Kreativität? Unsere Superkraft!
Jeder Mensch ist kreativ. Natürlich erfindet nicht jeder gleich die Geschirrspülmaschine oder malt die Mona Lisa. Doch darum geht es auch gar nicht. Es geht vielmehr um den Mut, Gängiges und Gewohntes zu hinterfragen: Wie könnte es vielleicht anders gehen?
Auch unser Autor hat sich diese Frage gestellt – und bekam von einer inneren Stimme ein paar überraschende Antworten. Ein Zwiegespräch über das Wesen der Schöpfungskraft zwischen ihm und seinem kreativen Ich.
Der Autor: Mein Chef sagt, es läuft nicht gut, wir müssen uns was einfallen lassen: Ich müsse mal kreativ werden. Was soll ich denn jetzt tun?
Seine innere Stimme: Tipps zur Erhöhung der Kreativität googeln?
Sehr witzig! Habe ich natürlich versucht. Aber ich weiß immer noch nicht, was er von mir erwartet. Was heißt das überhaupt: Kreativität?
Kreativität ist die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist. Das ist die Definition des „Creativity Research Journal“, einer wissenschaftlichen Publikation über Kreativität. Anders gesagt: Menschen sehen Probleme und lassen sich etwas einfallen, um sie schnell und effektiv zu lösen.
Das klingt wie eine Superkraft.
In gewisser Weise ist das auch so. Die Erfolgsgeschichte der Menschheit basiert auf Einfallsreichtum. Wir haben viel erfunden: Rad, Geschirr, Papier, Buchdruck, Dampfmaschine, Penicillin, Telefon, Kernspaltung, Antibabypille, Computer, Internet … Die Liste ist endlos. Und wir haben damit stetig unser Leben verbessert. Allein die Reisegeschwindigkeit: Vor dem 19. Jahrhundert schafften Reisende bis zu 40 Kilometer am Tag. Heute überwindet jedes Verkehrsflugzeug bis zu 900 Kilometer – in einer Stunde!
Aber ich bin nun mal kein Erfinder! Ich habe einfach keine Superkraft.
Doch, die hast du. Alle Menschen sind kreativ, das lässt sich gar nicht verhindern. Auch du. Du glaubst es nur nicht, weil deine Ideen nicht viel bewegen. Tatsächlich wird offiziell zwischen alltäglicher und außergewöhnlicher Kreativität unterschieden. Die erste umfasst die kleinen und großen Ideen, die wir uns Tag für Tag einfallen lassen. Lifehacks zum Beispiel. Oder kleine Einfälle beim Kochen.
Honig-Senf-Sauerkraut! Lecker!
Zum Beispiel. Als außergewöhnliche Kreativität gilt dagegen, was zu großen Entwicklungen führt, die vielen Leuten nützen. Das müssen nicht mal Sternstunden der Menschheit sein. Es reicht, wie Josephine Cochrane die Geschirrspülmaschine zu erfinden. Cochrane war eine wohlhabende, aber ansonsten ganz normale Frau im amerikanischen Illinois des 19. Jahrhunderts, die frustriert war, weil ihre Angestellten beim Abwasch ständig Porzellan zerbrachen. Also maß sie ihr Geschirr aus und baute passende Fächer aus Draht, die sie am Rand eines Rades befestigte. Das drehte sich über Düsen, die Wasser verspritzten. Fertig war der erste Geschirrspüler. Weltbewegend war das nicht. Und doch hat es bis heute das Leben vieler Menschen verbessert.
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, eine Geschirrspülmaschine zu bauen.
Das sagst du jetzt. Aber Kreativität ist ein Prozess. Und die Ideenentwicklung ist nur ein Teil davon. Davor kommt der Möglichkeitssinn: die Vorstellung, dass es überhaupt besser gehen könnte. Josephine Cochranes größte kreative Leistung war nicht die Entwicklung der Maschine, sondern dass sie daran glaubte, dass es eine bessere Methode zur Reinigung des Geschirrs gibt, als der seit Ewigkeiten übliche Abwasch.
Lässt sich das überhaupt vergleichen? Mein Leben heute ist doch ganz anders als das Leben von Josephine Cochrane im 19. Jahrhundert.
