unangenehmen Punkte.

Und so weiter. Nur: Ich glaube, darum geht es nicht.

Ich habe die Frage von Anfang an nicht verstanden. Denn was wäre glaubwürdiger, als zu sagen, was man meint, zu tun, woran man glaubt, und es so gut zu machen wie möglich? Mir wurde entgegengehalten, dass es ein Empfängerproblem gäbe. Das Gegenüber muss die Ehrlichkeit auch glauben. Das stimmt, es muss ebenfalls arbeiten. Es muss sich auf den Partner einlassen, sich mit ihm beschäftigen, abwägen, prüfen, den anderen und sich selbst - Glaubwürdigkeit erkennt man nicht im Vorbeilaufen.

Doch auf guten Willen und echtes Interesse der anderen hat niemand einen Einfluss. Außerdem wird es immer jemanden geben, der einem nicht glaubt. Denn wir alle glauben, wie gesagt, nur, was sich mit unserem Weltbild deckt, was wir verstehen. Wir glauben, was wir wissen. Und wenn Sie mir das nicht glauben, dann müssen Sie auch nicht glauben, dass es inzwischen Abend ist, dass ich hier sitze und dass jetzt Schluss ist.