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Konsequenz und Leidenschaft

Es gibt viele Arten des Broterwerbs. Wang Hai hat eine besonders smarte erfunden:
Er lebt von der Produktpiraterie der anderen – und wird nebenbei zum Idol.




•  Der Apotheker in der chinesischen Kleinstadt Tangshan wurde kreideweiß: Vor ihm stand die Polizei. Sie eskortierte einen jungen Geschäftsmann mit Sonnenbrille, der ihm irgendwie bekannt vorkam und der kühl Hunderte von Pillenschachteln auspackte, die der Apotheker schwitzend als die seines Ladens erkannte.

Der Sonnenbebrillte zückte die Rechnung, aber auch Dutzende von Zertifikaten und Gutachten, die die angeblich aus dem Westen importierten Medikamente als Fälschungen auswiesen. Dann bekam der Apotheker aus der kleinen Stadt Tangshan den Paragraphen 49 des chinesischen Verbraucherschutzgesetzes zu spüren: Wenn man in China gefälschte Waren kauft und reklamiert, kann man vom Verkäufer sein Geld zurückverlangen und erhält Schadensersatz in voller Höhe des Kaufpreises dazu – Pech für den Pillendreher, ein hundertprozentiger Gewinn für den Geschäftsmann mit der Sonnenbrille.

Ein Kopfhörer und ein Flugblatt brachten Wang Hai auf die Geschäftsidee

Der heißt Wang Hai, ist 26 Jahre alt und in China bekannter als mancher Regierungspolitiker oder Popstar. Zwar ist er nicht so schön wie die chinesischen Schlagerstars und für einen Chinesen geradezu bullig, aber dafür frech und mittlerweile auch steinreich.

Wang Hai ist ein Held, ein moderner Robin Hood und die Chinesen verehren seine Cleverness: Wang Hai jagt Fälscher. Die Piraten, Betrüger und Wucherer, die auf den Weiten des frühkapitalistischen chinesischen Marktes ihr Unwesen treiben, haben ein gemeinsames Feindbild: Wang Hai.

Mit 16 schmiss er die Schule und investierte das gesamte Familienvermögen in ein schlecht laufendes Pekinger Restaurant. Am Ende blieben ihm 60.000 Mark Schulden. Wahrscheinlich werden viele brillante Geschäftsideen in verzweifelten Situationen per Zufall geboren. Bei Wang Hai war es ein gefälschter Sony-Kopfhörer, den er von seinem knappen Geld gekauft hatte, und ein Flugblatt, das den rettenden Einfall brachte. Das Flugblatt, das man ihm in Pekings größter Einkaufsstraße in die Hand gedrückt hatte, machte ihn auf die Existenz des neuen Verbraucherschutzgesetzes mit dem Paragraphen 49 aufmerksam. Wang Hai beschloss, den Slogan „Sun yi pei er“ (Einmal geschädigt, doppelt entschädigt) zu seiner neuen Einnahmequelle zu machen. Seine gefälschten Kopfhörer hatten zehn Mark gekostet – er kaufte zwei weitere Paare und verbrachte die nächsten Wochen damit, sich die Fälschungen vom staatlichen „Industrieuntersuchungsbüro“ schriftlich bestätigen zu lassen.

Zehn Monate und unzählige Gerichtsverhandlungen später hatte er 60 Mark in der Tasche und eine glänzende Karriere in Aussicht. Da war er gerade mal 22. Wang Hai kaufte teurere Fälschungen und machte wöchentlich bis zu 2.000 Mark Gewinn.

Schon bald entdeckten ihn die chinesischen Medien, die ihn zum „Held der Fälschungsvernichtung“ erklärten. Wang Hais ausgeprägtes Sendungsbewusstsein verhalf ihm zu einer Kolumne in der beliebten und mächtigen Tageszeitung »Zhongguo Qingnianbao« und zu unzähligen Fernsehauftritten – immer mit Sonnenbrille, um auf zukünftigen Streifzügen durch Pekings Gassen nicht erkannt zu werden. Selbst als US-Präsident Bill Clinton ihn bei seinem Chinabesuch im letzten Sommer in einer Shanghaier Bibliothek empfing und man zwei Stunden über den chinesischen Verbraucherschutz plauderte, setzte Wang Hai die Brille nicht ab. Das hat den Vorteil, dass er unbebrillt nicht erkannt wird, nicht einmal von seinen Nachbarn. Mit Brille verursacht er inzwischen Verkehrsstaus.

Sehr beschäftigt ist er. Wer mit ihm sprechen will, muss in Pekings feinstem Hotel lange warten. Wenn er dann auftaucht, schüttelt er bei der Begrüßung aus Angst vor elektrischen Schlägen niemandem die Hand und tut betont unbeteiligt. Ein Foto? Geht nicht, er hat die Brille nicht dabei. Eine Führung durch Pekings Warenwelt? „Entschuldigung, ich habe gerade sehr viel zu tun“, sagt er.

