Macht die Digitalisierung einsam?

„Das Gegenteil von Einsamkeit ist nicht, mit Menschen in Kontakt zu sein.“

Unter den Jüngeren breitet sich Einsamkeit aus wie ein Virus. Dafür nur die digitalen Netzwerke verantwortlich zu machen, greift zu kurz. Ein Gespräch mit der Politikerin, Unternehmerin und Einsamkeitsexpertin Diana Kinnert.





Diana Kinnerthat in Göttingen, Köln, Berlin und Amsterdam Politik- und Sozial- wissenschaften studiert. Sie ist seit Jahren in der CDU aktiv, Geschäftsführerin zweier Firmen und parallel Beraterin sowie Publizistin von Büchern und Artikeln.

/ Das Gespräch mit Diana Kinnert findet vormittags um 10.30 Uhr statt. Die in Berlin lebende Dreißigjährige ist auf die Minute pünktlich, was nicht verwundert – wer viel zu tun hat, ist in der Regel höchst diszipliniert und zuverlässig. Doch ein spaßfreies Leben, wie es früher mit dem Wort Disziplin untrennbar verbunden war, liegt ihr fern: Sie sei gerade erst aufgestanden, erzählt sie. Sie war um fünf Uhr morgens angeln und hat sich dann noch mal hingelegt.

Kinnert ist die Apologetin einer Kom- plexität, die vermeintliche Gegensätze mühelos verbindet: Sie ist CDU-Mitglied und lesbisch, konservativ und aktiv im Berliner Nachtleben, Unternehmerin und harte Kritikerin des Kapitalismus. Ihre Ideen und Thesen lassen sich, genau wie ihr Leben, nur selten auf handliche Slogans reduzieren, und so erinnern viele die gebürtige Wuppertalerin vor allem als „die Frau mit dem Hut“ – Kinnert zeigt sich in der Öffentlichkeit nicht ohne Kopfbedeckung.

Ihr aktuelles Buch heißt „Die neue Einsamkeit“. Es widmet sich einem außerhalb der Wissenschaft bislang wenig beachteten Thema: dem wachsenden Gefühl des Alleinseins insbesondere unter jungen Menschen. Kinnert, die auch als Beraterin tätig ist, begegnete dem Problem erstmals 2016 in Großbritannien, wo sie an einem Projekt teilnahm, das 2018 zur Einrichtung einer neuen ministeriellen Abteilung führte, das in den Medien gern Ministry of Loneliness genannt wird.

Die Berlinerin nähert sich dem Thema in seiner ganzen Komplexität, von der Unverbundenheit der jungen Menschen und ihrer fehlenden digitalen Mündigkeit über die Städte als Verstärker des Hyperindividualismus und den abgehängten Leben auf dem Land bis hin zu den enormen gesundheitlichen Folgen des düsteren Gefühls. Dabei wird sehr deutlich: Die moderne Form der Einsamkeit ist ein ganz neues Problem, für das wir ganz neue Lösungen finden müssen.

Frau Kinnert, Sie bezeichnen sich als konservativ und leben in Berlin, wo schon vieles passiert, was sich anderswo erst langsam entwickelt. Sie sind quasi eine Konservative, die in der Zukunft lebt. Wie ist es dort?

Mein Leben hat viel mit digitalen Infrastrukturen zu tun, mit einem disruptiven Erwerbsleben, mit Quantifizierung und Automatisierung – also mit Phänomenen, die bisher untererforscht und unterdiskutiert sind.

Ich bemerke, dass das Soziale, das Verbindende oftmals wegrationalisiert wird. Fragmentierung und Vereinzelung halten Einzug. In jungen Unternehmen fehlen Betriebsräte und Personalvertretungen, dafür suggerieren neue Büros mit zahlreichen Glaswänden Nähe. Ich finde das perfide. Aggressives Duzen, kostenfreies Obst in der Mittagspause und Firmen-Events am Wochenende erzeugen künstliche Wärme. In Wahrheit aber wird Unklarheit gesät. Es fehlen klare Mechanismen, für seine Arbeitnehmerrechte einzutreten. Das ist ein Rückschritt. Ich beobachte neue Formen der Selbstausbeutung, verdeckt durch modern scheinende Arbeitskultur.

