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China-Expertin Silvia Lindtner im Interview

China will mit einem Heer von Erfindern und Firmengründern eine Art Masseninnovation anschieben. Die China-Expertin Silvia Lindtner warnt davor, den Plan zu unterschätzen.





Frau Lindtner, wie innovativ ist China?

Innovativer, als die meisten Beobachter im Westen glauben. Und ziemlich zuversichtlich, was die eigene Zukunft angeht. Ein chinesischer Regionalpolitiker erzählte mir kürzlich: „Spätestens 2025 haben wir unseren eigenen Steve Jobs.“

Also jemanden wie den Mitgründer von Apple, dem derzeit wertvollsten Konzern der Welt.

Genau. Und dann hat der Politiker ergänzt: „Aber wir werden nicht nur einen Steve Jobs haben. Wir werden 50 Steve Jobs haben.“

Ist das nicht ein bisschen vollmundig?

Im Gegenteil, der Plan könnte durchaus Wirklichkeit werden. Vor zehn Jahren, als das Land vor allem als Produzent billiger Wegwerfprodukte galt, habe ich für meine Dissertation die Gaming-Szene in Peking erforscht. „World of Warcraft“ war gerade das beliebteste Onlinespiel der Welt, und die mit Abstand größte Spieler-Community lebte in China. Also habe ich mich in die dortigen Internetcafés gesetzt und den Studenten beim Zocken zugesehen.

Warum ausgerechnet in Internetcafés?

Die meisten Spieler lebten illegal in der Stadt und konnten sich weder einen Rechner noch einen Internetanschluss leisten. In China gilt das Hukou-System, das der Wohnsitzkontrolle aller Bürger dient: Man braucht eine Genehmigung, um in einer Stadt, die einem nicht zugeordnet wurde, zu wohnen und zu arbeiten. Aber die Leute wollten trotzdem nach Peking oder Schanghai – also lebten sie dort ohne offizielle Adresse und Krankenversicherung.

Die Zahl dieser Migranten liegt Schätzungen zufolge bei weit über 200 Millionen. Jedenfalls ist mir bei den Spielern schnell aufgefallen, dass ihre Version von World of Warcraft anders aussah, als ich das aus Europa und den USA kannte.

Woran lag das?

Das Spiel stammt aus den USA, und so hatte die chinesische Regierung Teile zensiert, man konnte offiziell nur eine abgespeckte Version kaufen. Doch die jungen Chinesen haben sich das Original als Raubkopie besorgt, aus irgendwelchen Bauteilen ihren eigenen Server zusammengebastelt und damit ihr eigenes World-of-Warcraft-Biotop erschaffen. Tausende von chinesischen Gamern haben sich dort eingeklinkt und dafür einen kleinen Beitrag bezahlt. Das heißt: Am Anfang gab’s für die Studenten nur den Wunsch, ihr Lieblingsspiel zu spielen. Sie haben aus einer Mangelsituation heraus improvisiert und etwas Neues erschaffen. Und am Ende hatten sie ihre eigene Mikro-Wirtschaft entwickelt, ihr eigenes Spiel, ihre eigene Hardware – und verdienten damit Geld. Als ich das mitbekommen habe, ist mir klar geworden, dass an unserer westlichen Erzählung über China etwas nicht stimmt.

Ist dieses kreative Handeln aus der Not heraus ein neues Phänomen?

Nein. Den Geist der Improvisation, der findigen Problemlösung, findet man schon während der Kulturrevolution. Damals ist eine Do-it-yourself-Ethik zentraler Bestandteil der chinesischen Kultur geworden. Nach dem Motto: „Wir Chine- sen haben nicht viel – aber wir sind in der Lage, aus dem wenigen viel zu machen.“ Man hat sich zum Beispiel aus einfachsten Mitteln ein Radio gebastelt und dann die Baupläne an andere Kommunen weitergegeben. Das Ziel war, sich selbst zu verbessern, um China zu verbessern.

Die Studenten scheinen aber eher ihren Spaß als das Gemeinwohl des Landes im Sinn gehabt zu haben.

