Hier geht was

Sie schrauben, schreddern und schneidern. Sie filmen, programmieren und entwerfen. Und sie verkaufen sich gut. Ein Besuch in den Hinterhöfen und Hightech-Schmieden einer der am schnellsten wachsenden Städte Deutschlands: Leipzig.





BASTL-BRETTER FÜR DIE WELT

Feinste Fasern wirbeln durch die kleine Werkstatt im alten Leipziger Tapetenwerk. Eine Fräse dröhnt. In einer Wolke aus Bambusspänen und Basaltstaub steht ein Mann von Kopf bis Fuß in Kunststoff verpackt, wie in einem Weltraumanzug, mit Atemmaske und Schutzbrille. Vorsichtig schneidet er mit der Fräse an einer Schablone entlang ein Longboard aus einem flachen Rohling. Man kann ihn dabei von draußen beobachten, durch das kleine Werkstattfenster der Shredderei, wie Sebastian Mühlbauers Manufaktur heißt.

Die Geschichte des 34-Jährigen führt von Passau über Leipzig bis nach Taipeh, wo seine größten Fans leben. Sebastian Mühlbauer, den alle nur Bastl nennen, ist ein Mann mit dicken Rastalocken, studierter Kulturwissenschaftler, notorischer Skateboardfahrer und ehemaliger Snowboardlehrer. 2011 lässt er seine Heimat Niederbayern und die akademische Laufbahn hinter sich, um nach Leipzig zu gehen. Die Stadt gefällt ihm, sie ist nicht zu groß, liegt günstig, Freunde wohnen dort. Und vor allem: Es gibt hier noch keinen Shop für die langen, schnellen, stabilen Skateboards, die Mühlbauer in Handarbeit fertigen will, mit angeschlossenem Laden und Café.

Mittlerweile produziert und verkauft er mit vier Angestellten jeden Monat etwa 100 seiner „Bastl-Boards“. Er bietet neun verschiedene, von Künstlern gestaltete Modelle an, für 75 bis 240 Euro. Sie sind in Skatershops in Madrid und Barcelona zu finden, in Helsinki, Prag und Warschau, in London und New York.

Der größte Markt des jungen Gründers aber ist Asien, drei Viertel der Produktion gehen heute dorthin. Ein taiwanesisches Designerpärchen um die 50 hatte Mühlbauer im Internet entdeckt. Die gläubigen Buddhisten und Inhaber eines Skateboardladens in Taipeh sind vernarrt in seinen Stil. Sie waren schon mehrfach bei ihm in Leipzig und verkaufen seine Bretter in Taipeh, Seoul und Schanghai. Gerade sind sie dabei einen Bastl-Boards-Conceptstore zu eröffnen. Für Mühlbauer läuft es so gut, dass er gerade eine weitere CNC-Fräse für seine Werkstatt angeschafft hat. Er möchte die Produktion auf 200 Boards im Monat steigern. „Wir haben mehr Nachfrage, als wir bauen können“, sagt er.

HERZENSPROJEKTE STATT EXISTENZKAMPF

Alles in Weiß: Wände, Decken, Lampen, auch die zwei kleinen Nähmaschinen, die in der Ecke stehen. Maria Seifert hält ihr Ladenatelier in der Kirschbergstraße betont dezent. So wird der Raum zur perfekten Kulisse für ihre Modekreationen, die dort auf zwei Kleiderstangen hängen: Culottes aus zertifizierter Bio-Baumwolle, Filzmäntel, Strickpullover, schlichte Kleider aus Piqué und Leinen.

Die Schneiderin ist auf dem besten Weg, sich als Modedesignerin für nachhaltige, zeitlos schöne Kleidung einen Namen zu machen. Zwei Kollektionen für Frauen ab Ende 20 entwirft die 34-Jährige im Jahr, ihre Kundinnen kommen aus ganz Deutschland. Teil ihres Konzepts ist das Upcycling alter Stoffe zu neuen Textilien: Sie verwendet Materialien aus Überproduktionen, arbeitet mit Stoffresten oder verwandelt ausgemusterte Armeedecken in luftig-leichte Sommerkleider. Eine ganze Kollektion hat sie aus leuchtend bunten Saris entwickelt, die ihr eine indische Frauenkooperative liefert. „Das sind Herzensprojekte“, sagt sie, „auch wenn sie viel Zeit kosten.“

Maria Seifert, deren Oma schon Maßschneiderin war, hat an der Berliner HTW Modedesign studiert und später als Freiberuflerin für Film, Fernsehen und Messen gearbeitet. Vor ein paar Jahren bringt sie ein befreundeter Produktdesigner auf das Thema Naturtextilien: Das passe zu ihr. Er soll recht behalten, die Designerin landet sofort einen Coup: Ihre erste Kollektion bekommt 2010 einen Platz in einer Ausstellung zu „Fair Trade Cotton“, die das Berliner Deutsche Guggenheim-Museum zeigt.