Außerdem gibt es in dieser Welt, so schreiben Sie in Ihrem Buch, viele Menschen, die sich allein fühlen, vor allem Jüngere. Wie kommt das?

Als ich anfing, mich in Großbritannien mit Einsamkeit als politischem Thema zu beschäftigen, dachte ich, es ginge vor allem um die Älteren. All die Witwen und Witwer, Hoch- altrige, deren Familien weggezogen sind, die noch keine digitale Kommunikation gelernt haben, die ohne gute infrastrukturelle Anbindung auf dem Land leben. Diesen eher alten Menschen fehlen soziale Interaktionen und Kontakte. Da geht es um An- und Abwesenheit menschlicher Verbindungen.

Aktuelle Erhebungen zeigen jedoch, dass der höchste Anstieg von Einsamkeit bei den unter 30-Jährigen stattfindet. Die haben allerdings jede Menge sozialer Kontakte, ob im Fitnessstudio, im Nachtclub, im Studentenwohnheim oder auf Instagram. Einsamkeit hat also nicht nur mit der Quantität sozialer Kontakte zu tun, sondern zwingend auch mit ihrer Qualität.


„Sich Systemen ausgeliefert zu fühlen, in permanenter Angst, ersetzt zu werden oder etwas Besseres zu verpassen, macht einen kaputt.“

Ich sehe darin eine Parallele zur Konzeption unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft. Wo Flexibilität verherrlicht, das Bindungslose gepriesen wird und Oberflächlichkeit und Glätte als Ideale erscheinen, ist eine echte anstrengende Beziehung kein Sehnsuchtsort. Das Kurzzeitige des Wirtschaftens durchdringt andere Bereiche. Und auf einmal wird auch in privaten sozialen Beziehungen eher inszeniert als wirklich geliebt.

Oberflächlichkeit wird oft beklagt, insbesondere in der digitalen Sphäre – aber ist sie wirklich das größte Problem?

Der digitale Raum ist von den Idealen der modernen kapitalistischen Konsumgesellschaft eingenommen. Das prägt vor allem die junge Generation ungemein. Ich habe Interviews mit Schülerinnen und Schülern geführt, in denen sie ihr Minderwertigkeitsgefühl mit dem Filterwahn ihrer Kontakte auf Instagram begründen. Wenn jeder normale Schulfreund mit normalem Gewicht und normalen Hautproblemen auf Instagram reinigende Beautyfilter überzieht, sieht man sich von Models und Athleten eingeschüchtert.

Das Leben der anderen ist immer geiler. Dann eifert man entweder dem gertenschlanken Erotikmodel aus Kalifornien nach oder will Millionär durch Kryptogeschäfte, wenn nicht gleich der nächste Elon Musk werden. Durch unseren digitalen Konsum und unsere digitale Lebensweise hat sich das Marktsystem der Vorbilder globalisiert. Claudia Schiffer und Dieter Bohlen sind passé. Es wird extremer, kompromissloser.

Das Cover Ihres Buches zeigt ein Smartphone wie ein schwarzes Loch, das alles Leben einsaugt. Welche Bedeutung hat das?

Das Smartphone ist das Symbol einer Kulturveränderung – der Multioptionsgesellschaft. Für jeden bedeutet es etwas anderes, aber jeder benutzt es, man kann fast alles damit tun. Ich bin um die halbe Welt geflogen und hatte nichts dabei außer meinem Smartphone. Es ist ein Werkzeug, mit dem ich meine ganze Erfahrungswelt designen kann.

