Der Menschenkenner

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Klaus Weigel vermittelt mit seiner Firma Board Xperts Aufsichts- und Beiräte an Finanzinvestoren und Familienunternehmen. Sein Geschäft ist eine Nische, sein Kapital eine Kartei mit den Daten von 2000 Menschen.





Klaus Weigel von Board Xperts sucht und findet Aufsichts- und Beiräte

/ Der Patriarch aus der Verpackungsbranche war mehr als skeptisch, als sie sich trafen. „Schön, dass Sie da sind“, begrüßte er Klaus Weigel. „Aber eigentlich brauche ich Sie gar nicht.“ Weigel weiß nicht, ob der Unternehmer sich damals vor zwölf Jahren mit ihm zum Mittagessen verabredete, weil jemand ihn empfohlen hatte. Vielleicht war der Mann auch einfach neugierig auf den dezenten, bärtigen Brillenträger mit dem schütteren Haar, von dem alle sagen, dass er ein Händchen für die Besetzung von Beiräten habe.

„Der Herr meinte, er kenne fast jeden in der Branche“, erinnert sich Weigel, „und dass ich froh sein könnte, wenn ich sein Telefonbuch hätte.“ Hinter dem grauen Bart blitzt ein Lächeln auf. Weigel hatte auf Verdacht die Profile zweier möglicher Kandidaten mitgebracht. Trotz aller Skepsis war sein Gegenüber bei einer der beiden Akten neugierig: Ob Weigel ihm den Mann mal an den Tisch holen könne? Er konnte – und dieser Kandidat wurde später tatsächlich Beirat des Verpackungsunternehmens. Er ist es bis heute, inzwischen sogar als Vorsitzender. Und Weigel hat über die Jahre vier weitere Beiräte an die Firma vermittelt.

Das ist es, was Klaus Weigel tut: kennen und erkennen. Er kennt kompetente und erfahrene Unternehmer, Vorstände, Geschäftsführer, Gründer, Berater und Professoren, kann in seiner Kartei aus rund 2000 Personen auswählen. Und er erkennt, wo Familienunternehmern der Schuh drückt. So kann er die Passenden für ihren Aufsichtsrat oder Beirat identifizieren. Leute, die das können, was gebraucht wird. Wenn er zusätzlich noch sicherstellt, dass sie den Job aus den richtigen Gründen machen sowie menschlich zum Unternehmen und seinen Eigentümern passen, dann hat er seine Provision verdient.

Kontrolleure und BeraterAufsichtsräte oder Beiräte beraten, überwachen und kontrollieren den Vorstand oder die Geschäftsführung eines Unternehmens. Aufsichtsräte ernennen Manager oder berufen sie ab, müssen weitreichende Entscheidungen der operativen Führung absegnen. Der INTES Akademie in Bonn zufolge haben heute 83 Prozent der Familienunternehmen einen Aufsichts-, Verwaltungs- oder Beirat. Das sind mehr als doppelt so viele wie bei der ersten Erhebung 2002.

30 bis 40 Mandate pro Jahr

Weigel ist Geschäftsführender Gesellschafter von Board Xperts, einer Beratung, die sich auf die Vermittlung von Fachleuten für Kontroll- und Aufsichtsgremien spezialisiert hat. Er arbeitet vor allem für Familienunternehmen mit einem Umsatz zwischen 50 Millionen und 500 Millionen Euro. Einen DAX-40-Aufsichtsrat habe er noch nie besetzt, sagt er. Diese Ebene ist den großen Personalberatern vorbehalten, Egon Zehnder, Russel Reynolds und Co. Konzerne engagieren gern die Marktführer, das macht sie unangreifbar.

In Weigels Nische gibt es zwar ebenfalls Wettbewerber wie Peter May Consulting, die Bonner INTES Akademie oder die Personalberatung Kienbaum, die vor fünfeinhalb Jahren den ehemaligen INTES-Berater Frederik Gottschalck geholt hat. Doch die sind alle anders aufgestellt als Weigel, breiter, etwa indem sie auch zum Thema Beirat beraten oder Vorstände und Interim-Manager vermitteln.

