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Konsequenz und Leidenschaft

es war eine ganze Generation, es war eure Generation, die sich in den Jahren nach 1968 auf den von Rudi Dutschke propagierten langen Marsch durch die Institutionen machte. Die Revolte war gescheitert, aber ihr Revolutionäre solltet euch – und ihr – am Ende doch noch zum Sieg verhelfen. Ihr wisst, was daraus geworden ist. Aus zweien, die sich damals aufmachten, sind inzwischen Kanzler und Vizekanzler geworden, ein paar von euch haben es zu Ministerehren gebracht, viele andere sind ein bisschen früher hängen geblieben – als Professoren, Publizisten, Ministerial- oder Stadträte seid ihr nun gleichermaßen Stützen und Bremsklötze der Gesellschaft.




So zwiespältig diese Bilanz auch ist und so zwiespältig ihr sie auch selbst empfindet: Bisher habt ihr noch keine Generation für würdig befunden, eure Nachfolge anzutreten. Ob die 78er oder die 89er, ob die No-Futures oder Generation X, Etiketten gab es viele, aber nichts, was auch nur annähernd so revolutionär und so prägend wie ihr gewesen wäre.

Jetzt gibt es das nächste Etikett, die Generation @, die heute 18- bis 30-Jährigen, und auch die habt ihr, wie alle anderen zuvor, argwöhnisch benasrümpft, gewogen und für zu leicht befunden. Eine angepasste, egozentrische, geldgeile Generation, nicht umsonst nennt »Wired« sie „Generation Equity“, blind für das Leid in der Welt geht sie lieber an die Börse als auf die Barrikaden.

Das ist zwar gar nicht so verkehrt, aber in einem etwas anderen Sinn, als ihr es meint.

Denn Venture Capital und Neuer Markt – das sind die Barrikaden von heute. Wir befinden uns mitten in einer Revolte, die an Brisanz für die Gesellschaft der von 1968 nicht nachsteht.

Zugegeben, es ist ein eher ungebräuchlicher Revoltebegriff, der hier verwendet wird. Doch versteht man Revolte als den Versuch, mit hohem persönlichen Einsatz und bei erheblichem individuellen Risiko eine bestehende Ordnung zu stürzen, so passiert gerade genau das. Mit dem Internet in der gleichen Katalysatorfunktion wie damals der Vietnamkrieg, mit Jeff Bezos in der Rolle des fernen Idols Che Guevara, dem Neuen Markt als Äquivalent zur 68er-Kaderschmiede SDS und Egbert Prior als leider etwas zu ernst geratene Cover-Version von Fritz Teufel.

Nur der Posten von Rudi Dutschke als Motor der Revolte ist noch vakant. Jost Stollmann hätte es werden können, Bernd Kolb wäre es gern, hat aber nicht das Format. Das wiederum hätte Thomas Middelhoff, leider ist er dafür bei der falschen Firma. Bei den richtigen Firmen sitzt aber seit kurzem Eckhard Pfeiffer. Vielleicht hat der ja Lust, zum Rädelsführer zu werden.

Moment, Moment, sagt ihr da. Was soll das für eine Revolte sein, was sind das für Revolutionäre, denen es bei allem, was sie tun, nur um den eigenen Vorteil geht. Wir, wir kämpften wenigstens noch für den Vietcong und gegen Springer, aber doch nicht für unsere Planstellen. Na ja. Das konnte einem damals sicher so vorkommen. Faktisch aber waren das einzige zählbare Ergebnis der 68er Revolte – eure Planstellen. Die große Reformoffensive unter Willy Brandt spülte euch in die Ämter, der massive Ausbau der Universitäten brachte euch auf die Lehrstühle, ihr wart die Hefe des Systems. Und habt es aufgebläht.

Jeffrey P. Bezos
Gründer des Internet-Buchhandels amazon.com SDS
Sozialistischer Deutscher Studentenbund Egbert Prior
Herausgeber des Prior-Börsenbriefs und „Prophet des schnellen Geldes“ (»Die Welt«) Bernd Kolb
Gründer und Vorstandsvorsitzender der I-D Media AG Thomas Middelhoff
Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG Eckhard Pfeiffer
Ex-Compaq-Chef, jetzt Aufsichtsratsvorsitzender bei den Internet-Unternehmen ricardo.de und Intershop Jost Stollmann
Gründer und Ex-Chef von Compunet, im letzten Jahr von Gerhard Schröder als Wirtschaftsminister nominiert, trat das Amt aber nicht an

Was könnt ihr tun, um euch zu retten? Mal wieder Karl Marx lesen

Und jetzt umgekehrt, die Jugend von heute. Klar tritt keiner von diesen Internetfuzzis an, die Gesellschaft zu verändern. Aber sie tun es. Sie haben nichts weiter gesucht als einen neuen Weg, ganz schnell ganz reich zu werden, und haben damit die großen Organisationen mit ihren schwerfälligen Strukturen überrumpelt. Sie wachsen in rasender Geschwindigkeit, sie sind die, bei denen die Börsianer die Zukunft am besten aufgehoben sehen. Sie saugen Köpfe und Kapital in sich auf – und lassen damit aus eurem System die Luft raus.

