Recht vielfältig
Das beste Plädoyer für ihr Metier? Zum Beispiel diese sieben Juristinnen und Juristen! Sie haben Millionen Follower auf Youtube, ein Faible für Japan oder Rottweiler, die weniger bissig sind als sie selbst beim Verteidigen ihrer Mandanten.
Der Youtube-Star
Christian Solmecke von WBS Legal hat Grund zum Feiern: Sein Youtube-Kanal hat die Millionen-Follower-Grenze geknackt.
Text: Kathi Preppner
Foto: Tim Hufnagl
/ „Ich selbst gucke auf Youtube fast nichts. Höchstens mal ein Erklärvideo, wenn ich die Fahrradkette wechseln muss. Die meisten Youtuber kenne ich nur durch meinen 16-jährigen Sohn. Teil der Community bin ich auch erst so richtig, seit ich Reaction-Videos mache, also auf Streit zwischen anderen Youtubern reagiere. Den kann man herrlich kommentieren. Inzwischen nehmen sogar Stars der Szene Kontakt zu mir auf und wünschen sich Rat von uns. Wir beraten Rezo, Rewi oder Amar, die hätten uns sonst gar nicht wahrgenommen.
Schon bei meinem ersten Arbeitgeber, einer Kanzlei in Gevelsberg, habe ich gebloggt und jeden Tag aktuelle Fälle besprochen. Das war immer meine Leidenschaft. Als Schüler war ich nämlich als Reporter für die Westfälische Rundschau unterwegs und habe später für die NRW-Lokalradios und für den WDR gearbeitet. Mein Schlüsselmoment war, als ich eines Tages im Radio hörte, ,Internationaler Tauschbörsen-Ring zerschlagen‘, und merkte, dass die Medien keine Ahnung haben, denn eigentlich war gar nichts zerschlagen worden.
Einer der ‚Verbrecher‘ war mein Mandant, ein 16-Jähriger, der ein bisschen Musik im Internet getauscht hatte, ich glaube, es waren Madonna-CDs. Im Blog habe ich dann klargestellt: Liebe Medien, so stimmt das nicht. Es gibt in diesem Fall keine organisierte Kriminalität beim Filesharing. Das führte dazu, dass andere Blogs auf uns verlinkt haben und ich noch am selben Tag einen Anruf vom ZDF heute journal bekam. Schon war ich in den Abendnachrichten! Das wiederum hat uns Hunderte Mandanten gebracht, die alle die gleiche Abmahnung bekommen hatten. Da habe ich gemerkt: Wenn man sich als Experte in den Medien positioniert und Recht so erklärt, dass es alle verstehen, ist das eine Win-win-Situation.
Mitte 2010, ich habe schon bei Wilde Beuger Solmecke in Köln gearbeitet, wurde dann Youtube interessant, und ich hatte sofort den Impuls, das mal auszutesten. Meine Frau war damals dagegen, sie sagte: Das ist nichts für einen seriösen Anwalt, das gucken doch nur Kinder. Deshalb habe ich mich erst mit trockenen Rechtsvideos herangetastet. Das brachte zwar nicht so viele Klicks, aber viele Mandanten.
Immer mal wieder aber haben wir auch etwas zu Scheidungen oder Arbeitsrecht gemacht, und je bunter das Ganze wurde, desto mehr Leute haben darauf reagiert. Zählt die Toilettenpause zur Arbeitszeit? Sonntags staubsaugen? Dürfen Roboter einkaufen gehen? Wem gehört das Haustier nach der Scheidung? Das sind heute meine Themen. Was auch immer funktioniert, ist Schnelligkeit. In der angeblichen Sex-Affäre um Rammstein-Frontmann Till Lindemann hatten wir zum Beispiel gleich am nächsten Tag ein Video online, das zahlt sich aus.
