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Der Wald grooved

Urlaub im Schwarzwald. Das klang früher nach Rentnertraum. Bis zehn Gemeinden begannen, den Gegenbeweis anzutreten.




• Dies ist die Geschichte einer Ikone und ihrer Modernisierung. Die Ikone ist eine Frau mit einer höchst sonderbaren, etwa 1,5 Kilogramm schweren Kopfbedeckung. Sie besteht aus einem mit Alabastergips geweißten Strohhut mit schwarzem Rand, auf dem verschieden große Wollkugeln befestigt sind – schwarze, wenn die Hutträgerin verheiratet ist, und rote, wenn sie keinen Mann hat. Obwohl dieser aus der Zeit gefallene Kopfschmuck auf die Tradition in nur drei Dörfern zurückgeht und heute nur noch von ganz wenigen Frauen zu ganz seltenen Anlässen getragen wird, hat er es zum weltweiten Markenzeichen gebracht: Von Tokio bis Tennessee, von Oslo bis Kapstadt stehen die sogenannten Bollenhüte für den Schwarzwald. Und für ein staubiges Image – das für eine Urlaubsregion nicht gut sein kann. Doch das beginnt sich langsam zu ändern.

Thorsten Rudolph, Geschäftsführer der Hochschwarzwald Tourismus GmbH im heilklimatischen Kurort Hinterzarten, gilt als derjenige, dem es gelang, mit vielen neuen Ideen den Staub von den Bollenhüten zu klopfen. Eine davon sind die „Kuckucksnester“. Die Idee dazu ist an sich simpel: Zum Image des Schwarzwalds als einer reizvollen, aber mitunter eben recht verstaubten, vor allem für ältere Wanderurlauber attraktiven Region, tragen unter anderem die Ferienwohnungen bei, die nur im Nebenerwerb vermietet werden, keine Website haben und ausschließlich telefonisch buchbar sind. Ihr Preis ist oft recht günstig, aber ihre Ausstattung entsprechend dürftig.

Einige hinterlassen den Eindruck, als würden die Zimmer vor allem mit ausrangierten Möbeln aus den Wohnungen der Vermieter bestückt: Ihre in die Jahre gekommenen Teppiche, Vorhänge, Küchenzeilen und Bäder dünsten abgestandene Luft aus.

Bis Thorsten Rudolph einige Fenster öffnete und kräftig durchlüftete. Er gewann eine Immobilienfirma aus dem nahen Freiburg, um mit der Tourismus GmbH paritätisch jeweils zwischen 20 000 und 25 000 Euro in den Umbau einiger solcher Unterkünfte zu investieren. Die so entstandenen Kuckucksnester sollten dabei helfen, eine neue Ferienwohnungsmarke im Hochschwarzwald aufzubauen.

Die bislang 18 Kuckucksnester wurden von einer Künstlerin einheitlich modern rustikal gestaltet: Sie verfügen über Holzböden und Kuhfelle, neue Möbel, Bäder und Küchen von lokalen Firmen, sowie Flachbildschirme und teilweise auch WLAN. An den Wänden hängen zeitgemäße zeichnerische Interpretationen der Schwarzwald-Ikone: Bollenhutträgerinnen in kurzen Hosen, String-Shirts und Ringelsocken, auch mal in einer Korsage und mit laszivem Blick, dazu röhrende Hirsche und Schwarzwaldtannen im Popart-Stil. Die Eigentümer haben mit den Wohnungen nur noch wenig zu tun. Sie erhalten eine Umsatzprovision und überlassen alles Weitere den Touristik-Profis: Werbung, Onlinebuchung, Kundenkontakt, Pflege der Kuckucksnest-Website, sogar die Organisation des Reinigungspersonals.

„Klar gab es zu Beginn Kritik“, räumt Kuckucksnest- Erfinder Rudolph ein: Konkurrierende Ferienwohnungsbetreiber und Hoteliers fürchteten, die kommunale Touristik-Gesellschaft steige selbst in den Beherbergungsmarkt ein, statt die privaten Anbieter in der Region zu vermarkten. Inzwischen seien die Bedenken jedoch ausgeräumt: Zum einen, weil die derzeit 18 Kuckucksnester bei 1500 Ferienwohnungen im Hochschwarzwald zahlenmäßig kaum ins Gewicht fallen, zugleich aber enorm auf das moderne Image aller Vermieter einzahlen. Zum anderen, weil der gehobene Wohnungsstandard den Nachweis liefert: Investieren zahlt sich aus. „Die Kuckucksnester zeigen: Wenn die Qualität steigt, ist der Gast auch bereit, einen höheren Preis zu zahlen“, stellt Rudolph fest. „Und die Auslastung der Apartments steigt ebenfalls, wir erreichen bis zu 80 Prozent.“

Thorsten Rudolph will den Schwarzwald nicht neu erfinden, aber sein Angebot erweitern: Die Kuckucksuhr in seinem Büro zum Beispiel ist lila.

