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Jenseits von Jedem

Wenn uns die Welt zu viel wird, kriegen wir Stress, graue Haare und Magenkrämpfe. Bakterien dagegen erweitern ihren Horizont und gucken über den Rand ihrer Petri-Schale hinaus. Wie, das erklärt Biologin Regine Hengge-Aronis von der FU-Berlin.




brand eins: Menschen schütten bei Stress Adrenalin aus. Was tun Bakterien?

Regine Hengge-Aronis: In der Welt der Bakterien bedeutet Stress ungünstige, möglicherweise lebensbedrohliche Lebensbedingungen. Bakterien reagieren darauf mit der Produktion von Sigma-S, einem zentralen Regulatorprotein.

Und das bewirkt das Gleiche wie Adrenalin beim Menschen?

Eher das Gegenteil. Menschen unter Stress schränken sich ein, beschäftigen sich nur noch mit dem unmittelbar anstehenden Problem. Bakterien unter Stress erweitern ihren Horizont, entwickeln neue Lösungen, um den Stress zu bewältigen.

Kreative Bakterien?

Eigentlich sind Bakterien hoch anpassungsfähig und produzieren nur die speziellen Proteine, die sie gerade brauchen. Sigma-S hingegen führt dazu, dass 50 bis 100 Gene des Bakteriums aktiviert werden, die im Normalzustand keine Funktion haben. Wenn ich ein Bakterium zum Beispiel hungern lasse, entwickelt es die Fähigkeit, mit diesem Hunger umzugehen.

Wie ein tibetischer Hungerkünstler?

Oder wie ein Bär im Winterschlaf – es reduziert seinen Stoffwechsel auf ein absolutes Minimum. Gleichzeitig aber produziert es Proteine, die es auch gegen vieles andere resistenter machen. Es macht sich damit bereit für das Unerwartete.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, nannte das Friedrich Hölderlin. Allerdings ohne damit Bakterien zu meinen.

Obwohl das für Bakterien typischer ist als für Menschen. Menschen reagieren auf durch Ressourcenmangel hervorgerufenen Stress meist mit Einigelung, also mit einer wenig weitsichtigen Verteidigung des Status quo, anstatt sich zu öffnen und dabei auch Risiken in Kauf zu nehmen. Heute haben wir es typischerweise mit dem Mangel an finanziellen Ressourcen zu tun. Und den meisten fällt da nichts anderes ein, als einfach das Geld nur noch für die momentan drängenden Probleme auszugeben. Investitionen in die Zukunft, zum Beispiel für die Grundlagenforschung, kommen da oft zu kurz.

Was könnten denn Anwendungsbereiche für Ihre Grundlagenforschung sein?

Oft möchte man ja gar nicht, dass sich Bakterien kreative Lösungen gegen Stress einfallen lassen und damit ihre Überlebenschance steigern. Bei Krankheitserregern zum Beispiel möchte man genau das Gegenteil erreichen. Ein Wirkstoff, der Sigma-S deaktivieren könnte, würde das betreffende Bakterium so schwächen, dass es im menschlichen Körper nicht überleben könnte.

Man erzeugt also eine Immunschwäche, eine Art Bakterien-Aids.

Wenn Sie so wollen, ja. Eine andere Anwendung könnte die Entwicklung neuer Impfstoffe sein: Krankheitserreger, die Sigma-S durch Mutation verloren haben, sind nicht mehr pathogen und eignen sich deshalb als Lebend-Impfstoffe.

Wie wäre es mit Management-Seminaren als weitere Anwendung: Wie wir von Einzellern lernen können, durch Stress unsere Kreativität zu entfalten?

Interessante Idee – allerdings habe ich derzeit für so was keine Zeit.