Anfangs habe ich ein Video pro Woche produziert, dann viele Jahre täglich eines, mittlerweile sind wir bei drei Videos pro Woche. Zuerst war ich stolz, wenn 50 Leute zugeguckt haben, später habe ich mich über 200 gefreut. Nun, nach fast 14 Jahren, sind wir bei einer Million Abonnenten! Aktuell haben wir rund 150.000 Zuschauerinnen und Zuschauer täglich auf dem Kanal, was ich stark finde. Ich war mal der kleine Lokalreporter, jetzt habe ich so etwas wie meinen eigenen kleinen Sender.
Trotzdem sehe ich mich nicht so sehr als Influencer. Eher als Lehrer, der den Leuten die Portion Recht näherbringt, die in der Schule offenbar nicht serviert wurde. Aber ich habe auch viele Videos zu Björn Höcke und zur AfD gemacht. Mir ist es wichtig, den Menschen zu erklären, wie ein Rechtsstaat, wie Demokratie funktioniert. Das ist mein persönliches Anliegen, da bin ich dann doch Influencer.
Überhaupt fände ich gut, wenn es mehr Jura-Influencer gäbe. Aber die Frage ist: Wann macht man so etwas? Mich kosten die Videos anderthalb bis zwei Stunden am Tag. Ich hätte auch Bock, das nur noch zu machen: wieder mehr ins Journalistische, auch mal live vom Bundesgerichtshof zu berichten, auf Twitch einen Live-Jura-Beratungskanal aufzumachen. Ich habe tausend Ideen, nur Zeit für sie leider gar nicht.“ //
„Youtube, sagte meine Frau, ist nichts für einen seriösen Anwalt.“ – Christian Solmecke
Die Tech-Affine
Das zweite Staatsexamen? Nie gemacht. Dafür kann Sophie Schwarzenholz programmieren. Als Legal Engineer tüftelt sie mit an der Zukunft der Juristerei.
Text: David Selbach
Foto: Chris Marxen
/ Schon als Schülerin interessierte sich Sophie Schwarzenholz für Technik. Mit 16 lud sie ein Spezialprogramm auf ihren PC, verband ihn mit dem iPhone und legte Schritt für Schritt die Sicherungen des Telefons lahm. „Jailbreak“ heißt die Methode im IT-Jargon, man hackt das Apple-Handy, hebelt die Sperren des Betriebssystems aus, damit man nicht mehr auf die Apps aus dem unternehmenseigenen Store beschränkt ist.
Schwarzenholz erzählt das, als sei so etwas ganz normal. Die junge Berlinerin hätte nach dem Abitur 2013 dann auch beinahe Bioinformatik studiert. Weil sie sich damals aber „irgendwie nicht als Informatikerin“ sah, schrieb sie sich an der Universität Konstanz für Jura ein. „Jura ist eine strukturierte Herangehensweise an Sprache“, sagt sie. „Das hat durchaus Ähnlichkeit mit Programmierung.“ Das Studium machte ihr Spaß, und zeitweise konnte sie sich durchaus sehr gut vorstellen, Anwältin oder Richterin zu werden.
2018 legte Sophie Schwarzenholz ihr erstes Staatsexamen ab. Doch die Begeisterung schwand, als sie danach an der Freien Universität Berlin am Lehrstuhl für Europarecht arbeitete. „Ich habe gemerkt, dass mich das nicht begeistert“, sagt die heute 28-Jährige. Sie erinnerte sich an die Jailbreak-Zeiten und hielt Ausschau nach einem Feld, das Technik und Jura miteinander verband. Fündig wurde sie 2019 in der Summerschool „Legal Tech“, bei der ein gewisser Tilo Wend seine Software präsentierte.
