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Die Halbwissensgesellschaft

Das Wissen wächst, die populistische Ignoranz auch. Nun sind die Forscher gefragt: Sie müssen ihre Erkenntnisse besser vermitteln.




• Der Spruch ist älter als das Internet, aber er gilt noch: Ein Spezialist ist jemand, der von immer weniger Dingen immer mehr versteht, bis er alles über nichts weiß. Ein Generalist dagegen versteht von immer mehr Dingen immer weniger, bis er von allem keine Ahnung hat.

Der moderne Mensch versucht, beides zu sein: im Beruf Spezialist, privat Generalist. Im Job macht ihm keiner etwas vor, in der Freizeit möchte er zumindest überall mitreden können. Doch so einfach ist es nicht. Zwar gilt das Wissen des Einzelnen heute als die wertvollste Ressource, über die Unternehmen und Volkswirtschaft verfügen. Tatsächlich besitzt jeder Mensch aber nur einige Steinchen zu einem Mosaik, das bloß wenige in seiner Gänze überblicken. Denn mittlerweile ist nicht mehr nur das Bild der Welt fragmentiert, sondern auch das Wissen über scheinbar banale Produkte wie etwa ein Handy.

Man nehme bloß die Mitgliedsfirmen von Pax, einer Smartphone-Allianz um Android-Anbieter Google, die zusammen fast eine Viertelmillion Patente halten. Ohne Suchmaschinen wüsste die rechte Hand schon lange nicht mehr, was die linke tut.

Erfolgreichen Unternehmen gelingt es dennoch oft recht gut, das für sie relevante Wissen vieler Köpfe unter einen Hut zu kriegen. Die Gesellschaft dagegen tut sich zunehmend schwer, in einer Flut widersprüchlicher Informationen echtes Wissen zu erkennen. Vom World Wide Web hatten sich Idealisten erhofft, es werde den Menschen helfen, sich umfassend zu informieren. Doch die Realität sieht anders aus: Komplexe Zusammenhänge werden dort häufig zu kompliziert oder durch übertriebene Vereinfachung falsch erklärt, Kompetenz wird vorgegaukelt, Ahnungslosigkeit und Gutgläubigkeit schamlos ausgenutzt. Selbst gut ausgebildete Fachleute sind außerhalb ihrer Kompetenznischen nicht davor gefeit, auf Halbwissen, PR-Kampagnen und Verschwörungstheorien hereinzufallen. Und die Wissenschaftler, die es besser wüssten, schauen hilf- und ratlos zu, wie ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen wird.

Das führt zum Beispiel dazu, dass immer noch die vor 14 Jahren widerlegte Behauptung kursiert, bestimmte Impfungen könnten zu Autismus führen. Klimaforscher werden von Leugnern der anthropogenen Erderwärmung massiv attackiert, gegen das Spritzmittel Glyphosat wettern Bildungsbürger, denen der Unterschied zwischen Herbizid und Insektizid nicht klar ist. Selbst den Wahn, Kondensstreifen (englisch: contrails) von Flugzeugen seien giftige Chemtrails, vertreten nicht mehr nur Paranoiker, sondern auch Zeitgenossen, die mal etwas über Geoengineering gelesen haben, mutwillige Veränderungen der Erdatmosphäre, oder geheime Praktiken des Militärs.

Besonders krass tritt das Problem in den USA auf. In dem traditionell bildungsbegeisterten Land, das auf Exzellenz-Universitäten wie Stanford, MIT oder Harvard stolz war, ist eine antiwissenschaftliche Attitüde salonfähig geworden. Präsident Donald Trump wischt unbequeme naturwissenschaftliche Erkenntnisse vom Tisch, verbietet Chefs staatlicher Forschungseinrichtungen den Mund und streicht ihnen die Etats zusammen – dafür wird er von seinen Anhängern gefeiert. Vizepräsident Mike Pence ist Kreationist: Er glaubt, nicht an die Evolution als Treiber der Entwicklung der Welt, sondern an Gott, der alles allein erschaffen hat.

