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Endlich: Dieser Mann versichert Ihren Lottoschein!

Knut Eicke hat viel Spaß. Manchmal muss der Berliner Versicherungsnehmer sogar nachts kichern. Im Bett, vor dem Einschlafen. Weil er an seine Policen denkt. Dabei sind die gar nicht so komisch. Immerhin will er mit ihnen die Welt erobern.




#__Es soll Menschen geben, die schwieriger zu erreichen sind als Knut Eicke. Vielleicht Michael Jackson. Oder der Papst. Natürlich hat Knut Eicke Handys, Sekretärinnen und einen E-Mail-Anschluss. Aber vielleicht gerade keine Lust, erreichbar zu sein. Ein recht exzentrisches Verhalten für jemanden, der Versicherungen verkaufen will. Andererseits sind es auch recht exzentrische Versicherungen: Policen gegen Heiratsschwindler. Gegen die Gefahr, unschuldig im Knast zu landen. Oder gegen Pech im Lotto.

Wer mit der versicherten Tipp-Reihe 52-mal hintereinander weniger als einen Zweier hat, bekommt 10.000 Mark. Und zwar von Knut Karsten Eicke, 58, Besitzer der weltkleinsten Versicherungsgesellschaft, der sich selbst Sir Huckleberry nennt. Wer mit ihm zu tun hat, wundert sich darüber nicht. Auch nicht über die merkwürdigen hellbraunen Schnürstiefeletten an den Füßen des 1,92-Meter-Hünen. Oder darüber, dass er beim Mittagessen im noblen Potsdamer Schloss Cecilienhof immer mal wieder unvermittelt mit der Faust auf die Zinken seiner Gabel haut, damit die endlich einen Salto über das weiße Tischtuch macht. Er sagt, das helfe ihm beim Nachdenken. Zum Beispiel über die Frage, warum er an einem Tag des Jahres 1985 spontan beschloss, sein gesamtes, nicht unbeachtliches Privatvermögen, das er in langen Jahren als Börsenspekulant erworben hatte, in die Gründung einer – ausgerechnet! – Versicherungsgesellschaft zu investieren. „Ich wollte zeigen, dass Versicherungen auch Spaß machen können.” Die Gabel scheppert mit dem Griff an den Tellerrand.

„Den Behörden beweisen, dass ich eine Marktlücke gefunden habe.“ Die Faust donnert auf die Zinken.
„Ein Kick, den ich nicht beschreiben kann. Man will, dass es klappt. Das kennt jeder Unternehmer.“ Die Gabel dreht sich in der Luft und setzt elegant auf.

Man kann die Sir Huckleberry Prize Indemnity Insurance Company im Internet besuchen. Dort wartet ein bewegtes Universum, in dem kleine Männchen in Schnürstiefeletten hektische Faxen machen.

Sie illustrieren die jeweils aktuellen Risiken, gegen die man sich oder andere für 10 bis 80 Mark versichern kann: Börsen-Crash, Entführung durch Aliens, Streit mit der Schwiegermutter. Nach wenigen Minuten bekommt man eine gültige, auf den gewünschten Namen ausgestellte Police – in Deutsch, Englisch oder Holländisch – aus dem eigenen Drucker. Das gab es so bisher noch nicht, und Knut Eicke will mit seiner Idee nun den Weltmarkt erobern. Eine Million seiner Very -Very -Huckleberry -Geschenk-Policen will er jährlich verkaufen und damit stolze 60 Millionen Mark Umsatz machen.

Aber erst mal gibt es noch Probleme. Zum Beispiel bei der Optik der Policen. Deren Druckbild ist nicht wesentlich besser als das einer persönlichen Fototasse. So etwas lässt Eicke keine Ruhe. Also arbeitet er daran, am Potsdamer Jungfernsee, mit einigen Leuten der Fenner Midat Gruppe. Diese 1990 gegründete Firma, die heute aus sechs Unternehmen besteht, ist auf Personalentwicklung und Marketing im Internet spezialisiert. Der 98er-Umsatz von 3,71 Millionen Mark hat sich 1999 verdreifacht, im Frühjahr ist der Börsengang geplant. Vielleicht ist das der Grund, warum Gründer Uwe Fenner so fröhlich lächelt. Eventuell freut er sich aber auch nur über den Besuch von Huckleberry. Die beiden kennen sich nämlich schon länger. Aus ihrer Jugend.

