Partner von
Partner von

Kaos Piloten

Die „Kaos Piloten“ sind eine dänische Managementschule und seit Jahren das Synonym für Kreativität. Nun müssen sie zeigen, dass sie auch managen können. Vor allem sich selbst.




#__Nein, einen Overhead-Projektor hatten sie nicht für ihn. Uffe Elbaek, Direktor der Kaos Piloten - einer Schule für kreatives Management in Aarhus, Dänemark - hatte ohnehin schon befürchtet, dass es auf der Multimedia-Konferenz "Doors of Perception" in Amsterdam schwierig werden würde, gegen die Nebelkanonen, Powerpoint-Präsentationen und Videoinstallationen der anderen Redner anzutreten. Dass der gute alte Overhead-Projektor aber gar nicht erst zu finden war, schüchterte ihn dann doch ein wenig ein. Glücklicherweise ließ sich ein Gerät auftreiben und die Präsentation mit den am Vortag noch eilig zusammengeschnippelten Collagen und drübergeklebten Texten auf Folie wurde als gelungene Abwechslung zu den teilweise etwas sterilen Powerpoint-Shows gefeiert. Sein Vortrag zum Thema "Spiel und Kreativität in Organisationen" hatte Uffe Elbaek zudem neue Kontakte eingebracht - und ein paar Kommentare, die in seiner Schule mittlerweile Kultstatus haben: "Tolle Präsentation, echt retro!" Der Charme bleibt, auch mit heruntergelassenen Hosen.

Ähnlich effektvoll war die Weihnachtsfeier der Kaos Piloten 1996 im gerade erst eröffneten Klassenzimmer im Ferry Building in San Francisco, Kalifornien. Just als die Studenten mit heruntergelassenen Hosen die hässlichsten Boxershorts küren wollten, trafen die ersten hochrangigen amerikanischen Gäste ein. Sie waren eigentlich erst zu einem späteren Zeitpunkt erwartet worden.

Das ist er dann wohl auch, der größte Unterschied zwischen den Kaos Piloten - einem Kulturgemisch aus Schweden, Norwegern, Dänen, Isländern, Schweizern und Deutschen - und anderen Managementausbildungen in der Welt. Es sind ihr Charme im Auftreten, die blumigen Visionen und Ziele, die Verbindung von Street-Kultur und Management-Etage, die Lässigkeit, gepaart mit Disziplin, und am allerwichtigsten: die Fälligkeit, eigene Schwächen zu erkennen, um daraus Stärken zu entwickeln.

Die Ausbildung scheint sexy und ein einmaliges Erlebnis im Vergleich zu dem, was den Aufbruchs- und Innovationswilligen der neuen Unternehmergeneration sonst so auf dem Markt angeboten wird. Denn das ist oft schrecklich langweilig.

Seit ihrer Gründung 1991 wirken die Kaos Piloten auf viele wie ein Magnet. Nicht nur potenzielle Studenten werden auf sie aufmerksam, sondern auch die ganz Großen aus Wirtschaft, Politik, Bildung und Kultur. Ohne dass sie eine einzige Öre dafür bezahlen mussten, wurde in der in- und ausländischen Presse mehr über sie geschrieben als über jede andere dänische Organisation. 1992 verlieh ihnen die UNESCO das Prädikat " bemerkenswertes neues pädagogisches Konzept". Und als die Kaos Piloten 1996 eine Filiale in San Francisco eröffneten, wurden sie von CNN interviewt.

Warum eigentlich? Was kann ein Kaos Pilot, was ein Betriebswirt oder MBA nicht kann? Jeder fragt das und bringt damit die Kaos Piloten ins Trudeln. "Wir machen Projektmanagement." - " Projektmanagement... aha, und was sind das so für Projekte? Braucht man da einen Flugschein?" Der Kaos Pilot holt aus und beginnt geduldig seinen zurechtgeschusterten Vortrag über die dreijährige Generalistenausbildung in Leadership, Entrepreneurship mit Schwerpunkt auf Innovation und interkulturellem Training.

Er erzählt von der Kombination aus Theorie, Praxis und Reflexion, aus der sich für die Kaos Piloten optimales Lernen ergibt. Kleine Pause zum Luftholen. Wenn er überhaupt noch so weit kommt, wird er das Kompetenzmodell der Schule ansprechen. Das setzt sich aus Innovations-, Aktions-, Sozial- und Fachkompetenz zusammen, die im persönlichen Coaching in den mit der Zeit immer komplexer werdenden Projekten geschult werden sollen. Die Projekte werden von Firmen wie Apple Computers, Global Business Network oder auch mal von der Kommune in Auftrag gegeben. Nebenbei macht das Ganze übrigens auch noch Spaß. Insgeheim hätte der Kaos Pilot wahrscheinlich lieber eine einfachere Antwort gegeben, etwa ,Jura mit Schwerpunkt Strafrecht".

