Why Do You Shop?

Eine Frage als Marke und eine Künstlerin, die nach der Lust im Kaufrausch sucht




#__Aus der Ferne sieht es aus wie ein riesiges silbernes Ei, das jemand in die Fußgängerzone gelegt hat.

Tatsächlich ist es ein fahrbarer Laden, versteckt in einem Fünfziger-Jahre-Caravan. Hier gibt es ein paar weiße T-Shirts, Kaffeebecher, Kerzen und Leinenbeutel, auf allem der Aufdruck: „Why Do You Shop?“ Eine Frage, die eine Marke ist – die Künstlerin und Teilzeitverkäuferin Judith Wilske hat sie sich als Warenzeichen schützen lassen.

Die 30-Jährige hat ein Wirtschaftsdiplom, doch ihr Geschäft ist Theater. Vor zwei Jahren begann sie ihre künstlerische Ausbildung an der Amsterdamer Schule für „Advanced Research in Theatre and Dance“ und stellte fest, „dass zwar alle Welt einkauft, das Thema aber vom Kulturbetrieb nicht ernst genommen wird“.
Also entwickelte sie ein Theaterprojekt, das Fragen zum Thema Shopping stellt.

Und zwar dort, wo im wirklichen Leben eingekauft wird. Seit dem vergangenen Frühjahr touren Judith Wilske und ihr Kollege, der Schauspieler Andre Erlen, mit ihrem „Why Do You Shop“-Caravan durch die Einkaufsmeilen Europas und versuchen herauszufinden, was das eigentlich ist: „Shopping“. Dabei agieren die Akteure freundlich, aber neugierig: Willkommen ist jeder – und jeder wird ausgefragt.

Sogar Menschen, die sich aufregen. Zum Beispiel über ein Shopping-Buch, in dem Kindern erklärt wird, was eine Marke ist. Nur Antworten gibt es keine. Dafür kann man den „Entscheidungsassistenten“ ausprobieren, einen Würfel, der je nach Lage zum „Kaufen“ oder auch „Klauen“ auffordert. Doch während man ihn benutzt, kommen garantiert die nächsten Fragen.

„Fühlen Sie sich schuldig, wenn Sie viel Geld ausgeben?“ „Nicht unbedingt. Qualität hat nun mal ihren Preis. Aber die muss dann auch stimmen.“ Die teuren, aber unauffälligen Schuhe und der schwere dunkelblaue Lodenmantel der Mittfünfzigerin bekräftigen ihre Worte.

„Sie entscheiden also nur nach der Qualität?“ „Na ja, ein bisschen modisch soll es natürlich auch sein. Vor allem für meine Töchter. Also Ihre T-Shirts, die würden denen zum Beispiel nicht gefallen.“ „Warum nicht?“ „Na, dass man die Marke so groß darauf druckt, das hat man doch jetzt überhaupt nicht mehr.“ „Sie mögen also keine Markenprodukte?“ „Doch, aber dezent müssen sie sein. Und, wie gesagt, die Qualität ... aber da fühlen sich Ihre T-Shirts ja ganz gut an.“ „Ich sehe, du hast schon etwas gekauft. Bist du damit zufrieden?“ „Ja, total!“ Die junge blonde Frau strahlt und fingert an der großen Schuhgeschäft-Tüte, die sie über der Schulter trägt. „Ich hab super Stiefel gefunden, für 170 Mark!“ „Hast du denn speziell danach gesucht?“ „ Nö, ich bin einfach so losgegangen. Ich hab nämlich heute Geburtstag, und wenn man da nur zu Hause sitzt, da weiß ich immer nichts mit mir anzufangen. Also hab ich mir vorgenommen, ganz alleine schön shoppen zu gehen, und heute Abend lass ich mich noch zum Essen einladen!“ „Und wenn du beim Shoppen nichts gefunden hättest?

„Das wäre auch okay gewesen, aber ich hatte mich vorher schon mal umgesehen und wusste, wo ich was finden kann. Jetzt kauf ich mir noch ein Kleid. Ach ja, und so einen Becher nehm ich noch mit. Ich kauf nämlich immer so viel Scheiß – dann frag ich mich vielleicht öfter mal warum.“ „Erinnern Sie sich noch daran, was Sie von Ihrem ersten eigenen Geld gekauft haben?“ „Na und ob!“ Der etwa 40-jährige Streifenpolizist, der nur mal gucken wollte, antwortet wie aus der Pistole geschossen, „'ne Stereoanlage!“ „Wissen Sie auch noch, wie Sie sich dabei gefühlt haben?“ „Na super! Ich war 17, hatte ein Zimmer in der Polizeischule und bekam 1000 Mark Gehalt. Und dann hab ich die Stereoanlage gesehen und auf einmal wurde mir klar: Mensch, jetzt hab ich eigenes Geld. Die kann ich mir kaufen, ohne jemanden zu fragen.“ „Macht Ihnen das Einkaufen heute auch noch solchen Spaß?“ „Nö, es ist ja irgendwie selbstverständlich geworden. Außerdem sind die Ansprüche natürlich gewachsen und irgendwie reicht das Geld nie ...“

Die zehn goldenen Regeln für den Traum-Konsumenten der Markenartikler aus „Mein erstes Shopping-Buch“ (C. Hölke + Coppenrath Verlag Münster; erscheint Ende März):
1. Einkaufen ist wichtig!
2. Merke Dir Deine Wünsche!
3. Lasse Dich durch nichts abbringen. Deine Wünsche zählen!
4. Nimm immer genügend Geld mit!
5. Wenn Dir etwas gefällt, kaufe es!
6. Wenn Du zweifelst, kaufe trotzdem!
7. Trage nichts Gebrauchtes. Kaufe selbst!
8. Lehne gebastelte Geschenke ab!
9. Kaufe das, was Deine Freunde sich nicht leisten können!
10. Bestehe darauf, dass Du auch am Sonntag einkaufen darfst!
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