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Der Beruf des Betriebsarztes

Betriebsärzte müssen den Interessen des einzelnen Mitarbeiters, seinen Kollegen, Vorgesetzten und des Unternehmens gerecht werden. Kein leichter Job. Aber einer, in dem sich viel bewegen lässt – wenn man ihn richtig macht.




• Sylvia Erdlenbruch ist Betriebsärztin. Wenn sie eine Schweißerwerkstatt besucht, schaut sie sich erst einmal um: Ist der Arbeitsplatz aufgeräumt und sauber? Funktioniert die Absaugung? Dann spricht sie mit den Mitarbeitern, fragt sie nach Problemen und Beschwerden. Manche lassen sich leicht beheben: Wenn es jemanden in der Wirbelsäule zieht, reicht es vielleicht schon, einen Tisch höher zu stellen. Doch was ist mit Arbeiten, die sich nur mit den Händen über dem Kopf ausführen lassen und auf Dauer zu Schulter- und Rückenschmerzen führen können? In so einem Fall sind weiter reichende Lösungen gefragt. Erdlenbruch empfiehlt dann oft Sport, um den Muskelaufbau und die Flexibilität zu verbessern.

„Man muss einen Weg für sich finden, um sich nicht ständig an Dingen zu reiben, die man nicht ändern kann“, sagt die Medizinerin und spricht dabei nicht nur über die Mitarbeiter, die sie unterstützt. Auch in ihrer eigenen Tätigkeit ist mangelnde Anpassungsfähigkeit schlecht für das Wohlbefinden. Gerade ist sie von einer zweitägigen Dienstreise zurückgekehrt, hat einen Berg E-Mails und Verwaltungsarbeit bewältigt und zwischendurch eine Fortbildung für junge Kollegen geleitet. „Die Leute stehen vor meiner Tür Schlange“, fasst die 56-Jährige ihren Arbeitstag trocken zusammen.

Es gibt sie immer wieder, diese stressigen, langen Tage. Doch als Arbeitsmedizinerin muss sie zumindest keinen Schichtdienst in der Notaufnahme mehr leisten, wie früher, bis sie irgendwann spürte, dass ihre Verfassung und ihre Familie darunter litten. Damals, vor einem guten Jahrzehnt, tat Sylvia Erdlenbruch für sich selbst das, was sie als Betriebsärztin tagtäglich für andere tut: die Arbeitssituation analysieren, Alternativen finden, die Umsetzung angehen. Das ist eine der zentralen Aufgaben der Arbeitsmediziner: möglichst frühzeitig und möglichst strukturell zu handeln, um die Gesundheit der Menschen an ihrem Arbeitsplatz zu erhalten.

Eigentlich wollte Erdlenbruch Chirurgin werden. Doch zugunsten ihrer Ehe und den drei Kindern brach sie die Ausbildung kurz vor der Facharztprüfung ab. Als sie mit 40 endlich in den Beruf einsteigen wollte, war an eine Karriere in der Chirurgie nicht mehr zu denken. Wegen der angenehmeren Arbeitszeiten entschied sie sich, Betriebsärztin zu werden – obwohl sie dafür zunächst zwei Jahre in die Provinz pendeln musste, um eine Ausbildung im Bereich Innere Medizin zu absolvieren. Gegen die hatte sie immer eine Aversion gehegt, sagt sie lächelnd, doch dann habe sie zu ihrer größten Überraschung festgestellt, dass ihr das Fach und das Drumherum durchaus Spaß bringen. Inzwischen ist Erdlenbruch seit elf Jahren Arbeitsmedizinerin – und hat ihre Entscheidung keinen einzigen Tag bereut.

Prävention statt Therapie

Tatsächlich sei das Fach für viele Ärzte erst eine zweite große Liebe, weiß Volker Harth, der das Hamburger Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin leitet und als Professor am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf Arbeitsmedizin lehrt. Harth berichtet von niedergelassenen Ärzten, die nach zwanzig Berufsjahren von den Grenzen der kurativen Medizin enttäuscht sind, weil sie für ihre Patienten kaum vorbeugend wirken können. Viele würden sehr viel lieber etwas tun, bevor eine Erkrankung ausbricht, sagt er. „Diese Kollegen sind fasziniert vom Ansatz der Arbeitsmedizin, in der sie junge und gesunde Patienten präventiv beraten können, statt sie erst später als Kranke in ihrer Praxis zu sehen.“ Harths Worte sind mit Bedacht gewählt, denn auch wenn sich der Beruf des Arbeitsmediziners in weiten Teilen mit den Aufgaben eines Hausarztes überschneidet, gibt es zwischen beiden doch einen wesentlichen Unterschied: Betriebsärzte führen keine therapeutischen Maßnahmen durch – der Fokus ihrer Arbeit liegt auf Beratung, Vorbeugung und Früherkennung.