Getoppt wird das nur noch von der Flat Earth International Conference, einem Event im November 2017 an der US-Ostküste, das mit geschätzten 500 Teilnehmern ausverkauft war. Referenten erklärten dort mit modernsten Mitteln, weshalb die Erde eine Scheibe sei und Google Earth ein Fake: Alle Fotos der kugelförmigen Erde habe die NASA auf Hochleistungs-Grafikrechnern gefälscht – als hätte es die schon 1968 gegeben, als Apollo-8-Astronaut William Anders am Heiligabend mit einer mechanischen Hasselblad-Kamera das berühmte Bild Earthrise auf Farbfilm bannte.

Auch in Deutschland scheint in den Köpfen einiger Menschen eine kopernikanische Rolle rückwärts stattgefunden zu haben. Sogar das ZDF sah sich genötigt, erklären zu lassen, warum es „Erdball“ heißt. Oder dass dieser Ball mit glühender Masse gefüllt und nicht etwa hohl ist – es gibt tatsächlich Menschen, die das glauben. Also nahm sich ZDF-Wissenschaftler Harald Lesch die Zeit, dem Publikum einige Grundlagen zur Entstehung der Planeten zu erklären, angefangen beim Urknall. Doch bei manchen Zuschauern biss er damit auf Granit. „Ich bin ein ,Erdkugelfaschist“, zitiert der Münchner Astrophysiker eine empörte Zuschrift. „Die hängt jetzt bei mir an der Wand.“

Durchwachsen war sein Erfolg auch, als er sich ironiefrei jenem Phänomen widmete, das Mediziner Impfmüdigkeit nennen – schon das empfanden die Impfgegner als beleidigend. Lesch redete den von Horrormeldungen im Internet verunsicherten Eltern eindringlich ins Gewissen, nicht nur an die eigenen Kinder zu denken, und erklärte das Prinzip des Herdenschutzes. Dafür wurde er als „Handlanger der Pharmaindustrie“ beschimpft. Er nahm es sportlich.

Vor seinen Sendungen überlegt Lesch, wie weit unten er mit seinen Erklärungen ansetzen muss. Das musste er schon, bevor er zum Fernsehen kam. „Ich war der erste Akademiker in der Familie“, sagt der Physikprofessor. „Da wurde ich oft gefragt: ,Junge, was machst du?‘“ Viel setzt er nicht voraus. „Die meisten Leute haben wenig Ahnung von Medizin oder Naturwissenschaft im Allgemeinen. Die Physik zum Beispiel arbeitet mit großen Abstraktionen, was Gefühle des Abgehängtseins erzeugen kann. Deshalb stelle ich mir immer vor, ich soll der F-Jugend erklären, wie man Fußball spielt.“

Die Kunst dabei ist es, das so rüberzubringen, dass die A-Jugend trotzdem amüsiert zuhört und nicht gleich wegzappt. Lesch kann das, er ist ein seriöser Entertainer, der seinen akademischen Kollegen zeigt, dass Wissenschaft nicht dröge sein muss. Für Jens Rehländer, Kommunikationschef der vom gleichnamigen Konzern unabhängigen Volkswagenstiftung und einer der engagiertesten Streiter für eine bessere Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Forscher, ist es ganz klar: „Harald Lesch ist ein Naturtalent.“

Donald Trump aktiviert die Wissenschaft

Aber der Fernsehdozent ist auch sauer. Er ärgert sich über die kurzatmige Medienwelt, die sich Newsjunkies herangezüchtet hat, die oberflächlichen Pseudo-Informationen hinterherhecheln. Leute, die Angst haben, etwas zu verpassen, aber sich nie die Zeit nehmen, Dinge wirklich zu begreifen. Er schimpft auch über Newsportale, die Details und Hintergründe konsequent weglassen, um ihre Leser nicht mit zu viel Text zu verschrecken. Dass wir in einer Wissensgesellschaft leben, glaubt Lesch nicht: „Eine Informationsgesellschaft ist keine Wissensgesellschaft.“ Seine Schlussfolgerung ist ganz schlicht: „Wenn die Leute ordentliche Tageszeitungen lesen und Deutschlandfunk hören würden, ginge es ihnen gut.“ Soll heißen: Viele Zeitungen und Radiosender machen keine ordentliche Arbeit mehr. Sie sind ein Teil des Problems.

