Unter Druck
Ausgebrannt, suchtkrank oder depressiv zu sein – das kommt unter Topjuristen offiziell nicht vor. Umfragen zeigen, die Realität sieht erschreckend anders aus: Seelische und körperliche Schäden gehören zum Alltag in der Branche. Hohe Zeit, etwas zu ändern.
/ Und dann, mitten während der Arbeit, am helllichten Tag, war kein Halten mehr. Ulf Marhenke warf sich auf den Boden seines heimischen Arbeitszimmers und weinte.
Das war Anfang 2022. Eben noch hatte der damals 46 Jahre alte Anwalt in einer Videokonferenz mit den Kollegen der Full-Service-Kanzlei, für die er arbeitete, über anstehende Aufgaben gesprochen. Wie immer war das Ergebnis, dass noch mehr in möglichst gar keiner Zeit erledigt werden sollte. Und wenn es um Mergers and Acquisitions (M&A) geht, also um Gesellschaftsrecht und Unternehmens-Transaktionen, Marhenkes Fachgebiet, bedeutete das, ebenfalls wie immer, nichts davon würde Routine sein.
Alles wie gehabt also, und genau das war das Problem. Der seit Jahren vorhandene Schwelbrand in Marhenkes Nervenkostüm flammte auf. Sein Körper schlug Alarm, nachdem sein Geist den Zustand zu lange ignoriert hatte.
Ulf Marhenke spricht zwei Jahre später offen darüber, sogar in den Medien, was ihn zu einer Art Einhorn unter seinesgleichen macht. Denn so etwas gibt es eigentlich nicht: einen international ausgebildeten Topjuristen hinter dem Rand des Nervenzusammenbruchs. Dass er dennoch alles publik macht, hat gute Gründe: Marhenke hat die Wirtschaftskanzlei – eine international agierende Law Firm mit Niederlassungen in fünf deutschen Städten, darunter eine in Hamburg – geplant und im Guten verlassen, und er hat durch die niederschmetternde Erfahrung zu seiner neuen Berufung gefunden. Weiterhin zwar noch als Anwalt aktiv, gründete der heute 48-Jährige vor Kurzem Trustwork Consulting. Das Credo der Coaching-Firma lautet (im Original natürlich auf Englisch): „Wir machen die Welt des Rechts menschlicher.“
Das sagt viel. Denn es bedeutet im Umkehrschluss, dass vieles in dieser Welt unmenschlich zu laufen scheint, mindestens aber, dass in den Kanzleien, den Rechtsabteilungen der Konzerne und auch bei so manchem Gericht Übermenschliches abverlangt wird. Es sind nicht allein die 50 bis 60 oder mehr Arbeitsstunden pro Woche, es ist vor allem ein enormer psychischer Druck, der spätestens ab der Zeit vor dem Staatsexamen auf der Berufsgruppe lastet und den gerade die Besten und Ehrgeizigsten zu lange nicht wahrnehmen oder wahrhaben wollen – bis es einige von ihnen aushebelt. Burnout, Depressionen, Sucht und sogar Suizide oder der plötzliche Schreibtischtod, etwa infolge eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls, können die Folge sein.
Darüber geredet wird hierzulande nur zaghaft und hinter vorgehaltener Hand. In den USA dagegen werden schon seit Langem Daten zur psychischen Gesundheit in Rechtsberufen erhoben. Im Jahr 2017 hat die American Bar Association die bis dahin wohl größte Studie unter 13.000 Berufsträgern durchgeführt. Der Report „Lawyer Well-Being“ ergab, dass bis zu 36 Prozent als Problemtrinker eingestuft werden müssen, 28 Prozent mit Depressionen zu kämpfen haben, 19 Prozent mit Angstzuständen sowie 23 Prozent mit hochproblematischen Situationen wie Selbstmordgedanken, sozialer Entfremdung, Vereinsamung, Arbeitssucht und Schlafmangel.
36 Prozent müssen als Problemtrinker eingestuft werden, 28 Prozent haben mit Depressionen zu kämpfen, 19 Prozent mit Angstzuständen.
Burnout kommt schleichend
Für Deutschland gibt es bislang keine vergleichbare Datenlage. Aber das Liquid Legal Institute (LLI), Thinktank und Netzwerk (siehe brand eins / thema 26), hat 2022 immerhin einen Anfang gemacht. Über der kleinen Studie, die auf einer Umfrage unter 135 freiberuflichen und fest angestellten Juristen beruht, steht „Die stille Epidemie“. Denn, so schreibt LLI-Vorstand Kai Jacob aus München in dem Paper, seelische Erkrankungen „sind offensichtlich noch ein Tabu in unserem Beruf und kommen öffentlich praktisch nicht vor – dafür aber mit Macht in vertraulichen Gesprächen“.
Das spiegeln die Umfrage-Ergebnisse wider. Mehr als 80 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, wonach die psychische Gesundheit von Anwälten ein gesellschaftlich relevantes Thema sei, das mehr Aufmerksamkeit verdiene. Ebenso viele bestätigten, dass die Abrechnung nach Stunden Stress erzeuge und sich „psychische Probleme von Anwälten negativ auf die Unternehmensleistung“ auswirkten. Dass traditionelle Hierarchien im Beruf den Druck und Stress verschärfen, fand ebenfalls bei 88 Prozent der Juristen Zustimmung. Zur eigenen Situation befragt, gaben fast 70 Prozent der Anwälte und angestellten Unternehmensjuristen an, schon mindestens einmal gravierende psychische Probleme wegen ihres Berufs gehabt zu haben. Neun Prozent der Angestellten bekannten, dass sie sogar ständig oder wiederkehrend mit solchen Nöten kämpfen.
Immerhin merken diese Betroffenen, dass etwas nicht stimmt. Das sei nicht selbstverständlich, sagt Geertje Tutschka, „ein Burnout kommt schleichend. Viele können die Anzeichen nicht zuordnen.“ Es sind Symptome wie Schlafstörungen, Angst, Magenschmerzen, Konzentrations- und Sehstörungen, Herzrasen, grundlose Müdigkeit, übermäßige Erschöpfung sowie zuvor unbekannte Aggressionen.
Tutschka, promovierte Juristin und Autorin wissenschaftlicher Bücher und Fachartikel hat selbst in der Rechtsberatung gearbeitet, darunter in den Neunzigerjahren in der Automotive-Branche in Detroit, bevor sie sich in München als Coach auf Führungsfragen und Changemanagement sowie als Beraterin auf Gründung, Strategien und das Marketing von Kanzleien spezialisiert hat. Ihre Firma Consulting for Legal Professionals (CLP) wird häufig wegen dieses Portfolios gebucht. Doch in letzter Zeit stellt sich häufiger im ersten Meeting heraus, dass der Hund anderswo begraben liegt – und so manches Partnergremium eher ein Teamcoaching statt einer Marketingstrategie bräuchte.
Was die Wogen hochschlagen lasse, sagt Tutschka, seien eine dauerhaft enorm hohe Arbeitsbelastung, ein immenser Kosten- und Erfolgsdruck sowie die wachsenden Interessenkonflikte zwischen den ausgepowerten Partnern aus der Boomer-Generation der über 60-Jährigen und den ausgepowerten Partnern der 35- bis etwa 50-Jährigen, die mit noch junger Familie und drückenden Hypotheken fürs Eigenheim in der Rushhour ihres Lebens stecken.
Bietet mehr als Marketing: Geertje Tutschka von Consulting for Legal Professionals; Foto: Uwe Klössing
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Er ist Teil unserer Ausgabe Wirtschaftskanzleien 2024