So sieht es aus

01 Gute Besserung

In unseren Unternehmen bestimmen Jugend, Leistung, Flexibilität und Belastbarkeit das Ideal. Doch die Belegschaften werden älter und kränker. Und nun?





• Vielleicht hätte Sandra Kleves sich ernsthaft Gedanken machen sollen, als die bewährten Mittel aus der Hausapotheke nicht anschlugen. Begonnen hatte es mit lästigen, aber harmlos erscheinenden Durchfällen und Bauchschmerzen. Nach ein paar Tagen kamen schubweise Fieberattacken hinzu, es fanden sich Blut und Schleim im Stuhl. Bis zu fünfmal in der Stunde musste die 38-jährige Kölnerin zur Toilette; manchmal kam sie stundenlang nicht von dort weg. Sie krümmte sich vor Schmerzen, fühlte sich kraftlos, wie um Jahrzehnte gealtert. Ein besonders fieser Virusinfekt, vermutete sie. Und schleppte sich erst nach zwei Wochen zum Arzt.

Sie hat zunächst nicht verstanden, was er damit meinte, als er eine Entzündung des Dickdarms diagnostizierte und prophezeite, dass es ihr künftig immer wieder auch mal sehr schlecht gehen werde. Ja, ja, „Colitis ulcerosa“, wiederholte sie die Diagnose, im Kopf schon beim nächsten Marathonlauf, und wollte wissen, wann sie denn wohl wieder gesund sein werde. „Nein, Frau Kleves“, entgegnete der Arzt, „eine Colitis ulcerosa geht nicht einfach so weg. Die ist chronisch.“ Erst jetzt begriff die Patientin: Sie hatte eine Krankheit, die sie für den Rest ihres Lebens begleiten würde.

Chronisch krank – dieses Schicksal teilt Sandra Kleves nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts mit 43 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer in Deutschland. Für die Betroffenen bedeutet das eine langwierige Auseinandersetzung mit einer meist schweren Erkrankung, in der Regel bis zum Lebensende. Manche chronische Leiden schreiten nur langsam fort und verschlimmern sich ganz allmählich, andere beschleunigen sich rasant, wieder andere kommen und gehen in Schüben – unterbrochen von Phasen, in denen die Krankheit zum Stillstand kommt und trügerische Hoffnung auf Heilung aufkeimt. Fast nie lässt sich der Verlauf genau vorhersagen.

Eine Republik von Chronikern

„Chronisch krank“ ist keine medizinisch exakte Diagnose, sondern lediglich ein unscharfer Sammelbegriff für bleibende Leiden. Es existiert weder eine allgemein anerkannte Definition noch eine Liste mit einer klaren Aufzählung sämtlicher infrage kommender Krankheiten. Dass ernsthafte Funktionsstörungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Schlaganfall oder Erkrankungen der Herzkranzgefäße dazuzählen, ist Konsens. Gleiches gilt für Diabetes, Asthma, den klassischen irreversiblen Raucherhusten, Multiple Sklerose, Depressionen, dauerhaft deutlich zu hohe Werte für Blutdruck und Blutfettspiegel sowie für viele Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Bandscheibenvorfall, Rheuma oder Arthrose. Krebs wird in manchen Statistiken als chronische Krankheit geführt, in anderen nicht. In einigen Fällen wird auch unterschieden – zwischen Krebserkrankungen mit Aussicht auf vollständige Heilung und Verläufen, die bestenfalls eine Zeit lang kontrollierbar sind.

Glaubt man den Prognosen der Krankenkassen, Mediziner und Bevölkerungsstatistiker, verwandelt sich Deutschland in den kommenden Jahrzehnten geradezu unentrinnbar in eine Republik von Chronikern.

Verantwortlich dafür ist vor allem die demografische Entwicklung. Weil die Lebenserwartung steigt und gleichzeitig immer weniger Kinder geboren werden, altert die Bevölkerung. Bis zum Jahr 2030 wird der Anteil der Menschen über 65 Jahre von heute 21 Prozent auf 29 Prozent steigen. Auch der Anteil der Altersgruppe zwischen 60 und 64 Jahre wird zunehmen – von sechs Prozent im Jahr 2010 auf acht Prozent im Jahr 2030.