Das sehe ich anders. Die Vorstellung: Ich werde besser, damit mein Land besser wird – die finden Sie überall, auch bei jungen Leuten. Am stärksten vielleicht in Shenzhen. Das kommunistische China hat Ende der Siebzigerjahre angefangen, sich dem Kapitalismus zu öffnen, aber zunächst in wenigen Sonderwirtschaftszonen, darunter eben in Shenzhen. Damals haben dort um die 50 000 Menschen gelebt, die sowohl im globalen und nationalen Handel als auch in der Agrar- und Fischproduktion arbeiteten. Heute leben in Shenzhen mehr als zwölf Millionen Menschen.

Die Stadt gilt als eines der größten Sozialexperimente in der Geschichte der Menschheit.

Und das Experiment ist noch lange nicht vorbei. Unsere Medien bezeichnen Shenzhen als das Silicon Valley for Hardware. Jahrelang wurde jedes iPhone der Welt dort produziert. Joi Ito …

… der Chef des renommierten Media Lab an der amerikanischen Elite-Hochschule MIT …

… hat mal gesagt: „Die Jungs in Shenzhen bauen dir ein neues Handy, wie dir die Jungs in Palo Alto eine neue Website bauen.“ Im Stadtteil Huaqiangbei gibt es den meines Wissens größten Elektronikmarkt der Welt, eine Art Basar für alles, was mit Elektronik zu tun hat: 15 mal 15 Häuserblocks groß, nur Hochhäuser – man braucht Tage, wenn man sich sämtliche Läden ansehen möchte! Nichts wird weggeschmissen, und das Tempo, in dem der Markt funktioniert, ist einfach unglaublich. Jeder sucht sich seine Nische, holt sich seine Bauteile, sein Wissen und sein Können irgendwoher und versucht, sein Geld zu verdienen. Sehen Sie dieses Handy?

Sieht aus wie eine einfache Hello-Kitty-Figur.

Habe ich anfangs auch gedacht. Aber hier kann man die Figur aufklappen, hier ist die Tastatur, das Display, die Kamera. Der Klingelton, die Software – jedes Detail ist konsequent im Hello-Kitty-Stil gehalten. Das ist ein sogenanntes Shanzhai-Telefon.

Was bedeutet Shanzhai?

Shanzhai ist das chinesische Wort für Bergfestung, Raubritterburg. Dahinter steht eine Art Robin-Hood-Story: „Ein paar chinesische Unternehmen wagen es, den großen Konzernen Widerstand zu leisten.“ Vor 15 Jahren verstand man unter Shanzhai noch billige Raubkopien oder gefälschte Nokia- und Samsung-Handys.

Daraus ist aber etwas völlig Neues erwachsen: Viele der kleinen und mittleren Hardware-Firmen in China diskutieren heute bei informellen Treffen ihre Neuentwicklungen und entwickeln dabei spielerisch neue Produkte. Das geht auch deshalb, weil die Bauteile, die von den Firmen produziert werden, offen und kompatibel sind. Alles passt zueinander und kann leicht miteinander kombiniert werden.

Von welcher Firma stammt das Hello-Kitty-Phone?

Ich habe Monate gebraucht, um das herauszufinden. Und die Antwort war am Ende ziemlich erstaunlich: Es gibt gar keinen Hersteller. An diesem kleinen Telefon waren mindestens 20 verschiedene Unternehmen beteiligt, denen ihr Geschäfts- instinkt gesagt hat: Wir machen das jetzt zusammen und schauen mal, was dabei herauskommt, wie der Markt darauf reagiert.

In der Software-Szene würde man das als Open Source bezeichnen.

Genau. Und die Strategie zahlt sich für alle aus, die dabei sind. Das System wird dadurch wahnsinnig schnell. Nach der ersten Idee dauert es manchmal nur 30 Tage, bis das fertige Produkt auf den Ladentischen von Huaqiangbei liegt. Dieses Tempo gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.

An Lizenzgebühren denkt dabei vermutlich keiner.

Natürlich nicht. Aus juristischer Sicht ist vieles in Shenzhen immer noch ein grauer Markt.

