Partner von
Partner von

Manager im Nirwana

Wie man mit meditativen Techniken Realitätswahrnehmung und Kreativität fördern kann.




#__Der schlanke, asketisch wirkende Mann leitete einen Großkonzern und hatte Gold- und Silbermedaillen im olympischen Dressurreiten gewonnen.
„Wann finden Sie eigentlich Zeit zu trainieren?”, fragte ich den Vielbeschäftigten.

Und Josef Neckermann, der legendäre Gründer des Versandhandels- und Touristikkonzerns, sagte: „Jeden Morgen von sechs bis sieben.” Disziplin war eine seiner starken Seiten. Eine andere war seine Fähigkeit, visionär zu denken.

Dass sein Touristikunternehmen ein so riesiger Erfolg wurde, erklärte Josef Neckermann damit, dass sein Ansatz nicht rein merkantil, sondern eher idealistisch gewesen war.
„Wenn die Menschen verschiedener Völker sich besser kennen lernen, führen sie nicht so leicht Krieg gegeneinander” war seine vielleicht etwas naive Grundidee gewesen.

Er wollte nach dem Zweiten Weltkrieg etwas zur Völkerverständigung beitragen – und verdiente schließlich mit dem Fernweh der Massen ein Vermögen.

„Wenn die Vision stimmt, stellt sich auch der Erfolg ein“, sagte Neckermann und nach einer Pause fügte er hinzu: „Übrigens, wenn ich morgens beim Reiten mit meinem Pferd nicht im Einklang bin, unterschreibe ich an dem Tag kein wichtiges Dokument.” Die Bemerkung erinnert daran, dass es in der Zen-Tradition spirituelle Anekdoten gibt, in denen Tiere die Rolle von Lehrern spielen. Neckermann als Schüler seines Pferdes, das ihm seine innere Disharmonie bewusst macht und ihn ermahnt, seiner inneren Stimme zu folgen. Der Erfolgsunternehmer hätte dieser Definition wahrscheinlich amüsiert zugestimmt. Er war ein Mensch, der vor allem seiner Intuition vertraute, also seiner inneren Stimme. Und Geld war für ihn – nebenbei gesagt – kein Selbstzweck, sondern ein Vehikel, mit dem er visionäre Ziele erreichen wollte.

Im Zen ist die Meditation der Weg zur inneren Stimme, zum Zentrum des Bewusstseins, zum Kern des eigenen Wesens oder wie immer man es nennen will. Auch Dressurreiten kann Meditation sein, denn Meditation bedeutet nicht unbedingt Sitzen in der Lotusposition. Alles, was wir tun, wird zur Meditation, wenn wir total bei der Sache sind – wach, aufmerksam, bewusst.

Kein Gedanke an das, was vergangen ist, kein Gedanke an die Zukunft – Meditation ereignet sich im Hier und Jetzt.

Kann Meditation fürs Business nützlich sein? Sicher nicht, wenn man sich unter Meditation Sekten-Esoterik vorstellt. Viele Leute glauben auch, Meditation sei trancehaftes Abdriften ins Reich der Träume, Dösen im Schneidersitz, Mantra-Gemurmel im Dunstkreis schwelender Räucherkerzen.

Buddha, der vor 2500 Jahren die heute noch viel praktizierte „Vipassanà“-Meditation entwickelt hat, kannte keinen Gott und er hatte mit Religion überhaupt nichts im Sinn. Für ihn war Meditation die Kunst der wachen und geduldigen Selbstbeobachtung. Seine Arbeit bestand darin, seine Schüler aus ihren Tagträumen aufzuwecken und ihr Bewusstsein durch Selbsterkenntnis zu schärfen. Unter Bewusstsein verstand er etwas ganz Einfaches: Tue niemandem etwas an, was du von anderen nicht erdulden möchtest. Er motivierte seine Schüler dazu, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sie nicht auf andere Leute oder die Umstände abzuwälzen.