Wie groß das Problem ist, erfasst seit 2014 das jährliche Wissenschaftsbarometer. Die repräsentative Umfrage erfasst zwar nicht, wie viele Menschen sich aus der Welt des Wissens in abwegige Vorstellungen zurückgezogen haben. Sie zeigt aber, dass nur jeder zweite Deutsche Wissenschaft und Forschung „eher“ (38 Prozent) oder „voll und ganz“ vertraut (12 Prozent). Die anderen 50 Prozent bekunden Misstrauen, vertrauen eher nicht oder sind unentschieden.

Doch woher soll das Vertrauen kommen, wenn nicht aus einem Dialog? Und um den steht es schlecht. Einerseits ist es durchaus verständlich, wenn sich Menschen vor der Masse des potenziell Wissenswerten schützen: Die Flut an Daten und Informationen ist zu groß, als dass sie ungefiltert zu verkraften wäre. Doch die Personalisierungs-Algorithmen der Suchmaschinen und virtuellen Gemeinschaften in den sozialen Medien, die Übersichtlichkeit schaffen, zementieren zugleich Irrtümer und Lügen: Wer glaubt, dass die Erde hohl ist, findet problemlos Quellen, die ihn darin bestärken.

Außerdem gehört zu einem Dialog auch ein Angebot, und das ist häufig dünn. So wie die Bürger die Wissenschaft in der Bringschuld sehen, sehen die Forscher die Bürger in der Holschuld – das kann nicht funktionieren. In den USA kursierte schon lange die Idee, dass die Erderwärmung nur Panikmache sei, um Fördergelder abzugreifen. Die Akademiker protestierten aber erst dagegen, als der Klimawandel-Leugner Donald Trump bereits im Amt war und Tatsachen schuf. Als sie mit dem March for Science im April 2017 endlich Position bezogen, wurde jedoch bald deutlich, dass ein Protestmarsch nicht mehr sein kann als der Auftakt eines mühsamen Prozesses, in der die Wissenschaft ihre Rolle in der Gesellschaft neu definiert, Prioritäten hinterfragt und anders auf die Öffentlichkeit zugeht.

Die Spitze der deutschen Wissenschaftshierarchie, die großen Forschungsinstitutionen, scheint davon weit entfernt. Der deutsche Ableger des March for Science, der von lokalen Initiativen an 22 Orten durchgeführt wurde, bekam zwar ideelle Unterstützung – aber keine finanzielle. „Es gab große Worte“, fasst Jens Rehländer von der Volkswagenstiftung zusammen. Sein Haus habe die Logistik der Proteste finanziert und eine Bühne in Berlin bezahlt. Jörg Hacker, Präsident der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, spielte die Gefahr, dass es in Deutschland zu US-Verhältnissen kommen könnte, in der FAZ sogar herunter. Er halte das für unmöglich, denn: „Wissenschaftsfreiheit hat bei uns Verfassungsrang.“

Das mag sein, aber eine offene Debatte ist trotzdem längst nicht selbstverständlich. Der aggressive Tonfall, der vor allem Klima- und Genforschern in der Öffentlichkeit entgegenschlägt, fördert zudem nicht gerade die Motivation, sich Zeit für Überzeugungsarbeit abzuzwacken. Eher im Gegenteil. „Mich deprimiert, wie die Wissenschaft niedergemacht wird“, sagt der Genetik-Professor und ehemalige Präsident des Biologenverbandes VBIO Wolfgang Nellen. Der 68-Jährige hat viele Jahre den Kontakt zu Journalisten gepflegt, ihnen die Gentechnik erklärt und gelernt, wie Medien arbeiten. Heute sagt er: „Ich kann verstehen, wenn sich Kollegen wegducken. Geht man in die Öffentlichkeit, wird man zur Zielscheibe, ist persönlichen Angriffen ausgesetzt, muss sich rechtfertigen und ständig Interviews geben.“ Hinzu kommt: Je mehr man sich davon vereinnahmen lässt, desto mehr leidet die Forschung. Aufgegeben hat Nellen aber nicht: Er schwankt „zwischen ungeheurer Resignation und Aktivismus“.

