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Hintergrund

Das Internet ist Chaos pur. Doch Konzerne brauchen Planungssicherheit, um Geschäfte zu machen. Also beginnen die Manager nun, Ordnung ins Netz zu bringen. Aber aller Anfang ist schwer.


• Stellen Sie sich eine Goldgräberstadt im Kalifornien von 1849 vor. In wenigen Wochen aus dem Boden gestampft, und Monat für Monat strömen Tausende neuer Glücksritter herein, mit nichts als Nuggets im Sinn. Die einzige Regel, die leidlich funktioniert, weil alle sie brauchen, ist die über die Absteckung der Claims. Der Rest ist reine Anarchie. Wer kann hier Ordnung schaffen, wenn 90 Prozent der Bewohner gar keine wollen? Der Sheriff natürlich. Doch wenn der versagt, müssen sich die Geschäftsleute ihren Schutz selbst organisieren – oder der Pfarrer schafft es mit moralischen Appellen, den rauhen Goldgräbern ein bisschen Anstand beizubringen.

Stellen Sie nun daneben das Internet von 1999. In wenigen Jahren aus dem Boden gestampft, täglich kommen Tausende neuer Glücksritter dazu, mit nichts als Profit im Sinn. Die einzige Regel, die leidlich funktioniert, weil alle sie brauchen, ist die über die Domain-Vergabe. Der Rest ist reine Anarchie. Wer kann hier Ordnung schaffen, wenn 90 Prozent der Anbieter gar keine wollen? Die Lösung mit dem Sheriff scheidet aus, weil der weltumspannende Charakter des Internets nationale Kontrollinstrumente ins Leere laufen lässt – und weltumspannende Kontrollinstrumente politisch nicht durchsetzbar sind. Also müssen die anderen ran: Wer organisiert die Geschäftsleute? Und wer spielt den Pfarrer?

Auf beide Fragen gab es Anfang September die gleiche Antwort: Bertelsmann.

_Am 13. September fand in Paris unter dem Vorsitz von Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff erstmals der „Global Business Dialogue on Electronic Commerce“ (GBDe) statt. Mehr als 400 Topmanager aus aller Welt mühten sich, „einen verantwortlichen Beitrag zur Gestaltung eines Ordnungsrahmens für E-Commerce zu leisten“ (Middelhoff).

Die Anregung zur Gründung des Global Business Dialogue on Electronic Commerce (GBDe) kam am 29. Juni 1998 von Martin Bangemann. Bei einer Konferenz mit 70 Top-Managern von Internetfirmen forderte er Selbstregulierung und wünschte sich Vorschläge zur Ordnung des Internets an die Politik. Wenig später wurde dir GBDe gegründet.

_Vom 9. bis 11. September veranstaltete die Bertelsmann-Stiftung in München ein „Internet Content Summit“. Mehr als 300 Wissenschaftler, Politiker, Manager und User bemühten sich dort darum, Regeln für die Selbstregulierung der Content-Angebote im Internet zu finden.

In Paris ging es um den Profit. Noch einmal Middelhoff: „Jeder seriöse Unternehmer, der im Internet Geschäfte machen will, braucht Planungssicherheit und klare Standards. Und dies so schnell wie möglich!“ In München ging's um Pädagogik. Im dort verabschiedeten Memorandum heißt es: „Es müssen Mechanismen entwickelt werden, wie mit illegalem Content umgegangen werden kann, wie Jugendschutz und Meinungsfreiheit garantiert werden können.“

Bis September 1999 agierte Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff als GBDe-Chairman und Leiter des Koordinationsgremiums. Mit Steve Gase (AOL) und Gerald Levin (Time Warner) teilen sich nun zwei Amerikaner den Job. Im nächsten Jahr soll dann ein Vertreter Asiens die Leitung des GBDe übernehmen.

Regulierungsfeindliche Amerikaner ringen mit ordnungsliebenden Asiaten

Die GBDe-Veranstaltung war als großer globaler Wurf angelegt. Deshalb traten hier auch die Konflikte deutlicher zutage, die sich aus dem Zusammenprall der Kulturkreise ergeben. Die hemdsärmeligen, regulierungsfeindlichen Amerikaner stoßen auf ordnungsliebende Asiaten, die zudem befürchten, dass das Internet zu einer weltweiten Amerikanisierung führen könnte.

Aus dieser Haltung entspringen dann Vorschläge wie der von Takashi Kitaoka von Mitsubishi Electric: Er regte die Gründung einer neutralen Organisation an, die „alle Homepages der Welt überprüft und Content-Produzenten dazu auffordert, ihre Seite vom Netz zu nehmen, wenn sie Tradition und Kultur irgendeines Landes dieser Welt verletzt“. Dass dieser Vorschlag in Paris keine Mehrheit fand, ist klar. Dass es ihn überhaupt gab, zeigt, welch dickes Brett zu bohren ist, um globale Standards durchzusetzen.

Die Veranstaltungen in Paris und München erbrachten jeweils einen Vorschlag, der zumindest einen Ansatz bieten könnte, auch ohne staatliche Regelung Ordnung ins Netz zu bringen: die „Trust Mark“ in Paris und die „Hotline“ in München.