Der US-Blogger Scotty Allen zeigt in einem YouTube- Video, wie er sich auf dem von Ihnen beschriebenen Basar von Shenzhen alle Elektroteile für ein iPhone 6 besorgt. Dann baut er es zusammen. Eines ist besonders erstaunlich: Allen entdeckt in einem Bauteil einen Fehler, geht zurück zur Händlerin, bei der er es gekauft hat – und bekommt es anstandslos umgetauscht, obwohl er nicht einmal einen Kassenbon hat.

Zwischenmenschliches Vertrauen bedeutet in China etwas anderes als bei uns. Um wirklich Geschäftspartner zu werden, braucht man Monate, in denen man auf privater Ebene viele Gefälligkeiten austauschen muss.

Andererseits: Auf so einem schnellen grauen Markt geht es nicht ohne Vertrauen. Die Händler müssen sich einen guten Namen machen, damit ihre Kunden am nächsten Tag wiederkommen.

Das klingt beeindruckend und auf sympathische Art altmodisch. Mein Großvater hätte das geliebt: Neues basteln aus dem, was man hat, nichts wegwerfen, alles noch mal verwenden. Aber wie und wo entwickelt sich da der neue Steve Jobs?

Die Anfänge sehen wir bereits. Nehmen Sie den afrikanischen Handy-Markt: Der ist heute fest in chinesischer Hand. Firmen wie Tecno Mobile bauen sehr coole, moderne Smartphones für relativ wenig Geld. Deren Kamera ist darauf spezialisiert, gute Porträts von dunkelhäutigen Menschen zu machen – daran hat im Silicon Valley kein Mensch gedacht.

Und es gibt zwei weitere junge Trends in China, die sich mit dem chinesischen Improvisationstalent verbinden können: neue politische Richtlinien der Kommunistischen Partei. Und die neue Maker- und Hacker-Bewegung in den chinesischen Großstädten.

Was bedeutet „Maker“ in diesem Zusammenhang?

Es gibt dafür im Deutschen kein richtiges Wort. Am ehesten noch: Tüftler, Erfinder oder Bastler. Es geht darum, etwas Neues zu entwickeln und kreativ zu sein.

Sie haben diese Bewegung in China intensiv erforscht und waren dabei, als dort der erste Hacker- und Maker-space gegründet wurde.

Ja, das war 2010 in Schanghai. Da habe ich für meine ethnografischen Studien einen der ersten Coworking-Spaces Chinas besucht. Die Leute dort hatten einen Raum geschaffen, um mit Open-Source-Hardware zu experimentieren und eigene Prototypen zu bauen.

Was für Leute waren das?

Vor allem junge Chinesen aus der neuen Mittelschicht, alle gut ausgebildet, viele hatten im Ausland studiert oder gearbeitet. Dazu kamen ein paar Leute aus dem Ausland, vor allem aus den USA und Europa. Es war auch eine politische Komponente dabei: Die Leute standen der eigenen Regierung, vor allem aber dem globalen Kapitalismus eher kritisch gegenüber. Die haben gesagt: Wir teilen die Infrastruktur, die Produktionsmittel und ermöglichen so unseren Mitgliedern, ihre eigene Technologie zu produzieren. Wir kaufen kein Telefon von den Großkonzernen, wir bauen unsere Geräte selbst. Die saßen dort alle zusammen.

Wie muss man sich den ersten Hackerspace Chinas vorstellen?

Ein Raum, vielleicht 20 bis 30 Quadratmeter groß, mit zwei Tischen. Auf einem stand ein 3D-Drucker der ersten Generation mit Holzgehäuse. Es sah total chaotisch aus, überall Kabel, Lötkolben und Arduino-Boards.

Was ist ein Arduino-Board?

Das ist eine Computer-Plattform, die eigens für Leute gebaut wurde, die keine Ahnung von Computern haben. Künstler können damit ihre eigenen Installationen einrichten. Das Arduino-Board ist total wichtig für die Maker-Szene, weil es vielen Menschen einen offenen Zugang zum Tüfteln mit Hardware ermöglicht.

Und was passierte in dieser Werkstatt?

Zunächst haben die Gründer eingeladen: Kommt vorbei, für einen kleinen Mitgliedsbeitrag könnt ihr alles nutzen. Am Anfang wurde kaum etwas gebaut, alle haben nur die Geräte bestaunt. Aber David Li, einer der Mitbegründer, hat dort regelmäßig Vorträge gehalten: Was bedeutet Making überhaupt? Was ist ein Hacker? Was kann man in diesem Raum anstellen? Spielerisch, experimentell, mit Lust an der eigenen Kreativität. Für chinesische Verhältnisse waren das völlig neue Konzepte.