Experten schätzen den Schaden durch Produktpiraterie weltweit auf 100 Milliarden Mark. Und: Mittlerweile hat fast jede Marke mit den Fakes zu kämpfen. Um sich vor den Schäden zu schützen, ersinnen die Fabrikanten immer neue Erkennungszeichen für ihre Marken, Codes, bestimmte Garnfarben etwa. Das Problem: Die Echtheitszeichen sind derart subtil, dass sie der Verbraucher kaum bemerken wird. Das klingt absurd, soll aber so sein: Die Fälscher sollen sie ebenfalls nicht bemerken – das macht die Beweislage einfacher.

Gefälscht wird, was zu fälschen ist, sogar Bier und Medikamente

Das ist immerhin nachweisbar: 1998 machte der Handel mit gefälschten Produkten schätzungsweise ein Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts von rund 815 Milliarden US-Dollar aus. Gefälscht wird alles: Levi's 501, Gucci-Uhren, CDs – von Beethoven-Einspielungen der Deutschen Grammophon bis zu „VIVA liebt Dich“-Samplern. Allein im vergangenen Jahr wurden rund zehn Milliarden gefälschte Zigaretten sichergestellt. Jährlich werden in China etwa 250 Menschen mit Verletzungen durch explodierende Bierflaschen mit gefälschtem Bier ins Krankenhaus gebracht und sterben dort zu Dutzenden, weil man ihnen gefälschte Medikamente injiziert.

Die chinesischen Gesetze zur Ahndung von Urheberrechts- und Warenzeichenverletzungen sind umfassend, aber der Staat tut sich mit der Umsetzung schwer. Zwar werden oft von der Kamera begleitete Razzien gegen Zigarettenfälscher und Softwarepiraten gezeigt und Zehntausende beschlagnahmter CDs medienwirksam von Straßenwalzen zermalmt. Doch was mit den Hightech-CD-Presswerken passiert, die in Hinterhöfen und Erdhöhlen arbeiten, wird in den Sondersendungen nicht verraten: Zu viele marode Staatsunternehmen suchen dringend nach neuen Betätigungsfeldern.

Produktfälschungen gehören zum chinesischen Alltag. Ganze Dörfer leben von der Produktion von Fälschungen und in China wird allenfalls gefachsimpelt, welche Provinz die talentiertesten Fälscher stellt: die traditionelle Handwerkerprovinz Zhejiang mit ihren brillanten Antiquitätenfälschungen oder doch die Provinz Hubei, wo vor kurzem ein bis auf die letzte Schraube gefälschter Mercedes auftauchte.

Viele Chinesen schätzen das Angebot an billigen Nachahmungen, vor allen Dingen bei CDs und Computerprogrammen, die als importierte Originale unbezahlbar sind. Der Shopping-Spaß hört aber auf bei perfekt gefälschten Produkten minderer Qualität, die für teures Geld gekauft werden. Hier fordern chinesische Verbraucher immer öfter ihre Rechte ein, wie Wang Hai.

„Ich bin ein intelligenter Verbraucher, ich nehme Gesetze beim Wort“, sagt er. Genau das sprechen ihm die vielen Kritiker ab: Wang Hai sei kein Verbraucher im Sinne des Verbraucherschutzgesetzes; den Paragraphen 49 nutze er, um sich unrechtmäßig zu bereichern, er sei ein Betrüger. Die Vorwürfe kennt Wang Hai zur Genüge. „Ich schütze die individuellen Rechte meiner Mitmenschen“, doziert er, „und das wissen sie zu schätzen.“

Und so betont Wang Hai in jedem Interview, wie sehr ihm das Wohl der chinesischen Verbraucher am Herzen liege, bohrt man nach, fährt er sich durch die gegelten Haare und gibt grinsend zu, von seinen Einkäufen gut leben zu können.

Die Mär geht um in China, dass Wang Hai in einer Zehnzimmervilla vor den Toren des versmogten Pekings residiere und einen weißen Mercedes fahre. Tatsächlich lebt der „Held aller Verbraucher“ in einer Mietwohnung und hat keinen Führerschein. Vielleicht macht gerade das seine enorme Popularität in China aus: Wang Hai zeigt den Chinesen, dass man im neuen China auch ohne irgendwelche Beziehungen zu Parteikadern und ohne Unsummen an Korruptionsgeldern zu Erfolg und Ansehen gelangen kann.

Er hätte nie den Hauch einer Chance auf ein Hochschulstudium gehabt; zum einen, weil die Zugangsprüfung an chinesischen Universitäten zu den härtesten der Welt zählen, zum anderen, weil ihm niemand die Studiengebühren gezahlt hätte. Wang Hais Eltern leben in einem Dorf an der ostchinesischen Küste und handeln mit Gipsputten und Bilderrahmen.

Die Kombination von einfacher Herkunft und cleverem Geschäftsmann haben ihn für die Medien und die chinesische Verbraucherschutzvereinigung zur Galionsfigur gemacht.