All die großen Institutionen, die ihr einst so vehement bekämpft habt, sind durch euch gestärkt worden. Ob Verwaltung, ob Regierung, ob Parteien, ob Universitäten, ob Medien, ob Gewerkschaften: Es geht nicht mehr ohne euch. Und, um es mit den Worten desjenigen von euch zu sagen, der am weitesten gekommen ist, ihr habt zwar nicht alles anders gemacht, aber doch vieles besser. Das ist weniger, als ihr wolltet, aber doch weit mehr, als euch damals zugetraut wurde.

Und jetzt stehen all diese Institutionen vor einer ähnlich großen Bedrohung, wie ihr sie damals sein wolltet, und das, obwohl sie gar nicht bekämpft werden. Denn ihnen blüht, nicht mehr gebraucht zu werden. Wissen gibt es überall und es wälzt sich schneller um, als Ordinarien denken können; Informationen gibt es überall und bald besser sortierbar, als Journalisten sie liefern können; Parteien und Gewerkschaften haben sich in Schützengräben an der alten Frontlinie eingegraben, die oben und unten trennt. Doch die neue Front verläuft zwischen schnell und langsam. Der alte Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit ist in vielen Firmen nicht mehr anzutreffen. Die Wissensgesellschaft des Internet-Zeitalters wird nicht warten, bis ihr eure Institutionen modernisiert, sie schafft sich ihre eigenen.

Was könnt ihr tun? Karl Marx lesen. „Je mehr eine herrschende Klasse fähig ist, die bedeutendsten Männer der beherrschten Klassen in sich aufzunehmen, desto solider und gefährlicher ist ihre Herrschaft“ (Das Kapital, Bd. 3, S. 614). Als Gerhard Schröder Jost Stollmann ins Kabinett holen wollte, war das also im besten Sinne marxistisch gedacht. Ähnliches gälte, um nur ein Beispiel zu nennen, für die Gründung einer Multimediagewerkschaft, die zwar keine Tarife aushandelt, aber dafür Beratung für Mitarbeiterbeteiligungsmodelle anbietet. Ihr müsst euch nur an den Gedanken gewöhnen, dass ihr nun die herrschende Klasse seid und eure Macht gegen eine Revolte sichern müsst.

Ihr könnt natürlich auch einfach nur abwarten. Denn, klar, auch diese Revolte wird scheitern. Die Internet-Aktien werden an der Börse noch genauso verprügelt werden wie ihr vor dem Springer-Hochhaus. Aus dem schnellen Weg zum großen Geld wird ein langer Marsch an die Börse werden, bei dem viele nicht ans Ziel kommen. Auf viertel, halbem, dreiviertel Wege bleiben sie hängen, meist ganz froh, überhaupt so weit gekommen zu sein. Und auch die, die es schaffen, sind dann nicht mehr dieselben wie zu dem Zeitpunkt, da sie sich auf den Weg machten.

Trotzdem: Nur wenn ihr jetzt flexibel handelt, könnt ihr noch etwas von euren Errungenschaften retten. Die Revoluzzer von heute werden dann einen Betriebsrat haben – aber ob der in der Gewerkschaft ist, liegt bei euch. Sie werden Lobbyisten haben – aber ob die in Berlin, in Washington oder in Gütersloh sitzen, liegt bei euch. Sie werden Trainees einstellen – aber ob die von der Uni kommen, liegt bei euch.

Die Qualität einer Generation wird nicht nur daran gemessen, wie sie die Bühne betritt, sondern auch daran, wie sie die Bühne verlässt. Es war eine große historische Leistung eurer Eltern, vor 30 Jahren den Umbruch der Gesellschaft so zu gestalten, dass er ein Aufbruch wurde, kein Zusammenbruch. Jetzt steht ihr vor einer vergleichbaren Aufgabe.

Was könnt ihr überhaupt noch retten? Die Solidarität, den Sinn und die Muße

Und sie wird euch ebenso schwer fallen, wie sie damals euren Eltern schwer fiel. Die konnten nicht verstehen, wieso ihr all ihre ökonomischen Errungenschaften ignoriertet und euch für die schmutzige Politik begeistern konntet. Ihr könnt nicht verstehen, wieso heute all eure politischen Errungenschaften ignoriert werden und sich die Leute für den schmutzigen Kapitalismus begeistern. Aber da müsst ihr durch. Genau wie eure Eltern werdet ihr damit leben müssen, dass einige Werte, die ihr geprägt habt, nicht auf ewig erhalten bleiben, sondern mit eurer Generation wieder verschwinden werden (um vielleicht einige Jahrzehnte später erneut aufzutauchen).