Mit zunehmendem Alter steigt das individuelle Risiko einer chronischen Erkrankung – von 22 Prozent in der Altersgruppe der 36- bis 45-Jährigen auf 32 Prozent (46 bis 55 Jahre) und schließlich sogar auf 46 Prozent (56 bis 65 Jahre). Während beispielsweise Muskel-Skelett-Erkrankungen lediglich bei etwa jedem vierten Deutschen zwischen 30 und 49 Jahren diagnostiziert werden, steigt der Anteil bei den 50- bis 64-Jährigen auf mehr als ein Drittel bei Männern und auf nahezu 50 Prozent bei Frauen.

Schon heute verursachen chronische Leiden in Deutschland einen Großteil der Krankheitskosten. Der Pharmakologe Detlev Ganten, ehemaliger Vorstandschef der Berliner Charité, schätzt sogar, dass „70 bis 80 Prozent der Kosten im Gesundheitswesen auf chronische Krankheiten entfallen“. Allein die Prävention, Behandlung und Rehabilitation von Herz-Kreislauf-Leiden schlugen laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2008 (neuere Zahlen sind nicht verfügbar) mit 37 Milliarden Euro zu Buche – das entsprach knapp 15 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben.

Das ist nicht nur für die Volkswirtschaft ein Problem – auch die Betriebe stöhnen schon jetzt unter der finanziellen Last der chronischen Erkrankungen. Nach groben Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin ist fast jeder zweite Arbeitnehmer in Deutschland dauerhaft krank; andere Berechnungen beziffern den Anteil der Chroniker in der Erwerbsbevölkerung auf ein Drittel. Einig sind sich aber alle Beobachter darin, dass sich die Situation dramatisch verschärfen wird, denn auch die Belegschaften altern. Bis zum Jahr 2020 wird allein der Anteil der Beschäftigten zwischen 55 und 59 Jahren im Vergleich zum Jahr 2009 um 27 Prozent steigen. Noch stärker schlägt der Effekt bei den 60- bis 64-Jährigen durch: Diese Altersgruppe erwartet ein Plus von 37 Prozent. In Unternehmen mit besonders vielen älteren Arbeitnehmern altern die Belegschaften im Durchschnitt um bis zu neun Monate pro Jahr.

Ein Problem, das wächst

Einen Effekt der Alterung ihrer Mitarbeiter spüren die Unternehmen heute schon: Ältere Arbeitnehmer werden zwar seltener krank als jüngere, doch die Daten der gesetzlichen Krankenversicherungen belegen, dass die Dauer der Arbeitsunfähigkeit mit zunehmendem Alter sukzessive ansteigt – von 5 Tagen pro Jahr bei den 15- bis 20-Jährigen auf mehr als 21 Tage bei der Altersgruppe ab 60 Jahre. Ältere Beschäftigte sind überdurchschnittlich häufig von Muskel-Skelett-Erkrankungen und Störungen des Herz-Kreislauf-Systems betroffen – Krankheiten, die erfahrungsgemäß eine Chronifizierung und längere Zeiten der Arbeitsunfähigkeit mit sich bringen.

Wenn ältere Leistungsträger oder Spezialisten lange Zeit ausfallen, weil sie zur Therapie, ins Krankenhaus oder in die Reha müssen, sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert oder sie unter einem akuten Schub leiden, bekommen Arbeitgeber die Folgen des demografischen Wandels mit Wucht zu spüren. In so einem Fall muss der Betrieb alles um den kranken Beschäftigten herum neu organisieren. Das erfordert eine enorme Flexibilität bei der Organisation der Arbeit. Denn oft ist nicht vorhersehbar, wie lange der Mitarbeiter ausfällt. Verbessert sich sein Zustand wieder? Steht bald der nächste Klinikaufenthalt an? Nicht selten schwingt die bange Frage mit: Wird das überhaupt noch mal was?

Fehlzeiten kosten – Präsentismus kostet mehr

Der wachsende Anteil chronisch Kranker schlägt direkt auf die Unternehmensbilanzen durch. Beim Energiekonzern Vattenfall Europe beispielsweise wurde für das Jahr 2013 berechnet, dass der Anteil der über 60-Jährigen sprunghaft von einem auf neun Prozent anstieg; im Jahr 2018 wird er mehr als 20 Prozent betragen. In einem Vattenfall-Personalstrategieprojekt wurde außerdem errechnet, dass die Alterung – und der damit prognostizierte höhere Ausfall durch Krankheit und Schichtunfähigkeit – das Unternehmen durchschnittlich 47 Millionen Euro pro Jahr kosten wird. Für die gesamte deutsche Wirtschaft lieferte Booz & Company (mittlerweile Strategy&) eine stattliche Zahl: Die Unternehmensberatung kam nach einer Auswertung wissenschaftlicher Studien zu dem Resultat, dass allein chronische Rückenschmerzen in Deutschland im Jahr 2010 einen Produktivitätsverlust von bis zu 26 Milliarden Euro verursachten.

