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Usalama

Leben retten, Kranke heilen, Menschen vernetzen: Die digitale Industrie in Kenia sorgt für das Nötigste.




• Edwin Inganji erzählt die Geschichte nicht gern, weil er sich dabei an Szenen erinnert, die er lieber vergessen würde. Doch schließlich überwindet sich der junge kenianische Computerwissenschaftler, denn die Erfahrung hat sein Leben verändert. Es war der Startschuss für das Unternehmen, das er heute mit seinen Freunden James Chege und Marvin Makau betreibt: Usalama Technologies.

Kenia geht es nicht schlecht. In den vergangenen Jahren lag das Wirtschaftswachstum des Landes stabil um die fünf Prozent. Das lockte internationale Firmen an, die Nairobi eine neue Skyline verschafft haben: In modernen, glänzenden Türmen sitzen internationale Wirtschaftsprüfer und Finanzunternehmen, um sie herum eröffnet fast jeden Monat eine neue Shoppingmall. Das alte Zentrum der Hauptstadt ist dagegen eher kenianisch geprägt. Dort arbeitet die einheimische Mittel- schicht, Weiße sind kaum zu sehen. Die Gründer von Usalama sitzen in der Moi Avenue, die kurz nach der Unabhängigkeit des Landes 1963 eine erstklassige Adresse war. Doch der Glanz der alten Tage ist verblichen.

Auf dem Bürgersteig vor dem Bürohaus Mageso Chambers, in dem sich Usalama befindet, bieten Frauen auf Plastikplanen gebrauchte Kleidung und Haushaltsgegenstände feil. Die Läden im Hause sind schmal. Verkauft werden Prepaid-Karten, Handyzubehör, Schreibwaren, Fastfood. Um zu Usalama zu kommen, nimmt man besser nicht den Aufzug: Man weiß nie, wann der Strom ausfällt – und mit einem Generator ist nicht zu rechnen.

Überfälle gehören zum Alltag, Hilfe nicht

Auf dem Weg nach oben geht es vorbei an Reiseagenturen, Anwaltskanzleien und Computerhändlern. Die Wände sind holzgetäfelt wie zu britischen Zeiten, auch das Büro von Usalama. Dabei ist es so klein, dass man kaum einen Schritt zurücktreten kann, um alle Unternehmensgründer auf ein Foto zu bekommen. Vor dem Fenster hängt ein Gewirr von Stromkabeln, die wohl nicht vom staatlichen Stromversorger, sondern in Selbsthilfe verlegt wurden. Doch all das ändert nichts daran: Für drei Jungunternehmer, nicht mal Mitte zwanzig, ist Mageso Chambers eine gute Adresse.

In dem getäfelten Büro erzählt Edwin Inganji, wie er am 15. März 2012 gegen 19 Uhr von der Uni nach Hause ging. Der damals 18-Jährige studierte an der Strathmore University in Nairobi im ersten Jahr Computerwissenschaft. Er konnte sein Wohnheim schon sehen, als ihn vier Männer umringten. Einer trat ihm in den Schritt, sodass er zusammenbrach. Obwohl er schon am Boden lag, prügelten die Angreifer auf ihn ein, entrissen ihm seinen Rucksack. Edwin hatte Angst, in der Hand eines Mannes hatte er eine Pistole gesehen. Er wehrte sich nicht, um die vier nicht zu reizen. Tatsächlich ließen sie bald von ihm ab, und er ging unter großen Schmerzen, aber nicht ernsthaft verletzt, nach Hause.

„Ich habe viel Glück gehabt“, sagt er fast sechs Jahre später in dem Büro, das er in gewisser Weise dem Überfall verdankt. „Ich war nicht lebensgefährlich verletzt und konnte mich bewegen.“ Doch in den Sekunden der Panik begriff er, wo-ran es in Kenia fehlt, wenn jemand in Not ist: an allem. Die Nummer eines privaten Krankentransports hatte er nicht. Im Zweifel hätte man ihn ohnehin nicht gefunden. Selbst in der Hauptstadt haben nicht alle Straßen Namen und viele Häuser keine Nummern. Die staatliche Notrufnummer funktioniert auch nicht: „Der Ruf geht nicht durch, oder niemand geht ran.“