Und der Raum wurde gut angenommen.

So gut, dass der Hackerspace bald in eine alte Fabrik umziehen musste – derart viele Leute wollten mitmachen. Ein richtiger Hype entwickelte sich, im ganzen Land entstanden Dutzende solcher Hackerspaces. Im Jahr 2015 wurde die Regierung auf die neue Bewegung aufmerksam – und dann ist etwas ziemlich Unglaubliches passiert: Auf seiner Reise nach Shenzhen hat Chinas Ministerpräsident Li Keqiang nicht nur die Hightech-Giganten besucht, sondern auch einen Hackerspace. Er hat sich dort die selbst gebauten Prototypen angesehen, mit den jungen Leuten gesprochen – und anschließend der Presse sinngemäß verkündet: Das ist das China von morgen! Nur wenige Wochen später hat die Regierung eine neue Richtlinie veröffentlicht, mit der Überschrift: „Massen-Innovation und Massen-Unternehmertum“.

Was meint die Regierung damit?

Der chinesische Bürger der Zukunft soll wie ein Unternehmer denken und handeln. Er soll optimistisch und kreativ sein, Chancen erkennen, Risiken eingehen, den Mut zum Scheitern mitbringen.

Das klingt wie eine Revolution. Büffeln die Kinder in China nicht den ganzen Tag?

Das stimmt. Der Druck, dem die Kinder dort ausgesetzt sind, ist für Europäer oder Amerikaner schwer vorstellbar. Überhaupt ist die Konkurrenz in jeder Phase des Lebens wahnsinnig groß – schon allein, weil dort so viele Menschen leben. Sowohl innerhalb als auch außerhalb Chinas wurde das Schulsystem oft dafür kritisiert, dass es junge Menschen eher abhält als ermutigt, kreativ zu arbeiten und Risiken einzugehen.

Und die Idee des freien Unternehmertums?

Natürlich sind in den vergangenen Jahren viele Chinesen zu Firmengründern geworden. Es gibt unzählige beeindruckende Erfolgsgeschichten. Aber das vorherrschende Denkschema sieht noch immer völlig anders aus. Für die meisten ist der Traumjob eine Anstellung auf Lebenszeit bei einem Technologie-Konzern.

Wie bei uns in der Nachkriegszeit: Man macht eine Ausbildung bei Bosch, Siemens oder BASF und geht dort auch in Rente.

Genau so. Das hat einen einfachen Grund: Durch die erst vor zwei Jahren aufgehobene Ein-Kind-Politik haben die Eltern ein enormes Interesse daran, dass aus ihrer Tochter oder ihrem Sohn etwas Vernünftiges wird. Das ist auch ein Teil der eigenen Altersvorsorge.

„Mama, Papa, ich gründe mal eben ein Start-up mit Risikokapital“ – das ist nicht unbedingt der Satz, den chinesische Eltern hören wollen. In der vorkapitalistischen Zeit gab es in China das Prinzip der „eisernen Reisschüssel“: das Versprechen, dass die Regierung für einen Job, für Sicher- heit und Nahrung sorgt. Das ist mit der Einführung des Kapitalismus für die allermeisten verloren gegangen. Die Menschen in China wissen, dass vom Staat wenig Hilfe kommt, wenn etwas schiefgeht. Also müssen es die eigenen Kinder richten. Ein sicherer Job ist deshalb in China viel wichtiger als bei uns.

Was hat die Regierung seitdem unternommen, um die Massen-Innovation anzuschieben?