Auch die Medien sind nicht in jedem Fall hilfreich. Denn nicht nur Mediennutzer sitzen manipulativer Kommunikation von NGOs, Lobbyisten und Sektierern auf – Journalisten geht es manchmal ebenso. Wissenschaftliche Themen landen häufig im Politik-Ressort, denn auf Wissenschaftsredakteure können die wenigsten Medien zurückgreifen. Es gibt Regionalblätter, bei denen eine Kulturredakteurin alles abdecken muss, was an den Hochschulen im Verbreitungsgebiet passiert. So kommen dort vermeintlich unverdächtige Quellen zu Wort, Fachreferenten von Umwelt- oder Verbraucherschutzverbänden etwa, die manchmal eigene Ziele verfolgen.

Nichts gegen Fakten, aber es geht auch ohne

Es gibt aber auch Gegenbeispiele. In der Regionalzeitung Dresdner Neueste Nachrichten kam vor einiger Zeit Matthias Klingner zu Wort, der Chef des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme (IVI). Er forderte eine „ideologiefreie Debatte“ über die Schadstoffbelastung durch den Autoverkehr und wurde dafür in ganz Deutschland und sogar in der Schweiz gelobt. „Man hat mir gedankt, dass ich ehrlich und offen meine Meinung gesagt habe“, sagt Klingner. „Ich dachte, das hätten wir vor 25 Jahren überwunden.“

Eigentlich hatte der Verkehrswissenschaftler nur die reißerischen Berichte nach dem Diesel-Skandal gerügt, etwa eine Studie, die die Stickoxide aus manipulierten Motoren für den Tod von 38 000 Menschen jährlich verantwortlich machte. Dabei war Entscheidendes untergegangen: Die Zahl bezog sich auf eine weltweite Schätzung; tatsächlich sterben jedes Jahr insgesamt vier Millionen Menschen aufgrund dieser Abgase verfrüht. 90 Prozent des weltweiten Stickoxids stammt aber gar nicht von Diesel-Pkw, Lastwagen und Bussen. Die Berechnungen und Annahmen hinter der Zahl waren den Journalisten jedoch zu kompliziert gewesen, genau wie die Frage, wie Stickoxid und Feinstaub zusammenhängen.

Kurz: Es ging um klassische Wissenschaft, die auch Fachleute nicht in 90 Sekunden erklären können. Was für die Medien ein Problem sein müsste. Aber oft leider nicht ist. „Wenn jemand Todeszahlen als Folgen vermeintlicher Schadstoffe verkündet“, sagt Matthias Klingner, „steht es sofort in den Zeitungen, ohne zu überprüfen, was der Hintergrund ist oder unter welchen Rahmenbedingungen die Untersuchung durchgeführt wurde. Gegenmeinungen? Werden nicht eingeholt. Denn so erregt man Aufmerksamkeit.“

Im genannten Fall sieht Klingner aber auch eine Teilschuld bei der Autoindustrie, die sich seit Beginn des Diesel-Skandals nur defensiv äußert. Schon als die Städte ab 2007 Umweltzonen ausweisen durften, in denen nur Fahrzeuge fahren dürfen, die bestimmte Abgas-Standards einhalten, sei mit dramatisch klingenden Opferzahlen politischer Druck aufgebaut worden. Die Konzerne hätten, meint Klingner, damals vorrechnen können, dass nur wenige Prozent des Feinstaubs, der an kritischen Tagen in der Luft hängt, aus Dieselfahrzeugen stammen. Doch sie sahen eine Chance, die neuen, auf geringen Partikelausstoß getrimmten Euro-5-Modelle als sauber zu verkaufen, und handelten sich damit erst die höheren Stickoxid-Emissionen ein, die ihnen jetzt Ärger machen. Wie so oft war die Kommunikation interessengetrieben – und zu kurz gedacht. „Die Hersteller haben die Folgen der Gesetzgebung verkannt“, meint der Fraunhofer-Experte.