30 bis 40 Aufträge schafft Weigel pro Jahr. Er hat eine Assistentin und ein kleines Büro an der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt. Aber eigentlich ist es egal, wo er den Laptop aufklappt: „Wenn ich will, fahre ich mit meiner Frau eine Woche an die Nordsee. Da gibt es auch WLAN und Telefon.“

Für jede erfolgreiche Vermittlung nimmt Weigel ein Pauschalhonorar von 30 000 bis 40 000 Euro, unabhängig davon, wie lange die Suche gedauert hat. „Es kann sein, dass ich montags einen potenziellen Kandidaten neu kennengelernt habe, mittwochs kommt der Anruf eines Kunden, und es passt sofort wie die Faust aufs Auge“, sagt Weigel. In der Regel allerdings arbeitet er mehrere Wochen, manchmal auch Monate an einem Fall. Es ist sein Risiko.

Weiß ein Unternehmer noch gar nicht, was er will, nimmt Weigel den Auftrag normalerweise nicht an. „Ich sehe mich nicht als Berater“, stellt er klar. „Ich lebe von Vermittlungsprovisionen.“ Am liebsten ist es ihm, wenn Mittelständler ihm ein DIN-A4-Blatt auf den Tisch legen, auf dem sie ziemlich konkret aufgeschrieben haben, was die Person alles können sollte.

Sein heutiges Geschäftsfeld hat Weigel praktisch im Alleingang erfunden. Fast 20 Jahre lang war der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Banker, begleitete bei der Frankfurter BHF-Bank (heute Teil von Oddo BHF) Börsengänge, Fusionen und Übernahmen. Im Jahr 2001 wurde er Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Private-Equity-Gesellschaft der genossenschaftlichen DZ Bank. In dieser Rolle organisierte er Eigenkapitalbeteiligungen bei Mittelständlern mit der Folge, dass er selbst in Aufsichts- und Beiräten dieser Portfoliounternehmen saß oder in der Verlegenheit war, andere geeignete Aufseher finden zu müssen. Das erwies sich als schwierig. „Die klassischen Personalberater zogen nicht mit“, erinnert sich Weigel. Es sei nicht ihr Thema, habe er wieder und wieder zu hören bekommen, solche Besetzungen böte man – jedenfalls im Mittelstand – nicht an.

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Quelle: „Der Beirat im Familienunternehmen“, PwC/INTES 2021

AufsichtsratJede Aktiengesellschaft (AG), Societas Europaea (SE) oder Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) muss einen Aufsichtsrat (im Fall der SE einen Verwaltungsrat) aus mindestens drei Personen einrichten – egal ob börsennotiert oder nicht. Gleiches gilt für GmbHs mit mehr als 500 Mitarbeitern, Banken, Genossenschaften, Versicherungsfirmen und Kapitalanlagegesellschaften, deren Fonds öffentlich vertrieben werden. …


Klaus Weigel mit seinem neuen Co-Geschäftsführer, Matthias Kestler von der Personalberatung Xellento

Erben, die Experten suchen

Inzwischen weiß Weigel, warum: Das Geschäft ist sehr speziell. „In Familienunternehmen treffen sich die Gesellschafter nicht nur in offiziellen Gesellschafterversammlungen“, sagt er. „Sondern auch auf Geburtstagen und am Frühstückstisch. Es gibt keine großen Stäbe. Von allen wird erwartet, dass sie mit anpacken, sich selbst kümmern. Auch von einem Aufsichtsrat.“ Darauf müsse sich ein Mandatsträger einlassen können.

Gefragt sind somit keine ehemaligen Konzernvorstände, die sich im Alter noch einen Aufsichtsratssitz gönnen möchten. Sondern gestandene Unternehmer, die vielleicht selbst noch operativ tätig sind. Maschinenbauer, die Erfahrung in der Produktion haben. Banker, die wissen, mit welchen Finanzstrukturen Mittelständler heute arbeiten sollten – und die vor allem das Vertrauen der Gesellschafter haben. „Das ist nicht glamourös“, sagt Weigel. „Aber operativ und strategisch viel näher dran.“

Eine Weile machte Weigel es wie andere Private-Equity-Finanziers und fragte sich durch. Irgendwann war dann die Idee geboren, sich mit dieser Dienstleistung, die niemand sonst anbot, selbstständig zu machen. Im Sommer 2006 gab Weigel seinen Job als Geschäftsführer auf – seitdem vermittelt er mit Board Xperts Aufsichts- und Beiräte.

