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Figo

Banken sind neuerdings verpflichtet, Kundendaten zu teilen. Das ermöglicht völlig neue Geschäftsmodelle. Zum Beispiel Figo.





• Wie erklärt man jemandem, was eine Programmierschnittstelle ist, der bei dem Wort „Schnittstelle“ eher an einen kleinen Küchenunfall beim Rotkohl-Schneiden denkt? „Stellen Sie sich vor, Ihr Fahrrad wäre geklaut worden“, versucht es André Bajorat. „Und Sie wissen nicht mehr, ob Sie es gegen Diebstahl versichert haben. Was würden Sie tun, um das herauszufinden?“ Sein Gesprächspartner muss nicht lange überlegen. „Im Arbeitszimmer steht ein Ordner mit allen Versicherungsunterlagen. Da würde ich nachsehen.“ Bajorat: „Und wenn Sie gerade nicht zu Hause sind? Oder die Police dort nicht finden?“ Antwort: „Wahrscheinlich würde ich meine Eltern anrufen. Die wissen über meine Versicherungen ohnehin besser Bescheid als ich.“

So weit, so normal. Doch das Gespräch findet Ende 2017 in Berlin auf einem Bankathon statt, einem zweitägigen Wettbewerb und Programmiermarathon rund um Banking, Finanzen und FinTech, also Firmen, die Technologie für die Finanzwirtschaft entwickeln. Und so kann Bajorat, Geschäftsführer des in Hamburg beheimateten FinTech-Unternehmens Figo, eine Alternative zum Elternanruf anbieten. Schließlich hat das Gewinnerteam des Bankathons eine IT-Lösung namens Chatsurance gebastelt, die es dem Publikum als Dialog mit der Amazon-Sprachassistentin Alexa präsentierte.

„Alexa, öffne meine Versicherungen!“
„Willkommen. Ist etwas vorgefallen?“
„Mein Rad wurde geklaut.“

„Oh, das tut mir leid. (Lachen im Publikum) Du hast eine Hausratversicherung bei Allianz. Keine Sorge, diese deckt Fahrraddiebstähle ab. Ich kann dir helfen, dein Geld wieder zurückzuholen.“ Dann rattert Alexa eine Liste der Versicherungsbedingungen für eine Schadensregulierung runter, ausgelesen aus dem Vertrag: Sicherung des Fahrrads durch ein Schloss. Kaufbeleg. Rahmennummer. „Bitte daran denken, bei der Polizei Anzeige zu erstatten. Möchtest du den Schaden jetzt bei Allianz melden?“ Wichtige Frage. Aber viel wichtiger: „Aber wie kommen Chatsurance und Alexa an all diese Informationen?“

Genau hier geht es um die Schnittstelle – eine Art virtuelle Membran für den Durchfluss von Daten. „Über zwei solcher Schnittstellen strömen die Daten vom Bankkonto und von der Versicherung hin und her“, erklärt Bajorat. Die eine, bei der Hausbank des Fahrradbesitzers, hat Figo eingerichtet. „Darüber kann sich Chatsurance mit dem Girokonto verbinden und erkennen, dass regelmäßig Beträge für eine Hausratversicherung abgebucht werden.“ Über eine zweite Datenschnittstelle zapft das Tool anschließend die Datensätze der Versicherung an und kann ihre Bedingungen auslesen.

Figo ist ein Spezialist für Programmierschnittstellen, sogenannten Application Programming Interfaces (API), die die Datensilos der Kreditinstitute öffnen und in Datenquellen verwandeln können. „Wir bringen die bisher bei den Banken gefangenen Daten in den richtigen Kontext für den User, damit der eine bessere Experience hat“, beschreibt Bajorat im Tekkie-Sprech die Grundidee seines Unternehmens. Die im August 2012 gegründete FinTech-Firma sorgt dafür, dass Daten von derzeit mehr als 3000 Quellen aus dem Finanzbereich – Bankkonten, Kreditkarten, Depots, PayPal, FinTechs – per APIs von Banken, Vergleichsportalen, E-Commerce- und Softwarefirmen gelesen werden können. Vorausgesetzt natürlich, dass der Kunde dem zugestimmt hat.

