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Denkzettel

Alle bieten, alle wollen günstig grünen Strom. Doch was das ist und ob der für alle langt, bleibt im Dunkeln.




• „Yello“, lass alle Hoffnung fahren. Die Far
be des Stroms ist grün. Nichts vermag am freien 
Energiemarkt so zu faszinieren wie die Idee, dass 
sich aus bewusstem Handeln der Konsumenten
 Gutes machen lässt. Aus höheren Energiepreisen 
ein Deutschland, durchflutet von grünem, gutem Strom
. Ein Deutschland, in dem es nicht bloß
 Steckdosenendverbraucher gibt, denen vor Atom
katastrophen zwar graut, die aber die Schlussfolgerung daraus, dass neue, bessere Energiequellen
 zunächst auch einen höheren Preis haben, nicht 
ziehen mögen.

Alles wird gut. Und jeder macht mit. Wie kann das funktionieren?

Unter den rund drei Dutzend Anbietern von Ökostrom in Deutschland finden sich Erzeuger wie die Ökostrom Handels AG, die mit Greenpeace kooperiert, aber auch bekannte Lieferanten wie die Bayernwerke und die Hamburgische Electricitätswerke HEW. Diese Unternehmen kennt der Ökologe noch gut aus den Zeiten seliger Anti-Wackersdorf- und Gorleben-Demos, wenngleich von der anderen Seite. Da können schon Zweifel aufkommen, obwohl der Kurzschluss beim Ökostrom noch tiefer in der Materie lauert. Im Grunde glauben die meisten der rund 500.000 an Ökostrom interessierten Haushalte daran, dass regenerative Energie, die Kraft hinter dem Grünstrom , aus den Klassikern der ökologischen Energiequellen besteht: Biomasse-, Solar- und Windkraftwerken. Die gute Kraft soll mit den höheren Preisen fürs Kilowatt gefördert werden.
Die Stromerzeugung in Deutschland wird zu 34 Prozent von den Atomkraftwerken getragen, Braun- und Steinkohle liefern zusammen 54 Prozent und Heizöl ein Prozent aller elektrischen Energie. Macht zusammen 89 Prozent oder grob: Neun von zehn verbrauchten Kilowattstunden stammen aus riskanten und ökologisch inakzeptablen Energiequellen. Den Löwenanteil des Rests besetzen Erdgas mit sechs Prozent und regenerierbare Wasserkraft mit vier Prozent. Erst im nächsten Überbleibsel verbirgt sich der gute grüne Kern der Energie: ein wenig Biomasse, Solar- und Windkraft. Genau betrachtet, ist es nicht einmal ein Prozent, das dafür übrig bleibt. Denn Energie aus Müllverbrennung und Deponiegas, eher eine ungeliebte Notlösung für echte Ökologen, beansprucht nochmals die Hälfte des letzten verbleibenden Prozentpunkts.

Der Anteil von Strom aus Biomasse lässt sich trotz fleißiger Kühe kaum steigern

Reiner Ökostrom trägt damit zu einem halben Prozent zur gesamten Stromerzeugung bei, beide Augen zugedrückt. Der Glaube der Ökostrom-Freunde, dass sich mit ausreichend finanziellen Mitteln die vorhandenen Ressourcen ausbauen ließen, ist Technologie-Blauäugigkeit: Was nützen Windkraftparks und Solarkraftwerke, wenn sich die Luft nicht bewegt und die Sonne nicht scheinen mag. Der für die Biomasse hauptverantwortliche Stoffwechsel deutscher Schweine und Kühe wird das Defizit nicht ausgleichen können, auch nicht bei größtem Fleiß.
Weil das auch die Grünstrom-Macher wissen, muss die elitäre Energiedreifaltigkeit Biomasse-Wind-Solar durch Handfestes aufgefettet werden: mit Wasserkraft und Erdgas.

Die Widersprüche zwischen Realpolitik und Strompropaganda sind krass

Doch was wird da in der Hauptsache gutgeheißen? Wasserkraftwerke finden die Ökostrom-Propagandisten von Greenpeace & BUND nur in kleinen, kuscheligen Anlagen nett, die freilich nicht für alle Energieverbraucher genügend liefern können. Seit Jahrzehnten protestieren die Umweltorganisationen gegen den Ausbau sinnvoller Wasserkraftwerke in der ganzen Welt – in Europa meist mit Erfolg. Wie lange die für die Ökostrom-Kampagne neu entdeckte Liebe zur Wasserkraft hält, vermag niemand zu sagen.
Noch krasser wird der Widerspruch zwischen 
Realpolitik und Strom-Propaganda aber bei einer 
noch wichtigeren Quelle für grünen Strom. So lässt auch die strenge Greenpeace-Richtlinie in Ökostrom nicht nur Sonne, Wind und Wasser hinein. Bis zu 50 Prozent eines grünen Kilowatts dürfen aus erdgasbetriebenen Blockheizkraftwerken stammen, die mit einer Kraft-Wärme-Kopplung versehen sind. Auch das ist – wie die Wasserkraft – eine vernünftige Energieform, weil dabei weit weniger Emissionen in den Himmel geblasen werden als bei herkömmlichen Großkraftwerken.
Doch Erdgas ist alles andere als regenerativ und wird von Konzernen wie Shell geliefert, jenen Feindbildern der Ökologiebewegung also, die mit ihren Stahlkolossen auf hoher See das Gas nach oben bringen. Auch hier kann man lernen: Ob eine Plattform gut ist oder schlecht, zur Brent Spar wird oder zum Träger grüner Stromhoffnung – das kommt eben ganz darauf an.
Wie immer man auch rechnet: Der Ökostrom langt nur für eine Elite und der Spielraum nach oben ist endlich. Schon jetzt führt Deutschland weltweit in Sachen Windenergie und schöpft die wichtigsten Potenziale dabei aus.
Alle erneuerbaren Energien zusammen können zwei Prozent des heimischen Energiebedarfs decken. Ökostrom reicht für gerade mal fünf Prozent der 37,5 Millionen deutschen Haushalte. Nicht wenig, aber längst nicht so viel wie versprochen wird. Auch wenn Greenpeace auf seiner Homepage schreibt: „Wer sich für einen Wechsel entscheidet, kann spätestens zum 1.1.2000 auch versorgt werden.“

Der Weg zu neuen Stromquellen verlangt Mut und Ehrlichkeit

Das ist nicht weit weg von den leeren Versprechungen der Atomlobby, die in den fünfziger und sechziger Jahren Strom für alle versprach, too cheap to meter, zu billig, um verrechnet zu werden. Die Wende weg von riskanten Atomkraftwerken und Strommonopolen hin zu menschlich und technisch ausgereiften Energieformen braucht heute, an ihrem Anfang, vor allem zwei Dinge: Mut und Ehrlichkeit. Alles andere führt zum Kurzschluss.  ---