Das wäre auszuhalten, hätten die Kaos Piloten nicht noch andere Probleme. Neben dem zur Marke gewordenen Namen und der Geschichte muss auch die Qualität der Ausbildung stimmen. Und mit der gab es so einige Schwierigkeiten, fand zumindest das dänische Bildungsministerium. Das Bildungsministerium aber ist und bleibt vorerst der größte Sponsor, auch wenn die Kaos Piloten relativ eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiten. Und weil den Bildungsbeauftragten in Kopenhagen nicht beizubringen war, warum sie 35 Skandinaviern den Aufenthalt an der Westküste finanzieren sollten, musste die Vorzeige-Schule im Frühjahr 1999 ihre San-Francisco-Filiale schließen. Das war der Preis für weitere fünf Jahre Grundfinanzierung in Dänemark.

Grundlage des ministeriellen Eingriffs war ein externes Gutachten, das offenbar - neben einer maßvollen Kritik - in seiner Begeisterung für das Konzept der Schule etwas zu weit gegangen war: Das Gutachten lobte nicht nur die guten Kontakte der Schule zu innovativen Milieus in der Bay Area, es legte dem Ministerium zur Verbesserung des Dialogs auch nahe, "gelegentlich eine etwas modernere Haltung einzunehmen".

Das Ministerium reagierte sparsam, und so wurde nichts aus dem schönen Plan, ein drittes Klassenzimmer in Asien einzurichten, um die drei wichtigsten Wirtschaftsregionen der Welt abzudecken. Stattdessen mussten die Schüler von "Team 5" vor ihrem Abflug aus San Francisco in der letzten Märzwoche beim Auszug helfen und die Einzelteile des Empfangstresens in den bereitgestellen Container tragen.

Wieder zu Hause mussten sich Studenten und Lehrer mit der Bewertung durch das Gutachten auseinandersetzen. An dem Bericht hatte das Institut ein ganzes Jahr gearbeitet, während die Schule vom Bildungsministerium finanziell erst einmal auf Standby geschaltet worden war. Im Großen und Ganzen wurde das Experiment gelobt und für finanzierungswürdig erklärt, wie in den unzähligen Bewertungen zuvor. Doch die Prüfer vermissten eine aktuelle Studienordnung, kritisierten die Theorielücken in den Köpfen der Schüler und die Tatsache, dass es für sie keine Pflichtlektüre gab.

Was schief lief, wusste jeder - aber es gab gute Gründe dafür.

Die Schulführung hatte all das auch schon erkannt, aber bisher toleriert: - Erstens, weil die Kaos Piloten mit ihrem Schwerpunkt auf Praxisbezug eine Alternative zu den theorieüberlasteten traditionellen Bildungseinrichtungen darstellen sollten.

- Zweitens, weil es schwer vorstellbar ist, dass die Studenten nach zehnstündiger Projektarbeit noch fähig sind, sich in Fachliteratur zu vertiefen.

- Drittens, weil es Teil der Schul-Philosophie ist, dass ein professioneller Projektleiter seine eigenen Defizite erkennt und die Motivation dafür entwickelt, sich eigenständig, aus Interesse am Lernen, das notwendige Wissen anzueignen.

Und genau das gilt es zu schulen.

Das sind gute, aber leider ungültige Argumente, wenn es um den großen Geldtopf geht. Und wenn dann auch noch Studenten anfangen, sich über die mangelnde Qualität der Gastvorlesungen zu beklagen und darüber, dass ihnen die theoretischen Grundlagen fehlten, um die Ergebnisse der Projekte zu verbessern - dann nützt auch ein Appell an die Eigeninitiative nichts mehr.

Die Situation Anfang 99 war also alles andere als rosig. Auch, weil die Mitarbeiter der ersten Stunde den ungewohnten Anwürfen nach Jahren des ständigen Überlebenskampfes ziemlich hilflos gegenüberstanden. Ganz klar: Die Kaos Piloten brauchten wieder Erfolgserlebnisse, wenn sie weiterhin erfolgreich sein wollten.

