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Konsequenz und Leidenschaft

Russland.
Der Rubel verfällt und die Menschen leiden – das ist das Bild im Westen.
Und im Osten?
In Russland selbst?
Da gibt es Menschen wie Alexander Zhitinsky, die überall auf der Welt etwas auf die Beine gestellt hätten.
Aber nirgendwo so wie im erwachenden St. Petersburg.




Die Tupolew 134 startet pünktlich. Der Sitz ist bequem, der Service zweisprachig, der Lunch reichhaltig und der Rotwein aus Moldawia trocken und gut. Das Unternehmen heißt auch nicht mehr Aeroflot, sondern Pulkovo Aviation Enterprise, benannt nach St. Petersburgs Flugplatz, wo es seine Basis hat. Von dort aus fliegt Pulkovo Aviation, unabhängig von Moskau, mehrere Dutzend westeuropäische, aber auch überseeische Ziele an.

Liegt es am Wetter oder mehr an dem, was man umfassender das „Klima“ nennt: Seit ich 1992 zum ersten Mal hier landete, im Februar bei fest gefrorenem Schnee und mit militärischer Eskorte vom Flugzeug bis zur Passkontrolle, scheint alles geradezu in einem helleren Licht. Vorbei jene grau uniformierte Allgegenwart des Staates, kombiniert mit dem Geruch scharfer Putzmittel. Visum und Deklaration der mitgeführten Währungen werden mit einem Blick gestreift, aber nicht wirklich kontrolliert. Leuchtschilder und Bildschirme weisen mir, auch mit lateinischen Buchstaben, den Weg und ehe ich mich versehe, finde ich mich samt Gepäck glücklich in der Empfangshalle wieder, erleichtert gleich zu Anfang meines Besuchs, nicht um Rubel, sondern um ein paar handfeste Vorurteile.

Irgendwann begriffen alle das aufregend Neue an dieser Reise in die Zukunft. Niemand konnte uns befehlen, was wir schreiben

Deren weiteren Abbau besorgt dann Alexander Zhitinsky. Ich kenne ihn, seit wir 1992 mit den Schriftstellerverbänden der Ostsee gemeinsam eine literarische Kreuzfahrt organisierten. Damals, an Bord der russischen „Konstantin Simonov“, hatte er mittels Computer und Tischkopierer sowie der Spende einer schwedischen Papierfabrik die „Cruise News“ herausgebracht, eine zweimal täglich erscheinende Bordzeitung. Sein Sohn aus erster Ehe bediente den PC, er selbst animierte unermüdlich die Kollegen, Autorinnen und Übersetzer, Poeten und Dichterinnen aus den zehn Ostsee-Anrainer-Staaten, doch bitte sehr ihre Gedichte und Diskussionsbeiträge in der Redaktionskabine abzuliefern.

Trotz Gorbatschow war 1992 der Kalte Krieg noch keineswegs vorüber. Im Gegenteil, die Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Staaten waren mit Truppenverstärkungen der Sowjetunion beantwortet worden. Und es dauerte fast die halbe Kreuzfahrt lang, bis Esten und Letten, Litauer und Polen bereit waren, einem etwas dicklich wirkenden, beharrlich Russisch sprechenden Redakteur einen Text zu überlassen. „Ich musste sie überzeugen, dass grundsätzlich alle Autoren gleich behandelt werden und dass an ihrem Werk nichts geändert wird“, erinnert sich Zhitinsky. „Aber irgendwann begriffen alle das aufregend Neue an dieser Reise in die Zukunft. Wir waren ja exterritorial auf diesem Schiff. Niemand konnte uns befehlen, was wir schreiben, vor allem aber, was wir nicht schreiben sollten.“ Und nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: „Damals merkte ich, dass ich über alle möglichen Barrieren hinweg in der Lage war, Menschen zur Mitarbeit zu begeistern. Das war der Anfang.“