So kann sich das Unternehmen erfolgreich in das komplexe Geflecht aus etablierten Banken, agilen FinTechs und Millionen von Kontoinhabern einnisten. Derzeit entpuppt sich insbesondere eine neue EU-Richtlinie, die Payment Services Directive 2 (PSD2), als eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Figo: PSD2 verpflichtet die Kreditinstitute, Bankdaten auch sogenannten „dritten Zahlungsdienstleistern“ zugänglich zu machen. Sie müssen sich das Auslesen der Konten ihrer Kunden künftig nicht nur gefallen lassen, sondern durch entsprechende Aufbereitung ihrer Datenschnittstellen sogar unterstützen. Figo liefert dafür das Werkzeug. Für den Endkunden bleibt das Unternehmen allerdings unsichtbar. André Bajorat sagt: „Wir sind der unsichtbare, freundliche Mann in der Mitte.“

Innovationen ermöglichen, statt innovativ sein

Über den Nutzen ihrer APIs müssen sich Bajorats Entwickler keine Gedanken machen – das tun die Partner, die sie für ihre Zwecke einsetzen. Die Schnittstellentechnologie ermögliche Dienstleistungen für Endkunden, die er sich vorher nicht hätte vorstellen können, sagt Bajorat. So etwas wie Chatsurance zum Beispiel. Oder den Service des Münchner Unternehmens Aboalarm, das auf Basis der Bankdaten eine Übersicht über alle regelmäßigen Zahlungen – Netflix, Zeitung, ADAC, Mobilfunkvertrag, Fitness-Studio – erstellt und dafür sorgt, dass seine Kunden keine Kündigungsfrist versäumen. Ein anderer Partner von Figo garantiert bei einem Kontowechsel, dass sämtliche Daueraufträge und Lastschriften mit umziehen, auch der Paypal-Account wird aktualisiert. Noch ein Beispiel: Freiberufler, die sich fragen, ob ihre Rechnungen bezahlt wurden, müssen nicht mehr selbst die Zahlungseingänge kontrollieren, sondern können sich auf ein Tool stützen, das die Daten automatisch abgleicht und jeden Zahlungsverzug per Push-Meldung signalisiert.

Figos Geschäft sei weder disruptiv noch innovativ, sagt der Chef. Es ist mehr. Denn: „Die Innovation besteht nicht in dem, was wir machen, sondern in dem, was wir ermöglichen. Unsere Technologie wirkt bei den Banken als Innovationstreiber.“ Das sei ähnlich wie das Verhältnis zwischen Formel-1-Rennwagen und Benzin, findet Bajorat: Natürlich stecke im Auto ungleich mehr Innovation als im Benzin – aber ohne Sprit bewege sich der Wagen nicht vom Fleck. „Wir sind die Enabler, wir ermöglichen unseren Partnern echte, sichtbare Innovationen. Für viele Banken ist das geradezu ein Tritt in den Hintern.“

Und zu welchen Innovationen führt dieser Tritt bei den Banken? Vor rund zwei Jahren gelang es Figo, die Deutsche Bank als Partner zu gewinnen. Die Banker können seitdem über neue Schnittstellen die Finanzdaten anderer Kreditinstitute auslesen – und entwickelten damit eine App namens Multibanking, die ihren Kunden den Zugriff auf sämtliche Konten, Karten, Kredite und Depots gestattet, die sie bei der Deutschen Bank, aber auch bei anderen Instituten haben. In dem dazugehörigen digitalen Schaufenster sollen demnächst sogar höher verzinste Angebote anderer Banken aushängen, etwa für Tagesgeld. Die Kunden, so Bajorat, „vergleichen ohnehin. Da ist es besser, wenn sie den Überblick über die verschiedenen Konditionen von ihrer Hausbank bekommen, als dass sie zu einem Vergleichsportal abwandern.“

Banken helfen, statt mit Banken konkurrieren

So hilft Figo den Banken, ihre Kunden im eigenen System zu halten. Denn die seligen Zeiten, in der die Hausbank erster und einziger Ansprechpartner beim Thema Finanzen war, sind vorbei. Kaum jemand hat noch sein digitales finanzielles Zuhause bei nur einem Institut. Man vergleicht und wählt das jeweils beste Angebot für den Ratenkredit, die Baufinanzierung, die Kreditkarte, das Tagesgeld, das Wertpapierdepot oder die Altersvorsorge. „Trotzdem möchte ich als Kunde alles auf einen Blick haben, statt vier oder fünf Onlinebanking-Apps öffnen zu müssen“, weiß Bajorat.

Mithilfe der Schnittstellentechnologie können sich Banken also nicht nur zum Hub für eigene Finanzprodukte, sondern ebenso für die der Wettbewerber entwickeln. In Zukunft, prophezeit Bajorat, werde es auch darauf ankommen, „welcher Dienstleister mir das beste und smarteste Banking ermöglicht. Ob das am Ende noch eine Bank ist oder ein Vergleichsportal oder Amazon – ich weiß es nicht“.