Trotz des Erfolgs zieht es sie vier Jahre später zurück in ihre Geburtsstadt Leipzig. „Berlin ist zu übersättigt, zu oberflächlich, zu stressig“, sagt sie. „Da gehst du unter.“ Für Fachmessen wie den „Green Showroom“ während der Fashion Week kommt sie ab und zu noch in die Hauptstadt, aber dauerhaft empfindet sie das Leben dort zu sehr als Existenzkampf.

„Wenn du in Prenzlauer Berg einen Laden aufmachst, sind da immer noch zehn andere“, hat die Designerin gelernt. „Ich hätte einen Riesenkredit aufnehmen müssen, um mich zu präsentieren.“ In ihrer neuen alten Heimatstadt dagegen ist sie fast die Einzige, die grüne Mode auf ihrem Niveau anbietet, und Fördermittel bekommt sie auch noch.

Leipzig, findet Seifert, ist offener, bodenständiger, verbindlicher und entspannter. „Hier kann ich mich entwickeln. Und meinen roten Faden spinnen.“ Ihre nächsten Kollektionen will sie in einem eigenen Laden in der Innenstadt vorstellen.

LEERE ALS LUXUS

Seit Jahren erlebt Leipzig einen Hype als quirligste Gründerstadt des Ostens. „Leipzig – Das bessere Berlin“ titelte schon vor Jahren das Lufthansa Magazin und fuhr fort: „Was Berlin versprach, löst Leipzig jetzt ein: Die sächsische Metropole ist Deutschlands neue Kreativhauptstadt.“ Seitdem ist viel über die Stadt und ihr neues Image gestritten, gelacht und geforscht worden. Bernhard Rothenberger, der umtriebige Chef des Traditions- und Touristenlokals „Auerbachs Keller“, startete eine PR-Aktion mit Löwen-Logo und Facebook- Seite: „The better Berlin“. Leipzig, befand Rothenberger, sei eine sympathische Mischung aus Metropole und Dorf.

Spötter und Spaßvögel wettern indes auch gegen die Schattenseiten der Gentrifizierung von Szenevierteln. Slam-Poet André Herrmann erfand den Blog „Hypezig – Bitte bleibt doch in Berlin!“, auf dem er Zeitungsartikel über die hippe „Heldenstadt“ sammelte, stets begleitet von dem freundlichen Hinweis: „PS: Bitte schreiben Sie mir keine Mails, weil Sie auf dieser Seite für Ihre Immobilienseite werben wollen, Sie Monster!“

Die New York Times hatte Leipzig bereits 2010 auf die Liste der wichtigsten Reiseziele der Welt gesetzt. 2014 befand die Redaktion lakonisch: „New Berlin or not, Leipzig has new life.“ Da hat die alte Dame recht. Seit 2011 wächst die Stadt jedes Jahr um mehr als 10 000 Bewohner, sie ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen Deutschlands. Spätestens 2020 dürfte die 600 000-Einwohner-Marke geknackt sein. Zugleich verjüngt sich die Bevölkerung immens, mehr als jeder zweite Leipziger war 1989 noch nicht in der Stadt.

Hinzu kommt das Erbe der jüngsten Geschichte: Mit der deutschen Einheit brachen in der Stadt etwa 100 000 Industriearbeitsplätze weg, Leipzig verlor die wirtschaftliche Basis und mehr als 100 000 Einwohner. Nach der Schrumpfungsphase der Neunzigerjahre blieben leere Großbetriebe und Fabriken zurück, vor allem im alten Industrieviertel Plagwitz. In diesen Arealen finden seit 15 Jahren Kreative, Künstler und Kneipenbetreiber ihre Freiräume. So entstanden und entstehen immer neue Räume für junge Ökonomie: die Baumwollspinnerei, das Tapetenwerk und das Social Impact Lab, ein Accelerator der Drosos-Stiftung, die im historischen Stelzenhaus Start-ups mit gesellschaftlichem Anspruch unterstützt.