Der Illusion, dass Politiker nach objektiven Kriterien entscheiden, gibt er sich freilich nicht hin. Er habe zwar in Brüssel eine weitere Verschärfung der Feinstaub-Grenzwerte, die er für nutzlos hält, verhindern können, doch seither habe sein Institut in diesem Bereich kein Projekt bekommen. „Es gibt viele Institute, die davon leben, eine bestimmte Umweltpolitik durch wissenschaftliche Gutachten zu untermauern“, sagt er. Seine Wunschvorstellung sind deshalb unabhängige Gremien: Experten großer Wissenschaftsorganisationen – Fraunhofer, Max Planck, Helmholtz – sollten Fakten zusammentragen. „Und dann entscheidet die Politik. Aber erst mal hat die Wissenschaft damit zu tun, Sachlichkeit einzufordern.“

Nicht nur Auftragsforschungsinstitute sind von fremdem Geld abhängig. Auch von Universitätsforschern wird längst erwartet, dass sie Drittmittel einwerben. Stammt das Geld aus der Wirtschaft, können sie aber zu bestimmten Fragen ihres Fachgebiets nicht mehr öffentlich Stellung beziehen, sei es wegen möglicher Interessenkonflikte oder vertraglicher Schweigepflichten. Jens Rehländer sieht in dem ausufernden Drittmittelwesen sogar eine Gefahr für die Legitimation der Forschung: „Besteht der Antrieb darin, Drittmittel einzuwerben oder gesellschaftlich etwas zu bewegen?“ Der Stiftungssprecher dringt auf die Umsetzung des „PUSH-Memorandums“ (Public Understanding of Sciences and Humanities), in dem alle namhaften deutschen Wissenschaftsorganisationen bereits 1999 gelobt haben, einen ernsthaften Dialog mit der Gesellschaft aufzunehmen. Die in der Präambel beschriebenen Kommunikationsdefizite seien nach wie vor sehr aktuell.„Alle haben das Memorandum unterschrieben“, sagt Rehländer, „aber es gibt eine gewaltige Kluft zwischen den Zielen und der Praxis. Der Dialog mit der Öffentlichkeit wird nicht belohnt, in Deutschland gibt es dafür keine Pluspunkte bei der Berufung. Die Wissenschaft muss aber erklären – auch dass jeder Befund stets nur ein Zwischenschritt im Erkenntnisprozess ist. Außerdem ist die Wissenschaft zu weit oben unterwegs, sie gefällt sich in der Politikberatung, unterschätzt aber die Risiko-Aversion der Deutschen. Auf aktuelle Themen wie Synthetische Biologie oder künstliche Intelligenz ist die Öffentlichkeit gar nicht vorbereitet.“

Schlimm: Heißgetränke, Schichtarbeit, Glyphosat

Dass Forscher neuen Vermittlungswegen durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen, bewies die Volkswagenstiftung, als sie 2015 Wissenschaftler und Datenjournalisten Forschungsergebnisse gemeinsam allgemeinverständlich aufbereiten ließ. Es gab 80 „sehr gute“ Projektanträge. Beiträge erschienen auf Spiegel online, im Tagesspiegel und in der Börsenzeitung. Aus der Ausschreibung ist eine neue Netzwerk-Konferenz entstanden, die die Stiftung mit 250 000 Euro fördert: „SciCAR – Where Science meets Computer Assisted Reporting.“

Auch die Heidelberger Klaus Tschira Stiftung, gespeist aus dem Vermögen von einem der SAP-Gründer, arbeitet als Mitträger des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) an der Verbreitung von Wissen. In Karlsruhe üben Forscher den richtigen Umgang mit Journalisten und Bürgern, zum Beispiel im Symposium „Wissenschaft verständlich“. „Wissenschaftler verlernen, sich verständlich auszudrücken“, sagt die Geschäftsführerin Beatrice Lugger, eine erfahrene Wissenschaftsjournalistin. Mit ihrem Team versucht sie Forscher, die Ich-Botschaften scheuen und sich hinter Wahrscheinlichkeiten von 98,7 Prozent verstecken, aus der „Wohlfühlecke der reinen Fakten“ zu locken. Die Teilnehmer lernen, dass es gut ankommt, wenn sie Haltung und Persönlichkeit zeigen. Sie dürfen auch zugeben, dass sie keine endgültigen Fakten kennen, sondern nur den aktuellen Stand des Forschungsprozesses oder der wissenschaftlichen Diskussion. Manch älterer Professor hadert allerdings mit den jüngeren, die unbefangen mit Medien umgehen. „Wer in Talkshows geht“, weiß Jens Rehländer, „wird kritisch beäugt.“

Vielleicht braucht es also ganz neue Wege. Tanja Baudson und Claus Martin haben im Sommer 2017 den March for Science e. V. gegründet und damit an die Demonstrationen im April angeknüpft. Damals waren in Deutschland immerhin 37 000 Menschen für die Wissenschaft auf die Straße gegangen. 2018 wird es auch einen March for Science geben, verstärkt sollen jedoch Projekte rund um „Freiheit und Wahrheit als die beiden zentralen Werte der Wissenschaft“ durchgeführt werden. Die Graswurzel-Initiative könnte vielleicht erreichen, womit sich etablierte Institutionen schwertun: Forscher und Bürger zusammenzubringen. Die Organisatoren machen es jedenfalls schon mal vor: Baudson ist Professorin, Martin Komponist und Regisseur.

