Partner von
Partner von





In Hamburg fand gerade die Bürgerschaftswahl statt. Im Angebot waren Knieschuss, Bauchschuss und Kopfschuss, repräsentiert durch Parteien, deren Konsens in der Exekution des öffentlichen Lebens liegt: Denn die Stadt, da ist man sich nicht nur unter hanseatischen Politikern einig, ist nicht mehr bloß ein Gebiet, auf dem Menschen zusammenleben, sondern vor allem ein Standort für die Wirtschart. Ein befreundeter Ladenbesitzer erzählte, wie ihn ein Genosse der bis ins Metaphysische verfilzten Regierungspartei zu einer Veranstaltung eingeladen hatte: Die Straße, an der sein Laden liegt, würde in eine Fußgängerzone umgewandelt, darüber sollte informiert werden. "Die haben", so mein Freund, der Unternehmer, "nur die Geschäftsleute eingeladen, aber nicht die Anwohner. Das ist doch absurd." Stimmt. Aber noch absurder finde ich, dass manche Geschäftsleute das völlig normal finden.

In Baz Luhrmanns ("Romeo und Julia") neuem Film "Moulin Rouge" geht es ebenfalls um die neue Unordnung: die Dominanz des Geldes und seiner Besitzer gegenüber der Mehrheit der Menschen und sowieso der Kunst. In dem modernen Märchen lassen sich die Mitglieder einer Tanztheatertruppe im Paris des späten 19. Jahrhunderts von einem Investor finanzieren, der für sein Geld nicht nur die Hauptdarstellerin verlangt, sondern auch eine Änderung des Theaterstückes. Für Baz Luhrmann ist dieser Konflikt kaum mehr als ein Rahmen, um mit einer unglaublichen Musik- und Bilderflut das Musical neu zu erfinden, eine hinreißende Atemlosigkeit, die nahe legt, dass der Streit albern ist. Die Form dominiert sowieso den Inhalt. Trotzdem bleiben für mich zwei Fragen.

Die eine Frage lässt sich leicht beantworten: Was wäre eigentlich, wenn die Geldgeber tatsächlich die Inhalte bestimmen würden? Ich weiß, was jetzt einige denken: Tun sie das nicht schon? Doch ich glaube, das ist nur bedingt richtig: Der kulturelle Fortschritt findet in allen Medien im Widerstand gegen die Entertainmentkonzerne statt, mir fallt nicht ein Beispiel ein, in dem ein Großunternehmen wissentlich etwas wirklich Innovatives finanziert hätte. Eine investorbestimmte Kultur wäre äußerst konservativ und damit zwangsläufig zum Tode verurteilt. Am Ende würde vielleicht Mariah Carey zum Soundtrack von No Angels die Hauptrolle in "Titanic IV" spielen. Aber das wäre völlig egal, denn zu diesem Zeitpunkt wären wir alle bereits entsetzlich gelangweilt von dem, was man uns verkaufen will, und würden selbst Filme drehen, malen oder Musik machen.

Interessanter ist die zweite Frage: Warum glauben Investoren, dass sie das Recht haben, Inhalte zu bestimmen, so wie Geschäftsleute glauben, der Umbau einer Stadt sei in erster Linie ihre Angelegenheit? Anders gesagt: Hat irgend jemand schon mal von einem Künstler gehört, der seinem Geldgeber erklären wollte, wie er Geld verdienen soll? Wieso also umgekehrt? Ja, ja, der Materialismus ist wohl ein Grund, dieser bizarre Wertekanon, in dem Geld grundsätzlich alle anderen Ideale dominiert. Aber ich habe noch einen anderen Verdacht. Ich glaube, der Investor ist ein trauriges Kind. Ich stelle mir das so vor: Der Investor, nennen wir ihn mal Josef, sitzt in seinem Büro und muss Hausaufgaben machen. Draußen scheint die Sonne, die anderen Kinder spielen auf dem Firmenparkplatz Fußball. Josef würde auch gern, aber Papa hat's verboten. Die Schule ist wichtiger! Immerhin, später darf Josef raus. Toll! Er holt seinen neuen Ball, die Kinder freuen sich über ihn, und erst mal über den Ball!, nun könnten alle Spaß haben. Doch jetzt beginnen die Probleme. Weil Josef nicht so oft draußen spielen darf, ist er nicht so gut im Fußball und will deshalb die Regeln ändern. Zu Hause ist er immer wichtig, das will er auf dem Spielplatz bleiben. Die anderen Kinder finden das natürlich blöd. Streit bricht aus, bis Josef brüllt: "Das ist aber mein Ball." Das ist der Moment der Verhinderung: Josef müsste jetzt mit den Kindern eine Lösung finden, er müsste sich von seiner kindlichen Sicherheit des IchIchIch lösen und die unsichere Welt des Erwachsenseins betreten. Davor hat er Angst, wie alle Kinder, und ist bockig. "Ich will aber. Meine Welt. Mein Ball." Ich glaube, jemand muss mal mit Josef reden.

Hier kommt Josefine. Sie ist zwölf, genauso alt wie Josef, wird jedoch erst in vier Jahren geboren, sie lebt also im Jahre 2017. Die beiden treffen sich aber an einem herrlichen Sommertag auf einer Blumenwiese, da gelten Zeit und Raum nicht. Josefine ist wie alle Kinder der Zukunft viel klüger als die Erwachsenen heute. Sie hat blonde Locken und lacht, als sie sagt: "Du wirst jemanden treffen, und sie wird nicht nur jemand sein, der für dich da ist. Sie wird deinen Platz am Frühstückstisch einnehmen und deine Hosen sortieren, sie wird deinen Haarschnitt kritisieren und deine Arbeit. Ihr werdet im Bett liegen, warm, Haut an Haut, und leise über das Glück sprechen, aber ihr werdet euch auch anbrüllen, mitten im Kaufhaus, denn nein, sie will nicht auf dieses schöne Paar Schuhe verzichten. Du wirst die Wahl haben zwischen ihr und deinen Gewohnheiten, zwischen der Freiheit, auf die Freiheit zu verzichten, und der Freiheit, zu tun, was du gerade willst, ein einsamer Gott in einem leblosen Kosmos. Aber eines wird sich nie ändern: Solange du Angst hast, deine Freiheit zu verlieren, wirst du nicht frei sein." Stille. Ein Moment für die Grillen, für die Blumen, die sich im warmen Wind neigen, für den Wind. Josefine nimmt Josefs Hand, ihr Lächeln ist wärmer als die Sonne, die von allen Seiten auf sie herabscheint. "Wollen wir spielen?" Josef lächelt zaghaft. "Ich habe einen Ball." Gemeinsam laufen die beiden über die grüne Wiese, da kommen schon die anderen Kinder, bald verschwindet der Ball in der bunten Horde. Vielleicht wird es doch noch ein guter Nachmittag.