Schulleiter Uffe Elbaek erhob deshalb das Jahr vor dem Jahrtausendwechsel zum Schicksalsjahr: "Entweder wir schaffen den Sprung zu einer innovativen Konsolidierung und bleiben an der Spitze - oder wir gehen im Mainstream unter. Alternativ können wir nämlich nicht mehr sein, Mainstream wollen wir nicht sein. Da bleibt uns nur noch die Möglichkeit, alternativer Mainstream zu werden." Ziel muss es sein, so die klare Botschaft des Bildungsministeriums, etwas mehr Ordnung ins Chaos zu bringen. Die Kaos Piloten waren bereit. Allerdings wollten sie dabei unabhängig bleiben und natürlich auch ein bisschen revolutionär. Um revolutionär zu sein, braucht man Visionen - und die heißen nun Kalifornien und Südafrika. Die Rückkehr nach San Francisco wird zum Projekt: Weil das Geld für eigene Unterrichtsräume fehlt, müssen die Studenten sich künftig selbst dort Organisationen suchen und Kontakte knüpfen. Der Weg nach Südafrika führt über Entwicklungsprojekte, die helfen, soziale Kompetenz auszubauen.

Jede gute Marke hat eine Geschichte.

Dahinter steht folgende Philosophie: Der künftige Kaos Pilot soll mit den innovativsten Hightechfirmen der Industrieländer flirten, aber gleichzeitig auch humanitäre Hilfe in Dritte-Welt-Ländern leisten können. Für die Kaos Piloten steht fest, dass das Handeln im neuen Jahrtausend wesentlich stärker von Wertvorstellungen geprägt sein wird als im Jahrhundert zuvor. Der Kaos Pilot wird zum Social Entrepreneur.

Inzwischen sind die ersten Hausaufgaben gemacht. Die neue Studienordnung ist fein geschliffen, die Anwesenheit der Studenten wird kontrolliert, es gibt ein festes Lesepensum mit einigen Grundbüchern und ein neues Organisationsmodell mit einer Reihe neuer Mitarbeiter. Wichtiger allerdings war es den Piloten, sich auf die Kernkompetenzen der Schule zurückzubesinnen, die Marke Kaos Piloten zu revitalisieren und sich um die Wurzeln der Ausbildung zu kümmern. Und dazu gehört unter anderem die Stadt Aarhus.

"Wir werden nicht nach Kopenhagen ziehen. Das wäre zu einfach. Die Herausforderung besteht darin, aus Aarhus wieder eine spannende Kleinstadt zu machen", meint Uffe Elbaek. Im vergangenen Sommer wurden alle Räume renoviert und auch sonst geben sich die Kaos Piloten vom neuen Spruch auf dem Anrufbeantworter bis zur neuen Website reichlich Mühe, Aufbruchstimmung zu verbreiten.

Klar, das Geld zum Expandieren fehlt. Aber wachsen, nur um zu wachsen, wollen sie ja gar nicht. Punkt eins auf der Agenda ist die Qualitätssicherung. Und da können sie auf neun Jahre Projekterfahrung zurückblicken. Auch das Netzwerk der Schule ist mittlerweile riesig. Und es gibt Überlegungen, es in Sub-Netzwerke einzuteilen und sich mit einigen Organisationen eine konkretere Zusammenarbeit zu überlegen, von der beide Seiten profitieren würden.

Rulemakers, Ruletakers, Rulebreakers In diesem Frühjahr wird sich also zeigen, ob die Mission der Kaos Piloten in Erfüllung geht. Denn jetzt geht es darum, die Innovatoren der Zukunft für das neue Team anzulocken und ihnen ein Studium schmackhaft zu machen, das 7900 Mark Startgebühr und monatlich 700 Mark Schulgeld kostet. Denn die Konkurrenz in Skandinavien buhlt mittlerweile mit ähnlichen Programmen um die gleiche Klientel - und zwar gratis. Auf die richtige Kommunikationsstrategie wird es also ankommen und wie gesagt, die Geschichte muss stimmen. Aber weil Geschichten meistens lang sind, haben sich die Kaos Piloten einen Slogan ausgedacht: Change the Game - Rulemakers, Ruletakers, Rulebreakers!

Letztendlich hatte die Reifeprüfung der Kaos Piloten auch viel Positives, denn Träume und Visionen von einer besseren Welt sind wohl auch deshalb so aktuell, weil der Markt dafür wächst. Wer sich dann noch ernsthaft mit ihrer Realisierung beschäftigt, der weiß, dass die Kunden so schnell nicht weglaufen werden. Wohin denn auch?

Deshalb müssen sich die Kaos Piloten vielleicht gar keine ernsthaften Sorgen über ihre Zukunft zu machen.__//

Kontakt:
Kaos Piloterne
Mejlgade 35
Postbox 5035
DK-8000 Aarhus C
Telefon: +45/8612/9522
Fax:+45/8612/9470

E-Mail: kaos@kaospilot.dk
Internet: www.kaospilot.dk