Welcher?, muss man sich hier fragen. Denn im Leben des Alexander Zhitinsky gibt es ebenso viele Anfänge wie unterschiedliche Berufe und Berufungen. In seiner Person spiegeln sich geradezu die Widersprüche St. Petersburgs. Während auf der Newa metallic glitzernde Boliden die Formel-1-Weltmeisterschaften für Rennboote austragen, kriechen am Ufer museumsreife Trolleybusse, deren genietete Seitenflächen nur noch durch die Farbe zusammengehalten werden, quietschend um die Schluchten der Schlaglöcher. An den gläsernen Portalen eleganter Jugendstil-Geschäfte, wo feinster Kaviar verkauft wird und vor denen Porsches, Jaguars und Mercedes-Mobile parken, betteln alte Mütterchen um Futter für ihre Katzen, selbst zitternd vor Hunger. Das Immer-noch und das Noch-nicht, der Schwebezustand zwischen gestern und morgen ist die aktuelle Befindlichkeit dieser Inselstadt der Paläste und Brücken, lähmend für die einen, stimulierend für die anderen. Die Auskünfte Zhitinskys reflektieren beides. Und nach zwei Tagen mit Spaziergängen rings um den Newskij-Prospekt und Kaffeegesprächen in seinem Büro ist mir klar: All seine unterschiedlichen Begabungen und Lebensphasen münden auf verblüffende Weise in seinem jetzigen Unternehmen „New Helikon, Book and Publishing House“.

Der Laden verbirgt sich hinter einer großen hölzernen Flügeltür mit einem bronzenen Firmenschild, auf dem das Logo, die stilisierte Tuba namens Helikon, wiederkehrt. Wer würde hinter der verstaubten Fassade mit den rostigen Regenrohren einen Betrieb vermuten, der auf immerhin 400 Quadratmetern mit 15 mehr oder minder fest angestellten Mitarbeitern den Buchdruck in Russland revolutioniert?

Wir brauchen Maschinen, die wir selbst reparieren können

„Als ich auf der Buchmesse in Stockholm die enormen Xerox-Maschinen von Arkitektkopia sah, war mir sofort klar, solche Monster schaffst du nie. Weder die Finanzierung noch den Betrieb. Und wir brauchen sie hier in Russland auch nicht. Was wir hier brauchen, sind nicht Automaten, die von der Diskette bis zum fertigen Buch alles in einem einzigen Arbeitsgang und in Weltrekordzeit erledigen. Sondern Maschinen, die wir selbst reparieren können und die trotzdem ein Produkt derselben Qualität ermöglichen. Oder von besserer.“

Er nimmt aus dem Stapel der rund 25 Bücher des letzten Jahres ein paar in Format und Aufmachung höchst unterschiedliche Titel. Die Sprachen sind Schwedisch, Englisch und Russisch, der Einband ist Karton, schlicht oder laminiert, mit einem eleganten metallic glitzernden Schriftaufdruck, der an die Rennboote und Luxuslimousinen erinnert. „Das“, sagt er stolz, „zaubern wir mit unserer Laminiermaschine. So was kann die Xerox nicht.“ Er führt mich durch das Labyrinth des frisch getünchten Kellergewölbes vorbei an Computerbüros und allerlei Displays in einen neonhellen Raum, in dessen Mitte zwei Maschinen stehen, an Faxapparate erinnernd. Die Laminiermaschine ist die kleinere von beiden. Zhitinsky schiebt den Katalogtitel „Stipendien, Kulturpreise und Gäste von KLYS in den Jahren 1999 und 2000“ zusammen mit der goldbeschichteten Folie in den Laminierer, zieht nach dem Backen die durchsichtige Folie ab und auf dem Karton bleibt die Laserschrift in Gold haften. So könnte der Einband bleiben, aber der Kunde wünscht sich zusätzlichen Glanz. Alexander Zhitinsky drückt den Knopf, es surrt ein bisschen und heraus kommt, fest und beidseitig abwaschbar, ein Bucheinband in Hochglanz. „Das ist jetzt ein bisschen teurer, versteht sich, aber bei manchen Büchern ist die Laminierung unerlässlich. Wichtig ist, dem Kunden klarzumachen, was er will.“