Einige Bekannte hatten ähnliche Erfahrungen gemacht: Auch sie waren überfallen worden, manche wurden schwer verletzt und überlebten nur mit viel Glück. Also beschlossen Edwin und seine Freunde James und Marvin, Hilfe für Menschen in Not zu schaffen. Das Trio wohnte damals zusammen und entwickelte am Küchentisch ihrer Studenten-WG eine App: Usalama – Sicherheit. Die drei hatten gerade genug Geld zum Überleben und verdienten ihr Startkapital mit Programmierjobs. „Keine Bank hätte uns einen Kredit gegeben“, sagt Marvin Makau, „wir hatten ja keine Sicherheiten.“ Für kleine und mittlere Unternehmen ist es in Kenia schwierig, an Geld zu kommen. Viele Gründer versuchen es deshalb bei Entwicklungsbanken oder internationalen Finanzierungsprojekten als auf dem heimischen Finanzmarkt.

Dabei ist die Lage in Kenia noch gut. Die wirtschaftsstärkste Nation Ostafrikas steht auf dem Global Innovation Index 2017 unter den Subsahara-Staaten auf Platz 3 – auch beim Unternehmertum rangiert Kenia laut dem Global Entrepreneurship Index 2016 im oberen Drittel der Region. Das System zur Unterstützung von Unternehmensgründern ist weit entwickelt: Es gibt in Nairobi Co-Working-Spaces, Inkubatoren und Unternehmensberater. Sogar der Zugang zu Risikokapital für Unternehmensgründungen ist im Vergleich zu anderen Staaten südlich der Sahara eher einfach. Was zur Folge hat, dass viele Menschen Unternehmer werden: Bei einer aktuellen Umfrage gaben zwei Drittel der Kenianer an, eine Unternehmensgründung sei durchaus verlockend. Das erklärt sich nicht zuletzt durch die hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Noch leben die Usalama-Gründer von ihren Reserven, aber bald soll die App sie wirtschaftlich tragen. Dafür müssen sie allerdings ihren zahlenden Kundenstamm erweitern. Für hilfsbedürftige Menschen ist die Nutzung der App kostenlos, kommerzielle Nutzer wie etwa Sicherheitsfirmen müssen zahlen. Von Krankenhäusern oder Rettungsdiensten, die über die App zu Kunden kommen, kassiert Usalama zudem zwölf Prozent Kommission. Daneben sucht das Trio Investoren. Erst kürzlich waren die drei mit fünf weiteren kenianischen Start-ups in Deutschland, um ihre Erfindung vorzustellen.

An der Geschichte von Usalama ist vieles typisch für den digitalen Aufbruch in Kenia und anderen afrikanischen Ländern. Bei den Problemen, die Entwickler vor Ort zu lösen versuchen, geht es häufig um zentrale Themen im Alltag, oft sogar um Fragen von Leben und Tod. Viele Erfindungen und Ideen sollen fehlende analoge Infrastruktur kompensieren oder Dienstleistungen ersetzen, die in Europa Sache des Staates wären.

Usalama gibt es, weil in Nairobi bewaffnete Überfälle an der Tagesordnung sind und der kenianische Staat nicht willens oder in der Lage ist, seine Bürger zu schützen. Die Polizei kommt Opfern von Verbrechen selbst in konkreten Notsituationen oft nicht zu Hilfe. Also müssen es die Verletzten in der Regel selbst zu einem Arzt schaffen, der aber nur etwas für sie tun kann, wenn er die richtigen Medikamente hat oder besorgen kann – und die Hilfesuchenden ihn bezahlen können.

Der tägliche Kampf ums Überleben zieht aber auch Menschen an, die etwas tun wollen. Er motivierte zum Beispiel Moka Lantum dazu, 2010 aus den USA nach Nairobi zu ziehen. Der in Kamerun geborene Arzt lebte seit 19 Jahren in den USA und hatte längst die US-Staatsbürgerschaft, doch in Kenia glaubte er seinen Traum verwirklichen zu können: durch technische Innovationen die medizinische Versorgung der Menschen zu verbessern. Kenia schien ihm der richtige Ort, weil es einerseits recht gute Strukturen gibt, etwa ein sehr schnelles Internet. „Aber zugleich“, sagt der Arzt, „ist im Gesundheitswesen der Bedarf für Verbesserungen riesig.“


James Chege, Edwin Inganji und Marvin Makau (von links) haben die App Usalama entwickelt.

