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Frisch erfunden - Local Wide Web

Für viele kleine wichtige Dinge im Leben ist das World Wide Web viel zu groß – Philips entwickelt deshalb "Living Memory", ein Netzwerk für lokale Gemeinschaften.




Bei Müllers im Erdgeschoss ist die Katze verschwunden; Frau Stippke aus der zehnten Etage sucht eine kleine Wohnung für ihre Nichte vom Land; Gert hat seine Plattensammlung aussortiert und fände gern Käufer für die alten Scheiben. Früher hat man solche Fragen beim Tratsch im Treppenhaus geklärt. Doch heute ist der Flurfunk in vielen Wohnanlagen verstummt.

Philips Design hat sich eine Alternative überlegt: Der Konzern will lokale Netzwerke zum informellen Informationsaustausch bestehender Gemeinschaften aufbauen. "Living Memory" (LiMe) heißt das Projekt, mit dem ein "lebendiges Gedächtnis" für Wohnkomplexe, Universitäten oder Unternehmen geschaffen werden soll. Im Grunde handelt es sich um ein intelligentes schwarzes Brett.

Technisch gesehen ist LiMe ein Datenbanksystem, das Mitgliedern einer Gemeinschaft an bestimmten Orten zugänglich gemacht wird. Die einfach zu bedienenden Computerterminals mit Touchscreen-Technik, sehen nicht wie schnöde PCs aus, sondern sind in Kaffeehaustische oder Litfaßsäulen integriert und stehen an stark frequentierten Plätzen, in Eingangshallen von Gebäuden etwa oder an Bushaltestellen. So weit, so alt.

Neu sind die münzgroßen Plättchen - so genannte Tokens -die Schlüssel zur Datenbank. Wer sein Token in ein Schälchen am Terminal wirft, loggt sich in das System ein und kann dort Daten aus der Nachbarschaft sammeln oder selbst Nachrichten versenden. Die Müllers schreiben also, wo sich der Finder ihrer entlaufenen Katze melden soll; Gert gibt Musikfreunden Titel und Preise seiner CDs bekannt. Wer will, kann auch gleich über den Dateneintrag selbst Kontakt aufnehmen und antworten. Jeder Eintrag wird einer bestimmten Kategorie zugeordnet und in Verbindung mit dem individuellen Token gespeichert. Jeder Nutzer, der Informationen mit seinem Token verknüpft - er tut das, indem er die Nachricht mit dem Finger in eine auf dem Bildschirm visualisierte Schale zieht - findet sie auch wieder. Es scheint, als wäre der Token das Speichermedium. Doch die Münze ist lediglich eine Antenne, die beim erneuten Eintritt vom System erkannt wird. Den Überblick über die im Umlauf befindlichen Tokens hat ein Systemverwalter.

Klingt kompliziert, hat sich in der Bedienung aber als kinderleicht herausgestellt. Beim Pilotversuch in Edinburgh nutzten viele, besonders ältere Menschen das System. Es war die Gemeinschaft selbst, die die Datenbank nach ihren eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen gestaltete und sich damit ein lokales Informationssystem aufbaute, das in dieser Form im World Wide Web nicht existiert. Nicht jeder ist online. "Living Memory" ist auch ein Beitrag zur Überwindung des "Digital Divide", also der Benachteiligung von Menschen ohne Internet-Zugang. So wenigstens sieht man das bei Philips Design. Momentan sucht das Unternehmen Partner für die Umsetzung. In Frage kommen kleine Gemeinden, Stadtverwaltungen oder Betreiber von Club-Anlagen. In Kombination mit einem PIN-Code könnte man mit den Tokens auch bezahlen. Einstweilen dienen die Plättchen lediglich einer digital vernetzten Nachbarschaft. Damit Müllers ihre Katze wiederfinden; Gert seine Platten verkauft kriegt und Stippkes Nichte endlich von der Provinz in die Großstadt ziehen kann.