Was heißt, in diesem Fall, ein bisschen teurer? „Nun, laminiert kostet dieses Bändchen mit 76 Seiten 80-Gramm-Papier in deutscher Währung etwa – Moment“, er blickt auf eine Tabelle an der Wand, „etwa 3,60 Mark.“ Bei welcher Auflage? Zhitinsky lacht. Die alte Frage. „Wir drucken keine 3000 oder 5000 oder 50.000 Exemplare, von denen dann später die Hälfte verramscht wird. Was wir hier machen, ist Print-On-Demand und bei uns ist dies der Preis für ein Exemplar. Genauer: für das erste Exemplar.“ Ab zehn Exemplaren nimmt Helikon den Auftrag an, bei teuren Reprints auch ab einem Exemplar. Bei höheren Auflagen wird es etwas billiger. Die Druckmaschine ist nur wenig größer als der Laminierer. „Da staunst du“, sagt Zhitinsky, meinem ungläubigen Blick folgend. „Das ist unser Reisblatt-Drucker Risograph GR 2710. Habe ich in Göteborg entdeckt, 1993, auf der Buchmesse.“

„Das Ding ist genial“, schwärmt Zhitinsky, der ursprünglich Elektronik studiert hat. „Damals, 1965, hatten wir da einen Computer, der hieß URAL2-Combes. Er brauchte so viel Platz wie alle diese Räume zusammen und war der Stolz der sozialistischen Fachwelt. Er funktionierte mit Lochstreifen und brachte etwa die Leistung eines mittleren Laptops. Aber seitdem kenne ich mich mit solchen Maschinen aus und habe die ganze unglaubliche IT-Entwicklung bis heute mitverfolgt.“

Wir könnten uns keine Homepage leisten, aber mein Sohn hat Nevalink gegründet

Bis 1978 war Zhitinsky Elektronik-Ingenieur, bis ihm die Programmsprache Algon 16 zu eintönig wurde. 1977 hatte er seinen zweiten Prosaband veröffentlicht und die Filmer vom Lennautjnij-Studio auf sich aufmerksam gemacht. Mit ihrer Hilfe wurde Zhitinsky freier Autor, schrieb Skripts für etwa hundert Dokumentarfilme, vor allem Sprachlehrfilme für Ausländer in der Sowjetunion. Die Handlung konnte er frei erfinden und er fabulierte wild drauflos, bis ihn der Direktor fragte, ob er auch Spielfilme erfinden könnte.

Von da an schrieb der einstige Elektronik-Ingenieur Drehbücher für abendfüllende Spielfilme. Sieben davon wurden tatsächlich gedreht, zwei nach seinen eigenen Romanen. Der letzte: „Das Fräulein Bäuerin“, nach einem Motiv von Puschkin, Premiere 1997, wurde auf mehreren Festivals prämiert. „Bringt aber leider nicht mehr viel, nachdem im letzten Jahr der Rubel eingebrochen ist.“

Die ganze Zeit über hatten Telefone geklingelt, die diskret von Mitarbeitern und seinen beiden Ko-Direktoren bedient wurden. Nun wird der Chef aber doch ins vordere Büro gerufen, weil einiges zu regeln ist. Ich lasse mir unterdes von einem Techniker den Risographen erklären. Ein eingebauter Scanner erfasst die vom Laserdrucker hergestellte Druckseite. Diese wird rasiermesserscharf auf eine Reisblattfolie transportiert. Die Reisblattfolie lässt dann, wo Schrift ist, durch unzählige mikroskopisch feine Poren die Druckfarbe durch und in Windeseile werden die Seiten als Ganzes gedruckt, bis zu einer Auflage von 500 Blatt. Danach muss das Reisblatt erneuert werden.

Insgesamt hat die Technik von New Helikon um die 20.000 Dollar gekostet, ein Zehntel des Preises für die vergleichbare Technik im Stil von Arkitektkopia. Freilich benutzt man bei New Helikon handbetriebene Verleimungsapparate für die Bindung. Dafür ist sie handwerklich besser und enorm variabel. Von jedem Buch kann man sowohl Hardcover- wie auch Paperbackversionen bekommen. Und zwar, weil es sich bei jeder Bestellung immer nur um Miniauflagen handelt, von einem auf den anderen Tag.