Für eine Reihe weiterer Anbieter seien die Kuckucksnester Anlass gewesen, selbst in ihre Ferienwohnungen zu investieren. Damit die Dynamik nicht wieder abflaut, hat Rudolph weitere Pläne: Bis zum Frühjahr 2019 sollen zwei schwimmende Kuckucksnester auf dem Schluchsee hinzukommen und bald auch mobile Kuckucksnester in Bauwagen auf wechselnden Wiesen.

Thorsten Rudolph ist ein großer, schlanker Mittfünfziger, ein schneidiger Typ und Schnellsprecher mit leichtem Akzent, den er aus Wien mitbrachte. Dort wuchs der Deutsche auf, besuchte die Tourismusschule und studierte Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Tourismus. Anschließend arbeitete er in leitender Funktion bei großen österreichischen und ungarischen Touristikunternehmen und Flugreiseveranstaltern, bis er in sein Geburtsland zurückkehrte. Dort wurde er zunächst Geschäftsführer einer regionalen Tourismusgesellschaft am Chiemsee, 2009 fing er bei der Hochschwarzwald Tourismus GmbH im Kurhaus in Hinterzarten an.

Ein neuer Investor sorgt für eine neue Allianz

Rudolph kam in einem denkbar günstigen Moment: Eine ungewöhnliche Unternehmerfigur hatte gerade für eine politische Innovation gesorgt, die viele touristische Neuerungen, die folgen sollten, erst möglich machte. Die Unternehmerfigur war der Architekt und Investor Josef Wund, der seinen Thermen und Spaßbädern mit Palmen, Lagunen und Riesenrutschen den Ruf als „Bäderkönig“ verdankte (Wund starb im Dezember 2017 beim Absturz eines Kleinflugzeugs). Sein drittes Bad sollte das Badeparadies Schwarzwald in Titisee-Neustadt für 37 Millionen Euro werden.

Doch der Eröffnung 2010 ging in der Region ein jahrelanges politisches Hickhack voraus, Bürgerentscheide inklusive, bis sich Titisee-Neustadt und neun umliegende Gemeinden schließlich auf eine gemeinsame Co-Finanzierung einigen konnten – trotz der Sorge um ihre eigenen Bäder. Aus dem dafür 2008 gegründeten Zweckverband ging im selben Jahr die Hochschwarzwald Tourismus GmbH (HTG) hervor, die das Badeparadies und die Region vermarkten sollte. Es war das Ende der touristischen Kirchturmpolitik – und der Anfang einer Erfolgsgeschichte.

„Damals ging ein Ruck durch den Hochschwarzwald“, sagt Thorsten Rudolf. „Dass zehn fortschrittlich denkende, innovative Bürgermeister sich aufrafften, ihre Kräfte zu bündeln, war zukunftsweisend.“ Es solle nicht beleidigend klingen, erklärt Rudolph, aber bis dahin hätten in den Tourismusabteilungen der Gemeinden eben nur einzelne Mitarbeiter oder kleine Teams mit sehr begrenzten Ressourcen „vor sich hin gewurstelt“. Heute hingegen beschäftigt die HTG annähernd 100 Mitarbeiter und setzt rund 13 Millionen Euro um. „Mit solchen Ressourcen kann man neue Felder entwickeln und neue Produkte schaffen, die mehr Erträge erwirtschaften, mit denen man wiederum neue Ideen umsetzen kann“, sagt der Tourismusmanager.

Inzwischen erwirtschaftet die HTG den größten Teil ihres Budgets, nur noch ein Viertel stammt aus Zuschüssen der beteiligten Zweckverbandsgemeinden – zu Beginn waren es fast drei Viertel. Zwar wird das Unternehmen von einem neunköpfigen Aufsichtsrat kontrolliert, dem unter anderem fünf Bürgermeister angehören, doch die Tourismus GmbH agiert unabhängig von politischer Gängelung: „Anders würde eine professionell geführte Tourismus GmbH auch gar nicht funktionieren, und dafür wäre ich auch nicht zu haben“, erklärt Rudolph.

2010 führte die HTG die „Hochschwarzwald Card“ ein. Feriengäste erhalten sie in rund 380 Hotels, Ferienwohnungen und Campingplätzen ab zwei Übernachtungen kostenlos und können damit mehr als 100 Angebote gratis nutzen: vom Skipass bis zur Langlaufausrüstung, vom Museums- und Hallenbadeintritt bis zur Fahrt im Elektro-BMW oder auf dem E-Bike (24 Elektroautos und etwa 150 Elektro-Bikes stehen bereit). Seit der Einführung der Karte sind die Übernachtungszahlen der Card-Gäste um mehr als 30 Prozent gestiegen, sie stellen heute mehr als ein Drittel der gesamten Übernachtungszahlen in der Region.