„In Plagwitz konnte man jahrelang machen, was man wollte, offene Häuser und Straßen bespielen, ohne dass gleich das Ordnungsamt anrückte“, sagt ein Insider im Rathaus. Die Stadt selbst etablierte dort schon 1999 das „Business & Innovation Centre“, ein Initialzünder für wichtige Firmengründungen von Unister bis zum Taschenkaufhaus.

Sebastian Lentz, Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde und seit 2003 in der Stadt, bezeichnet das Phänomen als „Luxus der Leere“. Die einstige Schrumpfung werde in Leipzig als Chance genutzt, sagt Lentz: „Die Stadt bietet Freiräume für Menschen, die sich ausprobieren wollen. Sie hat eine lange Tradition im Hervorbringen neuen Wissens und profitiert auch heute von einer lebendigen Szene und einem großen Pool an kreativen Wissenschaftsarbeitern.“ Den langsamen Wandel der Industriegesellschaft zur digitalen Wissensgesellschaft könne man in Plagwitz wie im Zeitraffer beobachten.

Günstige Mieten, günstige Gehälter, eine günstige Verkehrslage mitten in Deutschland, viel Platz in der Stadt und ein Pool an technischen und künstlerischen Hochschulen und Forschungsinstituten – all das macht Leipzig zu einem anziehenden Ort für Menschen mit Ideen. Die Ansiedlungen von BMW, Porsche und DHL schufen zudem mittlerweile 13 000 Arbeitsplätze und verliehen der Stadt neuen ökonomischen Schwung. Heute haben Firmen wie Nextbike, die Appsfactory, Food Direkt, Momox und Spreadshirt ihren festen Platz in der Stadt.

„Leipzig erlebt eine neue Gründerzeit“, sagt Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Der Marketingslogan „Leipziger Freiheit“ signalisiere: „In dieser Stadt kannst du dich verwirklichen, hier findest du Raum und Unterstützung.“ Ihre zentrale Rolle im Revolutionsherbst 1989 stehe für ihr bürgerschaftliches Selbstverständnis. „Leipzig pflegt seit Jahrhunderten Internationalität, Offenheit und Urbanität.“ Tatsächlich sind die abgenutzten Attribute Messestadt, Kulturstadt und Universitätsstadt keine neumodische Nachwende-Attitüde, sondern Traditionen, die auf das Mittelalter zurückgehen. Sie haben sich in der DNA der kleinen Metropole verewigt – als weltoffene Geisteshaltung und Lässigkeit im Umgang mit Fremden.

SCHÖNHEIT FÜR DEN STADTVERKEHR

In Leipzig sind Menschen zu Hause wie der Rad-Erfinder Frank Patitz. Der 50-Jährige sitzt in seiner unsanierten Werkstatt, zweiter Hinterhof, Ofenheizung, Wasserkocher. Zu DDR -Zeiten hat er Instandhaltungsmechaniker gelernt, nach der Wende an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert.

Schöne Räder für schöneren Stadtverkehr: Frank Patitz verkauft salonfähige Alternativen zum Auto.

Vor 15 Jahren begann der Grafikdesigner, die ideale Form für ein perfektes, puristisches Fahrrad mit höchsten technischen Standards zu suchen. Vorläufer von Miele, Wanderer und Diamant standen Pate, kopieren wollte er sie nicht. „Es ist aber hilfreich, von den Klassikern zu lernen“, sagt Patitz. So entstand seine Marke „Retrovelo“ mit den Modellen „Paul“ und „Paula“, später auch „Alfons“ und „Anna“. Die Räder im Vintage-Look mit ihren dicken Ballonreifen und breiten Lenkern waren schon in internationalen Lifestyle-Magazinen zu sehen. Sie beweisen: Der Weltmarkt lässt sich auch aus dem Hinterhof erobern.

Jedes zweite Rad schickt Patitz ins Ausland. Er hat Händler in San Francisco, New York und London, Moskau, Bordeaux und Barcelona. Allzu groß sind die Stückzahlen allerdings nicht: Patitz schafft mit einer Handvoll freier Mitarbeiter kaum mehr als ein Rad am Tag, etwa 300 im Jahr. Alle Räder werden einzeln montiert, nach Kundenwünschen, für 1300 bis 3500 Euro. Dieses Jahr ist Retrovelo zudem mit der Zeit gegangen und hat ein Lastenrad mit Elektroantrieb auf den Markt gebracht.