Der schwedische Autor Peter Curman, der seine Bücher in dem Stockholmer Print-On-Demand Verlag POD-ium herausbringt, war von der Qualität, der Schnelligkeit und der Flexibilität der russischen Drucker so angetan, dass er inzwischen regelmäßig mit New Helikon arbeitet. Wenn nur das Transportproblem nicht wäre.

Ja, der Transport. Bislang ist die russische Post zwar preiswert, aber auch recht schwerfällig. Zwei Kilogramm nach Schweden – das sind ungefähr zehn mittlere Bücher – kosten umgerechnet rund zehn Mark Das heißt, der Preis eines jeden Buches verteuert sich um eine Mark. Ein Sachbuch von 252 Seiten in laminierter Hardcoverbindung mit Bändchen kostet dann zum Beispiel circa sieben Mark, liegt also beträchtlich unter den schwedischen Gestehungskosten und POD-ium kann 200 Prozent aufschlagen, wenn das Buch direkt an den Kunden geschickt wird, und um die 50 Prozent, wenn der Buchhandel zwischengeschaltet ist.

„Transport und Werbung sind die entscheidenden Probleme“, sagt Zhitinsky. „Werbung im herkömmlichen Sinn, also auf Feuilletonseiten oder Plakatsäulen, können wir uns gar nicht leisten. Wahrscheinlich könnten wir uns auch keine aktuelle Homepage leisten, wenn nicht Sergej, mein Sohn, inzwischen ,Nevalink’ gegründet hätte. Das ist der lebendigste Webserver in ganz Russland.“

Mittlerweile habe ich mir klargemacht, dass bei den Miniauflagen kaum das große Geld hereinzuholen ist. Wie überlebt der Betrieb? Wovon leben die Mitarbeiter? „Jedenfalls nicht von Print-On-Demand“, sagt Zhitinsky und lacht. „Noch nicht. Das wird sich aber ändern, sobald wir mehr Aufträge in westlicher Währung hereinkriegen. Unser abgewerteter Rubel hat nämlich den Vorteil, dass wir konkurrenzlos billig sind. Zur Zeit sind die Visitenkarten, die Poster und die Sticker das Hauptgeschäft. Und die Buttons.“

Natürlich hatte ich gleich am Eingang die Tafeln voller farbiger Blechbuttons mit Schriftzügen, Logos und stilisierten Porträts von Popgruppen bemerkt. Ich hatte das aber mehr für einen Werbegag gehalten und die immer wieder in kleinen Grüppchen hereinkommenden Schulkinder, die sich von einer geduldigen Mitarbeiterin die Knöpfe vorführen ließen, für kostenlose Werbeträger. Nun wird mir klar: Der Tresen am Eingang ist ein Verkaufskiosk. Auch das Werkstattgeräusch hinter der einen Tür kann ich nun deuten. Hier sind Mitarbeiter an drei Hebelpressen beschäftigt, mit unglaublich flinken Fingern folienkaschierte farbige Papiertaler über einen Blechknopf zu spannen, dem zuvor ein Plastikkern mit einer Anstecknadel einverleibt wurde.

„System Quick-Button“, sagt Zhitinsky „Wird in Südschweden hergestellt. 1993 habe ich mir eine gebrauchte Presse mitgenommen, jetzt haben wir drei. Für verschiedene Größen. Wenn jemand 500 Stück kauft, kostet so ein Button einen Rubel. Kauft er nur einen, kostet das fünf Rubel. Bei 20.000 Buttons kommen etwa 1.000 Dollar zusammen, an die 40.000 verkaufen wir pro Monat.“

Und was verdienen die Mitarbeiter so im Durchschnitt, pro Monat?

„60 Dollar.“

Wir waren eingesperrt. Aber das Internet ist grenzenlos

Ich traue meinen Ohren nicht. Mein konkurrenzlos billiges St. Petersburger Hotel, das 25 Dollar pro Nacht nimmt, schluckt also in Wahrheit fast einen halben Monatslohn. Hoffnungslos scheitere ich bei dem Versuch, Einnahmen und Kosten in irgendein für westliche Begriffe kalkulierbares Verhältnis zu bringen.