Noch höhere Kosten als durch krankheitsbedingte Fehlzeiten entstehen den Unternehmen allerdings dadurch, dass sich chronisch Kranke zur Arbeit quälen, obwohl sie Schmerzen haben und ihre Konzentration unter den Nebenwirkungen starker Medikamente leidet – mit der Folge erhöhter Unfallgefahr und mangelnder Arbeitsqualität. Präsentismus nennen die Fachleute dieses Phänomen, und es kostet die Unternehmen nach Berechnungen von Strategy& pro Mitarbeiter im Schnitt 2399 Euro jährlich – doppelt so viel wie die Kosten, die durch reine Fehlzeiten entstehen.

Anders als früher sind die Unternehmen heute allerdings nicht mehr in der luxuriösen Situation, dauerhaft kranke Mitarbeiter einfach durch Gesunde ersetzen zu können. So wie es im Extrem bis in die Siebzigerjahre im Steinkohlebergbau praktiziert wurde: Wenn spätestens mit 50 viele Kumpel ihre Staublunge weghatten, wurden die verbrauchten Malocher nach Hause geschickt, es gab schließlich genug Nachwuchs für die Arbeit im Pütt.

Diese Option existiert nicht mehr, und die Situation wird sich verschärfen: Künftig wird es ohne die Älteren und die chronisch Kranken in Fabriken und Büros nicht mehr gehen. „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“, heißt es in einer Studie des Instituts für Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft (IBES) der Universität Duisburg-Essen, „muss es vorrangiges Ziel der Personalpolitik sein, Beschäftigte bis zum Renteneintrittsalter im Unternehmen zu halten.“ Nicht mehr der schnelle und möglichst frühe Weg in die Rente steht im Fokus, sondern der Erhalt der Arbeitsfähigkeit – laut IBES-Definition „das Potenzial eines Menschen, eine gegebene Aufgabe zu einem gegebenen Zeitpunkt zu bewältigen“.

Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. Sie müssen lernen, mit einer stetig steigenden Zahl von chronisch Kranken in der Belegschaft umzugehen. Was ist zu tun, damit diese Mitarbeiter ihr Leistungspotenzial ausschöpfen können, ohne sich noch mehr zu schwächen? Wie lassen sich betriebliche Abläufe systematisch und zielgerichtet besser auf die Einschränkungen älterer Menschen und chronisch Kranker zuschneiden? Die IBES-Forscher denken keineswegs an Schonräume und gemütliche Nischen: „Die Tatsache, dass sich chronisch Kranke in ihrem Leben vielen Herausforderungen stellen und diese bewältigen müssen, macht sie zu besonders wertvollen Mitarbeitern, denn das ‚Sich-durchbeißen-Müssen‘ ist eine Qualität, die chronisch kranke Menschen auszeichnet.“

Gut für den Kranken – und den gesunden Kollegen

Aber passt das auch zur Realität in vielen Unternehmen, zur Wettbewerbsintensität, der zunehmenden Komplexität und dem steigendem Druck auf den einzelnen Mitarbeiter? Nach dem jüngst veröffentlichten Gesundheitsmonitor der Bertelsmann Stiftung und der Barmer GEK legt „knapp ein Viertel der Vollzeitbeschäftigten in Deutschland ein Tempo vor, das es langfristig selbst nicht durchzuhalten glaubt. Jeder Dritte weiß nicht mehr, wie er die wachsenden Ansprüche im Betrieb bewältigen soll.“ Wie verträgt sich das mit einem steigenden Anteil chronisch Kranker im Betrieb? Wie soll ein Rücken- oder Infarktpatient bewältigen, was schon der gesunde Kollege nicht schafft?

