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EyeEm

Fotosharing-Plattformen gibt es viele, professionelle Fotodatenbanken auch. Beim Start-up EyeEm kann man beides: teilen und verkaufen.




• Kaum ist die EyeEm-App auf dem Smartphone installiert, macht sie dem Handybesitzer schon Mut: „Lade dein erstes Foto hoch! Werde entdeckt!“ Falls das unentdeckte Talent nicht so recht weiß, welches seiner Werke es wert ist, in die Foto- datenbank aufgenommen zu werden, greift EyeEm Selects ein und sucht geeignete Bilder aus dem Speicher. Filter, um das Foto zu bearbeiten, liefert die App ebenso wie eine Reihe möglicher Schlagworte, damit das Bild in der Masse des Angebots leichter zu finden ist.

Zu den vorgeschlagenen Tags gehören nicht nur offensichtliche Begriffe – zum Baby-Foto passe etwa innocence meint die kuratierende Maschinenintelligenz. Doch die Algorithmen können auch hart sein: „Nicht für den Markt geeignet“ lautet das Urteil, wenn ein Foto dem Qualitätsanspruch nicht gerecht wird. Die App bietet jedoch sofort Hilfe an: „So machst du bessere Fotos mit deinem Handy.“

Willkommen bei EyeEm, einer Fotodatenbank für die neue Generation von Handy-Fotografen, die ihre Bilder gern mit einer Community teilen wollen. Anders als Marktführer Instagram setzt EyeEm nicht auf Schnappschüsse, sondern vor allem auf ambitionierte Fotografen und bietet ihnen auch die Möglichkeit, ihre Bilder und Videos zu Geld zu machen. Den Gewinn teilt sich das Unternehmen mit den Urhebern fifty-fifty. Das alles funktioniert mithilfe einer Software aus dem eigenen Haus, die dem Unternehmen hilft, der Masse an Digitalfotografien Herr zu werden, die 22 Millionen Hobby- und semiprofessionelle Fotografen täglich hochladen, rund eine Million mit dem Ziel, sie zu verkaufen.

Diese Leute werden bei EyeEm nicht Nutzer genannt, sondern Kreative oder eben Fotografen. Und die Käufer der Bilder sind keine Kunden, sondern Partner. Für sie ist interessant, dass das Angebot authentischer ist und lebendiger als das von Stockfoto-Datenbanken wie Fotolia, die mit ihren auf Vorrat geknipsten Stereotypen oft grausige Unternehmensbroschüren bebildern. Das scheint zu ziehen: Für die Boston Consulting Group hat das Unternehmen ein Powerpoint-Plug-in gebaut, auch Getty lizenziert seit einigen Jahren EyeEm-Fotos.

Der Verdienst der Fotografen ist in der Regel dennoch eher gering. Es gebe, sagt EyeEm-Gründer und Geschäftsführer Florian Meissner, einige Fotografen, die mit der Datenbank monatlich um die 1000 Euro verdienen, doch das seien Ausnahmen. Noch jedenfalls: „Ich wünsche mir schon, dass in ein paar Jahren Leute von sich sagen: Ich bin EyeEm-Fotograf.“

Die Nische, die EyeEm gefunden hat, definiert Meissner als eine Plattform für den „Fotografen in jedem von uns“. Doch so einfach, wie das klingt, war es nicht: „Wir haben in den letzten Jahren auf die harte Tour lernen müssen, was von dem, was wir aufgebaut haben, wirklich gebraucht wird.“

Vor sechseinhalb Jahren, als der Fotograf und Betriebswirt anfing, mit seinen drei Mitgründern Ramzi Rizk, jetzt Chief Technology Officer, Lorenz Aschoff, inzwischen Produktchef, und dem heutigen Creative Director Gen Sadakane, für ihre Foto-App zu werben, wussten die vier noch nicht, wohin ihre Reise gehen würde. Nur eines war klar: „Wir wollten die neue Generation von Fotografen empowern, um die sich niemand gekümmert hat. Mithilfe dieser Community und der Technologie, die wir für sie entwickeln, würden wir die Branche verändern, da waren wir uns sicher“, sagt der heute 33-Jährige. „Dass wir damit auf jeden Fall Geld verdienen können, war uns immer klar. Aber wie genau, da waren wir nicht festgelegt.“