Eine ganze Menge. Hunderte von staatlichen Maker- und Hackerspaces sind entstanden: in Bibliotheken, Universitäten und Schulen. Mehrere Hochschulen haben begonnen, Leute aus dem Ausland und der Wirtschaft anzuheuern, um Kreativitäts-Kurse für chinesische Gymnasiallehrer anzubieten. Ich habe selbst an einem solchen Projekt für die Tsinghua University in Peking mitgearbeitet. Außerdem ist es viel einfacher geworden, ein Unternehmen zu gründen, an Kredite, Investoren oder preiswerte Räumlichkeiten zu gelangen, Mitarbeiter anzustellen und für sie eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Statt wochenlang von Amt zu Amt zu rennen, kann man heute viele Dinge an einem einzigen Nachmittag erledigen. Zumindest im Idealfall. Selbstverständlich lockt man mit diesen günstigen Bedingungen auch junge Start-ups aus Europa und den USA nach China.

Geht die Regierung damit ein großes Risiko ein?

Die Regierung verhält sich wie die Tüftler in ihren Hacker-Höhlen: Alles ist ein großes Experiment. Man rechnet damit, dass ein Projekt scheitert, probiert es aber trotzdem. Diese Art des experimentellen Regierens ist für westliche Politiker nicht denkbar.

Wie genau verändert sich denn jetzt die Bildungspolitik?

Die neuen Makerspaces sind nicht nur Orte, wo man basteln und experimentieren kann. Da finden laufend Kurse und Lehrgänge statt, eine Art Zusatzangebot zum regulären Schulunterricht. Interessanterweise treffen sie damit den Nerv der jungen Mittelstandseltern. Denn anders als der Generation davor ist es ihnen wichtig, dass ihre Kinder Freiräume haben, auch mal zweckfreien Blödsinn machen können, dass sie – ganz pathetisch gesprochen – die Chance haben, sich selbst zu finden.

Auf der einen Seite wünscht sich die chinesische Regierung den kreativen Bürger, auf der anderen Seite will sie einen „Citizen Score“ einführen: Alle möglichen Daten sollen benutzt werden, um die Bürger zu guten Untertanen zu erziehen. Das eine Projekt klingt nach liberalen Idealen wie aus dem Silicon Valley, das andere nach Überwachungsstaat.

Ich glaube, dass unsere westliche Debatte um den Citizen Score viel zu kurz greift. Das ist – genau wie der Wunsch nach Massen-Innovation – Teil eines viel größeren politischen Projektes. Die Regierung unter Xi Jinping sagt: Wir wollen nicht so weitermachen wie bisher. Wir wollen nicht mehr dieses brutal hohe Wachstum um jeden Preis, weil wir damit eine viel zu instabile Gesellschaft erschaffen. Wir wollen mehr soziale Gerechtigkeit und diejenigen mitnehmen, die nichts vom Boom der vergangenen 30 Jahre abbekommen haben. Wir müssen uns umstellen.

So heißt es in den offiziellen Statements. Kann man das denn glauben?

Ich glaube, dass Xi Jinping das gern möchte – schon aus Selbsterhaltung. Jede Regierung braucht ihre Legitimation, und seit der Einführung des Kapitalismus in China lautete diese Legitimation: mehr Geld, mehr Wohlstand. Doch wenn das nicht mehr funktioniert, kann es auch für die scheinbar allmächtige Regierung in Peking sehr ungemütlich werden.

50 geniale Unternehmer wie Steve Jobs – sollen wir jetzt Angst vor China haben?

Fest steht: China wird sich international stärker engagieren, wirtschaftlich wie politisch. Dass sich die USA unter Donald Trump derzeit vor allem auf sich selbst konzentrieren, hat man in China mit Freude registriert. Die Amerikaner machen den Weg frei – und die Chinesen sind überzeugt, dass sie den Job als großer Bruder besser beherrschen.

Chinas Nationalstolz und Selbstbewusstsein wachsen. Doch ich finde weder die Angst vor einem neuen, mächtigen China noch die alte Geschichte des billigen „Made in China“ hilfreich. Beide lenken von dem ab, was eigentlich passiert. Dass China eine zentrale Rolle im globalen Zusammenleben spielen wird, vor allem politisch und wirtschaftlich, steht jedenfalls außer Frage.

 Silvia Lindtner studierte Medientechnik und -design in Linz und promovierte an der University of California im Bereich Informationswissenschaften und Informatik. Als Postdoktorandin war sie in Kalifornien und in Schanghai tätig.

Einen Vortrag von Silvia Lindtner zum Thema finden Sie hier (in Englisch): b1.de/Silvia_Lindtner_republica2017