Geld war nie das Problem im Leben von Eicke, Sohn eines Berliner Bauindustriellen, aufgewachsen in Schweden, Österreich und England, der nach der Schule bald „ Huckleberry” genannt wurde -wegen seiner roten Locken. Das Geschäft des Vaters wollte er nicht übernehmen, lieber spekulierte er an der Börse. Blut geleckt hatte er nach dem ersten gewonnenen Tausender. Dann pflegte er einen Lebensstil, der es ihm heute ermöglicht, Erzählungen aus dieser Zeit mit dem Satz „Ich saß gerade in einer Hotellobby in New York und las den Sonntagsteil der Zeitung” zu beginnen. Weil Knut Eicke leise und beinahe bittend spricht, käme man aber nie auf den Gedanken, ihm das als Angeberei auszulegen. In New York las er von „Verrückten in Deutschland, die sich ganz legal mit 1,20 langen Messern bekämpfen". Es ging um eine Schlagende Studentenverbindung in München. Er ersuchte um Aufnahme und schrieb sich deshalb sogar für Betriebswirtschaftslehre an der Uni ein. Und ausgerechnet bei der Pflege der Burschenherrlichkeit traf er auf Uwe Fenner, der schon als Student wie ein gemachter Unternehmer auftrat.

Eine Million Dollar für einen Golfschlag – wer versichert das?

Nach zwei Jahren endete Eickes Zeit an der Uni, er reiste wieder durch die Welt. Doch als er so um die 40 war, wurde ihm der Alltag plötzlich schal. Er sehnte sich nach etwas, für das er sich engagieren konnte. Aus Jux versprach er in London einer jungen Frau, die er auf dem Golfplatz sah, eine Million Dollar, wenn sie beim bevorstehenden Turnier einen „Hole-in-one” schafft, den Treffer mit einem Schlag über 200 Meter. Die Chance lag bei 1: 4000, das verbleibende Risiko wollte er bei Lloyd's of London versichern lassen. Doch die Briten sagten „no". Knut Eicke wunderte sich kurz, dachte nach und hatte seine erste Marktlücke entdeckt: das Versichern von Werbeauslobungen. Jetzt wollte er Unternehmer werden.

Dazu brauchte er eine Versicherungslizenz, doch die bekam er in Großbritannien ohne Referenzen nicht. So musste sich Eicke die Lizenz halt in Afrika besorgen, in Dschibuti. In London mietete er ein Büro an und ließ Briefpapier drucken. Die liberalen britischen Gesetze erlaubten es ausländischen Versicherungsgesellschaften, auf der Insel zu operieren. Vorausgesetzt, sie verfügten über Rücklagen, die im geringsten Fall weit im siebenstelligen Bereich anfingen. Und mit der winzigen Bedingung, dass man die Herkunft der Lizenz im Brieffuß vermerkte. Doch wer will „Lizenz: Dschibuti” auf seinem Briefpapierkopf? Eicke orderte ein Format, auf das der Fuß gar nicht mehr passte. Er schrieb Firmen in ganz Europa an und verkündete, dass man bei ihm die durch die Auslobung von Werbeprämien entstehenden finanziellen Risiken versichern kann.

Der erste Kunde war Volkswagen – aber so einfach, wie das alles klingt, war es nicht, sagt Eicke. „Da hatte Klein-Knut plötzlich eine Versicherungsgesellschaft gegründet, die letzten Endes genauso konstruiert ist wie die Großen.” Seine Buchführung war bisher mehr oder weniger auf einer Serviette im Cafe erledigt worden. Das ging nicht mehr. Natürlich wollte er auch nicht länger als nötig mit einer afrikanischen Lizenz operieren. Alles zusammen war genau die Herausforderung, auf die der frisch gebackene Unternehmer gewartet hatte.

Er arbeitete sehr viel. Nach acht Jahren brauchte er neues Briefpapier. Diesmal mit „Lizenz: Niederlande". Deren Behörden waren am offensten gewesen, darum zog Eicke 1985 nach Amsterdam. „Ich bin genau den gleichen Auflagen unterworfen wie die Allianz. Es gibt 24 Versicherungssparten, meine heißt .Verschiedene finanzielle Verluste'. Ich bin demselben engmaschigen Gesetzestext verpflichtet wie die Großen.” Huckleberry, der Außenseiter, hatte es geschafft: Er gehörte endlich dazu.

In Amsterdam diente Huckleberry ein grün-schwarzes Holzboot als Büro. Darin saßen er, zwei Sekretärinnen und Antje Mühle, die mit 22 bei ihm anfing, Akten zu sortieren, und heute, mit 30, den Laden managt. Das einzige Problem: Der lange Chef konnte nur gebückt durch das niedrige Boot laufen. Also stieß er es schließlich wieder ab. Die Frauen zogen in ein Büro an der Keizersgracht. Und Eicke, der Schiffe liebt, kauft demnächst ein Stahlboot mit Dieselmotor, das ihn „ an einen Eisbrecher” erinnert.