Mit dieser Wessi-Fassungslosigkeit ist Zhitinsky offenbar schon vertraut. „Wir alle haben noch Nebenberufe. Ich selbst schreibe nebenher. Oder die anderen Familienmitglieder arbeiten mit, wie meine Frau Jelena. Mit der habe ich übrigens 1989 und 1990, als wir beide noch nebenher freie Journalisten bei einer Jugendzeitschrift waren, Klein-Woodstock inszeniert, mit 94 Rockgruppen aus der gesamten Sowjetunion.“ Die beiden Open-Air-Festivals dauerten je neun Tage und pro Tag kamen an die 5.000 Besucher. Zhitinskys Buch über Rock im sowjetischen Untergrund war damals ein Bestseller. „Rockmusik war ja westlich dekadent und verboten, vor Gorbatschow.“

Impressario war er also auch. Langsam wird mir dieser Zhitinsky mit seinen Nebenberufen und Mutationen etwas unheimlich. Ihn scheint meine wachsende Beklommenheit nicht zu stören. Schon hat er ein dickes gelbes Buch auf den Tisch gelegt und zeigt mir Schwarzweißbilder von Computerbildschirmen, auf denen mal ausgezogene Damen, mal Kunstwerke aus Museen und Sammlungen zu sehen sind.

„Eine Auftragsarbeit“, erläutert er, „für den Peter-Verlag.“ Der Peter-Verlag ist einer der größten am Ort und das Buch gehört in eine Reihe, die in Format und Druck aufgemacht ist wie die Gelben Seiten von Telefonbüchern – nur, dass es sich eben um Ratgeber für Internetsurfer handelt. Neben der genauen Anleitung, wie man eine Adresse mit der Suchmaschine findet, gibt Zhitinsky einen völlig subjektiven Kommentar, teils lyrisch, teils ironisch, manchmal auch nur geblödelt.

„Ich kriege jede Menge Fanpost über meine E-Mail-Adresse. Wahrscheinhch, weil ich ausschließlich über meine eigenen Vorlieben schreibe. Die Breughels zum Beispiel mag ich besonders. Deshalb habe ich alle möglichen Museen, Sammlungen, Verlage in aller Welt gesammelt, die ihre Bilder zeigen. Wir waren ja eingesperrt, verstehst du? Aber das Internet ist grenzenlos.“

Und die ausgezogenen Damen?, frage ich. „Damen mag ich auch. Sehr sogar. Aber es müssen gute Fotos sein, kein pornographischer Stumpfsinn. Oder Gemälde. Das ganze 19. Jahrhundert ist voller erotischer Gemälde. Auch die waren in der Sowjetunion unter Kuratel. Die Kommunisten waren prüde, die verstanden bei der Liebe keinen Spaß.“

Was für eine Aus- und Aufbruchsstimmung! Trotz wirtschaftlicher Misere. Und Zhitinskys Unternehmen ist zugleich Produkt und Ausdruck dieser Stimmung. Leningrad, vielmehr St. Petersburg, hat zwei Katastrophen hinter sich: einen mörderischen Weltkrieg mit einer grausamen 900-tägigen Hungerblockade durch die Deutschen und dann ein halbes Jahrhundert lang Stalins gnadenlose Abschottung von Europa und dem Westen, eine unvorstellbare Knebelung seines historischen und kulturellen Selbstwertgefühls. Doch alles war nur zugedeckt, wie vom alljährlichen Packeis auf der Newa. Nie tot. Was ich vorfinde, ist die Renaissance einer europäischen Fünfmillionenstadt, Wiedergeburt der geistigen Heimat großartiger Schriftsteller von Weltruhm wie Vladimir Nabokov und Alexander Puschkin. Gerade finden die Feiern zu dessen 200. Geburtstag statt. Noch der unscheinbarste Barkassenführer auf den Seitenkanälen der Newa wird dir genau erklären, in welchem Haus oder Palast Puschkin und andere Dichter wann und wie lange gewohnt haben.