Die Stahlrahmen zeichnet und konstruiert Patitz selbst, es gibt kaum ein Bauteil, das er nicht schon entwickelt hätte. Sein dicker Reifen „Fat Frank“ gehört heute zum Standardsortiment des Reifenkonzerns Schwalbe. Schöne Alltagsräder zu bauen ist für Patitz nicht nur Arbeit, sondern eine Mission. „Ich möchte das Fahrrad salonfähig machen“, sagt er. „Die Gesellschaft wird lernen, dass es mehr attraktive Mobilität neben dem Auto gibt. Wir sollten den Verkehrsraum als gemeinsamen, gleichberechtigten Raum für alle kultivieren, ihn schöner, ruhiger und entspannter machen.“

EIN ORT ZUM SPINNEN

Ein Fabrikkoloss aus roten Ziegeln, Baujahr 1889, unsaniert. Einst war hier die größte Baumwollspinnerei Europas. Im vorigen Jahrhundert rotierten in Halle 14 Zigtausende Spindeln und Kämmmaschinen. Der Geruch alten Öls hängt noch immer in den Gängen, Ausdünstungen der Geschichte.

Heute stehen im zweiten Stock eine Tischtennisplatte, ein moderner Empfangstresen, Schreibtische. Zwischen alten rostroten Stahlträgern baumelt eine Riesenschaukel. Es ist die Heimstatt von Leipzigs produktivster und ehrgeizigster Gründerschmiede, dem „SpinLab“. Als Accelerator der privaten Handelshochschule Leipzig HHL gibt es Jungunternehmern Rat und Unterstützung. Es ist das neue Aushängeschild der Stadt und der einzige Inkubator seiner Art im deutschen Osten.

Der diensthabende Spinnmeister Matthew McDermott, der sich Innovation & Business Development Manager nennt, begrüßt Gäste mit einem gewinnenden Lächeln. Nein, sagt er, wenn potente Investoren anreisten, rümpfe keiner die Nase über die etwas abgerockte Kulisse, die Graffiti und Schmierereien im Treppenhaus. „Im Gegenteil! Sie genießen den Kontrast.“

Das SpinLab ist Leipzigs erfolgreichstes Gründerzentrum. Wer es hier schaffen will, sollte neben einer guten Idee allerdings auch noch einen starken Willen und ein sinnvolles Geschäftsmodell mitbringen.

Die historische Fabrikstadt, zu der Halle 14 gehört, bietet unendlich viel Platz, das ganze Areal wirkt groß, weitläufig und doch gut versteckt. Zwischen Pflastersteinen liegen noch Reste alter Bahnschienen. Das SpinLab zog 2015 hierher, aber schon seit Beginn des Jahrtausends tummeln sich in diesem ganz eigenen Kosmos Szenekünstler, der Malerstar Neo Rauch, Galeristen, Gründer und Geschäftsleute. Dieses kreative Klima reizte auch die Gründer der Start-up-Schmiede. Sie richteten Schreibtische, Sitzecken und eine Art WG-Küche ein und stellten mitten ins Großraumbüro eine Telefonzelle – falls einer mal länger reden muss.

Seitdem können in diesem Testlabor für junge Unternehmen sechs Teams für sechs Monate kostenfrei ein Rundumsorglos- Paket nutzen. Sie bekommen Zugang zu Servern und Software, vor allem aber Kontakt zu Investoren, Mentoren und Sponsoren, darunter namhafte Konzerne. Renommierte Wirtschaftsprüfer, Kommunikationsagenturen, Professoren der HHL und das dreiköpfige SpinLab- Team begleiten die Start-ups aus ganz Deutschland. Die Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig legt 6000 Euro Startkapital für jede Firma drauf.

Die Gründer werden von Schauspielern im bühnenreifen Auftreten bei Pitches gecoacht und können sich an „Demo- Days“ und Investorentagen millionenschweren Risikokapitalgebern präsentieren. „Und sie tauschen sich abends einfach mal bei einem Bier über aktuelle Engpässe und Erfolge aus“, sagt Matthew McDermott.

