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Realität und Vision

Die Gentechnik macht Angst. Und sie stellt beklemmende Fragen. Was, wenn Genmäuse und Computer am Ende schlauer sind als wir?




• „Die Wissenschaft baut die bessere Maus“, titelte die »Washington Post« kürzlich einen sensationellen Artikel. Wissenschaftlern der Emory Universität in Atlanta war es durch die Transplantation eines Gens in den „Vasopressin Receptor“ gelungen, untreue und gänzlich gleichgültige Mäusemänner in liebevolle und pflichtbewusste Ehemänner zu verwandeln.

Wie bei den Menschen gibt es auch bei den Mäusen solche und solche. Da sind die Schürzenjäger und Luftikusse, die wenig bis keinen Bock auf Vaterpflichten und Familienleben haben, und da sind die kuscheligen Typen, die gern in festen Beziehungen leben – wie zum Beispiel die Präriewühlmaus. Diese zeichnet sich aus durch zärtlichen Umgang mit dem anderen Geschlecht und durch Zuverlässigkeit bei der Aufzucht des Nachwuchses.

Nun haben die Wissenschaftler in Atlanta einigen Schürzenjäger-Mäusemännern und ihren Zwillingsbrüdern Vasopressin-Rezeptoren von der monogamen Präriewühlmaus eingepflanzt. Das geschah noch vor der Geburt im Mutterleib. Nach der Geburt wurden die Zwillinge getrennt aufgezogen – und siehe da: Die Rechnung ging auf! Die Männermaus mit dem Kuschel-Gen wurde in einen Käfig gesperrt, in dem schon ein niedliches Mäuseweibchen wartete. Der Zwillingsbruder kam in einen anderen Käfig zu einem anderen niedlichen Mäuseweibchen.

„Die Maus mit dem veränderten Vasopressin-Muster“, stellte Professor Larry Young von der psychiatrischen Abteilung der Emory Universität fest, „verbrachte viel mehr Zeit mit dem Weibchen. Er beschnupperte es, putzte und striegelte es und war auch sonst sehr nett.“ Die Zaubermaus war geboren! Ihr Zwillingsbruder piepste praktisch nur ein gleichgültiges Hallo zu seiner Mäusebraut und ließ sie dann allein.

Sie ahnen es sicherlich, auch der Mensch hat Vasopressin-Rezeptoren. Was die Weisen schon seit Jahrtausenden sagen, wird in der modernen Genforschung immer wieder eindrucksvoll bewiesen: Auf einer fundamentalen Ebene sind die Kreaturen dieser Welt alle miteinander verbunden. Mit anderen Worten: Was bei den Mäusen funktioniert, würde wohl auch beim Menschen funktionieren. Wir sitzen alle in einem Boot.

Die kleine Manipulation könnte auch Menschen-Frauen viel Leid ersparen.

Wie viel Leid könnte man unzähligen Frauen ersparen. Es wäre doch ganz einfach, Männern mit vielen Schürzenjäger-Vorfahren die Vasopressin-Rezeptoren von Männern aus ordentlichen Verhältnissen einzupflanzen. Kein Hin- und Hergezerre, keine tränenreichen Ehekräche, keine fetten Honorare für die Scheidungsanwälte!

Ob es wohl klug ist, den Gentechnikern, die so gern den besseren Menschen bauen wollen, die Hände zu fesseln? Was sie mit den Mäusen machen, ist doch ganz toll. Warum sollten sie es eigentlich nicht beim Menschen ausprobieren dürfen? Angesichts der besseren Maus von Atlanta verlieren die Habermas-Argumente doch stark an Durchschlagskraft. Wenn wir nicht den Anschluss an die bessere Maus verpassen wollen, müssen wir den Politikern Dampf machen. Wie immer drücken sie sich vor mutigen Entscheidungen und sagen nein zu gentechnischen Eingriffen in das menschliche Erbgut. Der Mensch nach Maß, der vielen Genforschern am Herzen liegt, bleibt dabei erst mal auf der Strecke.

Aber wie lange kann man den Deckel noch auf dem Topf der Gentechnik halten? Der geklonte Mensch, Organ-Ersatzteillager für die Transplantationschirurgie und Menschen, die Hunderte von Jahren alt werden, sind machbar und die Industrie wartet ungeduldig darauf, die Gentechnik vor ihren goldenen Karren zu spannen. In einer solchen Situation, das zeigt die Erfahrung, wird das Machbare schließlich auch gemacht.