„Auch wenn inzwischen fast 10.000 Exemplare verkauft sind – dieses Internet-Buch ist für mich nicht die Hauptsache“, klinkt sich Zhitinsky in meine Abschweifungen ein. „Meine Hauptsache ist die Literatur. Belletristik. Vor kurzem haben wir einfach mal einen weltweiten Wettbewerb für junge russische Autoren im Internet ausgeschrieben. WWW, World Wide Writers. Du glaubst nicht, wie viele Antworten eingingen. Aus aller Welt! Nie hätte ich unter den Emigranten so viele Dichter vermutet – in Indien, Israel, den USA, in Südamerika, in Australien und Kanada. Auch in Deutschland.“

Fast so viele Zusendungen wie damals bei den Rockfestivals kamen zusammen, körbeweise brachen die Demobänder über Zhitinsky herein. Der hat die Texte nach und nach im Internet veröffentlicht und eine literarische Diskussion darüber begonnen. „Die besten habe ich in einer Anthologie und in einer gedruckten Literaturzeitschrift veröffentlicht. Viele Einsender haben Exemplare nachbestellt, einige sogar zusätzliche Texte geschickt, so dass ganze Bücher entstanden sind. Inzwischen haben wir so etwas wie einen weltweiten Buch- und Literaturklub.“

Alles auf Russisch?, frage ich.

„Ja, bis jetzt alles nur auf Russisch. Aber wir sind dabei, eine Website in den wesentlichen europäischen Sprachen zu konstruieren. Das machen wir zu Hause, außerhalb der Bürozeiten. Da brauchen wir ja auch Sprachstudenten als Mitarbeiter. Im Herbst gehen wir damit ins Netz.“

Etwas Ähnliches gibt es schon, sage ich. „The Book & The Computer“, ein japanisches Projekt, das die Zukunft des Buches im Computerzeitalter untersucht. „Für die habe ich gerade einen Aufsatz geschrieben“, sagt Zhitinsky. „Darin erkläre ich, warum überhaupt erst Print-On-Demand das Buch ins Computerzeitalter hinüberrettet. Weil es nämlich das Buch alten Typs mit den großen Auflagen, die nachher alle Makulatur sind, überflüssig macht. Also wir reden hier über Literatur, nicht über Bestseller. Kannst du in der Juli-Ausgabe nachlesen.“

Mein Englisch reicht fürs Internet, nicht für Essays

Den Text hat er nicht nach Berkeley gemailt, sondern nach Tokio, weil sie dort sein Russisch leichter übersetzen konnten. „Mein Englisch, merkst du ja selbst, reicht gerade mal zum Bedienen des Internets, aber nicht für einen Essay.“

Mein Russisch reicht nicht einmal zum Entziffern seines Türschilds, denke ich und bin froh, das mir die ganze Zeit eine Übersetzerin beigestanden hat. Ich bedanke mich für Kaffee und St. Petersburger Konfekt und überreiche zum Abschied einen, Dutyfree-Whiskey. Er fährt mich mit seinem vom Filmhonorar gekauften Secondhand-Volvo, der den Schlaglöchern und aus dem Asphalt ragenden Straßenbahnschienen bis heute getrotzt hat, auf Umwegen zum Flugplatz zurück. „Über den Nevsky-Prospekt marschieren gerade 1.500 Teilnehmer des Vierten Internationalen Blechbläserfestivals“, lacht er, „da ist jetzt kein Durchkommen.“

Blechbläser? Alles Flügelhörner, geht mir durch den Kopf, alles New Helikons.

Was sagte doch schon der preußische Architekt Johann Carl Ludwig Engel, als er Anfang des letzten Jahrhunderts die schönen klassizistischen Regierungspaläste von Reval und Helsinki baute? „Wer von Berlin aus ans Ende der Ostsee reist und glaubt, nun sei er am Ende der Welt und in St. Petersburg beginne die lautlose Weite der russischen Taiga – der irrt.“  ---

Der Autor
Ulrich Friesel war bis 1994 Vorsitzender des Verbands Deutscher Schriftsteller und ist Mitglied bei PEN Deutschland