Was sich hinter diesen Begriffen verbirgt?

Die Trust Mark geht auf einen Vorschlag von Michio Naruto zurück, Vize-Präsident von Fujitsu.

Sie soll eine Art Gütesiegel sein, das vom GBDe an Firmen vergeben wird, die sich im Netz an bestimmte Verhaltensregeln halten. Eine könnte zum Beispiel sein, dass User-Daten nur an andere Anbieter weitergegeben werden, wenn der Benutzer hierfür sein Einverständnis erklärt hat. Eine andere könnte sein, dass ein Kunde sein Geld zurückbekommt, wenn er mit einer im Netz bestellten Ware nicht zufrieden ist. Für die User würde das Internet dadurch sicherer und berechenbarer – und höhere Sicherheit für die Kunden bringt höhere Umsätze für die Anbieter.

Die Hotline ist eine Art Verbraucherschutz-Netzwerk, das dabei helfen soll, illegale oder jugendgefährdende Angebote aufzuspüren und auszumerzen. Das geht etwa so: Ein User stößt im Netz auf eine Seite, von der er findet, dass sie dort nichts zu suchen hat. Er meldet diese Seite seiner nationalen Hotline. Die kontaktiert die Hotline des Landes, aus dem das Angebot stammt. Diese prüft, ob die betreffende Seite die jeweiligen nationalen Gesetze verletzt und geht gegebenenfalls juristisch gegen den Anbieter vor.

Was bringt ein Gütesiegel, wenn jeder es missbrauchen kann?

Die Idee hinter dieser Hotline ist durchaus reizvoll, doch ihre Wirkung wäre bescheiden. Ganz abgesehen davon, dass die Hotline mit Beschwerden von selbst ernannten Schmutz-und-Schund-Jägern zugemüllt würde. Anbieter mit krimineller Energie können so nicht ausgeschaltet werden. Irgendein Land würden sie immer finden, in dem ihr Angebot nicht rechtswidrig ist – oder zumindest nicht verfolgt würde. Ähnlich wie die Steuer-Oasen á la Monaco entwickeln sich dann eben Nazi- oder Kinderporno-Oasen.

Das Gütesiegel dagegen hätte weitaus größere Chancen, ein erfolgreiches Regulierungsinstrument zu werden. Nur haben sich die Industriebosse bisher noch kaum mit der Frage befasst, wer die Einhaltung der Verhaltensregeln kontrollieren und wie das geschehen soll. Noch weniger, nämlich gar kein Problembewusstsein herrscht bei der Frage, welche Sanktionen es geben soll, wenn jemand das Gütesiegel missbraucht – und wer diese Sanktionen wie durchsetzen soll. Ein Gütesiegel aber, dessen Missbrauch nicht bestraft wird, wird sehr schnell keines mehr sein.

„Ein Fortschritt ist nur ein Fortschritt, wenn er allen zugute kommt.“

So wenig Zählbares auch bisher erreicht wurde: München und Paris markieren die Anfänge von zwei hochinteressanten Experimenten:

_Das Internet verleiht den Konsumenten eine noch nie dagewesene Machtposition gegenüber den Anbietern – weil alles möglich wird. Kann es den Konsumenten auch gelingen, eine Machtposition aufzubauen, damit etwas unmöglich wird?


_Die Wirtschaftsliberalen aller Länder behaupten gern, dass es der Wirtschaft am besten gehe, wenn sich die Politik komplett aus der ökonomischen Sphäre heraushielte. In weiten Bereichen des Internets hält sich die Politik zwangsweise heraus, weil sie gar nicht eingreifen kann. Ist die Wirtschaft in der Lage, diesen Bereich so zu organisieren, dass nicht nur sie, sondern auch die Gesellschaft davon profitieren kann?

Es gibt Beispiele, die zeigen, dass das gehen kann – das wohl gelungenste und langlebigste unter diesen war die Hanse. Aber es gibt weit mehr Beispiele, in denen die Wirtschaft an dieser Aufgabe scheitert – wenn etwa brasilianische Geschäftsleute Todesschwadronen beauftragen, um die störenden Straßenkinder vor ihren Läden zu beseitigen.

Genau auf diesen Aspekt wies der französische Wirtschaftsminister Dominique Strauss-Kahn die in Paris versammelten Chefs der Internetindustrie hin: „Ein Fortschritt ist nur dann ein Fortschritt, wenn er allen Menschen zugute kommt.“

Bis zur Umsetzung dieser Erkenntnis müssen die Manager noch weite Wege gehen. (DG)  ---
Hanse:
Ursprünglich eine Gemeinschaft von Kaufleuten im Außenhandel, seit 1356 ein Bündnis von bis zu 70 Städten, das große Teile des Handels in Nord- und Ostsee kontrollierte und sogar Kriege führte (z.B. 1370 gegen Dänemark). Im 16. Jahrhundert verlor die Hanse an Einfluss, der letzte Hansetag fand 1669 statt.