Unsere zeitgenössischen Forscher basteln wie die Kinder in ihren Laboratorien und wollen unbedingt ausprobieren, ob es funktioniert – sei es nun eine Atombombe oder eine neue Trockenrasurtechnik, der Neue Mensch oder ein Sportschuh mit Luftkisseneinlage. Niemand wird unsere Forscher daran hindern können, lieber Gott zu spielen und den Menschen neu zu erschaffen.

Aber es kann natürlich noch viel Zeit verstreichen. Inzwischen arbeiten die Genforscher fieberhaft mit ihren Mäusen. Schon haben sie erkannt, dass man das Erinnerungsvermögen und damit auch die Lernfähigkeit von Mäusen gentechnisch erheblich verbessern kann. In der berühmten amerikanischen Forschungsschmiede Massachusetts Institute of Technology ist es gelungen, einem Mechanismus im Mäusegehirn auf die Spur zu kommen, der unter anderem die Verbindung gewisser Neuronen stärkt.

Diesen Mechanismus nennt man Langzeit-Potenzierung. Er ist zuständig für die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen speichert und Erfahrungen verarbeitet. Mit dem Gen NR2B kann man die Langzeitpotenzierung verstärken.

Diese Entdeckung führte kürzlich zu einem epochalen Ereignis: zur Geburt der schlauen Maus! Die Forscher haben nämlich NR2B-Gene in Mäuseembryos verpflanzt. Schon kurz nach der Geburt erwiesen sich die gentechnisch aufgerüsteten Mäuse als wesentlich intelligenter als ihre Artgenossen, die mit weniger NR2B-Genen auskommen müssen. Zum Beispiel konnten sich die schlauen Mäuse, die man in einer milchigen Brühe ausgesetzt hatte, viel schneller daran erinnern, wo denn das unter der Wasseroberfläche verborgene rettende Floß zu finden ist. In diesem und in vielen anderen Intelligenztests erwiesen sich die schlauen Mäuse den anderen als eindeutig überlegen.

Auch NR2B gibt es nicht nur bei Mäusen, sondern auch beim Menschen. Daraus ist zu folgern, dass der schlaue Mensch der schlauen Maus eines Tages folgen wird. Aber auch das kann lange dauern.

Wenn es so weiter geht, werden uns die Mäuse noch intellektuell überholen

Inzwischen mache ich mir als Katzenbesitzer Sorgen. Meine Katzen Devi und Khali gehen nämlich jeden Morgen auf Mäusejagd. Das nervt mich zwar, aber jetzt frage ich mich bang, wie solche Jagdausflüge aussehen werden, wenn die beiden eines Tages auf schlaue Mäuse stoßen sollten.

Schlaue Mäuse werden sich zweifellos nicht einfach totbeißen lassen. Sie werden sich zusammenrotten und nicht nur eine kollektive Verteidigung organisieren, sondern wahrscheinlich sogar eine rabiate Angriffsstrategie entwickeln. Schon sehe ich den Tag kommen, an dem Khali und Devi von schlauen Mäusen durchs hohe Gras gejagt, eingekesselt und gebissen werden. Und was geschieht, wenn die Mäuse Devi und Khali in meinem Haus angreifen? Muss ich die Flucht ergreifen, um mein eigenes Leben zu retten? Ist es nicht höchste Zeit, gegen die Entwicklung schlauer Mäuse energisch einzuschreiten? Wenn es so weitergeht, werden die Mäuse den Menschen intellektuell überholen, und keiner weiß, zu was die schlauen Nager dann alles fähig sein werden.

Es ist nicht raus, ob die Maus mehr Mitleid empfindet als wir

Kann man von ihnen eine ausgeprägtere ethische Sensibilität erwarten als von uns? Werden sie uns Menschen nicht ihrerseits gentechnischen Versuchen unterziehen und uns in milchiger Brühe um unser nacktes Leben schwimmen lassen? Müssen wir damit rechnen, dass sie Menschenfallen aufstellen und uns mit Ködern locken – mit der Vision von einem Jackpot-Gewinn zum Beispiel oder mit der Aussicht, von Gerhard Schröder im Auto nach Hause gebracht zu werden?

Und was würde passieren, wenn sich die schlauen Mäuse mit den vielen Affen und Meerschweinchen verbündeten, die in unseren Laboratorien unsägliche Torturen über sich ergehen lassen müssen? Würden die schlauen Mäuse die Affen und die Meerschweinchen befreien? Können wir erwarten, dass diese gequälten Wesen zu uns netter sind als wir zu ihnen? Womöglich würde sogar die nette Kuschelmaus gegen uns Front machen und uns ihre unterschwelligen grausamen Eigenschaften spüren lassen.