Der kluge Unternehmer baut vor und setzt auf Prävention – damit seine Mitarbeiter gesund und leistungsfähig bleiben. Gemeinsam mit den eigenen Betriebsärzten oder externen Arbeitsmedizinern schnüren die Pioniere unter den Vorständen und Personalchefs umfangreiche Vorsorgepakete, aus denen sich alle Mitarbeiter bedienen können: In einigen Betrieben reicht das Spektrum inzwischen von Blutdruck- und Cholesterinmessung über Belastungs-EKG mit Laktatwert-Analyse, Lungenfunktionstest, Augeninnendruckmessung und großem Blut-Check mit Leber- und Nierenwerten bis zu Haut-, Venen- und Urin-Screening.

Die Gesundheitsprogramme sind nicht nur für Mitarbeiter gedacht, die ihre Rente schon im Visier haben oder bereits chronisch krank sind. Auch Beschäftigte, die in der „Rushhour des Lebens“ stehen, meist zwischen 30 und 40 Jahre alt, oft mehrfach belastet durch Karriere, Familie, Hausbau und permanent am Limit, sollen besser auf sich achtgeben – und so früh wie möglich gegensteuern, wenn gesundheitlich etwas aus dem Ruder läuft. Wer in jungen Jahren die ersten Warnsignale des Körpers ignoriert, läuft Gefahr, sich mit Ende 40 oder Anfang 50 bei den chronisch Kranken wiederzufinden.

Leider nutzen die besten Präventionsprogramme wenig, wenn sie nicht die richtigen Personen erreichen. Genau das scheint jedoch oft der Fall zu sein: Nach Erkenntnissen der Forscher des IBES interessieren sich vor allem diejenigen dafür, die sich ohnehin für ihre Gesundheit engagieren. So lautet auch die betriebsärztliche Erfahrung: „Die Mitarbeiter, die sowieso regelmäßig Sport treiben, wollen wissen, ob sie die 300 Watt auf dem Ergometer noch schaffen“, erzählt der Aachener Arbeitsmediziner Michael Suchodoll. „Aber diejenigen, die wir eigentlich haben wollen, die kommen nicht. Wer viel Alkohol trinkt, will seine Leberwerte nicht wissen, genauso wenig wie der Kettenraucher sein Lungenvolumen. Und die mit dem hohen Gewicht wollen auch nicht schon wieder hören, dass sie zu dick sind.“

Wenn der Betriebsarzt dann auch noch weitgehend im Alleingang als Gesundheitsapostel im Unternehmen fungiert, droht der Präventionsgedanke schnell zu versanden. Die gut gemeinten Angebote greifen nur, wenn sie bis in den letzten Winkel des Unternehmens diffundieren. Gesundheit im Betrieb muss Chefsache sein, meinen die Berater von Strategy& und fordern, dass „Topmanagement, Führungskräfte und HR-Verantwortliche über Zielvereinbarungen noch stärker zur Verbesserung der Mitarbeitergesundheit in die Verantwortung genommen werden“ – etwa indem die regelmäßige Präsentation der Abteilungsleiter zu den Themen Umwelt, Sicherheit und Gesundheit stets auch zum Rapport der Teilnahmequote an den Vorsorgeuntersuchungen verpflichtet.

Prävention nützt, lässt sich aber schwer beweisen

So weit sind die meisten Unternehmen noch lange nicht. Laut einer Befragung im Auftrag der Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) in mittelständischen Betrieben mit 50 bis 499 Mitarbeitern geben zwar 79 Prozent der Betriebe an, dass sich Unternehmen über die gesetzlichen Vorgaben hinaus für die Gesundheit der Beschäftigten einsetzen sollten, aber nur 36 Prozent setzen betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) auch tatsächlich um. Wenn überhaupt vorhanden, so die IBES-Studie, dann sei es „auf rudimentäre Funktionen beschränkt, von einem ganzheitlichen, systematischen BGM-Ansatz weit entfernt und damit unzureichend“. Eine Untersuchung von Reorganisationsprojekten im öffentlichen Dienst förderte laut „Fehlzeiten-Report 2012“ kein Beispiel zutage, „bei dem die Mitarbeitergesundheit als ein Zielkriterium berücksichtigt wurde“. Ähnlich dürftig das Urteil für die Automobil-Zuliefererindustrie, die unter extremem Wettbewerbsdruck steht: „Klare gesundheitsbezogene Ziele, die neben anderen zu erreichen sind, werden nicht formuliert.“

Keine Frage, im Unternehmensalltag gibt es genug Gründe, Gesundheitsthemen auf kleiner Flamme zu kochen. Bei der IGA-Befragung nannten die „Gesundheits-Verweigerer“ den „Vorrang des Tagesgeschäfts“ (88 Prozent), „fehlende Ressourcen“ (76 Prozent), „fehlende Motivation der Belegschaft“ (52 Prozent) und „zu hohe Kosten“ (48 Prozent) als wesentliche Hemmnisse.