Unter diesem Aspekt kann Meditation durchaus interessant sein. Wer sich in der Meditation selbst beobachtet – seinen Körper, seine Gedanken, seine Gefühle – wird dabei immer mehr über sich selbst erfahren. Wer seine innere Welt kennt, kann die äußere Welt klarer und vorurteilsfreier wahrnehmen. Dass das Innere und das Äußere eine Einheit bilden, gehört zu den wichtigsten Erfahrungen in der Meditation.

So gesehen, sind Management und Meditation keine Gegensätze, sie gehören zusammen wie Materie und Geist, die beiden Pole, zwischen denen die Lebensenergie pulsiert. Wenn es zwischen Geist und Materie ein Ungleichgewicht gibt, kommt es früher oder später zu Störungen – in der Psyche des Menschen, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft.

Der dynamische Pragmatiker mag einwenden: „Wie um Himmels willen soll ich denn mit Meditieren die Konkurrenz ausbooten?” Überhaupt nicht, natürlich. Denn Meditation hat mit Tun und Machen nichts zu tun. Sie ist keine Waffe für den Konkurrenzkampf. Aber sie kann den beruflichen Erfolg sehr wohl beeinflussen, denn sie ist eine Methode, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Wer meditiert – auf dem Meditationskissen, im Pferdesattel, in der Business Class über dem Atlantik oder wo auch immer – kann erkennen, wie stark sein Bild von der Weh von Ängsten, Erwartungen, Hoffnungen und Wünschen geprägt wird.

Wirtschaft wäre fade, wenn sie nicht so stark von Gefühlen geprägt wäre.

Fehlentscheidungen resultieren gewöhnlich aus einer falschen Einschätzung der jeweiligen Situation. Wie kommt es dazu? Viele Faktoren mögen eine Rolle spielen – mangelnde Kommunikation, unzuverlässige Mitarbeiter, unvorhersehbare Ereignisse und so weiter und so fort. Sehr oft aber läuft die Ursachenforschung darauf hinaus, dass die Wahrnehmung der realen Situation von allen möglichen Gefühlen getrübt wurde, die häufig gar nicht ins Bewusstsein vordringen.

Die meisten so genannten „Nieten in Nadelstreifen” galten als kompetente Macher, bis ihnen plötzlich die Übersicht abhanden kam. Ein gutes Beispiel ist der unvergessene Vorstandsvorsitzende eines großen europäischen Zeitschriftenkonzerns. Ehrgeizig, smart, dynamisch, konzernfühlig, ein Karrieretyp, den alle für einen kompetenten Realisten hielten, bis er plötzlich einem windigen Schwindler aus Süddeutschland aufsaß und ihm fast zehn Millionen Mark Bares aus der Firmenkasse – schön in Koffern verpackt und ohne Quittung – versprach. Der Empfänger konnte Hitlers geheime Tagebücher gar nicht so schnell schreiben, wie das Geld vom Vorstandsvorsitzenden hereinkam. Dann flog der Schwindel auf. Die Fälschungen waren unglaublich primitiv gewesen.

Die ganze Branche stimmte ein fieses Hohngelächter an. Und auf allen Partys in Hamburg wurde die Frage diskutiert: „Wie kann es bloß angehen, dass dieser coole Macher so blöd und blind gewesen ist?” Ganz einfach; So cool war er eben gar nicht. Wie alle anderen gewöhnlichen Sterblichen war auch er von Gefühlen beeinflusst. War es Eitelkeit? Ein versteckter Minderwertigkeitskomplex, der zum Übereifer führte? Oder war es einfach Gier? Die Psychologen sagen, dass die Gier aus der Angst kommt. Und sie macht blind. Mit der Logik des Gierigen könnte sich besagter Vorstandsvorsitzender gedacht haben: „Was so viel kostet, kann doch gar nicht wertlos sein.” Was auch immer es gewesen sein mag – sicher ist, dass die Wahrnehmung des Spitzenmanager vorübergehend getrübt war. Das kann jeden passieren. Kein intelligenter Manager wird behaupten, dass er von Gefühlen unbeeinflusst wäre Unser Vorstandsvorsitzender hatte nur das Pech dass sein Fauxpas so viel Aufsehen erregte.

