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Vorleben

Vor zwölf Jahren verfolgte Jörg Hacker als Polizist rücksichtslose Raser auf der Autobahn. Heute jagt er als Geschäftsführer von Epic Records vorwiegend Termine.




brand eins: Herr Hacker, was lief bei Ihnen im Radio, als Sie noch Streife führen?

Jörg Hacker: SDR3. Weil ich mich gut auskannte, haben die Kollegen öfter für eine halbe Minute das Funkmikro an das Radiogerät gehalten und „Hacki, von wem is'n der Titel?“ reingeraunzt. Und wenn ich den dann durchgegeben habe, hörte das die gesamte Streifenbesatzung im Großraum Stuttgart – bis die Streifenaufsicht dazwischenfunkte: „Bewahren Sie Funkdisziplin, meine Herren, sonst wird das Konsequenzen haben!“ 

Wie reagieren Sie heute, wenn Sie einen Streifenwagen sehen?

Dann denk ich an die Zeiten zurück, als ich vor zwölf Jahren selbst noch in einem saß. Bei Unfällen ist das besonders deutlich: Während alle im Schritttempo daran vorbeifahren und auf die Unfallstelle gucken, beobachte ich die Kollegen und frage mich, was ich an deren Stelle tun würde. Jeder, der mal einen bestimmten Job gemacht hat, weiß, dass der ewig in einem drin bleibt. 

Seit drei Jahren sind Sie Geschäftsführer von Epic Records. Was haben Sie damals auf der Autobahn für die Industrie gelernt?

Wie ich Leute durch entsprechendes Auftreten und entsprechende Kommunikation für mich einnehmen kann. Ohne das könnte ich heute kein Team führen oder Acts begeistern. Ich meine, hey, als Polizist musst du dich mit jedem abgeben, ob arm oder reich, schön oder hässlich. 

Welches Geschäft halten Sie für das härtere – die Schallplattenbranche oder den Polizeidienst? 

Die Schallplattenbranche, wenn auch nicht für jeden: Ein normaler Produktmanager, ohne das abwerten zu wollen, hat seine Acts und muss das bestmögliche Marketing machen. Wenn er das nach zwei Jahren immer noch nicht richtig macht, kann er entlassen werden, aber er findet bald wieder einen ähnlichen Job, vielleicht einen besseren. Insofern sind Nachtschichten bei der Polizei mit tödlichen Unfällen etc. natürlich härter und die Bezahlung dort ist wesentlich schlechter. Aber: Ich war heute den ganzen Tag bei VIVA in Köln. Jetzt ist es 20.30 Uhr, ich bin auf dem Weg zurück nach Frankfurt. Nebenbei machen wir das Interview übers Handy, dann packe ich meine Koffer, geh noch was essen und hab dann noch drei Stunden Schlaf, bis ich nach New York fliege. Das mag sich für viele aufregend anhören, aber wenn du das ein paar Jahre machst, sind die Nachtschichten bei der Polizei eigentlich Pipifax dagegen. 

Dann erübrigt sich die Frage, welchen Job man abends mehr mit nach Hause nimmt? 

Ich hab am Tag 50 Anrufe, 200 E-Mails, tausendfachen Ärger, Budgets, die überzogen sind, Platten die nicht charten und bei VIVA nicht auf die Playlist gehen, aber ich habe die seltene Gabe, dass ich extrem gut abschalten kann. Ich denke zwar hier und da noch über Problemfalle nach, wie früher, wenn ich tödliche Unfälle hatte, aber wenn ich zu Hause bin, kann ich sofort abschalten. 

Was war Geschwindigkeit gestern, was heute? 

Bei der Polizei rast die Zeit an dir vorbei, weil du nie weißt, was auf dich zukommt: Es kann ein ruhiger Sonntag werden oder du hast einen Massenunfall mit zehn Toten und 24 Stunden an der Unfallstelle. Natürlich verfliegt auch heute die Zeit wahnsinnig: Da guckst du Fotos von vor zwei, drei Jahren an und die Acts darauf sind heute gar nicht mehr auf deinem Label – oder sie sind Superstars, obwohl sie gerade noch Newcomer waren.

Ihre Kollegen berichten, Sie fahren, als hätten Sie immer noch ein Blaulicht auf dem Dach ...

Das kann schon sein, aber ich halte mich im Grunde schon an Geschwindigkeitskontrollen. Wenn aber frei ist, dann lass ich's krachen. 

Bestehen eigentlich Parallelen zwischen Ihrem Fahr- und Ihrem Führungsstil? 

Ja. Ich versuche immer ganz schnell von A nach B zu kommen. Ich suche immer den direkten Weg. Ich kann mir vielleicht selbst vorwerfen, dass ich manchmal zu wenig auf Gefühle oder sonst irgendwas eingehe, aber das ist halt die Geschwindigkeit, in der wir in dieser Branche leben.

Jörg Hacker, 37, war bis 1987 Polizist und ging dann als Radio Promoter zu Intercord nach Stuttgart. Danach stieg er bei Intercord bis zum Leiter der Artist & Repertoire-Abteilung auf, wechselte in gleicher Position zu Edel, bis er 1996 Geschäftsführer des Sony-Labels Epic Records wurde.