Das stimmt. Ganz lange war es keine Frage, was gebraucht wurde, weil die Menschen die meiste Zeit nur fürs Überleben gearbeitet haben. Es war immer klar, was sich ändern musste: Größere Ernten. Bessere Medikamente. Weniger Arbeit. Mit der Zeit wuchs das Wissen, mit der Wissenschaft wurde es systematischer genutzt, was die Kreativität und das technologische Entwicklungstempo in den vergangenen Jahrhunderten enorm beschleunigte. Deshalb haben wir heute die Freiheit, uns zu überlegen, was wir als Nächstes verbessern wollen.
Und genau da fällt mir nichts ein. Es gibt doch schon alles. Was soll ich denn noch erfinden?
Es geht nicht nur um neue Maschinen, Materialien oder Produktionsmethoden. Damit haben wir es seit der Industrialisierung wirklich weit gebracht. Wir brauchen etwas anderes. Da hat dein Chef schon recht. Aber das schaffen wir. Denn neben der problemlösenden Kreativität, die vor allem Wissenschaftler und Erfinder auszeichnet, gibt es auch noch die schöpferische Kreativität, mit der vor allem Künstler und Denker arbeiten. Bei ihnen dreht sich alles um Ausdruck und Originalität, darum, Grenzen zu sprengen und frei zu denken. Kunst, Literatur, Musik, Architektur oder Design wären ohne schöpferische Kreativität überhaupt nicht möglich. Ohne sie hätte Beethoven nicht die Neunte Sinfonie und Paul McCartney nicht „Yesterday“ komponiert.
Du meinst, ich soll einfach mal ein bisschen rumspinnen und hoffen, dass eine gute Idee dabei ist? So wie der britische Autor H. G. Wells, der in seinem Roman „Befreite Welt“ die Atombombe vorhergesehen hat? Oder wie der Amerikaner William Gibson, der in seinem Roman „Neuromancer“ das Internet vorhersagte? Super Idee! Dann schreibe ich ein Buch über eine gepolsterte Welt, in der ich mich nicht verletze, wenn ich wegen deines Blödsinns in Ohnmacht falle.
Nein, das meine ich nicht. Das ist nur eine andere Art von Erfinden. Doch dafür haben wir wirklich kaum noch Bedarf. Du hast schon recht, es gibt alles. Oder richtiger: Wir haben zumindest das Gefühl, alles Wesentliche wäre schon da: die Schrift, die Zahlen, das Geld … Was soll noch kommen? Und deshalb verbessern wir in erster Linie: Wir machen unsere Staubsauger und Rasenmäher eben noch ein bisschen schneller und leistungsfähiger.
Und was willst du mir damit nun genau sagen?
Dass das nur eine Übergangsphase sein kann: Die nächsten großen Umwälzungen zeichnen sich schließlich schon ab. Wahrscheinlich werden wir bald von autonomen Autos von A nach B chauffiert, während KI-Agenten unser Leben organisieren und Roboter einen Großteil unserer Arbeit übernehmen. Und wer weiß denn, was alles passiert, wenn wir die Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz oder Quantencomputing erst so richtig für uns zu nutzen wissen?
Ich hoffe, die Welt ist bald gepolstert. Das wird mir alles zu viel. Ich kippe gleich um!
Das ist gar nicht mal so abwegig. Ich meine, eine gepolsterte Welt, nicht, dass du umkippst. Es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder Ideen, die zu einer grundsätzlichen Neuorientierung und enormem Fortschritt geführt haben. Zum Beispiel in der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert: Heute denken wir bei dieser Epoche an die Meisterwerke von Leonardo da Vinci oder Michelangelo. Aber die größte Leistung war die Betonung des menschlichen Potenzials. Der Humanismus betrachtete den Menschen als bewussten Urheber seiner Handlungen, indem er seine Schöpfungskraft neben die des zuvor unerreichbaren Gottes stellte. Das war der Anfang einer goldenen Ära, von deren Errungenschaften wir auch heute noch profitieren. Und der wir übrigens auch das Konzept der Kreativität verdanken.
Klar, ich erfinde den Humanismus 2.0. Für die Spülmaschine hat es leider nicht gereicht, aber das kriege ich spielend hin, logisch!
Auch ein Talent des Menschen: sich dummstellen, sobald es ungemütlich wird. Damit bist du nicht allein: Wir tun gerade alle so, als könnte es immer so weitergehen. Obwohl wir ganz genau spüren, dass das nicht stimmt. Das Ächzen der Erde in Folge des Klimawandels oder das Knirschen in allen Demokratien der Welt kann schließlich niemand überhören!