Sylvia Erdlenbruch hat noch eine Reihe anderer Aufgaben, sie leitet inzwischen die Hamburger Niederlassung der Institut für Arbeits- und Sozialhygiene Stiftung (IAS), die unter anderem Arbeitgeber in ganz Deutschland beim betrieblichen Gesundheitsmanagement berät und betreut. Im Hamburger Zentrum führt die Medizinerin ein interdisziplinäres Team von 40 Mitarbeitern. Die Ärzte sind in Betrieben unterwegs und organisieren darüber hinaus Eignungstests und Pflichtuntersuchungen. Auch Erdlenbruch selbst berät andere Firmen in arbeitsmedizinischen Fragen, allerdings nicht mehr so oft wie früher: Sie betreut ein Hamburger Nahverkehrsunternehmen.

Grundsätzlich ist jeder Betrieb mit mindestens einem Mitarbeiter gesetzlich verpflichtet, eine arbeitsmedizinische Betreuung anzubieten, um die Gesundheit am Arbeitsplatz zu gewährleisten. Kleinere Unternehmen beauftragen dafür meist einen Betriebsarzt im Rahmen eines Beratungsvertrags, für größere Unternehmen rechnen sich häufig eigene Werksärzte. Insgesamt verzeichnet die Bundesärztekammer für das Jahr 2013 exakt 12 430 „Ärztinnen und Ärzte mit arbeitsmedizinischer Fachkunde“, 5998 davon haben eine Weiterbildung in Betriebsmedizin absolviert. Wie viele der ausgebildeten Arbeitsmediziner in Deutschland tatsächlich in ihrem Beruf aktiv sind, weist allerdings keine Statistik aus.

Zu den wichtigsten Aufgaben der Mediziner im Unternehmen gehören die Unfallverhütung und das Aufspüren langfristiger Bedrohungen für die Gesundheit der Mitarbeiter. Betriebsärzte sehen sich die Arbeitsplätze an und suchen nach Gefahrenquellen. Das kann zum Beispiel Lärm sein, sagt Sylvia Erdlenbruch: In einer Reparaturwerkstatt für Züge arbeiten Handwerker mit sehr lauten Schlagbohrern – tragen sie keinen Gehörschutz, droht Schwerhörigkeit. Auch Giftstoffe können ein Problem sein, wenn etwa mit lösungsmittelhaltigen Klebern Bodenbeläge in Eisenbahnwaggons fixiert werden – in solchen Fällen helfen Atemschutzmasken.

Kompetenz und Zeit

Betriebsärzte lernen die meisten ihrer Patienten bei Pflichtuntersuchungen kennen, in denen es nicht um aktuelle Beschwerden geht. Das hat den Vorteil, dass sie Raum für einen offenen, umfassenden Blick haben. Außerdem sind die Betriebsärzte in der Regel die einzigen Mediziner, die die Arbeitsumgebung der Menschen kennen. Damit nehmen sie im Gesundheitswesen eine Sonderstellung ein. „Wir haben einen speziellen Zugang zum Einzelnen und können ihn deshalb umfassend beraten“, sagt Sylvia Erdlenbruch.

Hinzu komme ein weiteres, entscheidendes Plus gegenüber den Hausärzten: „Während die Beratungszeit der niedergelassenen Ärzte stetig schrumpft, haben wir die Muße, den Menschen zuzuhören.“ Zu Erdlenbruchs Team gehören neben achtzehn Medizinern mit unterschiedlichen Facharztausbildungen drei Psychologinnen und drei Sozialberaterinnen. Kein Wunder also, dass viele Arbeitnehmer die Pflichtuntersuchungen beim Betriebsarzt auch dazu nutzen, um mit den Spezialisten über persönliche Probleme zu sprechen.