Die Technik zeigt den Weg zu Medikamenten

Nach fast zweijähriger Vorarbeit gründete Lantum 2012 die medizinische Hightech-Firma Micro Clinic Technologies, die in einem unscheinbaren Reihenhaus im Mittelschichtsviertel Hurlinghum sitzt. Lantums Team hat seitdem mehrere Apps entwickelt. Die wichtigste heißt iSikCure, die Patienten, Ärzte und legale Apotheker verbindet. Die App soll viele Probleme lösen, doch besonders wichtig ist der Zugang zu sicheren Medikamenten: Nicht einmal die Hälfte der kenianischen Apotheken ist legal, und die illegalen verkaufen ihren Kunden häufig gefälschte oder veraltete Produkte. Oft sind diese vermeintlichen Medikamente unwirksam, manche haben sogar drastische Nebenwirkungen.

Über ISikCure sollen Patienten geprüfte Medikamente zu einem guten Preis bekommen. „Wenn das gelingt, ist es die schönste Bezahlung“, sagt Diana Wangari aus Moka Lantums Team. Die junge Ärztin ist Medizinerin geworden, um Leben zu retten, und hat genau aus dem Grund die Arbeit im Krankenhaus aufgegeben – in einem Land wie Kenia können Hightech-Entwicklungen mehr bringen.

Manchmal reicht schon die schlichte Vernetzung, um Leben zu retten: Die App RescueBnB verlinkt Menschen, die Schutz suchen, mit jenen, die Schutz bieten. Was das bedeuten kann, zeigte sich im Oktober 2017, als nach der Wiederholung der kenianischen Präsidentenwahl in Nairobi im Slum Kawangware Unruhen ausbrachen und mehr als hundert aggressive, zum Töten bereite junge Männer mit Macheten durch die ungeteerten Gassen zogen. Mehrere Nächte lang wagten viele Slumbewohner nicht, in ihren Hütten zu schlafen, aus Angst, ermordet zu werden. Wer RescueBnB auf dem Mobiltelefon hatte, konnte in einer sicheren Gegend Unterschlupf finden. So rettet modernste Technologie vor archaischer Gewalt.


Die Ärztin Diana Wangari arbeitet nicht im Krankenhaus, sondern beim App-Entwickler Micro Clinic Technologies, weil sie so besser helfen kann.

Die Tücken des Alltags kreativ meistern

Während die Menschen in Deutschland bei Problemen über die Verantwortlichen schimpfen, entwickeln Kenias Bürger Lösungen. Viele Ideen und Innovationen mögen nicht ausgereift sein und bald wieder verschwinden, doch einige setzen sich durch. Das war nie anders: Die Tücken des Alltags kreativ zu meistern ist eine afrikanische Überlebensstrategie.

Kamal Bhattacharya fasziniert diese Beweglichkeit so, dass er schon seit fünf Jahren in Nairobi lebt, obwohl er überall auf der Welt im Management innovativer Firmen arbeiten könnte. Der 47-Jährige wurde in Indien geboren und ist in Bad Hersfeld aufgewachsen – sein Vater war Ingenieur bei Siemens. Nach dem Abitur studierte er Theoretische Physik in Gießen und Göttingen, promovierte dort und ging dann in die USA. Das taten zu der Zeit viele seiner Freunde und Bekannten, „weil in Deutschland um 2000 nicht viel passierte. Wir wollten aber spannende neue Sachen machen.“

Bhattacharya bekam seine Chance: Er baute erst in New York und dann in Delhi und Bangalore für IBM Forschungszentren auf. 2012 zog er nach Kenia, um IBMs afrikanisches Forschungszentrum zu gründen. Im Sommer 2016 verließ er den Konzern, wurde Interims-Geschäftsführer des Inkubators iHub. 2017 wechselte er zur Telefongesellschaft Safaricom, um für sie ein Innovationszentrum aufzubauen.

Das Büro des Managers befindet sich in einem der glänzenden Hochhäuser am Waiyaki Way, der zentralen Verkehrs- ader durch die Hauptstadt. Dass Nairobi vor fünf Jahren ganz anders aussah, fasziniere ihn, sagt Bhattacharya, die Veränderung spiegle Kenias Potenzial.

