Interessiert mich nicht, die Bohne!
Oder doch? Warum lieben wir unseren täglichen Kaffee und haben trotzdem so eine distanzierte Beziehung zum Ausgangsprodukt? Eine persönliche Spurensuche.
Wie viele andere Menschen auch habe ich zu Kaffee eine bedenklich enge Beziehung, enger als zu allen anderen Getränken. Nicht, weil ich Siebträger-Fanatiker oder Röstungs-Sommelier bin, sondern einfach nur, weil ich seit 25 Jahren morgens zwei Tassen Kaffee und nachmittags noch eine trinke und gedenke, es bis an mein Lebensende auch weiterhin so zu halten. Denn wenn ich es einmal ausfallen lassen muss, habe ich das recht deutliche Gefühl, dass der Tag irgendwie fehlerhaft ist. Und an einem zweiten Morgen ohne Kaffee kommt mir mein Leben fast sinnlos vor, zumindest aber: nicht sinnlich.
Das ist nicht allzu außergewöhnlich, viele Deutsche halten es so ähnlich, und auch viele andere Völker pflegen ihre Kaffeesucht wie eine liebenswerte Tradition. Die Tasse Kaffee am Morgen ist selbst an den unwirtlichsten Plätzen einforderbar – im Basislager des Everest, in Notunterkünften, in Untersuchungshaft oder im Bergwerk – wo Menschen sind, ist auch Kaffee nicht weit. Im vergangenen Sommer war in der »Bild«-Zeitung zu lesen, dass während eines Nato-Manövers einem schwedischen U-Boot der Södermanland-Klasse der Vorrat an Kaffee ausgegangen war. Sofort lief eine internationale Hilfsmission an: Ein schnelles Patrouillenboot der Royal Navy eilte zu Hilfe und brachte Nachschub. Der Vorgang war gar nicht das Beste an der Meldung, sondern dass man ihn als
Leser absolut angemessen fand. In einem U-Boot bekäme ich jedenfalls spätestens dann eine Panikattacke, wenn es keine Aussicht auf Kaffee gäbe.
Dieses espressokurze Vorwort sei hier nur serviert, um die Selbstverständlichkeit deutlich zu machen, die Kaffee für einen großen Teil der Menschheit darstellt. Und um den Kontrast zu verdeutlichen: Wie vertraut uns die Tasse Kaffee in der Hand ist und wie unvertraut im Vergleich dazu die Orte, von denen er kommt und die Prozeduren, die er durchläuft, bis er in unserer Kaffeedose landet. Obwohl ich mich als durchaus aufgeklärten und bisweilen sogar anspruchsvollen Konsumenten bezeichnen würde, ist das Thema Kaffee für mich immer noch ein recht weißer, beziehungsweise schwarzer Fleck.
Genauer gesagt: Ich habe sehr viel mehr Zeit und Herzblut mit den verschiedenen Zubereitungsmöglichkeiten von Kaffee verbracht als mit dem eigentlichen Ausgangsprodukt. Ich habe eine French Press und eine E.S.E.-Pad-Maschine gehabt, kleine Siebträger, mittlere Filtermaschinen und größere Vollautomaten leergetrunken, eine kurze Phase mit Handaufguss und Kapselmaschine verbracht, habe gepresst, gebrüht, gedrückt und gefiltert, aber mit welchem Kaffee, das war mir immer weitgehend egal.
Vielleicht liegt das an seiner Alltäglichkeit, so wie beim Strom aus der Steckdose oder Wasser aus dem Hahn: Der Kaffee in der Dose ist eben immer da und muss nicht hinterfragt werden.
Die Ignoranz am Supermarktregal
Während Weinliebhaber die Rebsorte, den Boden und den Jahrgang studieren, während Craft-Bier-Fans über Hopfensorten debattieren, bleibt der durchschnittliche Kaffeetrinker jedenfalls seltsam unempfänglich für die Geschichten, die in seiner Bohne stecken. Dabei sind schon die wirtschaftlichen Basics ergreifend: Deutschland ist der größte Importeur von Rohkaffee in Europa und einer der bedeutendsten weltweit. Jedes Jahr importieren deutsche Unternehmen über eine Million Tonnen grüne Kaffeebohnen aus Ländern wie Brasilien, Vietnam und Uganda. Wie kann etwas derart Exotisches uns gleichzeitig so landläufig egal sein? Die grünen Bohnen sieht man jedenfalls nie, genau wie viele andere Aspekte dieses Milliardengeschäfts erstaunlich intransparent für Konsumenten bleiben. Aber vielleicht schauen wir auch einfach nicht gerne und genau hin.