Aber im Ernst, wie soll das bitte funktionieren: Woher soll denn eine ganz neue Idee für die Welt kommen?
Klar, das dauert. Veränderung besteht aus vielen kleinen Schritten und zieht sich über eine lange Zeit. Zudem werden große Erfindungen nur selten von nur einer Person gemacht. Es gab nie den einen Menschen, der morgens aufgewacht ist und gesagt hat: „Ich habe die Zahlen erfunden! Hier sind schon mal die 1, 3, 5, 7 und 9 und morgen kommen die geraden.“ Ideen werden oft über Jahre von vielen klugen Köpfen immer weiterentwickelt – bis sie endlich zu gebrauchen sind. Das ist ein Grundprinzip der Kreativität. Und das gilt erst recht für große Entwicklungen, die unser gesamtes Zusammenleben verändern.
Also: Abwarten und Tee trinken?
Kaffee – und beim Trinken den Blickwinkel überdenken, genau. Vielleicht brauchen wir unsere Kreativität im Moment, um unser aller Zusammenleben neu zu ordnen. Technologisch ist die Menschheit in so kurzer Zeit so weit gekommen, dass die gesellschaftliche Entwicklung nicht Schritt halten konnte. Viele Konzepte, auf denen unsere Welt beruht, scheinen heute vielfach fragwürdig.
An was denkst du?
Menschen glauben nicht mehr an Gott, weil das den Naturwissenschaften widerspricht. Der Profit einer Firma sagt nichts mehr über ihren Wert, weil wir neben den betriebswirtschaftlichen Kosten jetzt auch langfristige gesellschaftliche Kosten sehen, die oft höher sind. Wir können uns auf nichts mehr einigen, weil vieles, was uns noch vor Kurzem selbstverständlich erschien, nicht mehr funktioniert. Vermutlich brauchen wir wirklich nichts dringender als einen neuen Blick auf die Welt.
Aber braucht es für so eine gesellschaftliche Neuordnung nicht ein paar kreative Vordenker, die vorangehen?
Tja, das Führungspersonal … auch so eine Sache! Im Grunde haben sich Hierarchien erledigt. Früher hatte es mal Sinn – zumindest theoretisch –, dass Wissen vertikal organisiert war. Oben verstanden sie mehr als unten. Von den Kaisern des Römischen Reichs bis zu den Konzernchefs der Wirtschaftswunderjahre hatten Anführer mehr Information, mehr Erkenntnis, mehr Einblick. Sie hatten Herrschaftswissen und leiteten daraus ihren Anspruch ab, bestimmen zu dürfen, wo es langgeht.
Das ist doch heute nicht anders!
Oh doch! Heute treffen sich die Menschen in virtuellen Räumen, kommunizieren mit Maschinen und verbünden sich mit künstlichen Intelligenzen, um produktiver zu werden. Die Welt ist so komplex und schnell geworden, dass auch die klügsten Chefs sie kaum noch überblicken. In ihrer Überforderung sind alle Menschen gleich.
Ich hätte googeln sollen. Du hilfst mir echt nicht weiter. Ich kann meinem Chef doch nicht sagen, dass wir die Hierarchie abschaffen müssen.
Wieso denn nicht? Unsere Kreativität war lange auf die materielle Welt fokussiert, weil es uns an allem fehlte. Jetzt sind wir soweit: Wir könnten tatsächlich den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Wir können unseren Einfallsreichtum für Kommunikation nutzen, für die Entwicklung unserer Gesellschaft, für eine gesündere Umwelt, ein stabileres Gesundheitssystem, für neue Partnerschaften – oder auch für ganz neue Strukturen bei der Arbeit. Lass dir was einfallen!
Um am Ende mehr Zeit zu haben?
Genau! Noch ist Geld unser Maßstab für alles. Aber vielleicht ist es in hundert Jahren die Zeit? Wir waren Jahrtausende auf den Raum konzentriert, in dem wir leben, und du siehst, wohin uns das gebracht hat. Wer weiß, was unsere Superkraft erschafft, wenn wir sie auf die Dimension Zeit ausrichten.
Zeitreisen!
Nein: Zeitnehmen. Um besser miteinander klarzukommen. Um besser mit uns selbst klarzukommen. Um besser zu wissen, wer wir sind und was wir eigentlich wollen. Unsere Kreativität hat uns Zeit geschenkt. Jetzt müssen wir überlegen, was wir damit anfangen. //
Dieser Text stammt aus unserer Redaktion Corporate Publishing.