Dann erzählt er von einem Besuch in Bad Hersfeld. Seine Frau fragte ihn damals, wie die Stadt in seiner Kindheit ausgesehen habe und was jetzt alles anders sei. „Ich habe ihr gesagt, dass alles noch genauso aussieht wie früher. Dass ich sogar Kaugummiflecken auf dem Boden erkenne.“

Bhattacharya lacht, obwohl er das eigentlich gar nicht lustig findet, weil die Anekdote viel über Beharren und Aufbruch sage, über fehlende und offene Räume für Kreativität. Weil die Strukturen in der entwickelten Welt so fest seien, gebe es nur wenige Möglichkeiten für grundlegende Innovation. In Kenia dagegen sei alles im Fluss, Neues kann sich leicht durchsetzen. Für Bürger sind feste Strukturen vielleicht ein Segen, weil sie darin Sicherheit finden. Doch für Aufbruch und Veränderung sind sie ein Hemmschuh. Und bei allem liebevollen Respekt für eine Stadt, die selbst ihre Kaugummiflecken konserviert: Ein Klima der Veränderung ist eher nach Bhattacharyas Geschmack.


Kamal Bhattacharya hat früher Forschungszentren für IBM aufgebaut, jetzt macht er dasselbe für Kenias Safaricom.

Afrika braucht neue, eigene Lösungen

Sein neuer Arbeitgeber Safaricom ist in Kenia Marktführer unter den Telefongesellschaften, nicht zuletzt dank einer Erfindung, die als Paradebeispiel für Afrikas Einfallsreichtum gilt und die Gesellschaft total verändert hat: M-Pesa, ein mobiles Bezahlsystem, mit dem Geld von Handy zu Handy geschickt werden kann. Damit bekamen Menschen ohne herkömmliches Konto eine Möglichkeit bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Da in Kenia die Mehrheit der Bevölkerung im informellen Sektor arbeitet und kein Konto besitzt, wurde M-Pesa ein spektakulärer Erfolg. Das ist gut zehn Jahre her, und Bhattacharya wollte Lobeshymnen auf die Erfindung irgendwann nicht mehr hören. Aber: „Ich habe meine Meinung geändert, als ich begriff, wie tief M-Pesa in der Gesellschaft verankert ist.“ Seine Begeisterung wirkt ausgesprochen ehrlich.

Für ihn ist klar, wie sich Innovationen in Kenia von denen in Industrieländern unterscheiden. „Hier zielen Erfindungen ins Herz der Gesellschaft“, sagt er. Und sie seien bodenständiger. Viele Neuentwicklungen richteten sich nicht an die zahlungskräftige Mittelklasse, sondern an die Kunden am unteren Rand der Gesellschaft, die schlichteste technische Geräte besitzen, also weder einen Computer noch ein Smartphone, sondern nur ein simples Mobiltelefon. Und das Ziel ist oft, ihnen gesellschaftliche Teilhabe zu verschaffen.

Das prägt auch Bhattacharyas Pläne für das Innovationszentrum von Safaricom: Er will M-Pesa weiterentwickeln, das längst viel mehr ist als ein reines Bezahlsystem. Aus dem Service sind von allein neue gesellschaftliche Hilfsstrukturen entstanden. So werden damit unter anderem Menschen in abgelegenen Regionen finanziell unterstützt, die krank sind und Geld für eine Behandlung brauchen oder die Schulgebühren für ihre Kinder nicht aufbringen können.

In diese Richtung soll es weitergehen: Lassen sich die M-Pesa-Strukturen zu einer Krankenversicherung für alle ausbauen? Könnte es eine mobile Vermögensberatung für die Ärmsten geben? Für Bhattacharya ist M-Pesa ein Vorbild für afrikanische Hightech-Entwicklungen: „Es geht nicht darum, dem Westen nachzueifern – wir müssen eigene Lösungen finden.“ In vielen Bereichen sei eine Aufholjagd weder kurz- noch mittelfristig sinnvoll. Als Beispiel nennt er das statistische Verhältnis von Ärzten und Patienten: In Deutschland kommen auf 10 000 Einwohner etwa 46 Ärzte – in Kenia sind es zwei. Es würde ewig dauern, um dieses Verhältnis zu verbessern. Und was machen die Kranken bis dahin?

Die lokale Ausrichtung führt dazu, dass in dem 30-köpfigen Entwicklerteam fast nur Einheimische arbeiten. Einem Außenstehenden, sagt Bhattacharya, kämen viele Probleme nie in den Sinn. Außerdem spornt es die Entwickler an, ihren Mitmenschen helfen zu können. In der westlichen Welt habe ein Einzelner kaum die Möglichkeit, in der Gesellschaft Spuren zu hinterlassen. Wenn es in Deutschland an Ärzten mangelt, etwa auf dem Land, wird das systematisch angegangen. In Kenia ist das keine Option. „Stattdessen“, sagt der Manager, „fragen wir uns: ‚Was können wir jetzt tun?‘“ //