Denn während wir uns seit den vergangenen 20 Jahren sehr bewusst dafür interessieren, wo unser Gemüse wächst oder welches Öl wir für den Salat wählen, könnte ich nicht sagen, woher die Bohnen kommen, die gerade im Reservoir meiner Kaffeemühle liegen und noch weniger, unter welchen Bedingungen sie geerntet wurden. Klar, stünde vermutlich alles auf der Packung: Fairtrade. Direct Trade. Single Origin. Arabica, Robusta, Honey Process, Natural Process. Höhenmeter. Koordinaten. Aber es sagt mir nichts, das Kaffee-Vokabular. Ich vergesse seine
Bedeutung sofort wieder.
War die Plakette mit „Rainforest Alliance Certified“ jetzt das bessere „UTZ-Certified“? Und wie verhält sich beides wiederum zum EU-Bio-Logo, dem Demeter- oder dem Fairtrade-Siegel auf der Packung? Wird das alles wirklich kontrolliert? Was umfasst noch mal der groß-
spurige 4C-Kodex für nachhaltige Kaffeeproduktion, den man auch manchmal auf Packungen sehen kann? Und brauche ich alle oder reicht ein Siegel? Grübeleien am Einkaufswagen, an deren Ende ich doch wieder das kaufe, was im Angebot ist.
Vielleicht, ganz vielleicht liegt hinter dieser Ignoranz am Supermarktregal auch die leise Ahnung, dass meine gute Tasse Kaffee nicht so gut ist, wie ich denke. Dass hinter unser aller Koffeinsucht und den Millionen importierter Tonnen und den Milliarden getrunkener Tassen wahrscheinlich irgendwo geopolitische Ungerechtigkeiten, Ressourcenausbeutung und Spekulationen lauern. Denn so ist es doch mit Abhängigkeiten und einem übermäßig geliebten Massenprodukt, mag es auch noch so harmlos sein: Irgendjemand muss immer dafür bezahlen. Und eine Erfahrung haben wir schließlich alle in den vergangenen Jahrzehnten beim Einkaufen gemacht: Dass hinter jedem Produkt auch noch eine Geschichte steckt, die etwas anderes erzählt als das, was die Werbung verspricht. Und auch dass uns als Kundinnen und Kunden heute eine gewisse Mitverantwortung und Einkaufsmündigkeit zukommt, haben wir eigentlich verinnerlicht.
Aber gerade bei einem Wohlfühlthema wie Kaffee, befürchte ich, dass ich nur zu wenig Kompromissbereitschaft fähig bin. Gedankenspiel: Würde man das Kaffeetrinken aufhören, wenn rauskommt, dass es nicht mehr zeitgemäß ist? Mit Thunfisch, Gänsestopfleber, Eiern aus Käfighaltung und zehn anderen Beispielen ist es ja so gelaufen, da haben die Endkunden irgendwann Alternativen gefordert und bekommen. Weil es jeweils gute Argumente gegen ein „Weiter so!“ gab. Aber wohl auch, weil diese Produkte und Zutaten eben nicht essenziell für unser gutes Leben waren.
Kaffee ist aber essenziell, Kaffee muss, siehe vorne, immer da sein. Deswegen lasse ich mich mit irgendeinem Fair-Siegel auf der Packung ganz leicht beruhigen, ohne die Hintergründe auch nur ansatzweise zu kennen. Wird schon gut sein! Aber bitte nicht tiefer schürfen und dann womöglich vor Entscheidungen stehen, die meine ganze Existenz als Kaffeetrinker bitter machen.
Der fehlende Fachverstand für das Produkt
Vielleicht liegt es auch an der Komplexität des Produkts selbst, dass die Beschäftigung damit bei vielen recht vage bleibt: Kaffee entsteht in einem Netz aus ökologischen, sozialen und ökonomischen Beziehungen, die zu durchdringen deutlich länger dauert als eine Tasse zu brühen. Und: Er wächst eben nicht vor der Haustür, nicht mal ansatzweise. Könnte ich auf der Karte den Kaffeegürtel, also die Anbauländer der Welt, annähernd einzeichnen? Weiß ich, wie die Blätter einer gesunden Kaffeepflanze aussehen? Wie man die Bohnen erntet? Wie alt sie sind, wenn ich sie kaufe, wie lange sie sich in ihrem Ventilbeutel halten?