VOM BLUMENTOPF ZUM DENKGETRÄNK

Chris Volke sitzt an einem der Schreibtische im SpinLab und erzählt von seinem Start. Mit seinem Studienfreund Florian Mack hat er das „Denkgetränk“ Neuronade entwickelt: Heilpflanzen und Mikronährstoffe aus aller Welt, darunter Brahmi, Beeren und Algen, Gingko, grüner Tee und Rosenwurz, sollen als Pulver zum Anrühren für bessere Konzentration und heitere Gelassenheit sorgen – ohne Koffein, Alkohol oder Zucker. Macks Mutter hatte dem Sohn vor Jahren Brahmi als Blume mitgebracht. Die Sumpfpflanze vertrocknete, doch die Idee ließ ihn nicht mehr los.

Was Volke und Mack während ihres Wirtschaftsstudiums austüftelten, ist seit zwei Jahren ein Riesenerfolg. Die jungen Gründer, gerade Mitte 20, machen sechsstellige Umsätze. Sie bieten ihr Denkgetränk in Uni-Mensen, 500 Apotheken und im eigenen Onlineshop an. Eine halbe Million Packungen seien inzwischen verkauft, sagt Volke. Durch den Kontakt zu Amazon, der über das SpinLab entstand, habe sich das Geschäft verdoppelt, man beliefere nun halb Europa. „Das SpinLab hat uns wahnsinnig geholfen“, sagt Volke. „Wir haben zwei Mitarbeiter eingestellt und als Team zusammengefunden, außerdem wichtige Berater kennengelernt und viele Finanzierungsfragen geklärt. Wenn nicht jeder zu Hause allein arbeitet, kommt man viel schneller voran.“

GRÜNDER-SCHMIEDE MIT GESCHICHTE

Firmengründungen sind eine Spezialität der traditionsreichen Leipziger Handelshochschule. Ihr Vorläufer wurde schon 1898 auf Initiative der Industrie- und Handelskammer gegründet. Heute nennt sie sich HHL Leipzig Graduate School of Management. Sie hat sich seit 1996 als erfolgreicher Inkubator für Unternehmen etabliert: 170 Gründungen gingen von ihren Absolventen aus, darunter so prominente Namen wie der Online-Optiker Mister Spex, die Hotel- Suchmaschine Trivago und der Helfer- Marktplatz Betreut.de. Den fulminanten Auftakt machte 2002 der Gründer des T-Shirt-Bedruckers Spreadshirt, Lukasz Gadowski, mit Matthias Spieß als Gesellschafter. Seine Zentrale und eine kleine Produktion hat Spreadshirt immer noch in Leipzig. Die E-Commerce-Plattform, die mittlerweile Standorte in Polen, Tschechien und den USA betreibt, erzielte zuletzt mit 500 Mitarbeitern einen Umsatz von 85 Millionen Euro.

Das SpinLab, eine selbstständige Ausgründung der HHL, sieht Rektor Andreas Pinkwart als logische Fortsetzung seiner Hochschul-Philosophie. „Wir bringen mit dieser Plattform gute Unternehmensideen mit großen Kapitalgebern zusammen“, erklärt der ehemalige FD P-Politiker. „Unser Ziel ist, Leipzig als sichtbares Hub für Start-ups zu etablieren.“ Der Plan ist aufgegangen: Von den Gründungen der ersten Generationen sind fast alle noch am Markt, und viele sind in Leipzig geblieben, wurden mit Preisen ausgezeichnet und haben mehrere Millionen Euro eingeworben. Sie erobern nun die Fabriketagen des Spinnereigeländes.

Gut möglich, dass einer der SpinLab-Kandidaten auf diesem Bild bald einen Weltmarkt erobert.

Ein „SpinOffice“ ist entstanden, in dem die Gründer ihre Büros einrichten: Sensape etwa, deren Betreiber aus München kamen und jetzt mit interaktiven Schaufenstern Furore machen. Das Spin- Lab und das SpinOffice belegen in Halle 14 bereits 1400 Quadratmeter. Weitere Gründer haben sich in anderen Hallen Büros gesucht. Die Software-Freaks von Rhebo zum Beispiel, die eine Analyse- Software für die Überwachung von Industriesteueranlagen entwickelt haben. 2014 gegründet, waren sie Teilnehmer der zweiten SpinLab-Klasse, seither starten sie durch. In einer ersten Finanzierungsrunde warb das Hightech-Start-up 2,5 Millionen Euro von der eCAPITAL AG aus Münster und dem Technologiegründerfonds Sachsen ein.