Leider fällt den Arbeitsmedizinern zumeist auch der Nachweis schwer, dass sich durch ihre Intervention die Gesundheit und damit – zumindest auf lange Sicht – auch betriebswirtschaftliche Parameter tatsächlich verbessern. Zwar mangelt es nicht an Berechnungen über die „Gesundheitsrendite“ von Vorsorgemaßnahmen, wonach sich jeder in betriebliche Prävention investierte Euro für die Volkswirtschaft auszahlt – nach älteren US-amerikanischen Studien beispielsweise mit dem Faktor 1 zu 2,3 bis 5,9, laut einer Rechnung von Strategy& sogar mit einem Kosten-Nutzen-Verhältnis von 1 zu 5 bis 16. Die Finanzchefs in den Unternehmen sind durch derlei Zahlenwerk allerdings kaum zu beeindrucken. Sie wollen wissen, ob ein ganz konkretes Gesundheitsprogramm in ihrem Unternehmen seine Kosten auf absehbare Zeit wieder einspielt und ob sie in der Folge in 10 oder 15 Jahren tatsächlich weniger chronisch Kranke an Bord haben.

Besonders die Diskussion um den Krankenstand ist dem Betriebsarzt Michael Suchodoll nur allzu vertraut. „Wenn ich einem Geschäftsführer verspreche, dass wir jetzt 100 000 Euro in Gesundheitsprävention stecken und den Krankenstand dadurch auf ein Prozent reduzieren, unterschreibt er auf der Stelle“, sagt er. „Aber diesen Beweis bleiben wir schuldig. Vor allem der Anteil chronisch Kranker sinkt nicht kurzfristig durch Gesundheitsförderungs-Programme. Wer die Krankheitsquote reduzieren will, sagt am besten, dass er zehn Prozent der Leute entlassen muss. Das mag zynisch klingen, ist aber die Realität.“

Gesundheit hat in vielen Betrieben nach wie vor keine Lobby, das gilt erst recht für die Menschen mit Erkrankungen. „Die generelle Stimmung bei den Arbeitgebern gegenüber chronisch Kranken ist nicht von Verständnis gekennzeichnet“, weiß der Münchner Arbeitsrechtler Richard Giesen. Wer dauerhaft an einer Krankheit laboriert, entspricht nicht mehr dem von vielen Chefs noch immer gehegten Ideal des jederzeit einsetzbaren, flexiblen und belastbaren Karrieristen. Die Diagnose bedeutet bisher meist das Ende der beruflichen Karriere. Oft werden Chroniker auf „Schonarbeitsplätze“ abgeschoben und bei Gehaltserhöhungen regelmäßig übergangen. „Immer wenn man ihn braucht, ist er krank“, heißt es dann. Betriebsarzt Suchodoll berichtet von Runden, „in denen die Führungskräfte beisammensitzen und fragen: ‚Was kann man denn mit dem noch machen?‘ Der Wunsch, ich solle ihnen helfen, ihre Kranken irgendwie loszuwerden, ist deutlich spürbar.“

Offenheit ist gut, Verschwiegenheit oft besser

Bei den Personalverantwortlichen herrscht oft große Unsicherheit, was Mitarbeiter mit einem chronischen Leiden zu leisten imstande sind. „Vielen fällt es nach wie vor schwer, sich vorzustellen, dass die meisten Menschen, die an Krebs erkrankt sind, täglich ganz normal zur Arbeit gehen und ohne jegliche Einschränkungen ihren Job machen“, sagt der Onkologe Wolfgang Hiddemann, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III Klinikum der Universität München. „Im allgemeinen Verständnis, auch bei Arbeitgebern, ist Krebs gleichbedeutend mit Leiden und Tod, nicht mit Performance.“ Immer noch kursieren Listen mit Berufen, die mit bestimmten Krankheiten angeblich nicht vereinbar sind. Wer als Diabetiker Insulin spritzt, dürfe beispielsweise auf keinen Fall am Steuer eines Lastwagens sitzen, heißt es. Eine aus medizinischer Sicht längst überholte Einschätzung, die sich trotzdem hartnäckig hält.

