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Wolf Lotter: Innovation

„Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten.“
John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie, 1936





Alles sieht so neu aus.
Aber ist es das auch?

Wir leben in Zeiten, in denen das kaum noch zu sagen ist. Wer hat schon noch den Überblick, von Durchblick ganz zu schweigen?
Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Das ist kein Wortspiel, sondern bitterer Ernst. Wenn wir nicht mehr wissen, was Innovation ist, kann, leistet, wozu wir sie brauchen, woher sie kommt und was sie für uns bedeutet, dann ist Schluss.

Innovation ist die harte Währung der Wissensgesellschaft. Es ist Zeit, dieser Währung den Wert zuzuweisen, der ihr zusteht. 

Das klingt einfacher, als es ist. Denn nichts wird mehr missverstanden als das Neue.

Und kaum ein anderer Begriff ist heute so wohlfeil wie jener der Innovation. Wir leben in Zeiten der Innovations-Inflation.

Inflationen entwerten – Materielles ebenso wie Geistiges. Das aber kann sich eine Gesellschaft, die von Wissen und Ideen lebt, nicht leisten. Und dies ist so eine Gesellschaft, ob unsere industriell bestimmte, mechanistische, etwas starrsinnige und rückwärtsgewandte Kultur das wahrhaben will oder nicht.

Was soll man tun?
Wir sollten zuerst einmal versuchen, die Innovation ernst zu nehmen und nicht als Sonderfall oder als lästige Störung zu begreifen. Die Voraussetzung dafür ist, dass Veränderungen in unserer Kultur nicht mehr als Bedrohung gelten, sondern als Angebot, als Alternative zum Bestehenden. Innovationen sind das Leben, das wir noch vor uns haben. Und dieses Leben wird abwechslungsreicher, überraschender werden als das, was wir in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten erlebt haben. Das fordert von jedem Einzelnen: Wir müssen lernen, uns zu entscheiden. Der Kern aller Innovation ist das Erkennen des Unterschieds und das Einlassen darauf. Es geht auch anders. So fängt es an.

Das muss man wollen, sich dafür entscheiden. So wie man wissen will, was man nicht mehr will. Die Erneuerung der Innovationsidee besteht vor allen Dingen darin, dass wir unsere Einstellung zum Neuen gründlich klären.

Das ist eine Kulturfrage.
Was ist das Neue, was könnte es sein? Was tun wir für die, die das Neue befördern, und für uns, damit wir zu jenen gehören, die das ebenfalls können? Ermöglichen wir Innovation – oder tun wir nur so? Dazu gehört auch ein kritischer – selbstkritischer – Geist. Ist Alt immer schlechter als Neu?

Gewiss: Wir müssen für das Neue streiten, für die Innovation in die Schlacht ziehen, keine Gelegenheit zum Scharmützel auslassen, aber nicht auf Kosten all dessen, was an Gutem und Richtigem in dieser Welt vorhanden ist.

Eine selbstbewusste und neue Innovationskultur streitet für Erneuerer, aber nicht für jene, die Veränderung und Innovation nur als Vorwand benutzen, um Vorhandenes zu beseitigen – und sich, ohne jede Verbesserung für andere, an den warmen Ofen zu setzen. Innovation ist etwas anderes als die Missinterpretation der Schumpeterschen „Schöpferischen Zerstörung“ als „Survival of the fittest“. So haben das aber nicht nur Betriebswirte gelernt.

Ein neues Innovationsverständnis braucht kritisches Zweifeln: Man soll dem Neuen einiges zutrauen, aber blind vertrauen muss man ihm nicht.

Es ist oft leichter, alles auf den Müll zu werfen und neu zu beginnen, als Inventur zu machen, bei der man erkennt, was fehlt – und was weg kann. Deshalb ist eine vernünftige, der Wissensgesellschaft entsprechende Innovationskultur immer eine, der daran gelegen ist, einen klaren Blick aufs Neue und Vorhandene zu haben.

Bei der Inventur fällt dann einiges auf: Vieles von dem, was heute als Neues verkauft wird, ist ohnehin ein alter Hut, eine Mischung aus Kopie, Rekombination und viel Marketing. Aber auch diese Entwicklung liegt, wie wir sehen werden, an der Kontinuität einer überkommenen Kultur, alter Denkmuster und Routinen, schlechter Angewohnheiten im Umgang mit Neuem und Überraschendem. Der Blick ist nach innen gerichtet. In Unternehmen und Politik, Peer-Groups und Familien bestimmt die Innensicht nahezu alles. Es riecht muffig, man hört nichts, und außerdem ist der Ausblick miserabel. Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen deshalb nicht mehr, weil wir vergessen haben, wie ein Wald aussieht.