Die medizinischen Untersuchungen ergeben nicht selten überraschende Befunde. „Wir finden immer wieder bis dahin nicht erkannte Erkrankungen“, sagt Erdlenbruch. Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, alle erdenklichen orthopädischen Probleme: Es sind die klassischen chronischen Leiden, die die Hamburger Arbeitsmediziner am häufigsten diagnostizieren. Die Auslöser und Ursachen dafür lägen allerdings selten allein in der Arbeit begründet, so die Ärztin. Zwar führen bestimmte körperliche „Zwangshaltungen“, etwa bei der Instandhaltung oder Reinigung von Zügen, Bussen und Flugzeugen, auf Dauer zu Abnutzungen von Gelenken und der Wirbelsäule. Aber klare Ursache-Wirkungs-Ketten oder eindeutige Zusammenhänge zwischen Gefahrenstoffen und einer Folgeerkrankung wie der Staublunge des Bergmanns beispielsweise, gehörten zunehmend der Vergangenheit an, bestätigt auch Arbeitsmedizin-Experte Volker Harth.

Erdlenbruch nennt die alltäglichen Beobachtungen in den Betrieben deshalb „multifaktorielle Geschehen“: Die Menschen seien verschieden, sie hätten unterschiedliche genetische Dispositionen und ganz eigene Bewältigungsstrategien. Wenn es schlecht läuft, kommt eine latente Vorerkrankung auf unglückliche Weise mit einer bestimmten Tätigkeit zusammen – und eine Arbeitsunfähigkeit ist absehbar. In so einem Fall kann der Betriebsarzt einschreiten und Veränderungsvorschläge machen. Die können in einer flexibleren Arbeitszeit liegen, vielleicht kommen auch geänderte Arbeitsabläufe oder ein Wechsel auf einen anderen Platz infrage. Dabei sind Interessenkonflikte kaum zu vermeiden. „Wenn wir einem Mitarbeiter attestieren, dass er keinen Nachtdienst machen sollte, müssen den die Kollegen mit übernehmen“, erklärt Erdlenbruch. „So nimmt man einem die Belastung ab, bürdet sie aber anderen auf – die in derselben Arbeitsumgebung, die nicht immer ideal ist, auch gesund bleiben sollen.“

Daneben hat es natürlich auch für den Arbeitgeber Konsequenzen, wenn ein Angestellter seine Arbeit nicht mehr schaffen kann. Für den Mediziner ist das ein Dilemma: Einerseits ist der Betriebsarzt dem hippokratischen Eid verpflichtet, andererseits muss er die Erfordernisse der Firma berücksichtigen, die ihn bezahlt. Weil er als Mediziner der ärztlichen Schweigepflicht unterliegt, reicht er die Untersuchungsergebnisse ohne Erlaubnis des Arbeitnehmers selbstverständlich nicht an die Unternehmensleitung weiter – die Schlussfolgerungen daraus muss er jedoch vertreten. Das Vermitteln zwischen Mitarbeitern und Geschäftsführung ist deshalb ein wesentlicher und häufig genug auch sehr schwieriger Bestandteil des arbeitsmedizinischen Alltags.

Erdlenbruch nennt diplomatisches Geschick und Offenheit den Menschen und ihrem Umfeld gegenüber als wichtige Voraussetzungen für den Beruf des Betriebsarztes. Denn wenn jemand seinen Arbeitsplatz im Betrieb aus gesundheitlichen Gründen wechseln muss, spricht der Arbeitsmediziner nicht nur mit dem Betroffenen. Auf der Suche nach einer Lösung sitzt er oft auch mit dem Arbeitgeber, dem Betriebsrat und dem Schwerbehinderten-Vertreter an einem Tisch. Allerdings nicht, um zu verhandeln: Er tritt als Berater für alle Parteien auf.

Hilfe zur Selbsthilfe

Das macht die Sache kompliziert. Denn während die Rollenverteilung von Arzt und Patient in einer Praxis oder im Krankenhaus eindeutig ist, muss der Arbeitsmediziner immer auf mehrere durchaus berechtigte, oft aber sich widersprechende Standpunkte Rücksicht nehmen. „Ich vertrete nie nur Einzelinteressen“, sagt Erdlenbruch. „Wenn ich mich als Betriebsarzt eines Unternehmens um die Probleme eines Mitarbeiters kümmere, muss ich eine Position finden, die sowohl der Firma als auch dem Mitarbeiter gerecht wird.“ So eine Gratwanderung sei schwierig. Und weil die Lösung des Konflikts fast immer aus einem Kompromiss bestünde, seien von allen Seiten Offenheit und Flexibilität gefragt, auch vom Arbeitnehmer.