Kein Wunder, dass viele Chroniker ihre Diagnose verschweigen, solange ihre Kräfte es erlauben. Nach geltender Rechtsprechung sind sie nicht verpflichtet, sich ihrem Arbeitgeber zu offenbaren – es sei denn, es ist klar erkennbar, „dass die geforderte Leistung dauerhaft nicht erbracht werden kann“ oder „der Beschäftigte sich und andere durch seine Krankheit gefährdet“.

Auch Sandra Kleves hat gegenüber ihren Kollegen und Vorgesetzten aus der Leistungsabteilung einer großen Sachversicherung monatelang an der Legende der gesunden Mitarbeiterin gestrickt, die nur vorübergehend unpässlich ist. Ihren starken Gewichtsverlust – fast 15 Kilo – erklärte sie mit einem gezielten Angriff auf ihre Fettpölsterchen. In Wahrheit konnte sie sich monatelang nur von Astronautenkost ernähren. Fast täglich musste sie sich Ausreden einfallen lassen: warum sie mittags nicht mit in die Kantine ging. Warum sie immer wieder so lange krank war. Warum sie an manchen Tagen ständig zur Toilette verschwand.

So versuchen es viele. Sie reißen sich bei der Arbeit zusammen, legen Termine für Arztbesuche in die Abende, tarnen Klinikaufenthalte als Kurzurlaub, nehmen Tabletten versteckt ein und führen eine notwendige Insulinbehandlung entweder gar nicht, unregelmäßig oder nur heimlich durch. Der Schwerbehindertenausweis, den viele chronisch Kranke relativ problemlos bekommen, bleibt in der Brieftasche – obwohl er Anspruch auf fünf Tage zusätzlichen Urlaub, kürzere Arbeitszeiten und längere Pausen begründet.

Arbeitsrechtler Richard Giesen kennt die Gefahren eines solchen „Lavierens im therapeutischen Untergrund“, das viel Kraft kostet, die bei der Auseinandersetzung mit der Krankheit fehlt. Trotzdem würde er, solange der Mitarbeiter sich im Job nicht überfordert fühlt und sich sowie andere nicht gefährdet, „in den meisten Fällen eher davon abraten“, sich gleich nach der Diagnose zu outen. „Die Nachteile überwiegen meist.“

Eine steigende Zahl chronisch Kranker im Betrieb erfordert unter dem Regime eines Arbeitsmarktes, auf dem Mitarbeiter nicht mehr beliebig zu ersetzen sind, auch eine Veränderung an der Organisation und am Ablauf der Arbeit. So fordern die Experten der Unfallkasse Post und Telekom, „das Leistungsprofil des erkrankten Mitarbeiters dem Anforderungsprofil des Arbeitsplatzes gegenüberzustellen“ – und dann entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Wenn der Betriebsarzt beispielsweise feststellt, dass auffallend viele Produktionsmitarbeiter, die Lasten heben müssen, unter Rückenbeschwerden leiden, müssten die Arbeitsabläufe entsprechend umgestaltet werden. Stattdessen heißt es oft: „Du hast einen kaputten Rücken, geh mal schön zur Rückenschule.“

Chronisch Kranke sind eben nicht mehr so universell einsetzbar wie gesunde Mitarbeiter. Der Mensch mit mehreren Bandscheibenvorfällen kann nicht mehr als Paketbote arbeiten. Wer an Rheuma leidet, ist vielleicht nicht die ideale Besetzung für Fein- und Präzisionsarbeiten oder körperlich schwere Tätigkeiten. Und bei MS-Patienten droht Gefahr, wenn sich beim Bedienen von Maschinen oder hinterm Lenkrad Sehstörungen oder Probleme bei der Muskelkontrolle bemerkbar machen.

„Im allgemeinen Verständnis ist Krebs gleichbedeutend mit Leiden und Tod, nicht mit Performance.“ Professor Wolfgang Hiddemann

Titel? Dienstwagen? Boni? Gesundheit!