Wir leben in Organisationen, die nicht für die Erneuerung gemacht sind. Wir benutzen Begriffe wie Quer- und Vordenker und zeigen damit nur an, dass die Funktionen tatsächlich quer zur Organisation liegen, außerhalb der Logik dieser Strukturen bestehen. Der Zweck der klassischen Organisation ist es, ihren Zustand zu erhalten. Veränderung bedeutet Gefahr – und wird nur pro forma geduldet. Die Quer- und Vordenker sind Hofnarren des Status quo. Innovation ist eine Phrase.

Das Gegenteil, die völlige Überhöhung der Erneuerung, ist allerdings ebenso wenig hilfreich. Innovation ist keine Glaubensfrage, sondern handfest, vielfach sogar Handwerk, das etwas Glück gebrauchen kann. Innovation ist das Kind einer Kultur der Neugier, verbunden mit Geduld und Durchsetzungsvermögen. Innovatoren sind Unternehmer. Ihre Arbeit braucht Begeisterung, Ausdauer, Nüchternheit, Know-how, Leidenschaft, Pragmatismus, von allem reichlich.

Das Neue kommt als Widerspruch zur „Normalität“ zur Welt, und Widerspruch ist auch das Wesen der Innovation. Deshalb ist es nicht leicht, sofort den Unterschied zwischen Luftblase und Jahr- hundertidee zu erkennen, den zwischen Querulant und Innovator. Aber einiges kann man sehr wohl erkennen, und wenn wir nur daran drehten, würde es der echten Innovation und ihren Innovatoren schon besser gehen. Fördert das Experiment, den Versuch, das Probieren – aber lasst die, die das tun, in Ruhe!

Was Innovation nicht braucht, sind Vormünder, die sie so schnell wie möglich in die alte Ordnung integrieren wollen. Das soll das Neue nur ruhigstellen. Es geht um Kontrolle aller Aus- und Nebenwirkungen der Innovation. Dabei werden bisweilen edle Motive vorgeschoben: Man wolle ja nur das Risiko kleinhalten, heißt es, verhindern, dass etwas geschieht, womit niemand rechnen kann. Damit verhindert man im Grunde genommen alles. Das Neue hat immer Risiken. Es lässt sich nicht vollständig berechnen. Innovationen, die sicher sind, sind keine. Sie werden nur so verkauft, ein Etikettenschwindel, der Chancen und Zukunft kostet.

Wohlstandsgesellschaften und ihre Bürger gehen ungern Risiken ein, sie haben etwas zu verlieren. Wer Innovation sagt, meint es oft nicht so. Weil viele dem Neuen grundsätzlich misstrauen, unseren Besitzstand aufs Spiel gesetzt sehen, setzen wir uns ungern damit auseinander.

Das wahre „Innovator’s Dilemma“, um Clayton M. Christensens berühmten Buchtitel aufzugreifen, ist es, dass sie immer stärker in ein Korsett der Kontrolle und des Sicherheitsdenkens gepresst werden. Das Dilemma der Innovatoren ist, dass ihre Erneuerungsarbeit stets mit altem Maß gemessen wird.

Ein Beispiel: Die Auseinandersetzung von Alt und Neu ist nicht zwangsläufig die zwischen Alt und Jung. Erneuerung, Innovation, Veränderung – das wird uns in unserer Kultur von jeher erzählt, sei stets der Kampf der Ungestümen, der Jungen, der Revolutionäre gegen die Alten, Verstockten, Unbelehrbaren.

Das ist ein Mythos, den eine neue Innovationskultur beseitigen muss, nicht nur, weil der Rohstoff Erfahrung in der Wissensgesellschaft immer wichtiger ist. Eine Innovationskultur für die Wissensgesellschaft, die wirklich barrierefrei ist, ist eine inklusive Innovationskultur – oder gar keine. Sie nützt alle geistigen und kreativen Ressourcen. 

Sie verbindet Erfahrung und Experiment. Sie nimmt das Know-how, das persönliche Wissen, und verbindet es mit neuen Fragen und nachwachsenden Bedürfnissen. Innovation ist ein Prozess, der auf Gemeinsamkeiten, auf Austausch, auf Kooperation und Konsens beruht.

Transformation bedeutet schließlich Ver- wandlung – und nicht Vernichtung.