Die ganze Wirtschaft wäre nicht halb so interessant, wenn sie nicht so stark von unberechenbaren Gefühlen, von Stimmungen, von Ängsten und Hoffnungen geprägt wäre. Die Geldströme der globalen Devisenspekulation hängen ebenso davon ab wie das Betriebsklima einer mittelständischen Firma. Spielen Eitelkeit und Machtgier einzelner Manager bei manchen Konzernfusionen nicht eine wichtigere Rolle als wirtschaftliche Notwendigkeiten?

Dabei sind Gefühle in der Wirtschaft ja gar nicht grundsätzlich fehl am Platz. Sie können ethische Prinzipien in die Wirtschaft bringen und soziale Kompetenz fördern. Sie beflügeln Intuition und Kreativität. Sie können aber auch, wenn sie unbewusst bleiben, großen Schaden anrichten.

Wer Angst hat, unsicher ist, macht Fehler, lässt Fehler anderer zu.

Ängste aller Art wirken sich besonders negativ aus. Angst vor Liebesentzug zum Beispiel. Sie gehört zu den Urängsten und treibt viele Menschen dazu, um die Anerkennung ihrer Vorgesetzten zu buhlen, so als seien sie ihre Väter oder Mütter. Und um sich ihre Liebe zu erhalten, sind sie bereit, sich anzupassen und nur noch das für wahr und richtig zu halten, was in der Chefetage angesagt ist. Für jeden Betrieb sind solche Leute eine Katastrophe – aber es gibt sie überall und es werden immer mehr.

Die am weitesten verbreitete Angst ist die Angst vor den Unwägbarkeiten des Lebens. Versicherungsgesellschaften machen damit Millionengewinne und Politiker manipulieren damit die Wähler. Sie treibt manche Ideologen des Lean Management dazu, Arbeitsplätze wegzurationalisieren, die man schon im nächsten Jahr wieder braucht. Solche Angsthasen, die vor allem um ihren eigenen Arbeitsplatz besorgt sind, können ganze Belegschaften in Angst und Schrecken versetzen. Sie haben nicht die Geduld und die Gelassenheit, die man zur Durchsetzung langfristiger Konzepte braucht. Sie verderben das Betriebsklima, gefährden den sozialen Frieden und letztendlich destabilisieren sie die Gesellschaft.

Angst lähmt den Mut zur Innovation und würgt Lebendigkeit und Kreativität ab. Dabei sind Risikobereitschaft und Mut zum Loslassen alter Muster, Vorstellungen, Konzepte, Theorien und Traditionen nötiger denn je, denn die Wirtschaft entwickelt sich in Quantensprüngen und die Globalisierung löst ein unglaublich komplexes Wechselspiel von Energien aus, das niemand mehr überschauen, geschweige denn vorausberechnen kann. Dabei wird auch das persönliche und berufliche Risiko der Führungskräfte immer unberechenbarer. Wer blind am Althergebrachten festhält, gerät unweigerlich ins Abseits. Intuition wird immer wichtiger, das sichere Gespür für unterschwellige Strömungen oder „good feeling“, wie die Angelsachsen die Kunst nennen, auf Herausforderungen spontan, flexibel und kreativ „aus dem Bauch heraus” zu antworten.

In manchen modernen Führungskräfte-Seminaren geht es deshalb mehr um persönliche Erfahrung als um Theorie. Bei Überlebenstrainings in der wilden Natur sollen die Teilnehmer mutig ihre Grenzen überschreiten und ihr Improvisationstalent entwickeln. Eine Unternehmensberatung schickt Führungskräfte in der Schweiz sogar in Obdachlosenunterkünfte und Asylantenheime, damit sie im Umgang mit sozialen Randgruppen neue Sichtweisen und „soziale Kompetenz” lernen. Kein „mind-fuck” mehr am Flip-Chart, sondern Persönlichkeitsentwicklung durch Extrem-Erfahrungen.