Die Gefahr droht mittlerweile längst nicht mehr nur noch aus den kleinen Fälscherwerkstätten aus Fernost. Viele der Fälschungen kommen aus dem direkten Umfeld der Markenartikler. Eine Erfahrung, die jüngst auch die italienische Modemarke Prada machen musste. Ein Team von Mitarbeitern kopierte derart perfekt, dass es nicht einmal mehr den Experten des eigenen Hauses gelang, unechtes von echtem Prada zu unterscheiden. Geschätzter Schaden: einige Dutzend Millionen Mark.

Der chinesische Verbraucher ist ein bisschen dumm, findet Wang Hai

Jedes Jahr am 15. März wird im ganzen Land der „Tag des Verbrauchers“ gefeiert. In diesem Jahr schmückten in Peking Hunderte von Luftballons und bunte Fahnenwimpel den Platz vor dem Dangdai-Kaufhaus und freundliche Berater erklärten den Massen, wie man gefälschtes Ariel-Waschmittel an den schlampigen Verpackungs-Stanzungen erkennt und gefälschten Wein an der schiefen Schriftsetzung auf den Etiketten. Umschärpte Verkäuferinnen („Der Verbraucher ist König“) verteilen Verbraucherzeitschriften und Werbeprospekte. Abends sendet das chinesische Staatsfernsehen eine große Verbraucherschutz-Gala mit Showeinlagen und Gewinnspiel.

Fragt man den „Held aller Verbraucher“ nach seinen Ansichten zur chinesischen Verbraucherschutzvereinigung, wird er richtig lebhaft. „Der 15. März ist ein Witztag“, sagt er verächtlich und beugt sich vor. „Wissen Sie, die chinesischen Verbraucher sind ein bisschen dumm. Die merken nicht, dass all die Verbände gar nicht auf ihrer Seite sind, sondern mit Fabrikanten und Händlern auf ihre Kosten Umsatz machen.“

Er selbst hat seinen Umsatz im vergangenen Jahr kräftig gesteigert. Er schrieb seine Autobiographie „Ich bin ein Schelm“ und gründete die „Beijing Dahai Geschäftsberatung“, die Warenzeichenverletzungen nun im professionellen Stil für internationale Markenartikler ausfindig macht. Die Namen seiner Kunden mag Wang Hai nicht nennen und seine Firma liegt innerhalb eines umzäunten Militärgeländes. Ob er Angst habe vor rachsüchtigen Händlern, deren Existenzen er zerstört hat? „Nein“, sagt er, „ich stehe mit den wichtigsten Zeitungen und Fernsehredaktionen Chinas in Kontakt. Wenn mir einer ein Haar krümmt, wird ein Aufruhr durch das Land gehen.“ Und trotzdem: Morddrohungen wie die Handy-Nachricht „Morgen gehst du zu den acht heiligen Bergen“ sind an der Tagesordnung.

Niemand hat in China so viele Zivilprozesse geführt wie Wang Hai

Die „Beijing Dahai Geschäftsberatung“ führt aber neben der riskanten Detektivarbeit auch für geschädigte Verbraucher Prozesse und behält vom erstrittenen Schadensersatz Provision ein. Wang Hai hat als Einzelperson die meisten Zivilprozesse in der Volksrepublik China geführt. Inzwischen schickt er 20 Mitarbeiter auf Fälschungsjagd. In der Kreisstadt Tangshan entdeckten sie gefälschte griechische Medikamente. Wang Hai trat erst auf die Bildfläche, als die Fälschungen bestätigt waren. Oft filmt er seine Auftritte mit versteckter Kamera und in einem anderen politischen System als dem chinesischen wäre er wohl investigativ arbeitender Journalist geworden, mit einer solchen Lust macht er sich auf die Suche nach Räubernestern. Immerhin: Er ist mit einer Reporterin verheiratet und die Zeitung »Zhongguo Qingni-anbao« hält Anteile an seiner Firma.

Selten, sehr selten bleibt ihm noch Zeit für Inkognito-Streiche. Wie der, als er die öffentliche Toilette des Yishidan-Kaufhauses der Hafenstadt Tianjin benutzte. Die Toilettenfrau verlangte sechs Jiao (etwa 13 Pfennig) „Toilettengebühren“. Hai verlangte eine Quittung (Wang Hai: „Quittungen sammeln gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen“). Der Streit über die Ausstellung des Bons brachte ihn ins Grübeln: War das Kaufhaus dazu überhaupt berechtigt? Die Recherche ergab: Zum gesetzlich festgelegten Geschäftsbereich eines Kaufhauses gehören nicht die Toilettengebühren. Wang Hai verklagte das Kaufhaus umgehend und verlangte nicht nur die Rücknahme der Gebühren, sondern auch Schadensersatz für ihm zugefügte „geistig-emotionale Schäden“ in Höhe von 1.000 Yuan (rund 200 Mark) und eine öffentliche Entschuldigung.

Wang Hai hat den Prozess gewonnen. ---