Zehntausende Besucher zieht auch ein Weihnachtsmarkt an, obwohl er erst vor wenigen Jahren eingeführt wurde, an nur vier Wochenenden geöffnet ist und sogar Eintritt kostet. Auch den hat Thorsten Rudolph erfunden, geleitet vom Kuckucksnest-Prinzip: Die Gäste zahlen, wenn die Qualität stimmt. Die besondere Qualität dieses Weihnachtsmarktes in der Ravennaschlucht besteht neben einer Eislauffläche darin, dass er mitten im Wald unter dem fast 40 Meter hohen Eisenbahn-Viadukt der Höllentalbahn liegt. Die Backsteinfassade wird in verschiedenen Farben angestrahlt. „Da bekommen die Besucher ein einmaliges Weihnachtsmärchen vorgesetzt“, meint Rudolph.

Armin Hinterseh, Bürgermeister von Titisee-Neustadt und HTG-Aufsichtsrat, sagt, die Wahrnehmung des Hochschwarzwalds sei heute völlig anders als noch vor zehn Jahren – die Ansiedlung des Badeparadieses sei eine Initialzündung für viele Entwicklungen gewesen. Ohne das Mega-Bad, das inzwischen mehr als 700 000 Besucher im Jahr anzieht, wäre wohl kaum 2016 die „Fundorena“ am Feldberg eröffnet worden, ein riesiger Indoor-Spielplatz mit Hochseilgarten, Trampolinen, Eislaufbahn, Fitness-Studio und Reithalle auf mehr als 4000 Quadratmetern. Oder der Abenteuergolfplatz in Gutach. Und wäre es ohne die Verjüngungskur gelungen, so viele Wintersport-Veranstaltungen in den Schwarzwald zu holen, darunter zwei internationale Snowboard-Wettbewerbe? Eher nicht. „Keine andere Region weltweit ist in der Saison 2017/2018 Gastgeber so vieler Weltcup-Events wie wir“, sagt Thorsten Rudolph, der die neuen Wintersporttermine im Badeparadies bekanntgab.

Jetzt sitzt der HTG-Chef im Hinterzartener Kurhaus in einem großzügigen Büro, an dessen Wänden zwar keine Bilder von Bollenhutfrauen in String-Shirts und kurzen Hosen hängen, dafür aber eine lila Kuckucksuhr, die er gelegentlich auf Werbetouren ins Ausland mitnimmt. Genüsslich blättert der Tourismus-Manager in der aktuellen Winterausgabe des HTG-Magazins, dessen schönste Fotos und beste Slogans auch auf Plakaten, Postkarten und bei Facebook zu sehen sind. Die neue Kampagne soll gezielt Städter ansprechen, die des Stadtlebens überdrüssig sind. „Feinstaub“ steht etwa auf dem Foto einer Schwarzwald-Winterlandschaft, über die sich glitzernde Schneekristalle gelegt haben. Auf dem Foto eines fast zugefrorenen Wasserfalls steht „Überfrierende Nässe“. Und das Gewirr von Tierspuren im Schnee ist betitelt mit „Verkehrschaos“.

Zwei Hoteliers aus der Region wollten ihren Gästen aus der Stadt die Postkarten allerdings nicht zumuten: Die Worte weckten nur Ängste und negative Assoziationen, außerdem dürfe man sich nicht über Feinstaubalarm und Verkehrschaos lustig machen. Ein Sturm im Wasserglas, sicher. Doch zwei Regionalzeitungen berichteten, später dann auch die Landesschau im Südwest-Fernsehen. „Tolle Resonanz“, kommentiert Rudolph grinsend. Auftrag erfüllt. //

Die Hochschwarzwald Tourismus GmbH (HTG)
startete 2008 als Zusammenschluss von zehn Gemeinden in einem Zweckverband: Breitnau, Eisenbach, Feldberg, Friedenweiler, Hinterzarten, Lenzkirch, Löffingen, Schluchsee, St. Märgen und Titisee-Neustadt. Mittlerweile sind sieben weitere Kooperationsgemeinden hinzugekommen, die alle der HTG Gebühren für ihre Dienste zahlen. Seit 2010 stieg die Zahl der Übernachtungen von 2,5 auf 3,7 Millionen (2016), während das durchschnittliche Alter der Gäste von 50 auf knapp unter 42 Jahre sank. Gut zwei Drittel der Übernachtungen 2016 wurden von Deutschen gebucht, vor allem aus Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die meisten Nichtdeutschen kamen aus der Schweiz (481 000 Übernachtungen), Israel (143 000) und Frankreich (126 000). Für die Möglichkeit, mit der Hochschwarzwald Card stundenweise E-Smarts zu benutzen (seit 2015 stehen 24 BMW i3 bereit), erhielt die HTG 2012 den 2. Preis beim Deutschen Tourismuspreis. Das Konzept für die Design-Apartments Kuckucksnester wurde drei Jahre später mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Die Reiseführer-App bekam im Jahr 2016 den 2. Preis.