Wir können zu acht beim Abendessen sitzen, aber auf jedem Smartphone geht etwas anderes ab: Applikationen, die Nahrungsaufnahme, Schlaf oder Bewegung optimieren, die Reisebuchungen, Videokonferenzen oder Terminabsprachen organisieren, gemeinsames Lernen, Zocken oder Seitensprünge möglich machen. Wenn nun einige der Smartphones bei diesem Abendessen blinken, klingeln und vibrieren, triggert das in allen das Gefühl, da könnte etwas warten, das verführerischer ist als dieses Essen oder diese Unterhaltung hier am Tisch.

Das schürt Ängste, das wirkt sich auf die Vertrauensfähigkeit aus. Sich Systemen ausgeliefert zu fühlen, in permanenter Angst, ersetzt zu werden oder etwas Besseres zu verpassen, macht einen kaputt. Niemals Festlegung, alles Zwischenstand. Das widerspricht der menschlichen Natur.

Das ist die große, alles überschattende Unverbundenheit, von der Sie im Buch sprechen. Was macht die mit uns?

Das kann man noch gar nicht so genau sagen. In jedem Fall greift Einsamkeit die psychische und physische Gesundheit an. Das Sterberisiko einer einsamen Person übersteigt das einer nicht einsamen Person um knapp 30 Prozent. Einer Gesellschaft, die fragmentiert und vereinzelt, fehlt das Fundament, das Verständnis, die Erfahrung für wirkliche Demokratie, für Solidarität und Zusammenhalt.

Der Mensch braucht Orientierung, Verlässlichkeit, Geborgenheit, Intimität. Er ist ein ultrasoziales Säugetier, gemacht, um auf andere zu reagieren. Nur Resonanz schafft Abgrenzung, Verständnis und Liebe zu sich selbst. Das Gefühl permanenter Entgrenzung, das Gefühl, dass andere permanent Zugriff auf einen haben, macht kaputt.

Um all das zu verändern, braucht es eine kulturelle Auseinandersetzung mit unserer Art des Wirtschaftens und der Frage, wie die auch die neue digitale Welt durchdringt. Es reicht nicht, sein Telefon nur auszuschalten: Bei einem meiner letzten Abendessen habe ich den Flugmodus angeschaltet, damit ich während des Essens und der Unterhaltung nicht gestört werde. Mein Gegenüber vermutete, ich würde etwas absichtlich verheimlichen wollen. Es kam zu einem großen Streit.

Das zeugt aber auch von einem grundsätzlichen Misstrauen.

Genau. Die Sozialisation in einer digitalen Welt der Multioptionen konditioniert uns zu Misstrauen. Natürlich ist es hehr, dem zu widerstehen, bei sich zu bleiben, Verletzungen aufzuarbeiten. Natürlich kann es gelingen, in dieser Umgebung ein gesunder Mensch zu sein. Aber es ist eben schwieriger geworden. Und da greift nicht nur die persönliche Verantwortung. Sondern gerade die gesellschaftliche, die dieses System produziert.

Was schlagen Sie vor?

Wir brauchen politisches Verständnis und politische Zuständigkeit. Fragmentierung, Vereinzelung, gestörte Bindungen durch disruptives Wirtschaften und durchdrungene digitale Welten müssen auch politische Handhabe finden. Ein Einsamkeitsbeauftragter allein kann da wenig anrichten, aber Forschungsbudgets, kulturelle Diskurse zu mehr Verantwortung, neue Modelle von Partizipation und Rechteverhandlung könnten hilfreich sein. Der Trend der Rationalisierung greift Solidarität und Zusammenhalt an. Wir sollten wieder mehr an politischen Maximen festhalten, die Vertrauensverhältnisse stärken statt sie zu sabotieren.

Also mehr staatliche Kontrolle?

Ganz im Gegenteil. Ich habe einige Jahre sehr intensiv an der Gesetzgebung zur Sterbehilfe aus der letzten Legislatur gearbeitet. Ich habe mich für eine Liberalisierung eingesetzt, bei der das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient unberührt bleibt. Durchgesetzt hat sich aber ein Vorschlag, der Ärzte kriminalisiert, die auf Fragen ihrer Patienten hinsichtlich ihrer Medikation und Sterbefragen eingehen. Diese politische Entscheidung hat Misstrauen gesät zwischen Arzt und Patient. Beiden geht es nun schlechter als vorher. Diesen politischen Zeitgeist bekämpfe ich.