An Modell-Lösungen für Einzelfälle mangelt es nicht. Beispiel Nierenversagen: Der Mitarbeiter arbeitet Teilzeit – an den Dialysetagen hat er frei, an den anderen Tagen arbeitet er Vollzeit. Telearbeit kann MS-Patienten helfen – weil sie während eines Schubs nicht auch noch die Strapaze des Weges zur Arbeitsstätte auf sich nehmen müssen. Für den an Colitis ulcerosa leidenden Technischen Leiter einer Baufirma, der viel im Außendienst unterwegs ist und immer wieder Probleme hatte, schnell eine Toilette zu finden, wurde ein VW-Bus mit WC und Waschgelegenheit angeschafft. Eine Kostümschneiderin, die nach ihrer Brustamputation bei der Arbeit so starke Schmerzen an Arm und Schulter verspürte, dass sie ihren Beruf schon aufgeben wollte, kann nun weiter am Stadttheater arbeiten – dank einer elektrisch höhenverstellbaren Schneiderbüste und eines ergonomischen Stuhls mit Stützmöglichkeiten für Ellbogen und Unterarme. Jobrotation kann einseitig belastende Arbeitsabläufe vermeiden, Heimarbeit ermöglicht an schlechten Tagen das Jonglieren zwischen Arbeit und Ausruhen, das betriebliche Eingliederungsmanagement führt Beschäftigte nach längerer Krankheitspause stufenweise und behutsam wieder an die Arbeit heran.

In der Ferne leuchtet, verschwommen noch, das Idealbild eines Unternehmens, das sich komplett neu erdacht hat – weil das Durchschnittsalter eben nicht mehr bei Mitte 30 liegt, sondern bei Anfang 50. Und weil die Mehrzahl der Beschäftigten ein chronisches Gebrechen mit sich trägt. Auf dem Prüfstand stehen allen voran die derzeitigen Anreizsysteme, Leistungskriterien und Karrieremodelle. „Beschäftigte mit chronischen Leiden können sich, obwohl sie häufig besonders hoch motiviert sind, unter Umständen noch viel schlechter als gesunde Mitarbeiter in rigide, leistungsfixierte Organisationen einfügen“, gibt Hanns Pauli, beim DGB-Bundesvorstand verantwortlich für Arbeitsschutz, die Denkrichtung vor.

Insbesondere die „Zielspiralen“, also ständig steigende individuelle Leistungs- und Ertragsziele, geraten in die Kritik. „Der steigende Ziel- und Ergebnisdruck verleitet Beschäftigte in Deutschland dazu, mehr zu arbeiten, als ihnen guttut“, warnen Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK. Anders ausgedrückt: Wer im Job ständig in die Selbstüberforderung getrieben wird, riskiert seine Gesundheit. Bertelsmann Stiftung und Barmer GEK sprechen vom „immer unwahrscheinlicheren Erreichen des Unerreichbaren“. Das ergibt zwar grammatikalisch keinen Sinn, aber man versteht, was gemeint ist.

Doch was ist die Alternative? Karrieremodelle jenseits der Gehalts- und Prestigesteigerung bis zum Ende der beruflichen Laufbahn? Michael Barth von der BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH versucht es mit einer Analogie: „Der italienische Fußballstar Andrea Pirlo läuft mit Mitte 30 auch nicht mehr so schnell und so viel wie seine jungen Mannschaftskameraden, aber er verteilt die genialen Pässe an seine Mitspieler und ist für die Mannschaft eigentlich noch wichtiger als früher.“

Auch Michael Suchodoll, der Arbeitsmediziner aus Aachen, muss in seiner eigenen Arztpraxis einige der bisherigen Abläufe überdenken. Bei einer Ärztin aus seinem Team wurde vor einigen Jahren Multiple Sklerose diagnostiziert. Bisher hatte sie zwei Krankheitsschübe, jedes Mal fiel sie für Wochen aus. Niemand weiß, wann der nächste Schub kommt und welche Lähmungen danach zurückbleiben werden. Eines Tages wird sie nicht mehr zu den Untersuchungen in die Betriebe fahren können. „Und irgendwann wird sie im Rollstuhl sitzen“, weiß Suchodoll. „Aber sie ist eine super Ärztin, und ich werde alles tun, damit sie so lange bei uns arbeiten kann, wie sie will. Und sei es im Elektrorolli mit Joystick in der Hand.“ ---


Dieser Text stammt aus unserer Redaktion Corporate Publishing.