Jede kulturelle Innovation braucht auch soziale Erneuerungsimpulse. Ist es beispielsweise richtig, dass der Sozialstaat auf Regeln der Fabrikgesellschaft des 19. Jahrhunderts beruht? Glauben wir tatsächlich, dass mit einigen Reformen genug Innovation ins Spiel kommt, um mehr Mut in die Gesellschaft zu bringen, Veränderungen selbst zu denken und zu leben? Was fangen wir mit der Ahnung an, der Intuition, den Talenten, die nicht in die engen Korsette der Betriebswirte und Managementmechaniker passen? Kann es eine Innovationsgesellschaft geben, in der die Rolle der Kreativen (im Sinne nach Lösungen strebender Kopfarbeiter) nach wie vor als Außenseiterposition definiert ist? Natürlich nicht.

Die Wissensgesellschaft dreht sich um den menschlichen Faktor, die Person, das Individuum. Es verlässt die Zone der Massenkultur. Für Deutschland, dessen kulturelle Identität stets mit Masse und Industrie verbunden war, werden die Lehrjahre besonders hart werden. Es gilt nicht nur die kulturelle Vorliebe zum Bestehenden zu überwinden. Es geht auch darum, das Innovationsgerede – das wahre Innovation verhindern soll – als den Neusprech zu entlarven, der er ist.

Innovation entsteht nicht in Powerpoint-Präsentationen, in Seminaren, in langweiligen Meetings und anderen Absurditäten der Angestelltengesellschaft, sondern dort, wo Unternehmer arbeiten – ganz gleich ob innerhalb einer Organisation oder außerhalb. Unternehmer im Sinne dieses Textes sind nicht Menschen, die einen Gewerbeschein für ihre Tätigkeit benötigen, sondern Selberdenker, Selbstermächtiger. Menschen, Talente und Ermöglicher.

Wer Innovation nicht verhindern will, muss Menschen sich frei entwickeln lassen. Das ist die schwierigste Übung von allen, denn sie widerspricht allen Regeln, die bisher in Gemeinschaften galten. 

Es bedarf einer neuen Vertrauenskultur. Bisher genügt es uns, dass Menschen sich zu etwas entwickeln, das mehr oder weniger genau definiert ist, und wir halten es mit Problemlösungen genauso. Wenn wir lernen, unseren Blick nicht zu verengen, also über die Maßen zu fokussieren, sondern zu öffnen, werden wir erkennen, was uns sonst noch umgibt. Es ist ein wenig so, wie wenn man nachts in den Sternenhimmel schaut. Wer ver- kniffen das kleine flackernde Pünktchen am Himmel fixiert, sieht wenig. Wir sehen am Rande der Pupille am besten. Dort liegen die Überraschungen.

Vielleicht mit Versöhnung und Ausgleich statt dem ewigen Gerede von Zerstörung und Revolution. Ein neues Innovationsbild sollte ohne Gewaltakte auskommen. Wer nicht mitmacht, verliert? Wer zu spät kommt, hat Pech gehabt? Das ist von gestern. Erwachsene, mündige Bürger entscheiden sich selbstständig für und gegen Neues.

Sie entscheiden, welche Veränderung sie annehmen möchten. Das Neue soll nicht schocken, sondern überzeugen. Auch das gehört zu einer Innovationskultur, die in die Wissensgesellschaft passt: die Freiheit, bei dem bleiben zu dürfen, was man hat. 

Das wird nicht einfach werden. Denn wir erleben eine Kultur der Ohnmacht, die uns angesichts der vermeintlich so schnellen Veränderung erfasst. Vielleicht ist dieser Zukunftsschock, wie Alvin Toffler das Phänomen vor mittlerweile fast fünf Jahrzehnten nannte, nichts weiter als die Folge des falschen kulturellen Werkzeugs. Organisationen, Methoden und Denkarten, die im 19. Jahrhundert entstanden, als die industrielle Revolution triumphierte, sind im 21. Jahrhundert überholt. Was hingegen immer noch aussteht, seit ebenso langer Zeit, ist die Anwendung eines Universalwerkzeugs zur Erschließung von Neuem und Unbekanntem, der „Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Immanuel Kants Zauberformel der Aufklärung hilft auch in der Wissensgesellschaft. Der Ausgang aus der Unmündigkeit heißt immer: Was kannst du selbst tun? Und ist es so, wie es ist, richtig? Man denkt darüber nach, wie es anders gehen könnte. Der Rest, so viel Zutrauen ist dann berechtigt, ergibt sich. Eigensinn schafft Innovation. 