Meissner erzählt gern, wie er die Idee zu EyeEm nach einem Raubüberfall in der New Yorker U-Bahn hatte, bei dem ihm, dem angehenden Fotografen, die komplette Fotoausrüstung geklaut wurde. Pleite wie er war, fing er in der Not an, mit einem iPhone zu knipsen, das er geschenkt bekommen hatte. Er stellte erstaunt fest: Die Bilder sind gut. Und: Ich bin nicht der Einzige, der das so sieht. Schon bald wollte er die Menschen, die an die neue digitale Technologie glaubten und mit ihr spielten, miteinander vernetzen. Zurück in Berlin suchte er sich dafür Mitstreiter: seinen Freund Lorenz, dessen Chef Ramzi und Gen, in dessen Werbeagentur er ein Praktikum absolviert hatte.

Die Foto-App, die die vier jungen Männer wenig später „von Ramzis Couch aus“ starteten und mit kleineren Webdesign-Jobs querfinanzierten, nennt man in der Start-up-Szene ein Passion Project. Damit wird auch gesagt: das Gegenteil von einem Geschäftsmodell. Investoren mögen das nicht, auch nicht bei einer Million Nutzer.

„Das war nix, was?“

Die Idee brauchte jemanden, der sie poliert: Christophe Maire. Der Schweizer Business Angel hatte Meissner bei einem seiner ersten Pitches erlebt und ihm hinterher ein Bier spendiert. Eisbrechereinstieg: „Das war nix, was?“ Später hatte er noch mehr zu sagen: „Um aus eurem Passion Project eine richtiges Unternehmen zu machen, müsst ihr noch einen weiten Weg gehen.“

Maire habe ihn ein Vierteljahr getriezt, sagt Meissner, mit zwei bis drei Pitch-Trainings die Woche und einem Feedback-Gespräch jeden Sonntag. So lange, bis die Geschäftsidee sauber ausgefeilt war und die Präsentationen saßen. „Dann sagte er mir: ,Flo, you’re ready“, erzählt der EyeEm-CEO stolz. Maire lag richtig, sein Schützling war bereit. Er überzeugte die ersten Investoren, die noch immer an EyeEm beteiligt sind. Insgesamt 26 Millionen Dollar Risikokapital stecken in dem Start-up, 18 Millionen kamen vor knapp drei Jahren von einer Runde von Investoren um den US-Wagniskapitalgeber Valar Ventures, hinter dem unter anderen Investor Peter Thiel steht.

Was genau das inzwischen immerhin gut sechsjährige Start-up verdient oder auch nicht, ist nicht bekannt. Der letzte Jahresabschluss der EyeEm Mobile GmbH im deutschen Unternehmensregister ist von 2015, das Unternehmen nennt neben der Zahl der Nutzer nur eine Größenordnung: Der Umsatz liege im zweistelligen Millionenbereich.

Wird das Unternehmen schaffen, was sich die Investoren von ihm versprechen? Der Psychologe und Wahrnehmungsforscher Claus-Christian Carbon hält viel von EyeEm: „Mich haut das grundlagentechnisch nicht um, aber anwendungstechnisch schon, so einfach und intuitiv, wie die Bedienung angelegt ist.“

Vor allem aber bilde EyeEm die gesamte fotografische Wertschöpfungskette vom Moment der Aufnahme über die Bearbeitung und Vermarktung bis zur Verwertung des Bildes ab – das sei revolutionär. Tilo Bonow, Chef der PR-Agentur Piabo und Kenner der Berliner Start-up-Szene, sieht EyeEm auf der Suche nach sich selbst „an einem neuralgischen Punkt angekommen: In den kommenden 12 bis 24 Monaten werde sich zeigen, ob sie dem Markt das richtige Angebot machen.“ Bonow ist da zuversichtlich.

Die vier Gründer wohl auch. Immer wieder betonen sie, keinen Exit anzustreben – sie wollen ihren Anteil an EyeEm nicht verkaufen. In Start-up-Kreisen ist das eher ungewöhnlich. Auch wenn EyeEm also möglicherweise sein Geschäftsmodell gefunden hat: Es scheint trotz allem eine Herzensangelegenheit geblieben zu sein. //