Auch Figo hat kurz nach seiner Gründung eine erste Häutung hinter sich gebracht. Vor Bajorats Einstieg stand das Unternehmen für „Finance to Go“ und versuchte sich mit einer Konto-App, die Bankgeschäfte vom Smartphone oder vom Tablet aus ermöglichte, am Geschäft mit den Endkunden. Doch damit war man zu früh am Start, glaubt der IT-Experte heute. Zudem sei die Monetarisierung mehr als wacklig gewesen. Kaum jemand nahm Notiz von der Konto-App, der Versuch scheiterte. Etliche Beobachter schrieben das Unternehmen damals als eines von vielen FinTech-Pflänzchen ab, die aus dem Boden schießen und schnell verblühen.

Unter der Regie von Bajorat, der die 20 Kilometer ins Büro und zurück nach Hause meist per Rennrad absolviert, begab sich das Team ans Umschmieden des Geschäftsmodells. Fortan sollte Figo nicht mehr den Banken das Geschäft mit den Endkunden streitig machen, sondern ihnen beim Weg in die Digitalisierung als Technologiedienstleister zur Seite stehen. Und das scheint zu funktionieren, seit dem Neustart geht es jedenfalls stetig aufwärts: Aus vier Mitarbeitern sind mittlerweile 53 geworden.

Zu den Partnern zählen neben der Deutschen Bank die deutsche Tochter der schweizerischen UBS, der Bonussystem-Betreiber Payback sowie junge Unternehmen wie Auxmoney, Finanzcheck, Aboalarm, Cringle, Bonify, Fino oder Fincite. Im November 2016 investierte die Deutsche Börse einen siebenstelligen Euro-Betrag in Figo. In der sich dramatisch wandelnden Finanzlandschaft, so Ankur Kamalia, Leiter des Group Venture Portfolio Managements der Deutschen Börse, habe sich die Firma „bereits als verlässlicher Partner etabliert und um sich herum ein enormes FinTech-Ökosystem aufgebaut“. Nun wolle man „das weitere Wachstum unterstützen und an den Innovationen partizipieren, die Figo vorantreibt“.

Einen zweiten Anlauf benötigte auch Bajorat selbst. Nach dem Abitur hatte er in Köln zunächst Jura studiert. Ein Studienfreund schrieb allerdings derart brillante Hausarbeiten, dass Bajorat bald klar war: „Aus mir wird bestenfalls ein mittelprächtiger Anwalt.“ Also verkündete er zu Silvester, damals 25, dass er das Studium aufgeben werde. Als er ein paar Tage später in der Fachschaft seine juristischen Bücher verkaufte, entdeckte er am Schwarzen Brett den Aushang einer Tochterfirma der Stadtsparkasse Köln, die Unterstützung für ihr technisches Callcenter suchte. Bajorat bekam den Job, arbeitete sich hoch, entwickelte das Onlinebanking der Sparkassen mit und wurde – ohne abgeschlossene Ausbildung – über die Jahre zu einem der wichtigsten deutschen Experten für Banken-IT. Nachdem er bei der Bank gekündigt hatte, arbeitete er als Berater und Mentor für Start-up-Programme. Ende 2012 stieß er zu Figo, wo er schnell zum Mitinhaber und Geschäftsführer aufstieg.

Manchmal wundert sich der heute 46-Jährige, „wie viele Banker immer noch denken, die Sache mit den Schnittstellen sei ein nettes Feature. Die haben noch nicht verstanden, was das alles durcheinanderwirbelt.“ Das fange bei der Personalplanung an: Gebraucht würden in Zukunft „Leute, die ein Verständnis für Daten und fürs Kundenerlebnis haben“. Die Mitarbeiter, die bei der Deutschen Bank das Multibanking gebaut haben, „sind überwiegend keine Banker, sondern Kreative und IT-Nerds“.

Letztens hat er mit dem Vorstandsvorsitzenden einer großen Sparkasse gestritten. „Schaut doch mal auf eure Website, wen ihr ausbildet“, hielt Bajorat dem Banker entgegen. „Lauter Bankkaufleute – und damit brüstet ihr euch auch noch. Das ist unverantwortlich.“ Zu seiner Abi-Zeit galt eine Banklehre als Garant für eine solide Karriere. Aber würde er seinen Kindern, die bald ins Ausbildungsalter kommen, heute raten, Banker zu werden? „Auf keinen Fall!“, entgegnet Bajorat mit geradezu entsetztem Gesicht. „Der klassische Bankberater, das ist der Arbeitslose von morgen.“ //