Ich will keinen Staat, der in Betrieben herumpfuscht und Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zunichte macht. Mir geht es um Befähigung und Ermächtigung – verbunden mit einer Warnung: Wenn Arbeitgeber das nicht möglich machen wollen, muss der Staat kommen.

Also keine staatliche Kontrolle. Was dann?

Lösungen können sehr individuell aussehen. Sie können auf verschiedenen Ebenen mit Anreizen und Rahmenbedingungen arbeiten. Neue Partizipationsmodelle in Betrieben, neue Gewerkschaftsmodelle, die Debatte um Verantwortungseigentum oder Aktienoptionen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind interessant. Innovative Elemente können abschreibbar werden. Kettenbefristung gehört verboten. Das Subsidiaritätsprinzip erachte ich als wichtiges Prinzip. Kommunen täte mehr Autarkie und Selbstverwaltung gut. Und den Älteren muss in unserer Anti-Aging-Gesellschaft neue kulturelle Teilhabe zukommen.

Womit wir wieder beim Thema Einsamkeit sind.

Das Gegenteil von Einsamkeit ist eben nicht, mit Menschen lose in Kontakt zu sein. Anti-Einsamkeit hat mit qualitativ hochwertigen Beziehungen zu tun, mit Verlässlichkeit, Verantwortung, Vertrauen.

Wer gesehen wird, wer eingebunden ist, wer Machtoptionen erhält, empfindet Eigenermächtigung und Selbstwirksamkeit. Eine politikfeldübergreifende Strategie, die an diesen Werten orientiert ist, wäre gute Anti-Einsamkeitspolitik.

Am Ende Ihres Buchs kommen Sie noch auf den Aspekt der Unverbundenheit mit sich selbst, dem eigenen Ich. Die Wende überrascht – wie kam es dazu?

Wer in eine gesunde Beziehung zu anderen treten will, muss als ein Selbst erkennbar sein. Das fordert Selbstwert, Auseinandersetzung mit sich selbst, Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen. Darum ist Selbstausbeutung jedweder Art so perfide – sie kommt ja freiwillig daher.

In meinem Leben habe ich Beziehungen sabotiert und Einsamkeit gesucht, weil ich nach dem Tod meiner Mutter zu feige war, mich mit den eigenen schmerzhaften Gefühlen auseinanderzusetzen. Wenn ich dann aber jedem vorlüge, mir ginge es gut, obwohl dem nicht so ist, bin ich zwar mit allen verbunden, fühle ich mich aber nirgendwo gesehen. Ich habe damals nicht andere Menschen vermisst, sondern mich selbst. Wer Einsamkeit entfliehen will, muss sich zunächst einmal selbst ernst nehmen.

Ihre Antwort auf diese Entwicklung ist Honjok. Das ist ein koreanisches Wort, das ein allein gelebtes Leben bezeichnet, aber in positiver Weise – ein Leben in enger Verbindung mit sich selbst. Leben Sie danach?

Ja. Alleinsein ist etwas gänzlich anderes als Einsamkeit. Alleinsein gibt Raum, um sich selbst zu spüren, sich abzugrenzen, auch einmal Nein sagen zu dürfen – und auch um Kraft zu tanken. Es ist also eine Grundvoraussetzung, um den Kampf gegen Zersplitterung, Entsolidarisierung und Ausbeutung auch aufzunehmen. Ich bleibe inzwischen immer häufiger nur zu Hause. Oder gehe morgens angeln. //

Die neue Einsamkeit
ist das jüngste Buch von Diana Kinnert, gemeinsam verfasst mit dem Journalisten Marc Bielefeld (Hoffmann und Campe, 448 Seiten, 22 Euro).

Jeden Monat: Hier schreibt Wolf Lotter über die Große Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, was Menschen dabei bewegt und was sich ändern muss, damit alles besser wird, als es ist.

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