Was verschwinden wird?

_die negative Bewertung von Leistung und Unternehmertum. Unternehmer sind für euch Ausbeuter, wer mehr arbeitet, als verlangt wird, ist ein Kollegenschwein. Ausnahmen bestätigen die Regel. Mit dieser Grundeinstellung habt ihr viele der fähigsten Köpfe aus dem Land getrieben. Jetzt wird die Beweislast umgekehrt. Unternehmer sind gut, Leistung ist prima – es sei denn, im Einzelfall ist das Gegenteil belegbar.

_der Glaube an die Macht des Staates. Ihr hattet wohl wirklich geglaubt, dass der Kapitalismus nur noch am Leben ist, weil der Staat den Konzernen die Verwertung ihres Kapitals sichert. Ihr habt den Staat überhöht, seine Kompetenzen überdehnt. Das wird zurückpendeln. Der Staat regelt das Allgemeine, der Markt das Individuelle. Und da sich die Gesellschaft immer mehr individualisiert, hat der Staat immer weniger zu regeln.

_der Glaube an die Katastrophe. Okay, vielleicht ist es nicht typisch für eure Generation, sondern typisch deutsch, hinter jedem neuen Filterstäubchen gleich den Weltuntergang zu wähnen. Zwar kann man auch in Zukunft immer noch so leben, aber nicht mehr so arbeiten. Das Leben besteht aus Chancen, nicht aus Risiken. Und sogar bei eurer Lieblingszeitung »Taz« heißt der Standardspruch der Redakteure seit jeher „Alles wird gut“. Und so wird es auch.

Also alles verloren? O nein. Einiges wird natürlich bleiben, so der Glaube an den Sieg des Fortschritts über die Stagnation, der Jugend über das Alter – auch wenn das sich diesmal gegen euch richtet. Aber auch einiges von dem, was euch wichtig war, womit ihr die Gesellschaft geprägt habt, könnt ihr noch retten.

_den Gedanken der Solidarität: Jeder, der es zu etwas bringt, hat das nicht nur sich selbst zu verdanken, sondern auch der Gesellschaft – ob Lehrer oder Chefs, Kommilitonen oder Kneipen, was auch immer ihm bei der eigenen Entwicklung geholfen hat. Also sollte er dazu beitragen, auch anderen ähnliche Chancen zu bieten. Bisher gibt es dafür praktisch nur das etwas brüsk agierende Steuerrecht. Ob Stiftungen, Alumniprogramme, Freundeskreise, lasst euch etwas einfallen, das den Vermögenden von morgen Kanäle anbietet, auf denen sie praktische Solidarität üben können.

_den Glauben an Sinn: Geld allein macht nicht glücklich. Da werden die Jungs und Mädels mit den Dollarzeichen in den Augen zwar auch von allein draufkommen, aber wahrscheinlich erst, wenn es zu spät ist. Da könnt ihr helfen: Sinnproduktion ist eine eurer Kernkompetenzen.

_das Recht auf Faulheit: Ihr wisst, wie wertvoll Muße ist. Ihr wisst, dass es nicht die Bestimmung des Menschen sein kann, bis zum Umfallen zu arbeiten. Die Kids müssen das ja nicht gleich genauso sehen. Aber sie sollen wenigstens spüren, dass ihnen etwas entgeht, wenn sie sich vor dem Monitor anschrauben oder mit Headset und PDA dem Erreichbarkeitswahn frönen.

Wie gesagt, es liegt an euch, was von euch bleibt. Oder, um mit Frantz Fanon zu sprechen, an den ihr euch sicherlich noch erinnert: „Los, meine Kampfgefährten, es ist besser, wenn wir uns sofort entschließen, den Kurs zu ändern. Die große Nacht, in der wir versunken waren, müssen wir abschütteln und hinter uns lassen. Der neue Tag, der sich schon am Horizont zeigt, muss uns standhaft, aufgeweckt und entschlossen antreffen.“  ---
Frantz Fanon (1925-1961)
algerischer Freiheitskämpfer und Schriftsteller („Die Verdammten dieser Erde“)
What would we think, if suddenly a mouse tapped against the toe of an elephant and told bim, rather politely: Excuse me, Sir, but I'd like to inform you that within a few seconds I will be roughly half your size. By that time, I may very well consider eating you. Absurd?
Today, that's business.

Thomas Middelhoff