„HIER KANNST DU SEIN, WIE DU BIST“

Hendrik Schulze sitzt gelassen im Spinnerei- Café „Die Versorger“ über seinem Mittagessen. Anders als manch junger Gründer wirkt er tiefenentspannt. Das kann man verstehen. Der 43-jährige Leipziger hat mit Rhebo-Gründer Klaus Mochalski in den vergangenen zehn Jahren bereits zwei IT-Unternehmen marktreif aufgebaut und an den Münchner Elektronikkonzern Rohde & Schwarz verkauft. Nach einer kurzen Auszeit startete der studierte Informatiker im SpinLab zusammen mit Kompagnon Robert Lillack sein nächstes Projekt: die Online-Grafiksoftware „Vizzlo“.

Herr Schulze, Ihr neues Projekt ist ein Grafikanbieter im Internet. Was kann Vizzlo, was andere nicht können?

Hendrik Schulze: Wir entwickeln kreativere Designs für Präsentationen und Blogs, wir wollen weg von den alten Torten und Balken. Das System funktioniert für Nutzer extrem simpel und schnell: Design auswählen, Daten eintippen, fertig. Die Grafiken bleiben dabei dynamisch und elastisch. Ändert man Daten, ändern sich die Charts sofort mit. Obwohl noch die Beta-Version läuft, wachsen wir jede Woche um bis zu zehn Prozent. Die Nutzerzahlen liegen im fünfstelligen Bereich, jeder Zehnte ist ein Stammkunde. Parallel bauen wir Vizzlo als offenen Marktplatz für Visualisierungen auf. Auch andere Entwickler können künftig eigene Angebote bei Vizzlo einstellen.

Sie haben bereits Erfahrung als Unternehmer. Warum wollten Sie trotzdem noch ins SpinLab?

Das Netzwerk der HHL und der Austausch der Gründer untereinander sind einfach Gold wert. Das hat uns sehr viel gebracht. So hat uns quasi nebenbei ein echter Könner mal eben eine Facebook- Kampagne erstellt, für die ich sonst ewig gebraucht hätte. Ich habe hier Praktikanten und Mitarbeiter gefunden, die zu uns passen. SpinLab-Geschäftsführer Eric Weber und sein Team verfügen wirklich über einen guten Plan. Ich glaube, in drei Jahren wird das SpinLab einer der angesagtesten Acceleratoren in Deutschland sein.

Vielen gilt nach wie vor Berlin als das beste Pflaster für Start-ups. Sehen Sie das inzwischen anders?

Natürlich ist Leipzig nicht Berlin – aber das ist auch gut so. Leipzig ist nicht so überhip, überdreht und in ständiger Selbstbefeuerung. Leipzig ist realistischer, bodenständiger und macht nicht jeden Mode- Schlenker mit. Hier kannst du sein, wie du bist, und deinen Plan verfolgen. Als Firmengründer finde ich Mitarbeiter, günstige Mieten und bekomme für 1000 Euro weniger im Monat eine höhere Lebensqualität als in der Hauptstadt. In Leipzig fahre ich mit dem Rad in 15 Minuten ins Büro – und zwar durchs Grüne. Stadt und Land haben außerdem deutlich aufgeholt, sie sind viel start-up-freundlicher geworden. Da wird einem auch mal bei bürokratischen Problemen geholfen.

SHOWTIME IM ONLINEHÖRSAAL

Martin Schlichte, 35, hat die HHL schon ein paar Jahre hinter sich: 2008 gründete der Absolvent mit einem Kommilitonen „Lecturio“, eine E-Learning-Plattform für Studenten. Anfangs zogen sie mit Rucksack und Videokamera an die Hochschulen und stellten gefilmte Vorlesungen online. Mittlerweile zeigt das Portal laut Schlichte 14 000 Vorträge, von Betriebswirtschaft bis zu Webprogrammierung, darunter komplette Berufsausbildungen.

Mehr als 1000 Dozenten traten schon im virtuellen Hörsaal auf, das Portal bietet außerdem Prüfungsfragen und Fachartikel. Lecturio beschäftigt inzwischen 50 Festangestellte auf zwei Büroetagen am Rand der Leipziger Innenstadt, weitere zwei Dutzend Kollegen sitzen in München und Bulgarien. Die Nutzerzahlen gehen in die Hunderttausende. Geldgeber wie Holtzbrinck Digital und Holtzbrinck Ventures, VC Seventure Partner und der Technologiegründerfonds Sachsen haben zehn Millionen Euro in das Unternehmen investiert. „Wir sind auf dem besten Weg, Gewinn zu machen“, sagt Schlichte. Der Frankfurter war 2005 für ein Praktikum bei Spreadshirt nach Leipzig gekommen und blieb. Heute engagiert er sich als Mentor im SpinLab.