Tatsächlich sieht die Realität aber oft anders aus. „Viele verfallen nach einer Diagnose in eine Art depressive Schockstarre oder verlangen, dass ihr Arbeitgeber ihr Problem löst“, sagt die Ärztin. In solchen Fällen kann eine psychologische Beratung helfen, Wege aus der Krise zu finden. Dabei geht es immer auch um Hilfe zur Selbsthilfe. Denn nur wer motiviert sei, könne Unterstützung annehmen und Anregungen umsetzen. Und das ist der erste Schritt, wenn das Leben durch eine unerwartete Diagnose erschüttert worden ist.

Denn dann geht es zwar auch um Kosten, Organisatorisches und ganz konkrete Fragen: Wie bin ich versichert? Wie hoch ist im Ernstfall das Krankengeld? Welche Behandlung ist die beste? Was wird auf mich zukommen? Wie organisiere ich Arzt- oder Krankenhausbesuche? Wer kümmert sich um die Kinder oder die pflegebedürftigen Eltern? Aber vor allem geht es um den eigenen Körper: um Schmerzen, Beeinträchtigungen und Grenzen der Belastbarkeit – um nicht weniger als die Einsicht in die eigene Verletzlichkeit und ein ganz neues Selbstbild.

Dass die psychischen Belastungen in Familie und Beruf in den vergangenen Jahren zugenommen haben, macht die Sache nicht leichter. Seit sie als Arbeitsmedizinerin tätig ist, haben die Beschäftigten nach Erdlenbruchs Beobachtungen eine spürbare Arbeitsverdichtung erlebt, während zugleich der Druck im Privatleben stark gestiegen sei. „Die Gesellschaft verändert sich und mit ihr die Arbeitswelt“, weiß auch Professor Harth.

Aber gerade in dieser Situation kann die Arbeitsmedizin an vielen Stellen sehr hilfreich sein. Wenn die Mitarbeiter immer älter werden, kann sie zum Beispiel mit kleinen Maßnahmen dafür sorgen, dass Arbeitsplätze altersgerecht gestaltet werden, sodass Menschen mehr Wissen und weniger Körperkraft einsetzen können. Schlaue Jobrotations-Projekte reduzieren einseitige Belastungen und steigern die Zufriedenheit in der Belegschaft ebenso wie intelligente Sport- oder Bewegungsprogramme. „Wir werden uns aber auch intensiver als früher mit den psychischen Belastungen am Arbeitsplatz beschäftigen müssen“, meint Volker Harth. Sei es in der klassischen Arbeitsmedizin vor allem um Unfallgefahren und Schadstoffe gegangen, stelle sich inzwischen zunehmend die Frage, wie sich psychische Belastungen im Berufsalltag und im Privatleben bewältigen lassen.

Um ältere Menschen in den Arbeitsalltag zu integrieren, bedarf es allerdings zuerst einmal eines grundsätzlichen Umdenkens, glaubt Sylvia Erdlenbruch. „Wir dürfen den Blick nicht auf die Defizite einer Person richten, sondern müssen uns auf ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten konzentrieren.“ Sie plädiert dafür, Arbeitsroutinen neu zu gestalten, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren und Mitarbeitern mit Handicap eventuell einen gesunden Kollegen an die Seite zu stellen. „Wenn man die Probleme kreativ angeht, findet man auch kreative Lösungen.“

Eine echte Wahl, meint die Arbeitsmedizinerin, hätten die Unternehmen ohnehin nicht: Aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels kann es sich die Wirtschaft ebenso wenig leisten, auf ältere, erfahrene Mitarbeiter zu verzichten wie auf gute Leute mit Handicap oder chronischen Krankheiten. Die Unternehmen werden lernen müssen, aus schwierigen Situationen das Beste zu machen – so wie sich auch Mitarbeiter mit gesundheitlichen Einschränkungen im Berufsleben neu orientieren müssen. Arbeitsmediziner können beiden Seiten helfen: mit einer ganzheitlichen Beratung und dem spezifischen Know-how, das kein anderer Mediziner bieten kann.