Innovation ist, in einem Satz, der berechtigte Anlass für die Hoffnung, dass es besser wird. Der Beweis, dass die Zukunft existiert. Dass es einen Fortschritt gibt, eine Perspektive. 

Innovationen sind damit ein Kind der Moderne, der menschlichen Emanzipation von einem schicksalhaften Glauben an höhere Mächte. Mit der Innovation, die oft gleichbedeutend mit einer Erleichterung des Alltags einhergeht, erobern wir uns Stück für Stück das Paradies zurück, aus dem wir einst vertrieben wurden – weil Adam und Eva eine lächerlich kleine, aber selbstständige Entscheidung trafen. Seither wissen wir uns immer besser zu helfen. Die Fähigkeit, die Welt, so wie sie ist, zu verbessern und vieles in ihr „neu zu erfinden“, ist eine zentrale kulturelle Leistung, vielleicht die wichtigste von allen. Innovation – und der hinter ihr steckende unruhige Geist der Veränderung – kämpft sich gegen das Schicksal nach vorn, zum Licht hin. Dies darf man ganz ohne falsches Pathos verstehen. Diese „Erleuchtung“, so der gleichberechtigte Sinn des englischen Wortes für Aufklärung, „Enlightenment“, lässt uns besser sehen, wohin wir wollen könnten. Sie ermöglicht Durchblicke, die sonst verwehrt blieben.

Das klingt merkwürdig fern in einem Land, das offensichtlich in Sachen Fortschritt und Innovation aus dem Takt gekommen ist.

In der Hauptstadt Berlin gelingt es den angeblich besten Planern und Organisatoren der Welt seit Jahren nicht, einen Flughafen fertigzustellen, ohne dass in regelmäßigen Abständen peinliche und milliardenteure Pannen und Irrtümer auftauchen. 

Die Deutsche Bahn, einst Maßstab für Ordnung und Pünktlichkeit, fährt mit verrottendem Material einen Verspätungsrekord nach dem nächsten ein. Selbst der Erhalt der Infrastruktur wäre ein Fortschritt, doch davon ist keine Rede.

Die deutsche Automobilindustrie baut die besten Autos der Welt, solange sie mit Verbrennungsmotoren laufen, aber in Sachen alternativer Antriebe ist die Indifferenz der stolzen Autobauer unübersehbar. Elektrisch, Wasserstoff, alternativ – oder gar, was wirklich eine Innovation wäre, weiterreichende Mobilitätskonzepte, die das menschliche Bedürfnis nach problemlos verfügbarer Beweglichkeit erfüllen, fristen ein Nischendasein auf spärlich besuchten Fachkongressen – sie sind programmierte Ladenhüter. Man zaudert, lebt das „Innovator’s Dilemma“, hadert mit dem „richtigen Zeitpunkt“. Zu früh? Zu spät?

Die einzig feste Größe ist das alte Leistungsdenken der Industrie, das nicht nach Schläue, sondern nach Stärke Ausschau hält. Man stirbt in Schönheit, ein altes Problem. Die besten und perfektesten Kutschen entstanden übrigens in den Jahren, in denen sich das Auto endgültig durchsetzte.

Das Land, das die Autobahn erfand, trödelt desinteressiert seit Jahren mit dem längst überfälligen Ausbau seiner Breitbandnetze herum – und das nicht nur im entlegenen ländlichen Raum. Mitten im Berliner Regierungsviertel gibt es quasi keinen Mobilfunkempfang – die Teilnehmer einer international besetzten Konferenz am Pariser Platz schütteln verwundert die Köpfe, während sie vergeblich versuchen, zu telefonieren oder eine Mail abzurufen.

Und man staunt auch über die Beharrlichkeit des Alltagslebens, das sich an die neuen Zeiten kaum anzupassen scheint. Viele Bürger benehmen sich immer noch wie die Belegschaft einer Fabrik aus der Gründerzeit. Alle fahren morgens zur selben Zeit zur Arbeit und nachmittags wieder zurück. Man organisiert sich, definiert sich in der Menge, im Schwarm, im Kollektiv, in der Regel, der Routine, dem Bekannten, das man für das Verlässliche hält. Der Schein trügt – in der digitalen Wissensgesellschaft kann sich Deutschlands Arbeitskultur nicht halten. Dem begegnet man mit Untergangsängsten.

