Wem die Stunde schlägt
Sie kann Muster erkennen, Texte analysieren und aus großen Datenmengen Formulierungsvorschläge machen: Generative KI passt bestens zur Juristerei. Denn statt Tagen braucht sie manchmal nur Sekunden. Kein Wunder, dass Kanzleien die Technik schon anwenden. Nur: Wie können sie künftig Leistungen abrechnen, wenn sich Stundensätze nicht mehr eignen?
/ Es ist keine zehn Jahre her, da legten die Partner von DLA Piper ihrem Kollegen Tom Braegelmann manchmal Verträge zur Übersetzung hin. „Es war oft alles schon verhandelt, aber der englischsprachige Counsel in London oder New York wollte den Vertrag auch noch mal lesen“, erinnert sich der Anwalt. Mittlerweile ist er bei Annerton tätig und Anfang 50. Als junger Jurist hatte er jahrelang in New York gearbeitet. „Also setzte ich mich dran.“ So ein Job konnte je nach Thema drei oder vier Tage dauern, das ergab durchaus 20 bis 30 abrechenbare, wohl gut bezahlte Stunden.
Diese Zeiten sind vorbei. Heute laden Anwälte Texte zur Übersetzung ganz selbstverständlich auf der KI-Plattform „DeepL Pro“ hoch. „Das Ergebnis liegt nach wenigen Minuten vor“, sagt Braegelmann. „So etwas bezahlen Mandanten gar nicht mehr.“ Nur wenn ein Unternehmen eine bereinigte Version braucht, überprüft ein Anwalt die DeepL-Übersetzung, das dauert dann meist nur noch eine Stunde. „Also hat man 29 Stunden gespart.“
Tom Braegelmann, KI-Experte der Kanzlei Annerton; Foto: privat
Vertragsentwurf vom Chatbot
Braegelmann ist Experte für den Einsatz von KI im Anwaltsberuf. Bevor er bei Annerton anheuerte, war er unter anderem General Counsel bei der Legal-Tech-Firma Leverton. Nun bringt er anderen Juristen in Workshops bei, wie sie KI richtig nutzen: ChatGPT, Claude 3 Opus, Microsoft Copilot und Google Gemini Advanced. Er sagt: „DeepL war nur der Anfang.“ Inzwischen nutzen wohl die meisten Anwälte die gängigen Chatbots als kleine Helfer im Alltag: Sie lassen sich Formulierungsvorschläge machen und Texte zusammenfassen oder sie recherchieren Themen fürs Mandantengespräch.
Aber immer mehr Kanzleien gehen längst weiter. Sie sind dabei, Textanalysen, Vertragsentwürfe oder sogar die Due Diligence, also die sorgfältige Buchprüfung vor Käufen von Unternehmen oder Beteiligungen, mit eigens trainierten KI-Anwendungen zu automatisieren. Damit könnte das Vergütungsmodell der Billable Hour, der abrechenbaren Stunde, bald zur Disposition stehen. „Schnappt sich die generative KI eure Stunden?“, fragte das US-Fachportal LegalTechNews schon Ende 2023.
Neu sind Diskussionen um die zeitbasierte Abrechnung nicht. „Es sind schon Ende der 1990er-Jahre Bücher über das Ende der Billable Hour erschienen“, sagt Matthias Kilian, Direktor des Instituts für Anwaltsrecht der Universität zu Köln (siehe Seite 30). Er hat über die Jahre immer wieder Studien zur Vergütungspraxis gemacht und beobachtet seit Längerem, dass Mandanten die Stundenzettel von Kanzleien immer seltener einfach so durchwinken.