Erst mal ist Knut Eicke aber nach Berlin gezogen, in eine kleine Dachwohnung in Charlottenburg. In Berlin, sagt er, sei er „nach Hause gekommen", obwohl er hier nie gelebt hat. Die Nachbarn sind gutbürgerlich, Boutiquen-Besitzerinnen, Freiberufler, Angestellte. „ Einfache Leute” nennt er sie und es klingt nicht herablassend, sondern sehnsuchtsvoll. Ihre Alltagssorgen möchte er haben: Der Fußballclub steigt ab, die Ehe zerbricht, immer werden die falschen Lottozahlen gezogen. Für diese Probleme denkt er sich Versicherungen aus. Marktlücken, von denen er lebt.

In den neunziger Jahren dann bekam Huckleberry Probleme – der Markt hatte sich verändert. Mit einem Auto oder ein paar Tausendern als Werbeprämie war es nicht mehr getan. Vor allem im sportlichen Bereich wurden für Höchstleistungen zusätzliche Prämien ausgelobt. Irgendwann konnte der Winzling nicht mehr mithalten. Dafür waren große Versicherungsgesellschaften in diesen Sektor eingestiegen. Eicke stand vor einer ernsthaften Krise.

1996 kam er zufällig mit einer Frau ins Gespräch, die Zwillinge erwartete. Zwei Kinder auf einen Schlag können ziemlich teuer werden. Huckleberry hatte eine zweite Nische entdeckt, „eine kleine, fröhliche Sache” . Wer sich bei ihm vor Bekanntwerden des Ergebnisses gegen Zwillinge versichert, bekommt im „Schadensfall” ein paar tausend Mark.

Natürlich sind alle Policen so konstruiert, dass hohe Leistungen nur bei absolut nicht manipulierbaren Sachverhalten – Entführung durch Aliens, Börsen-Crash – ausgezahlt werden. Einige Versicherungen könnten ähnlich auch in einem Wettbüro abgeschlossen werden: Wer zum Beispiel 50 Mark dagegensetzt, dass Hertha BSC in der nächsten Saison in der Zweiten Liga spielt, kriegt nach dem Abstieg 175 Mark. Aber das ist wohl ohnehin ein klassischer Aspekt des Versicherungsgeschäft: das Wetten gegen die Unwahrscheinlichkeit.

In Berlin hatten sich auch Uwe Fenner und Knut Eicke wieder getroffen, 1993 am Ku'damm. An diesem Abend wurden 32 Jahre kichernd weggepustet. Fenners Firma orientierte sich gerade um: Vom EDV-Systemhau s zur Internet-Agentur. Der Kontakt mit dem neuen Medium machte Eicke klar, dass seine Very-Very-Huckleberry-Geschenk-Policen am besten weltweit über das Netz vermarktet werden können. Am ersten Auftritt „stümperten wir selber herum". Die Police gegen Bill Clintons drohendes Amtsenthebungsverfahren im Sommer 1998 verkaufte er in einer Woche tausendmal. Was Eicke jetzt brauchte, waren Profis, die das Internetgeschäft richtig aufziehen können. Die Midat bot sich an.

Das alltägliche Glück: endlich zu Hause zu sein – und bald auch an der Börse „Der Alltag ist durch diese Zusammenarbeit leichter geworden", sagt Eicke. Natürlich hat auch er einen ganz normalen Arbeitstag mit Besprechungen und Terminen. Weil die Versicherungsgesellschaft jetzt viel größer werden soll, muss Kapital her. Eicke kümmert sich um Aktionäre, die dafür notwendige Gesellschaft hat er gerade in England gegründet. Im Herbst will er mit Huckleberry an die Börse.

Trotzdem hat Eicke im Moment wieder mehr Zeit für Müßiggang. Viele Leute in Charlottenburg kennen ihn schon. Und das ist es, was den Einzelgänger auf einmal so glücklich macht. Hier ist er, anders als in Amsterdam, anders als an allen Orten der Welt, an denen er gelebt hat, kein Ausländer mehr. In seinem Adressbuch stehen Leute, die er anrufen kann, die mit ihm spontan ins Kino gehen oder zum Frühstücken ins Plüschcafe. Darüber freut er sich am allermeisten. Und darauf, eines Tages den Börsenteil aufzuschlagen und „meinen Huckleberry junior” notiert zu sehen. Wenn ihm die neue Bodenständigkeit zu viel wird, will er sich in sein Stahlboot setzen und auf den Wasserstraßen durch Europa fahren. Immer erreichbar über Handy, Sekretärinnen und E-Mail. Theoretisch.__//

Kontakt: sirhuckleberry.com