Schlichte hat sein ursprüngliches Konzept weiterentwickelt. „Wir konzentrieren uns zurzeit auf betriebsinterne Weiterbildungen mit Videotrainings“, erzählt er. „Wenn ein Konzern innerhalb kürzester Zeit weltweit 1000 Vertriebspartner für ein neues Produkt schulen muss, geht das nur mit Onlinelearning.“ Darüber hinaus vermarkte Lecturio die technische Plattform als White Label für Unternehmen, die auf eigenen Seiten eigene Inhalte anbieten wollen.

Dienstleistungen für Unternehmen machen mittlerweile fast die Hälfte des Jahresumsatzes von mehreren Millionen Euro aus. Der am schnellsten wachsende Markt ist die englischsprachige Medizinerausbildung. Dafür lässt Lecturio Koryphäen aus den USA und Australien einfliegen, die in Leipzig ihre Vorlesungen für Studenten in aller Welt aufzeichnen. Über den zwei hauseigenen Hightech-Studios steht: „It’s showtime!“

RITTERSCHLAG DURCH APPLE

Max Seelemann ist gerade 30 Jahre alt und hat dennoch eine Krönung seiner Laufbahn erlebt, um die ihn sicher viele beneiden: Am 13. Juni 2016 stand er auf der Bühne des „Bill Graham Civic Auditorium“ in San Francisco und hielt einen Metallwürfel in den Händen: den Apple Design Award, eine Trophäe, die während der jährlichen Entwicklerkonferenz WWDC nur an wenige App-Tüftler weltweit verliehen wird.

Max Seelemann hat sein besonders einfaches Schreibprogramm Ulysses nach einem der kompliziertesten Romane aller Zeiten benannt.

Diese Auszeichnung erhielt er für „Ulysses“, ein Schreibprogramm, an dem Seelemann jahrelang gefeilt hatte. Es ist ein extrem reduziertes Textprogramm mit klarer Optik für Schriftsteller, Journalisten, Wissenschaftler und Blogger, die viel unterwegs sind, einsetzbar auf Macs, iPhones und iPads. „Mit Ulysses kann man sich allein auf das Schreiben fokussieren“, sagt Seelemann.

Der Alu-Würfel steht jetzt in einer Vitrine seines Unternehmens am Rande der Leipziger Innenstadt. Es heißt The Soulmen – eine Anspielung an Seelemanns Nachnamen und eine kleine Reminiszenz an den Film „The Blues Brothers“. An den Bürowänden hängt bereits eine Galerie von Auszeichnungen aus dem Hause Apple: Ulysses wurde schon 2013 und 2015 zu den besten Apps des Jahres gezählt. Auch Apple-Mitarbeiter selbst nutzen das Programm offenbar gern, und so stand es zeitweise im App-Store. Ein Ritterschlag.

Nicht minder bemerkenswert ist die Geschichte, die zu Ulysses führte: 2002 will der Webdesigner Marcus Fehn einen Roman schreiben, findet aber kein Programm, das seinen Wünschen entspricht. Er fragt in einer Mailingliste für Programmierer nach Rat – und erhält eine Antwort von Max Seelemann, der damals 15 ist, ein Schüler am Leipziger Wilhelm-Ostwald- Gymnasium und Freizeitprogrammierer. Die ersten Versionen von Ulysses entstehen, während Seelemann Abitur macht.

2011 schließt er das Informatikstudium an der TU Dresden als jahrgangsbester Absolvent ab. Im selben Jahr schreibt er eine völlig neue Version seines Schreibprogramms. Das Unternehmen The Soulmen entsteht, die Verkaufszahlen steigen, die Firma wächst. 2012 holt Seelemann zwei Kommilitonen aus Dresden hinzu. Inzwischen sind elf Leute bei ihm beschäftigt, die App gibt es in sieben Sprachen und hat sich weltweit 100 000-mal verkauft. Ein Ende der Reise ist nicht in Sicht. „Wir entwickeln ständig weiter“, sagt der Informatiker. „Wir wollen immer noch Funktionen ergänzen oder vereinfachen.“ Ein Flaggschiff für die Gründerstadt Leipzig ist Ulysses schon jetzt.