Zunächst arbeitete er nur für Finanzinvestoren, die für ihre Portfolio-Unternehmen die passenden Köpfe suchten. Später fragten die ersten, meist nicht börsennotierten Mittelständler bei ihm an, etwa Familienunternehmen im Generationswechsel, die Aufsichts- oder Beiräte für Zukunftsthemen suchten. Sie bilden heute die zweite Kundengruppe von Board Xperts. Mittelständische Beteiligungsgesellschaften wie sein früherer Arbeitgeber, wie Süd Beteiligungen, HANNOVER Finanz oder NORD Holding machen aber weiter einen erheblichen Teil der Kundschaft aus.

In die Karten spielt Weigel, dass der Mittelstand sich in Sachen Corporate Governance professionalisiert. „Ein Aufsichts- oder Beirat macht nur Sinn, wenn seine Mitglieder etwas von der Branche und von Fachthemen verstehen, wenn sie bei Zukunftsthemen strategische Sparringspartner von Geschäftsführung und Gesellschaftern sein können“, ist Weigel überzeugt.

Es seien Themen wie die Digitalisierung, die Mittelständler heute dazu brächten, ihre Kontrollgremien stärker mit Fachleuten zu besetzen statt wie früher mit dem Steuerberater, dem Anwalt oder Friends & Family, berichtet auch Frederik Gottschalck, Weigels Konkurrent von Kienbaum. Nachhaltigkeit sei als Beiratsthema ebenfalls gefragt, weil die EU ab 2023 auch viele Mittelständler verpflichten will, Bilanzen dazu zu veröffentlichen. Hinzu kommt: „Die Aufbaugeneration scheidet langsam aus und wird von Nachfolgern abgelöst, die sich viel eher als ihre Eltern von externen Profis etwas sagen lassen“, weiß der Kienbaum-Experte.

„Viele Erben wollen auch nicht operativ mitarbeiten“, ergänzt Weigel, „und sich lieber auf die Gesellschafterrolle beschränken.“ So wie Weigels Kundin Julia Neth, Gesellschafterin der Dockweiler AG in Neustadt-Glewe in Mecklenburg-Vorpommern. Das Unternehmen ist ein deutscher Hidden Champion. 450 Mitarbeiter produzieren an mehreren internationalen Standorten Edelstahlrohrsysteme für den Anlagen- und Maschinenbau, hauptsächlich für die Halbleiter- und Pharmaindustrie.

Julia Neths Vater Klaus-Dieter Fiebig hatte sich 2011 aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und seinen drei Töchtern die Mehrheit der Firmenanteile übertragen. Zuerst probierte die Familie es mit einem komplett fremdbesetzten Kontrollgremium, dann übernahm der Senior zeitweise selbst den Vorsitz. Am Ende kamen alle zu dem Schluss, dass Julia Neth und ihre Schwestern als Hauptaktionärinnen gemeinsam im Aufsichtsrat sitzen sollten – mit erfahrenen, externen Profis an ihrer Seite, die sich in der sehr speziellen Branche auskennen.

Das in etwa stand jedenfalls auf dem DIN-A4-Blatt, das Julia Neth Mitte 2020 an Klaus Weigel schickte. „Er hat gleich die richtigen Rückfragen gestellt“, sagt Neth, „hat uns zum Beispiel ausgeredet, jemanden in der Nähe finden zu wollen, das hätte die Suche stark eingeengt.“

Beirat… Für alle anderen Unternehmen sind solche Gremien freiwillig. Sie können selbst definieren, wie deren Aufgaben und Zusammensetzung aussehen sollen. Das kann stark variieren, wie auch die Bezeichnung: Mal heißen diese Gremien „Beirat“, dann „Verwaltungsrat“ oder auch nur „Rat“, wieder andere laufen unter „Kuratorium“.


Die Partnerschaft bietet auch eine Option, das Geschäft weiterlaufen zu lassen, wenn ich mal aussteige.

Aufsichtsrätinnen sind selten

Nach drei Wochen präsentierte Weigel die ersten Kandidaten. Sie passten gut, nur hatten sich die Rahmenbedingungen bei Dockweiler in der Zwischenzeit geändert. Weigel besserte nach und traf dann ins Schwarze: mit dem Diplom-Ingenieur und Unternehmensberater Thomas Merk aus München, einem Ex-Manager aus der Branche, der bei einem internationalen Laserhersteller und Halbleiterzulieferer gearbeitet hat. Anfang des Jahres hat er den Job angetreten.