Wir sollten uns lieber nicht darauf verlassen, dass die schlaue Maus mehr Liebe zur menschlichen Kreatur empfindet als wir selbst. Und dass sie mit mehr Mitgefühl, weniger Hass, mehr Selbsterkenntnis und weniger Ego ausgestattet ist.

Warum sollte die schlaue Maus besser sein als wir? Mich würde es nicht wundern, wenn die schlaue Maus eines Tages mit Hilfe der Gentechnologie die Kampfmaus entwickeln wird. Bestimmt können einschlägige Gene vom Pitbull in Mäuse verpflanzt werden. Angesichts der ungeheuren Fortpflanzungsgeschwindigkeit von Mäusen könnte man in wenigen Wochen riesige Massenheere von Kampfmäusen aus dem Boden stampfen!

Aber es sind ja nicht nur die schlauen Mäuse, die die Menschen bedrohen! Der Intelligenz- und Computerwissenschaftler Ray Kurzweil, einer der interessantesten und angesehensten Forscher in den USA, behauptet in seinem neuen Buch „The Age of Spiritual Machines“, dass es nur noch ein paar Jahrzehnte dauern wird, bis Computer intelligenter sein werden als wir.

Wie bei der schlauen Maus drängt sich auch bei den schlauen Computern sofort die Frage auf: „Wie steht es mit dem Bewusstsein?“

Die Meinungen sind gespalten. Sir Roger Penrose, einer der brillantesten Mathematiker unserer Zeit, stellt fest, dass Computer keine Gefühle haben und keine Erfahrungen machen können. Also könnten sie auch kein Bewusstsein haben.

Ray Kurzweil argumentiert dagegen, dass Bewusstsein nur eine Frage der Rechenkapazität sei. Noch sei das menschliche Gehirn mit seinen etwa 100 Milliarden vernetzter Neuronen den schnellsten Computern millionenfach überlegen. Aber mit der Nano-Technologie werden Computer schon bald in der Lage sein, noch viel kompliziertere Vernetzungen herzustellen als unser Gehirn.

Kurzweil prophezeit, dass mich mein Computer schon in 20 Jahren am frühen Morgen mit den Worten empfangen könnte: „Andrees, wo warst Du bloß die ganze Zeit? Ich fühle mich einsam. Lass mich bitte nicht wieder so lange allein.“

Der amerikanische Wissenschaftler eröffnet atemberaubende Perspektiven: Man werde in Zukunft das menschliche Gehirn scannen und auf Computerfestplatten laden, sagt er voraus. Ich stelle mir vor, dass es um mein Gehirn geht: Sind meine Gefühle, Erfahrungen und Intuition auch auf der Festplatte? Gibt es mich womöglich zweimal?

Kurzweil behauptet, dass Gefühle, Bewusstsein und Intuition entstehen, wenn ein gewisses Niveau an Komplexität der neuronalen Vernetzung erreicht ist.

Das Größte wäre: Ein Nobelpreis für das Bewusstseins-Gen

Wo bleibt die menschliche Spezies eigentlich, wenn Computer, die intelligenter sind als wir, ihrerseits Computer entwickeln, die intelligenter sind als sie? Super-Intelligenzen könnten sich mit Hilfe der Gentechnik organische Körper nach Maß schneidern. Tolle Typen könnten dabei herauskommen. Aber würden sie liebevoll, wach, aufmerksam, sensibel, großzügig und tolerant sein? Oder müssen wir uns darauf einstellen, dass diese Herrschaften ihre Neurosen an uns auslassen?

Was können wir tun, um diese Zukunfts-Szenarios zu verhindern? Es gibt wahrscheinlich nur eine Möglichkeit: Wir müssen unbedingt das Gen und den Code finden, der für ein entwickeltes Bewusstsein zuständig ist. Je früher man diese Teile in die Bauprogramme jener Wesen implantiert, die in unseren Forschungslabors ausgebrütet werden, desto besser. Wir können nicht wissen, wie diese Typen beschaffen sein werden, aber es wäre doch ungeheuer beruhigend, wenn wir uns darauf verlassen könnten, dass sie etwas bewusster sind als wir.

Der Nobelpreis für das Bewusstseins-
Gen. Das wäre das Größte. Aber wer sollte die Forschung sponsern? Die Pharmaindustrie kann sich von der Entdeckung des Bewusstseins-Gens nichts versprechen und die Politiker erst recht nicht. Immerhin bleibt uns die Hoffnung, die blinde Hühner auf den Beinen hält und nicht verzagen lässt. ---