Nein, all das weiß ich nicht, obwohl ich zu einem guten Teil selbst aus Kaffee bestehe, zumindest morgens. Bei Brot, Wein und sogar Gin hat sich mein Fachverstand in den vergangenen 15 Jahren zum Teil drastisch erhöht. Bei Kaffee? Kaum. Vielleicht liegt das auch daran, dass Kaffee in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten nie wirklich ein Luxusgut war und auch nicht als Delikatesse wahrgenommen wird, sondern eben eine eher funktionale Rolle im täglichen Ablauf übernimmt. Er ist Wachmacher, Arbeitsbegleiter, Warmhalter oder Treibstoff. Man ist oft allein mit ihm und diskutiert ihn dann so wenig wie den Boden unter seinen Füßen. Und selbst wenn man in einer geselligen Runde Kaffee trinkt, macht man das Getränk selbst ja nahezu nie zum Inhalt, ähnlich wie Zigarettenraucher kaum je über die Attribute ihres jeweiligen Tabaks sprechen.
Die Bequemlichkeit beim Brühen
Ein weiterer Grund für dieses Desinteresse aus Liebe liegt womöglich in der über lange Zeit erfolgten ökonomischen Glättung des Produkts. Viele Marken bedienten jahrzehntelang genau die Verlässlichkeit, Vertrautheit und Wiedererkennung, die wir mit unserem täglichen Kaffee verbinden. Schmeckt wie bei Oma!
Das Packungsdesign überdauerte die Zeiten genau wie die Werbeslogans. Man hatte vielleicht seine Marke, aber man wusste nicht so recht, warum. Denn wo Unterschiede nivelliert werden, da schrumpft der Bedarf nach Wissen. Das Kaffeemarketing kam ein halbes Jahrhundert lang mit denselben Begriffen aus: vollmundig, harmonisch, traditionell, kräftig. Derlei genügte den meisten Kunden als Qualitätsmerkmal und war vage genug, um alles darunter zu sortieren und keine neuen Geschmackswünsche aufkommen zu lassen.
Interessiert mich also eigentlich die Bohne? Das erste vorsichtige Ja auf diese Frage flüsterte mir eine innere Stimme ein, als ich vor ein paar Jahren in der Markthalle in Kopenhagen unbeabsichtigt in eine Kaffeeverkostung geriet. Bärtige Hipsterjungs sprangen da mit schwerem Stiefel und dünnhalsigen Aufgußkannen herum und brühten nach einem strengen System per Hand tassenweise Kaffee vor mich hin, den ich mit geschlossenen
Augen testen sollte. Tatsächlich schmeckte ich da zum ersten Mal richtig tief in Kaffee hinein. Also über die heiß-schwarz-vollmundig-Grenze hinaus.
Es war wie ein ganz neues Getränk, das sich mir in diesem Moment etwa so vorstellte: Hallo, Vollidiot, ich bin übrigens Kaffee! Alles Harte, Ölige oder Schwere war verschwunden. Ich schmeckte Karamell, Vanille und Blüten. Es war toll, Kaffee 3.0. Und in diesem Moment fragte ich mich, warum ich mich noch nie richtig für mein Lieblingsgetränk interessiert hatte.
Die bärtigen Jungs erzählten vom Selbströsten und von ihren Reisen nach Honduras und Brasilien und von ihrem Austausch mit kleinen Familien, die seit Generationen Kaffee anbauten. Botschaft des Nachmittags: Eine bessere Kaffeewelt ist möglich, ganz einfach mit Handaufguss und guten Bohnen.
Verdacht: Wenn ich und alle anderen vielleicht schon früher angefangen hätten, uns für das Ausgangsprodukt und seine wahren Bedürfnisse zu interessieren, statt ständig nur neue Geräte zu kaufen, hätten wir heute alle vielleicht schon ganz anderen Kaffee im Supermarktregal und in der Tasse. Weil dann auch die Massenhersteller schon früher gemerkt hätten, dass geschmackliche Nuancen und Einzigartigkeit gewünscht sind. Dass nach fünfzig Jahren Einheitsgeschmack mehr Vielfalt in die Regale einziehen darf und die Kunden nicht nur bereit sind, dazuzulernen, sondern eben auch mehr zu bezahlen, wenn sie auch mehr von ihrem Kaffee haben. Von mir kann ich sagen: Die einfachste Art, Gewohnheiten zu ändern, ist, wenn ich das Gefühl habe, dabei zu gewinnen. Und diese Kaffees in Kopenhagen waren ein Gewinn.