KI im Kostenblock
Die Regulierungsdichte nehme ständig zu und damit der Beratungsbedarf der Unternehmen, sagt der Professor: „Der Kostenblock für Rechtsdienstleistungen wird immer größer.“ Also fragen sich die Mandanten, ob die Vertragsprüfung wirklich 40 Stunden gebraucht haben kann, oder sie wollen die Zuarbeit des Junior Associates nicht voll bezahlen. In den beiden größten Rechtsdienstleistungsmärkten der Welt – in Großbritannien und den USA – ist das schon Standard, sagt Kilian. „Wir übernehmen das jetzt mit gewissem Zeitversatz.“
Generative KI erledigt mittlerweile zunehmend genau die Aufgaben, die bisher Berufsanfänger und Referendare gemacht haben. „Es ist schon länger ein Streitpunkt zwischen Kanzleien und Mandanten, inwieweit ein Anwalt es abrechnen kann, dass ihm jemand bei seiner Arbeit geholfen hat“, sagt Kilian. „Die Zuarbeit kommt heute ja immer öfter nicht vom Associate, sondern von der KI, und es ist die große Frage, ob und wie sich das noch mal stärker auf den Preis auswirkt.“
Der erste große Bereich der juristischen Arbeit, in dem KI immer häufiger zum Einsatz kommen wird, ist das Entwerfen von Texten oder Textbausteinen. Bei der mittelständischen Wirtschaftskanzlei KSB Intax in Hannover lassen sich die 80 Berufsträger dabei von der KI „Prime Legal AI“ helfen. Dafür arbeitet die Kanzlei mit der QNC GmbH zusammen, nach eigenen Angaben Deutschlands Legal-Tech-Pionier – und unter anderem bekannt für den Online-Dienst Frag-einen-Anwalt.de.
Auf der Plattform können Privatleute Rechtsfragen stellen, QNC vermittelt ihnen dann Anwälte, die ihnen die Fragen beantworten. Vor einigen Jahren führte QNC ein Abo ein: Gegen eine monatliche Gebühr bekamen Nutzer so viele Fragen beantwortet, wie sie wollten. Um das effizienter zu gestalten, hatte QNC schon 2017 eine KI namens Watson mit allen in 20 Jahren bearbeiteten Fällen gefüttert. Für neue Anfragen konnte Watson daraus die passenden Referenzen auslesen, was die juristische Recherche laut eigenen Angaben um bis zu 40 Prozent beschleunigt hatte. „Das war eine semantische Suche, die noch keine eigenen Textvorschläge erarbeitet hat“, sagt Jan Schätzel, der als Assoziierter Partner bei KSB Intax auch für die Zusammenarbeit mit QNC zuständig ist. Als Ende 2022 die Technik von ChatGPT-Erfinder Open AI bei QNC zum Einsatz kam, wurde das Abomodell „Prime Legal AI“ schlagartig deutlich leistungsstärker:
KSB Intax und QNC kamen auf die Idee, nun auch die Daten der Kanzlei für die KI verfügbar zu machen. In einem ersten Schritt wurden sämtliche Datensätze sauber anonymisiert. Danach wurden die anonymisierten Daten in einer eigenen Cloud für die KI verfügbar gemacht.
Nun können sich die ersten Anwältinnen und Anwälte von KSB Intax durch „Prime Legal AI“ aus diesen Versatzstücken neue Schriftsätze und Rechercheergebnisse entwerfen lassen – bis hin zu kompletten Verträgen. KSB Intax ist gerade dabei, die KI Schritt für Schritt in der gesamten Kanzlei einzuführen. „Wenn sich bei uns schon mal jemand mit einem Problem befasst hat, ist seine Lösung im System verfügbar“, sagt Schätzel. „Dann stellt Prime Legal AI sie als Textbaustein oder Text zur Verfügung.“ Auch wenn Schätzel die Zeitersparnis nicht in Stunden oder Prozent beziffern kann, so ist doch klar: Die Arbeit geht dadurch erheblich schneller.
Die internationale Großkanzlei A&O Shearman wiederum kooperiert seit Februar 2023 mit Harvey, einem KI-Anbieter, der das ChatGPT-4-Modell für den Rechtskontext optimiert hat, und an dem Open AI ebenfalls beteiligt ist. Ähnlich wie bei KSB Intax kann auch die KI von A&O Shearman eigene Datensätze der Kanzlei verarbeiten. A&O Shearman hat zudem ein eigenes KI-Tool namens Contract Matrix entwickelt, das direkt in die Microsoft-Textverarbeitung Word integriert ist. Die Anwender können mit dem Tool, während sie an einem Dokument sitzen, Klauseln prüfen oder sich rechtskonforme Formulierungsvorschläge machen lassen. Sie können die KI auch gezielt eigenes Wissen aus vorherigen Transaktionen recherchieren lassen. Das, schätzt A&O Shearman, spart jedem einzelnen Anwender mehrere Stunden Arbeit pro Woche.
Jan Schätzel, Associate Partner bei KSB Intax; Foto: Stefan Kröger
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Er ist Teil unserer Ausgabe Wirtschaftskanzleien 2024