Mag sein, dass es angesichts dieser komplexen Probleme nicht schadet, sich außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde zu bewegen. Schließlich muss man heute nicht mehr unbedingt als Forscher arbeiten, um gut informiert zu sein. Das zeigte sich im Streit um Glyphosat. Das Thema ist zu komplex, um es hier angemessen darzustellen, aber keinesfalls ist es damit getan, das Totalherbizid abzulehnen, weil es die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) als Substanz der Kategorie 2A einstufte („wahrscheinlich krebserregend“), zu der auch rotes Fleisch, Heißgetränke ab 65 Grad, unregelmäßige Schichtarbeit und der Rauch offener Kamine gehören.

Doch eine nüchterne Abwägung von Pro und Contra ist bis heute kaum erkennbar, schon gar nicht, seit der CSU-Politiker Christian Schmidt die Zulassung des Mittels in Deutschland verlängert hat. Inzwischen ist er politisch isoliert, auf Facebook werfen ihm Anhänger von NGOs wie Foodwatch Bestechlichkeit vor. Morddrohungen erhielt der Minister natürlich auch, das geht heute ganz schnell. Der Fall Glyphosat habe „den Begriff ,Umweltschützer‘ nachhaltig diskreditiert“, schrieb Ludger Weß in einer Kolumne. Der Wissenschaftsjournalist muss dabei jetzt immer an Pegida oder Heimatschutz denken: „Wir erleben Populismus, Hetze und Menschenjagd. Die Volksfront reicht von links- bis rechtsaußen.“ Die satirische „heute-show“ im ZDF spießte angesichts all dessen aber nicht etwa die üble Nachrede auf. Im Gegenteil: Sie gesellte sich zur grölenden Masse und stellte Schmidt als Teufel dar, als „Glyphosatan“.

Möchte jemand 20 000 Liter Eis?

Da sich die meisten Wissenschaftler aus der Schusslinie hielten und es den meisten Journalisten genügte, das politische Gezerre zu schildern, wurde das Informationsvakuum schließlich von bloggenden Landwirten gefüllt. Der Neusser Agrarökonom und Nebenerwerbsschriftsteller Willi Kremer-Schillings verteidigt als „Bauer Willi“ seine Kollegen vor unqualifizierten Angriffen und führte schon einen öffentlichen Dialog mit einer Vertreterin des Naturschutz-Multis WWF. Der Landwirt Bernhard Barkmann aus dem Emsland spießt mit seinem „blogagrar“ ebenfalls die Vorurteile von Politikern und Medienmenschen gegen seinen Berufsstand auf.

Die studierte Philosophin Susanne Günther, die mit ihrem Mann einen Hof in Waldeck am Edersee führt, dröselte in ihrem Blog schillipaeppa.net genau auf, wie Glyphosat wirkt, und verwendete viel Energie auf die Prüfung von Behauptungen, die im Netz und in den Medien kursieren. Sie präsentierte Belege dafür, dass die Einstufung der Chemikalie durch die IARC auf tönernen Füßen steht und einem externen Berater der Agentur, der maßgeblich an der Studie beteiligt war, ein Interessenkonflikt nachgewiesen wurde, den er zuvor rundheraus abgestritten hatte. Nebenbei erteilte Susanne Günther Journalisten Nachhilfe in den Grundrechenarten: Als die FAZ meldete, die in Ben & Jerry’s-Eiscreme nachgewiesenen Nanogramm-Spuren von Glyphosat stellten „wahrscheinlich ein Gesundheitsrisiko dar“, rechnete sie nach. Ein Erwachsener, stellte sie fest, müsste 20 000 Liter Eis am Tag essen, um den zulässigen Grenzwert zu erreichen. //