Ich kaufte also noch in der Markthalle eine Bohnenmischungen, notierte mir Blooming- und Brühzeiten und Wassertemperatur. Daheim machte ich nach ein paar
Wochen trotzdem alles wie immer. Bequemlichkeit ist beim Umgang mit Kaffee ein entscheidender Faktor, glaube ich. Die schnelle Tasse Kaffee zwischendurch ist so sehr eine selbsterfüllende Prophezeiung, dass ich dafür nicht immer mit Hipsterklimbim und selbst importierten Nischenbohnen hantieren möchte. Geschmackliche Exzellenz ja, Nachhaltigkeit gerne, aber bitte alles alltagstauglich einfach. Die Wege des Konsumenten sind eben nicht immer ganz logisch – aber immer schön einfach.
Die Selbstbezichtigung des Konsumenten
Der zweite Moment, an dem ich mich kaffeekritisch angesprochen fühlte, ist noch gar nicht so lange her, ein halbes Jahr vielleicht. Scheinbar über Nacht war Kaffee damals bekanntlich doch zum Luxusartikel geworden: Eine Packung Bohnen, die bei mir vielleicht zehn Tage hielt, war selbst ganz unten im Regal noch richtig teuer. Warum das so war, erklärte mir ausgerechnet die Schauspielerin Maria Furtwängler, in deren Vortrag ich ähnlich zufällig geriet wie seinerzeit in die Kaffeeverkostung in Kopenhagen. Furtwängler engagiert sich heute zunehmend für Themen wie Umweltschutz und Biodiversität und sprach an diesem Abend in eindringlichen Worten davon, dass ökologische und ökonomische Interessen durchaus Hand in Hand gehen können – oder sogar müssen. Als Beispiel kamen auch die Kakao- und Kaffeepreise zur Sprache, die sich zum Teil direkt auf den Klimawandel und jahrzehntelangen Ressourcenmissbrauch zurückführen lassen. In Anbauländern haben extreme Witterungsereignisse wie Dürre oder Starkregen die Kaffeeproduktion beeinträchtigt und das Angebot verknappt.
Gleichzeitig haben die Monokulturen im konventionellen Kaffeeanbau den Krankheits- und Schädlingsbefall verschärft. Das alles war mir in dieser Direktheit nicht nur neu, ich fühlte mich von diesen Fakten richtiggehend ertappt. Wer hatte schließlich immer den größten Bohnenpack im günstigsten Angebot gekauft? Wer hat mit seinem zügellosen Kaffeekonsum ein Vierteljahrhundert lang dazu beigetragen, dass die Bauern Monokulturen ausreizen mussten und der Natur keine Regeneration lassen konnten? Ich.
Immerhin bezichtigten sich vermutlich viele Zuhörer im Saal selbst. Selbst schuld, dass der Kaffee so teuer ist! Und eben auch: Selbst schuld, dass Kaffee immer gleich schmeckt. Ein zweites Aha-Erlebnis. Es war an diesem Abend, als hätte der Kaffeegott einen blonden „Tatort“-Engel auf die Bühne gestellt, der uns in sanften Worten daran erinnerte, dass Kaffee mehr Interesse und mehr Sorgfalt verdient. Interesse, das wir doch auch Brot,
Gemüse und Fleisch zukommen lassen.
Was bleibt von diesen beiden kleinen Erscheinungen? Eine tröstliche Erkenntnis zunächst: Keiner muss auf seine tägliche Tasse verzichten, keiner muss beim Kaffeetrinken gleich die Welt retten. Es ist eher ein moderater Weckruf oder besser gesagt eine freundliche Mahnung: Wir alle sollten zumindest wissen, dass unsere friedliche kleine Koffeinsucht durchaus unfriedliche Auswirkungen auf andere Teile der Welt haben kann.
Gerade weil es so ein Alltagslebensmittel und ein so bedeutender Wirtschaftsfaktor ist, hat unser aller Umgang mit diesem Produkt eine deutlich spürbare Hebelkraft. Er kann Strukturen stabilisieren oder sie verändern. Er kann Ausbeutung verlängern oder sie lindern. Ob mit Siegel oder ohne – Hintergründe und Auswirkungen des Kaffeegeschäfts lassen sich für uns mündige Konsumenten heute so genau nachvollziehen wie für keine Generation vor uns.
Alles, was jetzt noch nötig wäre, ist ein wenig Aufmerksamkeit und der Wille, auch auf diesem Feld Genuss und Verantwortung zu verbinden. Dann lässt sich eine neue Wahrheit leicht akzeptieren: Die Kaffeebohne war jahrzehntelang nur vollmundig und heile Welt, heute aber ist sie auch ein Wachrüttler – in eigener Sache. //
Dieser Text stammt aus unserer Redaktion Corporate Publishing.