„Das war genau das, was wir wollten“, sagt Neth. „Herr Merk hat bei einem Zulieferer unserer Branche gearbeitet, bei dem aber die Anforderungen an Präzision und Reinheit noch höher waren als heute bei uns.“ Ihre Idee: Perspektivisch soll Merk Dockweiler helfen, noch besser zu werden. Einen Wermutstropfen gab es aus Sicht der 37-jährigen Firmenerbin im Vermittlungsprozess dennoch. „Es war keine einzige Frau unter den Vorschlägen.“

Für Mittelständler, vor allem technische, ist das normal. Der Women-on-Board-Index des Netzwerks Frauen in die Aufsichtsräte (FidAR) zeigt: In den 83 Unternehmen aus DAX, MDAX, SDAX und Reguliertem Markt, die nicht unter die gesetzliche Frauenquote von 2015 fallen, liegt der Anteil der Aufsichtsrätinnen bei nur 27,3 Prozent. Laut FidAR halten sich die Firmen nicht an die gesetzlichen Zielgrößen für den Frauenanteil in der Führung. Und Vermittler rekrutieren ihre Kandidaten in erster Linie aus den Reihen altgedienter Manager. Weigel bestätigt das. „Das Schema lautet, grob gesagt: Jemand, der heute Geschäftsführer ist, kann mit der operativen Führungserfahrung von 10 bis 15 Jahren Aufsichts- oder Beirat werden“, sagt er. „Und das sind eben zu 75 Prozent Männer.“

Wenn nicht gerade Pandemie herrscht, ist der Vermittler ständig auf Achse. Vier bis fünf Tage die Woche trifft er sich mit Auftraggebern und Kandidaten, besucht Familienunternehmer-Veranstaltungen, sammelt Visitenkarten. Er pflegt das Netzwerk „Aufsichtsräte Mittelstand in Deutschland“ (ArMiD), das er mitgegründet hat und in dessen Vorstand er seit 2013 sitzt. Dort können sich Mandatsträger in Diskussionen und Praxis-Workshops austauschen.

Weigel knüpft Kontakte über LinkedIn, schreibt Artikel für Fachzeitschriften und Blogbeiträge. Und er setzt sich dafür ein, dass Aufsichts- und Beiräte im Mittelstand besser vergütet werden. Im Durchschnitt bekommen sie für 15 bis 20 Tage Arbeit pro Jahr etwa 10 000 bis 20 000 Euro. „Für einen entsprechenden Tagessatz steigt ein Unternehmensberater nicht mal ins Auto“, sagt er.

Noch macht Weigel der Job Spaß, der 71-Jährige denkt nicht ans Aufhören. Aber er sorgt vor. Anfang 2020 hat er sich mit der Personalberatung Xellento aus Grünwald bei München zusammengetan. Eine strategische Partnerschaft, wie Weigel erklärt. Xellento-Gesellschafter Matthias Kestler wurde Co-Geschäftsführer bei Board Xperts – und ist nun bei immer mehr Vermittlungen dabei. Weigel will den Wirkungsgrad erhöhen, indem Xellento mit seinem Research eine gemeinsame große Datenbank nutzt. Zudem biete die Partnerschaft auch eine Option, das Geschäft weiterlaufen zu lassen, wenn er einmal aussteige.

Zunächst aber hofft er darauf, den Menschen, mit denen er arbeitet, bald wieder häufiger persönlich begegnen zu können. Natürlich hat Weigel im Lockdown Aufsichts- und Beiratsbesetzungen auch komplett virtuell gemeistert. „Das geht manchmal“, sagt er. „Es wird aber nicht der Normalfall werden.“ Kennen und Erkennen, das funktioniert im realen Leben nun mal viel besser. //

Wie Familienunternehmer ihre Beiräte finden80 % über eigene persönliche Kontakte
62 % aus dem Kreis der Gesellschafter und Familienmitglieder
37 % mithilfe eines externen Dienstleisters
12 % über Verbände und Organisationen

Quelle: „Der Beirat im Familienunternehmen“, PwC/INTES 2021