Ein solcher Seminar-Kick ist langfristig nur effektiv, wenn er die Teilnehmer dazu motiviert, geduldig an sich selbst zu arbeiten. Die Transzendierung von Ängsten, die Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen braucht den langen Atem. Sie passt nicht auf den Terminkalender, sie wird zu einer Lebensform.

Meditation ist Arbeit an sich selbst. Wer die Technik der Selbstbeobachtung beherrscht, braucht keinen Psychoanalytiker, um sich besser kennen zu lernen. Er geht auf Distanz. Er durchbricht die Identifikation mit seinen Problemen und lernt dabei, Konflikte anzunehmen und auszuhalten. Aus der inneren Distanz verwandelt er sich vom Opfer seiner Probleme und Sorgen in den Beobachter. In dieser total veränderten energetischen Situation eröffnen sich oft überraschende Lösungsmöglickeiten. Was eben noch aussichtlos erschien, kann sich zum Beispiel als Chance entpuppen. Die Passivität des Opfers verwandelt sich in die Dynamik des Problemlösers.

Meditation hat nichts mit Durchhalten, Machen, Leisten zu tun.

Doch nicht alle traditionellen Meditationstechniken, die vor Tausenden von Jahren entwickelt wurden, eignen sich auch für jeden „Anfänger“.
45 Minuten mit geschlossenen Augen und geradem Rücken im Schneidersitz auf dem Kissen hocken, still den Atem beobachten, 15 Minuten „achtsames” Gehen im Zeitlupentempo – dann wieder 45 Minuten sitzen – das ist die Vipassanä-Meditation, die auch heute noch zu Recht die „Königin der Meditation” genannt wird. Hektische Macher können sich da leicht überfordert fühlen.

Manche versuchen es trotzdem und sind stolz, wenn sie ein ganzes Wochenende lang auf dem Meditationskissen durchgehalten haben. Aber sie kommen aus solchen Meditations-Seminaren gestresster heraus, als sie hineingegangen sind. Meditation hat nichts mit Durchhalten, Leisten, Schaffen und Erzwingen zu tun. Meditation ist die Kunst des absichtslosen Geschehenlassens, des entspannten, aufmerksamen Loslassens. Für den Einstieg empfehlen sich moderne Meditationstechniken, die aus mehreren Phasen bestehen. In den Anfangsphasen werden – unterstützt von Musik – durch körperliche Bewegung Spannungen und Blockaden aufgelöst, damit es in den letzten Phasen zu jener Entspannung kommen kann, in der allein Meditation möglich ist.

Wer regelmäßig meditiert, wird existenziell erfahren, dass er ein Teil des Ganzen ist, eingebunden in die Natur, pulsierend mit dem Rhythmus des Universums, harmonisch fließend mit dem Strom des Lebens.

Diese Einsicht ist unglaublich befreiend, denn sie schließt die Gewissheit ein, dass wir mit all unseren Schwächen okay sind. Die Existenz will uns so haben, wie wir sind. Sie trägt uns. Wir können uns in ihr geborgen fühlen.__ //

Informationen über Einführungen in die Meditation:
ZEN-Vereinigung Deutschland e. V.
Telefon: 030/8 512073.
Montag bis Freitag von 9 bis 10 Uhr, Dienstag und Donnerstag auch von 17 bis 19 Uhr.
Institut für Kreativität und Meditation
Gutshaus Stellshagen
Martina Kaltenbach
Telefon: 038825/25585
E-Mail: info@hierjetzt.de
Internet: hierjetzt.de
Kirti P. Michel/Wolfgang Wellmann: Die eigenen Stärken entwickeln Ein Handbuch, das einen sachlichen Überblick gibt über zahlreiche Meditationen und ganzheitliche Methoden der persönlichen Entwicklung, Harmonisierung und Heilung. ISBN: 3-933496-38-1.