Das Land, das einst mit Autos, Chemie, Ingenieurskünsten zum Fortschrittsweltmeister wurde, ist beim Digitalen nie übers Kopieren hinausgekommen. Das gilt sogar in der für die sakrosankte deutsche Industrie so wichtigen Digitalisierung der Produktion: Industrie 4.0 heißt das Programm dazu, was eigentlich alles sagt. Seriös ist nur das Alte, Bekannte, Gewohnte. Auch wenn Indus- trie im digitalen Zeitalter nicht mehr für Massenproduktion, sondern Personalisierung steht. Das Individuum im Auge hat. Innovation ist nicht mehr vom Gleichen. Nicht mehr: weiter so!

Innovation und Fortschritt

In diesen Zusammenhang gehört, dass Innovationen eben nicht rein technischer Natur sind. Es ist eben nicht alles nur eine „Frage der Technik“, wie das Marketing und die Werbung suggerieren. 

Technische, soziale und kulturelle Innovationen gehören zusammen. Eines bedingt das andere. Wo Menschen etwa durch Wohlstand mehr Freiräume und Individualität einfordern, entstehen durch die damit verbundenen sozialen und kulturellen Erneuerungen auch neue technische Lösungen.

Der Personal Computer, die Smartphones und Tablets von heute sind nur ein Beispiel dafür. Auch das Automobil hat eine solche Geschichte. Nur in einer zunehmend partizipativen und damit beweglichen Welt konnte das Auto, das dem Individuum mehr Freiräume gibt, überhaupt zum Erfolg werden. Es ist durchaus sinnvoll, nach solchen Vernetzungen zu sehen. Sie erschließen nach wie vor nicht nur interessante Erkenntnisse, sondern helfen auch dabei, neue Lösungen und Produkte zu entwickeln. Gründliches Nachdenken lohnt sich fürs Geschäft.

Das Ziel aller Methoden und Werk- zeuge, die Menschen im Laufe der Kulturgeschichte erfanden, war die Erleichterung von Arbeit, letztlich die Befreiung davon. Deshalb sind uns Routinen auch so wichtig. Das Ziel lautet von jeher: Die Arbeit, die sich wiederholende, stupide, schwere, nervtötende Arbeit, sie soll sich von selbst machen. Das deutsche Wort Arbeit leitet sich vom germanischen arbaipis ab, das bedeutet so viel wie Leiden, Mühsal und stand auch als Begriff für Sklaverei. Automatisierung ist deshalb eine zentrale Kulturtechnik, die Innovation der Innovationen, vielleicht die wichtigste überhaupt, die durch Automaten, Maschinen, Software, Algorithmen, Methoden und immer neue Systeme vorangetrieben wird. Das Schlagwort der Digitalisierung bedeutet das Ende einer Arbeitswelt, in der Fleiß über Kreativität steht. In der das Mitmachen wichtiger ist als das Selberdenken. Machen wir uns das klar genug? 

Der schwedische Autor Johan Norberg hat in seinem Buch „Progress“ (Fortschritt) die Entwicklung des Neuen in den vergangenen Jahrhunderten als „Triumphzug der Humanität“ bezeichnet. Innovation hat die Welt de facto besser gemacht. Wissen wir das noch? „Wenn wir vergessen, dass es Fortschritte gibt, und übersehen, wie weit wir es gebracht haben, dann bringen wir alles in Gefahr“, schreibt Norberg.

Das ist wahr, und ein guter Grund, eine Innovationskultur zu implementieren, bei der wir nicht nur wissen, wo es nach vorn geht, sondern auch, wie es vorher war.

Das bedeutet nicht, dass wir die Zukunft aus der Vergangenheit ableiten. Im Sinne Karl Poppers braucht die offene Gesellschaft keine Vorlagen, keine Methoden, keine neuen Scheingewissheiten. Sie braucht mehr Selbstbewusstsein ihrer Betreiber, der Zivilgesellschaft und Bürger, die immer wieder herausfinden müssen, was das Richtige ist.

Das ist Innovation. Eine Verhandlungssache mit offenem Ausgang, immer wieder. Der Stoff, aus dem das Neue ist, verändert sich unentwegt. Er wird gewebt in Tätigkeit, Versuch und Experiment. Seine Festigkeit, seine Kontur, geben wir dem Neuen selbst.

Der Leitsatz dieser neuen Innovationskultur ist eine Erfolgsformel, mehr als 200 Jahre alt. Der Physiker Georg Christoph Lichtenberg hat sie aufgeschrieben: Das Neue kann man nur sehen, wenn man das Neue macht.

Dieser Text ist ein Vorabdruck aus:
Wolf Lotter: Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken.

Das Buch erscheint im April 2018 in der Edition Körber.