Wend ist einer der Inhaber des IT-Unternehmens KnowledgeTools, einer kleinen Firma mit heute zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Auf deren selbst entwickelter Plattform „Logos“ lassen sich komplexe Regeln – wie Gesetze und Vorschriften – in Entscheidungsbäume mit Wenn-dann-Befehlen übersetzen. „Rulemapping“ nennt Wend das, und die junge Juristin Schwarzenholz war begeistert. „Ich habe schnell gemerkt, dass derart logisch Aufgebautes genau das war, was ich gesucht hatte.“
Zwischen Juristerei und IT
2020 fing Schwarzenholz als Legal Engineer in Wends Firma an. Am zweiten Staatsexamen versuchte sie sich gar nicht erst: Sie wollte im Legal-Tech-Bereich bleiben. „Der hat sich damals schon sehr dynamisch entwickelt. Um dabei zu sein, brauche ich das zweite Staatsexamen nicht.“
Als Legal Engineer unterstützt sie die Kunden dabei, juristische Prozesse zu automatisieren, etwa für Massenverfahren wie im Rahmen des sogenannten Dieselskandals. Schwarzenholz fragt genau ab: Gibt es Textbausteine oder Vorlagen? Wer ist der Autor dieser Vorlagen? Wer hat den Überblick darüber, was in welchem Sonderfall wichtig ist? Alle gesammelten Informationen übersetzt sie dann in die Logik der Logos-Programmiersprache. Ungefähr eine Arbeitswoche dauert es, bis sie für ein durchschnittliches Rechtsdokument die passende Automation gebaut hat.
Schwarzenholz fungiert also als Mittlerin zwischen Juristerei und IT. „Anwälte denken nämlich anders als Techniker.“ Wenn zum Beispiel eine bestimmte Regel für Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 30 und 100 Millionen Euro gilt und eine andere für Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz, dann sortiert der Jurist den Einzelfall einfach ein. Ein Programmierer betrachtet den Fall ganz anders: wenn Umsatz größer als 100 Millionen dann Regel A. Wenn Umsatz kleiner als 100 und größer als 30, dann Regel B. Sonst Regel C.
Das ist eine Menge Arbeit, aber es lassen sich auch enorme Effizienzreserven heben. Gerade bei Massenverfahren, sagt Sophie Schwarzenholz, wenn also viele Kläger ähnliche, aber eben keine identischen Ansprüche geltend machen. Anwälte denken dann oft, sie müssten für jeden Einzelfall eine separate Analyse erstellen. Dabei hält sich der Aufwand in Grenzen, wenn man das auf eine abstrakte Ebene herunterbricht.
Schwarzenholz’ Kunden sind nicht nur Kanzleien, die ihre Effizienz steigern wollen, sondern auch öffentliche Verwaltungen – gerade sitzt das Team an einem Pilotprojekt, um bestimmte Anträge für das Land Baden-Württemberg zu automatisieren. Ähnliche Projekte laufen für die Justiz in Schleswig-Holstein und Bayern.
KI nur punktuell
Seit dem Siegeszug der generativen künstlichen Intelligenz à la ChatGPT fragen immer mehr Kunden, mit welcher KI das Unternehmen eigentlich arbeitet. Dabei setzen die Berliner KI nur sehr punktuell ein, beschränken sich ansonsten aber ganz bewusst auf die sogenannte explizite Programmierung. Sophie Schwarzenholz legt jeden Wenn-dann-Befehl einzeln an und kann deshalb exakt nachvollziehen, wie Logos zu Entscheidungen kommt – anders als bei einer KI. „In Deutschland haben wir ein regelbasiertes Rechtssystem“, sagt sie. Entscheidungen müssten klar begründbar sein. Und: Wenn sie einen Entscheidungsbaum einmal sauber aufgesetzt hat, macht er genau das, was er soll. Das klappe bei einer KI mitunter nicht ganz so verlässlich.
Ob KI oder Wenn-dann-Automation: Sophie Schwarzenholz glaubt, dass es in absehbarer Zeit wohl weniger menschliche Juristen braucht. „Die reine Fleißarbeit wird die IT übernehmen“, ist sie überzeugt. Nur für die sehr komplexen Fragestellungen brauche es noch Menschen. Allerdings erwartet sie in Kanzleien oder Rechtsabteilungen künftig mehr Legal Engineers wie sie selbst. Das ist aus ihrer Sicht die Zukunft. //
„Anwälte denken ganz anders als Techniker.“ – Sophie Schwarzenholz
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe Wirtschaftskanzleien 2024